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Für den 23.1.2018 ist schon der nächste, neunte deutsche Abschiebeflug nach Afghanistan geplant (hier erste Informationen, die ich bis dahin immer wieder aktualisieren werde). Es sollen nach wie vor nur drei Kategorien von abgelehnten Asylbewerbern abgeschoben werden: Straftäter, sogenannte Gefährder – also Menschen, denen die Behörden terroristische Taten zutrauen – und Flüchtlinge, die „die Mitarbeit an der Feststellung ihrer Identität verweigern“. Ich habe hier schon wiederholt darauf verwiesen, wie unscharf diese Kategorien sind. Ich werde dazu weiter berichten.

„Eine verlorene kleine Truppe“: abgeschobene Afghanen am Kabuler Flughafen nach der ersten deutschen Sammelabschiebung im Dezember 2016. Foto: Sune Engel/Twitter

 

Zunächst aber eine gute Nachricht: Nach über einem Jahr Kirchenasyl im bayerischen Hof haben zwei afghanische Flüchtlinge, die in Iran aufgewachsen waren und die Heimat ihrer Eltern überhaupt nicht kannte, nun eine vorläufige Duldung erhalten und werden nicht abgeschoben. Es handelt sich um einen 27-jährigen Mann und seinen 11-jährigen Neffe, die vor dem Kirchenasyl als bereits gut integriert galten. Auf der Flucht aus dem Iran sei der kleine Junge von seinen Eltern getrennt worden. Zusammen hatten sich Onkel und Neffe dann nach Deutschland durchgeschlagen. Hier waren ihre Asylanträge abgelehnt worden. Das Amtsgericht Hof setzte den jungen Mann als Vormund für den Minderjährigen ein. Der 27-Jährige arbeitete im Bundesfreiwilligendienst bei der Hofer Lebenshilfe. In einer Petition an den bayerischen Landtag hatten sich mehr als 50.000 Menschen für den Verbleib der beiden Flüchtlinge in Deutschland ausgesprochen. Der Landtag hat die Petition inzwischen an den Bundestag weitergeleitet, eine Entscheidung steht noch aus (mehr Einzelheiten hier).

Zudem schilderte jüngst die Mittelbayerische Zeitung, wie eine Malermeisterin einen afghanischen Asylbewerber vor der Abschiebung rettete, nachdem die Behörden ihm hinter ihrem Rücken die bereits erteilte Arbeitserlaubnis entzogen hatten, weil er zu einen Anhörungstermin versäumt hatte.

 

Der letzte Abschiebeflug vom 6.12.17 (mehr hier) hat gezeigt, dass auch Menschen abgeschoben wurden, die nicht in diese Kategorien fallen und Landesregierungen und vor allem die Bundesregierung hier nicht mit offenen Karten spielen, d.h. der Öffentlichkeit bisher keine offiziellen Informationen über die Schwere der Straftaten und Vorwürfe gegen etwaige afghanische Gefährder vorgelegt haben – dafür aber Informationen an Medien durchgesteckt haben, die alle diese Abgeschobenen diskreditieren (siehe hier).

Inzwischen musste ja einer der damals Abgeschobenen wieder nach Deutschland zurückgeholt werden, da sein Verfahren überhaupt noch nicht abgeschlossen war. (Damit ist er aber nicht als Flüchtling anerkannt; seine erste Anhörung nach Rückkehr hat schnell stattgefunden – siehe hier – und sein Verfahren läuft weiter. Seine Vorgeschichte findet sich hier.)

 

Zu den Folgen der Abschiebungen ein dpa-Artikel meiner ehemaligen AAN-Kollegin Christine-Felice Roehrs, die in Kabul einige schon früher nach Afghanistan abgeschobene abgelehnte Asylbewerber getroffen und ihre Schicksale nachgezeichnet hat. Der Beitrag erschien

 

Abgeschoben – Afghanen wollen zurück nach Europa

22.12.2017 | Christine-Felice Röhrs, dpa, t-online.de

(Hier auch in der Saarbrücker Zeitung.)

Abschiebungen nach Afghanistan sind in Deutschland umstritten. Wie geht es den Rückkehrern in ihrer Heimat? Ein Reporter hat Betroffene befragt.

Vor gut einem Jahr, am 14. Dezember 2016, hat die Bundesregierung damit begonnen, afghanische Flüchtlinge mit Direktflügen abzuschieben. 155 abgelehnte Asylbewerber sind seitdem nach Afghanistan zurückgebracht worden. In acht Flugzeugen saßen Männer, die in Deutschland Job und Wohnung hatten, Männer, die monatelang in Lagern saßen und nie Deutsch gelernt haben, Männer, die abgeholt wurden aus dem Gefängnis, aus dem Job oder aus dem Kurs in der Berufsschule. Und in Deutschland ist eine emotionale Debatte entbrannt: Ist es rechtens – oder human – Menschen in ein Kriegsland abzuschieben?

Badam Haidari lebt weiter wie gelähmt in der Hütte am Rande der Hauptstadt Kabul. Arasch Alokosai kommt nicht voran mit seiner deutschen Hochzeit. Matiullah Asisi hat Arbeit gefunden, aber kämpft mit Depressionen. Wie geht es jenen, die Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten nach Afghanistan abgeschoben hat?

Hunderttausende fliehen vor dem Krieg in Afghanistan

In diesem einen Jahr hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan noch einmal drastisch verschlechtert. Die Taliban, die schon kurz nach dem Einmarsch der internationalen Streitkräfte in Afghanistan vor 16 Jahren als geschlagen galten, kehren zurück. Mit Macht. Sie kontrollieren, so sagen internationale Militärs, heute wieder 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Gleichzeitig wächst ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Allein in Kabul – Zielort aller Abschiebeflüge – gab es in diesem Jahr rund 20 große Anschläge mit Hunderten von Toten und Verletzten.

Einigen Abgeschobenen ist die Deutsche Presse-Agentur weiter gefolgt – Matiullah Asisi zum Beispiel, der mit dem ersten Abschiebeflug im Dezember 2016 nach Afghanistan zurückgebracht worden war. Er ist der einzige der unfreiwilligen Rückkehrer, die die dpa in Afghanistan regelmäßig besucht, der einen Job gefunden hat – ausgerechnet bei einer internationalen Organisation, die psycho-soziale Hilfe für rückkehrende Migranten und Binnenflüchtlinge anbietet. Mehr als 250.000 Afghanen sollen 2016 das Land verlassen haben, aber noch sehr viel mehr Afghanen sind im eigenen Land auf der Flucht vor dem Krieg – 660.000 im vergangenen Jahr, mehr als 400.000 in diesem.

Die Geschichte von Matiullah Asisi

Asisi, dem Ärzte in Deutschland seelische Probleme bescheinigten, hatte bei dieser Organisation anfangs selber Hilfe gesucht. Jetzt versucht der 23-Jährige, anderen zu helfen – aber das tut ihm nicht immer gut. „Ich sehe alle diese Leute nach Kabul kommen, weil bei ihnen Krieg ist“, sagt er mit Blick auf Flüchtlinge aus anderen Landesteilen. „Aber wo gehen wir hin, wenn der Krieg nach Kabul kommt?“ Asisi fürchtet sich vor Autobomben im dichten Verkehr, vor Überfällen auf dem Weg nach Hause – Afghanistan, das gefährliche Land, ist ihm nach der Jugend in Deutschland gründlich fremd. „Ich fühle mich oft so traurig“, sagt er.

Menschen wie Matiullah Asisi säßen heute allerdings nicht mehr auf Abschiebeflügen, denn nicht nur die Sicherheitslage, sondern auch die Abschiebepraxis hat sich in den vergangenen Monaten drastisch verändert. Nachdem im Mai vor der deutschen Botschaft in Kabul eine massive Lastwagenbombe explodiert war, hat die Bundesregierung Abschiebungen auf drei Kategorien von abgelehnten Asylbewerbern beschränkt: auf Straftäter, auf Gefährder – also Menschen, denen die Behörden terroristische Taten zutrauen – und Flüchtlinge, die „die Mitarbeit an der Feststellung ihrer Identität verweigern“.

Badam Haidari musste nach acht Jahren in Deutschland zurück

„Das ist so ungerecht“, sagt Badam Haidari bei einem Treffen im Oktober. „Vor ein paar Monaten haben wir in Deutschland Miete und Steuern gezahlt und jetzt sind wir nur noch Verbrecher und Terroristen?“

Haidari, heute 34 Jahre alt, hat acht Jahre lang in Würzburg gelebt. Er habe Vollzeit gearbeitet, bei Burger King, sagt er. Im Januar wurde er trotzdem abgeschoben. Seit der Ankunft lebt er bei einem Freund der Familie in einem Häuschen außerhalb von Kabul. Wind, Berge, Matsch, sonst nichts. Er und der alte Mann sind allein.

Haidari hat nie aus der Lähmung nach der Abschiebung herausgefunden. In seine Heimatprovinz Gasni kann er nicht. Cousins sind da bei den Taliban – sie waren vor Jahren der Grund für seine Flucht nach Europa. Haidaris Job als Wächter bei einer US-Organisation war ihnen ein Dorn im Auge gewesen, sie hatten Druck gemacht. Seine Frau, die Kinder und die Eltern leben heute in Pakistan, aber Pakistan wirft derzeit Afghanen hinaus, und das Geld für Reise und Visum hat Haidari eh nicht. Er lebt von den 50 Euro, die ihm der Bruder, der noch in Deutschland ist, ab und zu schickt.

„Außerdem: Wenn ich nach Pakistan gehe, wird die Familie fragen: Und was hast Du aus Deutschland mitgebracht?“, sagt Haidari. „Ich habe doch nichts.“ Hätte er Geld, wäre es sofort wieder auf dem Weg nach Deutschland. Die Vergangenheit könne man nicht vergessen. „Ein Jahr in Deutschland vielleicht – aber acht?“

Viele Abgeschobenen sind wieder auf der Flucht

Der Traum, zurückzugehen ist vielen Abgeschobenen gemein: dem Straftäter mit fast zwei Jahren Gefängnis auf dem Buckel vom jüngsten Flug am 6. Dezember 2017, der gesagt hatte, er hole sich jetzt einen neuen Pass, und dann gehe er über die Türkei wieder nach Deutschland. Oder all den jungen Männern, die Badam Haidari und Matiullah Asisi von ihren Abschiebeflügen kennen, die wieder geflohen sind.

Da ist Wakil, der es irgendwie wieder nach Deutschland geschafft hat, Dschawad, der wieder in Griechenland ist, oder Ramin, den die dpa im Januar bei der Ankunft am Flughafen getroffen hatte und der sich vor einigen Monaten verabschiedet hat. „Ich halte es hier nicht aus, ich mach mich wieder auf den Weg“, hatte er gesagt.

Die Unrast hängt auch damit zusammen, dass die meisten nicht einfach wieder in ihr altes Leben zurückschlüpfen können. Für einige geht es um Schulden und Scham. Die Flucht hatte sie viel Geld gekostet – die Abschiebung die Achtung der Familie. „Alle fragen mich: Wieso bist Du abgeschoben worden?“, sagt Matiullah Asisi. „Sie glauben mir nicht, wenn ich sage, ich habe nichts gemacht.“

Für andere geht es um ihre Sicherheit, wie bei Haschmatullah Faselpur, einem jungen Mann, den Deutschland wegen eines Verfahrensfehlers in diesem Monat aus Afghanistan zurückholen musste. Seit der Abschiebung im Herbst hatte er sich in Kabul versteckt gehalten. Zurück in die Heimatprovinz Kapisa konnte er nicht, denn da hätten die Taliban auf ihn gewartet, sagte Faselpur. Sie hätten ihn und seine Familie bedroht, weil er Soldat war. Zurück in die Armee konnte er aber auch nicht, denn da war er unerlaubt abgehauen.

Hochzeit ist sein Fluchtplan B

Anderen – vor allem denen, die lange in Deutschland waren – stecken ihre Erinnerungen so tief in den Knochen, dass sie es schwer haben, sich wieder an Afghanistan zu gewöhnen. Arasch Alokosai zum Beispiel, heute 22 Jahre alt, immer schick in besonders gut gebügelten Hemden und seiner weinroten Lederjacke, ist so ein Fall. Alokosai kam mit dem zweiten Flug am 24. Januar, abgeschoben nach fast sieben Jahren in Deutschland. Er hatte in Nürnberg gelebt, war dort zur Schule gegangen, hatte Karosseriebauer werden wollen.

Arasch, der schnell und clever ist und das Herumsitzen nicht gut erträgt, hat sich in Kabul seit der Ankunft immer mal wieder Werkstätten angeschaut, um vielleicht da einen Ausbildungsplatz zu finden, aber er fand sie dreckig und die Meister dumm. Er hat eine Verlobte in Deutschland. Die Hochzeit ist sein Fluchtplan B.

Vor Monaten schon hatten Alokosai und die Freundin alle Papiere bei der deutschen Botschaft in Kabul eingereicht, aber die war dann bei dem Bombenanschlag im Mai so schwer beschädigt worden, dass sie nun geschlossen ist. Jetzt sind Ämter in Deutschland zuständig. Die melden sich ab und zu. Noch ein Leben im Wartemodus. Aber wenn das mit der Hochzeit nicht klappt, hat Alokosai in diesem Jahr öfter gesagt, dann macht er sich eben wieder als Flüchtling auf den Weg.

Badam Haidari macht keine Pläne. Und Arbeit finden, das hat er nie so recht versucht. „Arbeit gibt es nur für die, die Leute kennen“, sagt er. „Und ich kenne niemanden in Kabul.“ Er macht weiter, was er seit der Ankunft vor fast einem Jahr tut: „Nix. Nur sitzen. Denken.“

Quelle: dpa

 

Zum letzten Fall zeigt im übrigen die Welt, wie man derselben Geschichte mit einer tendenziellen Überschrift einen ganzen anderen Dreh geben kann (hier).

Hier weitere Rückkehrer-Geschichten (aus Deutschland und Schweden) im Guardian.

Und hier eine sehr interessante – und umfassende – „Spurensuche“ der Süddeutschen Zeitung über die Passagiere der vier ersten deutschen Abschiebeflüge:

… will man Genaueres über die Betroffenen erfahren, mauern die Behörden. Ein Flüchtlingshelfer sprach von den Flügen als „Black Box“.  

Wochenlang haben SZ-Redakteure in Deutschland und Afghanistan recherchiert, bis sie die Namen der Abgeschobenen und die meisten ihrer Schicksale zusammen hatten. Es sind junge Männer, mit verwirrenden Geschichten, selten schlüssig, immer traurig. Es sind auch deutsche Geschichten, deutsche Leben. Um sie zu schützen, wurden sie für diese Geschichte anonymisiert.

 

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