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Der afghanische Ableger des Islamischen Staates (IS) hat erneut die Verantwortung für einen Selbstmordanschlag in Afghanistan übernommen. Dabei waren in der Nacht zum 5. Januar 2018 in Kabul mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen.

[Aktualisierung 7.1.18: Die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) berichtete am 7.1.18 nach einer Untersuchung des Vorfalls, dass bei diesem Anschlag 13 Zivilisten getötet und weitere 19 verletzt wurden. 12 der 13 Getöteten waren Polizisten, die „legitime Ordnungsfunktionen ausübten, um während eines gewaltsamen Zwischenfalls die Ordnung und Sicherheit für Zivilisten wieder herzustellen.“ Polizisten würden als Zivilisten betrachtet, solange sie nicht direkt an bewaffneten Auseinandersetzungen teilnähmen. das sie hier nicht der Fall gewesen.]

Der Anschlag offenbar eines Einzelangreifers ereignete sich während einer Demonstration von Ladenbesitzern im Osten des Hauptstadt, die gegen einen Polizeieinsatz gegen Alkohol- und Drogenschmuggler am 4.1. protestierten und dabei von der Polizei geschützt wurden. Unter den Opfern waren sowohl Polizisten as auch Demonstranten. Schon bei dem Polizeieinsatz war es zu Schießereien mit mindestens zwei Toten gekommen.

Ob der IS tatsächlich für jeden Anschlag verantwortlich ist, den er für sich reklamiert, ist ungeklärt. Auch ob er tatsächlich über die Infrastruktur verfügt, auf Ereignisse wie den Protest am 4.1. so schnell zu reagieren, ist fraglich. Es wird zwar davon ausgegangen, dass er über kleine Terrorzellen in Kabul verfügt, aber eine derartige Infrastruktur wird v.a. pakistanischen Terrorgruppen als auch dem mit den Taleban verbundenen Haqqani-Netzwerk zugetraut. Beide könnten stellenweise mit dem IS kooperieren oder in seinen Namen agieren sowie daran interessiert sein, nicht mit solchen Anschlägen in Verbindung gebracht zu werden. Allerdings ist auch seit Jahren bekannt, dass es Selbstmordattentäter „zum Mieten“ gibt – so dass auch die mafiösen Schmugglernetzwerke hinter diesen Anschlag stehen könnten.

Zudem hatten die afghanischen Behörden am 3.1.18 gerade die Aushebung einer IS-Zelle in Kabul bekannt gegeben (siehe auch hier in afghanischen Medien). Auch hier ist es unklar, ob der Geheimdienst nicht manchmal Erfolgsmeldungen in Umlauf setzt, die nicht der Wahrheit entsprechen.

Angeblich in Kabul ausgehobene IS-Zelle. Foto: ToloNews

 

Fabian Busch vom Nachrichtenservice des Online-Anbieters web.de hat Ende Dezember eine gute Kurzzusammenfassung über die Aktivitäten des sogenannten Islamischen Staates (Daesch) in Afghanistan geschrieben, basierend auf zwei Interviews, mit mir und mit Nicole Birtsch von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Hier geht es zum Original und hier ist der Text:

 

Ist Afghanistan das nächste Schlachtfeld des IS?

Fabian Busch

23. Dezember 2017, aktualisiert 24. Dezember 2017, 09:08 Uhr

Die Terrormiliz IS verbreitet mit Anschlägen auch in Afghanistan Angst und Schrecken. Das Ziel ihrer Anhänger: Sie wollen Zwietracht sähen in dem ohnehin von Konflikten gebeutelten Land.

Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Zum Dauerkonflikt zwischen den islamistischen Taliban und der afghanischen Regierung kommen seit einiger Zeit auch Anschläge des sogenannten Islamischen Staates. Wie kommt es zur Präsenz der Terrormiliz am Hindukusch – und was sind die Ziele seiner Anhänger in der gebeutelten Region? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Woher stammen die IS-Kämpfer in Afghanistan?

Experten vermuten schon länger, dass sich IS-Anhänger nach dem Zerfall ihres „Kalifats“ in Gebiete mit einer schwachen Staatsgewalt zurückziehen werden. „Es gab möglicherweise auch beim IS ein Interesse, Kontakte in Südasien aufzubauen“, erklärt Nicole Birtsch, Afghanistan-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Bisher gibt es aber keine Informationen, dass sich Kämpfer aus Rakka oder Mossul in Afghanistan niedergelassen hätten.“

Die allermeisten IS-Kämpfer am Hindukusch stammen offenbar direkt aus der Region. Thomas Ruttig ist Co-Direktor des „Afghanistan Analysts Network“, einem unabhängigen Netzwerk von Afghanistan-Experten. Die Präsenz der Terrormiliz sei nicht etwa die Folge einer Ausbreitung des Kalifats, sagt er gegenüber unserer Redaktion: „Es handelt sich dabei um kleine Gruppen ehemaliger pakistanischer und afghanischer Taliban-Kämpfer, die sich selbst zu IS-Ablegern ernannt haben. Gründe dafür sind lokale Streitigkeiten innerhalb der Taliban.“

Wo hat sich die Miliz festgesetzt?

Sowohl die Taliban als auch die US-Streitkräfte haben den IS in vielen Gegenden zurückgeschlagen. Behaupten konnten sich die Kämpfer nur in der Provinz Nangarhar an der Grenze zu Pakistan. In zwei weiteren Provinzen vermuten Experten Rückzugsgebiete von IS-Kämpfern. In Kunar zum Beispiel flog das US-Militär im Juli Angriffe auf das Hauptquartier der Miliz – der regionale Anführer kam dabei ums Leben.

Auch in den von der usbekischen Minderheit besiedelten Gebieten im Norden gibt es einzelne Gruppen, die IS-Symbole verwenden. Hinzu kommen eine oder mehrere Untergrundzellen in der Hauptstadt Kabul.

Nach dem Anschlag in Kabuls Stadtteil Wasir Akbar Chan am 31. Oktober 2017, zu dem sich der IS bekannte: Quelle: Ahmad Mukhtar/Twitter

 

Wie ist der Islamische Staat in Afghanistan aktiv?

Der IS hat bisher zahlreiche Anschläge für sich beansprucht. Ziele waren vor allem Einrichtungen und Veranstaltungen, die schiitische Muslime besuchen. Im vergangenen Oktober starben mehr als 50 Menschen, als sich ein IS-Attentäter in einer schiitischen Moschee in die Luft sprengte. Mindestens zwei Mitarbeiter starben bei einem Angriff auf den Fernsehsender Schamschad, den der IS Anfang November ebenfalls für sich reklamierte. Früher im Jahr waren auch bei Anschlägen auf das höchste afghanische Gericht und ein Militärkrankenhaus zahlreiche Menschen ums Leben gekommen.

UNAMA, die UN-Mission in Afghanistan, spricht in einem vor kurzem veröffentlichten Bericht davon, dass zwischen Januar 2016 und November 2017 bei Anschlägen auf religiöse Orte und Gläubige 273 Menschen ums Leben kamen und 577 verletzt wurden – etwa das Doppelte der entsprechenden Zahlen aus dem gesamten Zeitraum 2009 bis 2015. Ein Großteil der Opfer waren Schiiten.

Was bezweckt der IS mit seinen Anschlägen?

„Ein Ziel von Anschlägen besteht darin, unter den afghanischen Schiiten ein größeres Gefühl der Unsicherheit zu schaffen“, erklärt Nicole Birtsch. „Möglicherweise bezweckt der IS auch, dass Schiiten sich gegen den Staat wenden – mit der Anklage: Ihr schützt uns nicht genug.“

Sunniten und Schiiten, die beiden Glaubensrichtungen des Islam, liefern sich in anderen muslimischen Ländern wie etwa dem Jemen gewaltsame Konflikte. In Afghanistan dagegen bezeichnet Thomas Ruttig das Zusammenleben bisher als „friedlich, wenn auch nicht spannungsfrei“.

Die sunnitischen IS-Anhänger möchten mit ihren Anschlägen offenbar einen Keil zwischen die beiden Gruppen treiben. Schiitische Muslime machen in Afghanistan 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung aus. Lange wurden sie im öffentlichen Leben diskriminiert, entsprechend empfindlich sind sie für Anfeindungen und Gewalt. Kann der IS mit Anschlägen gegen Schiiten also einen neuen religiösen Konflikt heraufbeschwören? Zumindest bis jetzt sei das noch nicht gelungen, sagt Thomas Ruttig: „Auf die Anschläge des IS hat es bisher keine bewaffneten Gegenreaktionen von Schiiten gegeben.“

Wie steht der IS zu den afghanischen Taliban?

IS und Taliban haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Ihre zentralen Feinde sind die afghanische Regierung und deren internationale Verbündete. „Ansonsten liegen aber Welten zwischen ihnen“, sagt Thomas Ruttig. „Die Taliban sind zwar sunnitisch, aber sie sind nicht anti-schiitisch. Sie versuchen eher Brücken zu den Schiiten zu bauen.“ Zudem unterscheiden sich die beiden Gruppen auch in ihrem Aktionsradius. „Der IS strebt ein globales Kalifat an, die Taliban sind dagegen sehr nationalistisch eingestellt und auf Afghanistan konzentriert“, erklärt Nicole Birtsch.

Ist zu erwarten, dass sich IS und Taliban in Zukunft verbünden?

Ein solches Bündnis gilt als sehr unwahrscheinlich. Auf lokaler Ebene sei es durchaus möglich, dass es zu pragmatischen Absprachen komme, sagt Nicole Birtsch. „Ein Bündnis zwischen IS und Taliban ist derzeit aber nicht naheliegend. Die Taliban, die ihre Vorherrschaft bedroht sehen, haben den IS in Afghanistan zurückgedrängt.“

Auch Thomas Ruttig hält ein Zusammengehen der beiden Gruppen wegen der zahlreichen Gegensätze eher für ausgeschlossen – genau wie die Gründung eines neuen „IS-Kalifats“ in Afghanistan. „Es besteht keine Gefahr einer signifikanten territorialen Ausdehnung. Die Gefahr ist eher im terroristischen Potenzial zu sehen.“

 

Hier ein früherer dpa-Artikel zum Thema IS in Afghanistan, ebenfalls mit Zitaten von mir.

Hier ist eine weitere IS-Analyse von mir.

 

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