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Wegen der aktuellen Ereignisse in Kabul unterbreche ich die Berichterstattung zur bevorstehenden neunten deutschen Sammelabschiebung nach Afghanistan. Morgen gehts wieder dazu weiter.

Das teilweise ausgebrannte (Inter-) Continental-Hotel in Kabul nach dem Taleban-Angriff am 20.1.2018. Offenbar Sicherheitskräfte auf dem Dach. Foto: ToloNews

 

Die Taleban haben sich zum [berichtigt: zweiten] großen Anschlag 2018 in Kabul bekannt. Am späten Abend des 20. Januar drang ein schwerbewaffnetes Kommando in das Kabuler Hotel Continental (meist noch unter seinem alten Namen Intercontinental bekannt) ein, töteten mehrere Gäste [Aktualisierung 21.1.18, 12.30 Uhr: Darunter ist eine Deutsche, wie das Auswärtige Amt heute auf der Bundespressekonferenz mitteilte (hier). Spiegel online meldet gerade, es handele sich um eine Entwicklungshelferin (hier). Dass sie direkt zu Shelter Now gehörte (hier), hat sich nicht bestätigt], nahm andere als Geiseln. 126 Hotelgäste, davon 41 Ausländer, seien gerettet worden (hier). Ob alle sechs Angreifer erschossen oder festgenommen wurden, ist unklar. Mindestens drei sollen getötet worden seien (hier). Das Hotel geriet in Teilen in Brand und wurde schwer beschädigt. Es befindet sich nicht innerhalb des sogenannten Grünen Schutzgürtels (siehe hier). Erst nach etwa 17 Stunden konnten afghanische und ausländische Spezialeinheiten (hier) die Besetzung beenden.

[22.1.18, 22.15 Uhr: Der erste große Anschlag des Jahres in Kabul ereignete sich bereits am 5.1.18, hier ein Bericht der Zeit dazu.]

[22.1.18, 20.00 Uhr: dpa hat inzwischen einen längeren Beitrag über das deutsche Opfer (hier). Es handelt sich um eine ältere Frau, die schon seit Jahrzehnten in Afghanistan humanitär arbeitete und – mit eigenem Verein namens Cabilla e.V. – mit der christlichen Organisation Shelter Now kooperierte.]

Die Zahl der Opfer steht immer noch nicht fest. Angaben gehen sogar weit auseinander. Das Innenministerium sprach am 21.1.18 zunächst von fünf Toten und sechs Verletzten. Die afghanische Nachrichtenagentur Tolo hingegen berichtete von mindestens 18 Toten (hier). [Aktualisierung 22.1.18, 10.35 Uhr: Auch heute stehen die genaue Zahl und die  Nationalitäten der Opfer noch nicht fest. Es scheint nun aber mindestens 22 Tote gegeben zu haben. Das ist die Zahl der Toten, die laut afghanischen Gesundheitsministerium in Leichenschauhäuser eingeliefert wurden (hier). Die BBC meldete heute morgen, dass laut Kabuler Polizei 9 Ukrainer, ein(e) Deutsche(r), ein Grieche und ein Kasache unter den Toten seien. Zwei weitere seien noch nicht identifiziert worden. Die BBC-Angaben sind aber noch nicht bestätigt. Die Nachricht über einen angeblich getöteten Griechen hat sich zum Beispiel nicht bestätigt, dafür der Tod eines Venezolaners.]

[Aktualisierung 21.1.18 15.50 Uhr: Die Nachrichtenagentur AP tweetet gerade, dass 4 Afghanen und 14 Ausländer umgekommen seien (hier). Eine weitere Quelle (hier) spricht von 9 aus der Ukraine, 1 aus Kasachstan [oder Kirgistan – hier], 1 Griechenland und 3 bisher nicht Identifizierten unter den ausländischen Todesopfern.] Ein afghanischer Journalist berichtete unter Berufung auf Statements der afghanischen Fluggesellschaft KamAir, dass zehn ihrer Angestellten bei dem Angriff umgekommen seien. Darunter seien zwei Venezolaner und sechs Ukrainer (hier). Die Fluggesellschaft brachte ihre Crews regelmäßig in dem Hotel unter und musste jetzt wegen Personalmangels alle Auslandsflüge absagen. [21.1.18, 16.30 Uhr: Nach offiziellen afghanischen Angaben hat sich die Zahl der afghanischen Toten auf 5 erhöht, nachdem eine Person ihren Verletzungen erlegen sei.]

Aufnahme aus dem Inneren des Kabuler Hotels nach dem Angriff. Foto: Khalil Noori/Twitter

Das Hotel noch einmal aus der Entfernung. Foto: ToloNews

In dem Hotel fand zum Zeitpunkt des Angriffs ein Seminar des afghanischen Telekommunikationsministeriums statt, an dem dessen Provinzvertreter teilnahmen. Mindestens einer von ihnen, der Direktor für die Provinz Farah Dschamaluddin Patschachel, ist unter den Toten. Auch Afghanistans Generalkonsul in Karatschi, Dr Abdullah Wahid Poyan (hier), ein Journalist von Tolo TV und ein Mitglied (oder Mitarbeiter) des Hohen Friedensrates (hier) sind unter den Toten. Zudem hätten die Angreifer auch auf Gäste einer Verlobungsfeier geschossen (hier).

Derselbe Journalist, Bilal Sarwary, meldete (hier), unter den 18 Toten seien 11 Ausländer, davon drei Frauen. Möglicherweise hielten sich auch US-Kontraktoren im Hotel auf. Die US-Zeitung Stars und Stripes hatte unter Berufung auf einen anonymen Landsmann gemeldet (hier), dass er mit einem Sicherheitskontraktoren in Verbindung gewesen sei, der als Leibwächter für einen (nicht genannten) Hotelgast engagiert gewesen und in den Angriff geraten war.

Taleban-Sprecher Sabihullah Mudschahed erklärte per Tweet (hier), dass „Dutzende ausländische feinde und Söldner [Bezeichnung für afghanische Regierungsmitarbeiter]“ getötet worden seien, der von fünf namentlich genannten Taleban-Kämpfern ausgeführt worden sei.

Krankenwagen am Fuße des Interconti-Hügels in Kabil. Foto: Qadir Sediqi/Twitter

 

In einem Bericht hieß es, die Angreifer seien mit ihren Waffen mit einem Kleinbus zum Hotel gelangt. Dessen Bewachung – es ist offiziell Regierungseigentum – war vor drei Wochen von regulären Sicherheitskräften an eine private Sicherheitsfirma übergeben worden, wie das Innenministerium bestätigte. [21.1.18, 16.55 Uhr: Nach diesem Bericht des Guardian zogen sich die Sicherheitsleute zurück, ohne den Angreifern – die Armee-Uniformen getragen haben sollen – Gegenwehr zu leisten – hier.]  Das Hotel liegt auf einen Hügel und man muss mehrere Kontrollpunkte mit Schranken durchqueren, um dorthin zu kommen. Weiter heißt es in Berichten, die Angreifer seien durch den Hintereingang und die Küche ins Hauptgebäude vorgedrungen (hier). Das könnte darauf hindeuten, dass sie – wie bereits bei einem ähnlichen Angriff im Juni 2011 mit 12 Toten (hier) – über die weniger bewachte Nordseite des Hügel gekommen sein und dort Sperren überwunden haben könnten. Schließlich berichtete Sarwari jetzt unter Berufung auf einen Offiziellen der afghanischen Terrorbekämpfung (hier), dass untersucht werden, ob sich einige Angreifer bereits vorher im Hotel einquartiert hätten.

Am 18.1.18 hatte es eine Warnung der US-Botschaft gegeben, derzufolge Berichte vorgelegen hätten, dass „extremistische Gruppen einen Angriff gegen Hotels in Kabul planen könnten.“ In der Warnung wurde aber ein anderes Hotel genannt (hier).

 

Wer steckt hinter dem Anschlag?/Reaktionen

Das afghanische Innenministerium hat inzwischen das Haqqani-Netzwerk, eine besonders eng mit Pakistan verbundene Untergruppierung, für den Anschlag verantwortlich gemacht, aber keine Details dafür vorgelegt (hier).

Der ehemalige Geheimdienstchef und jetzige Oppositionspolitiker Rahmatullah Nabil tweetete darauf (hier): „Taleban haben die Verantwortung für heutigen Angriff übernommen. Innenministerium sagt, es war Haqqani. Anas Haqqani ist der Bruder von Seradsch Haqqani, dem Chef des Haqqani-Netzwerks und de-facto-Chef der Taleban [er ist Vizechef]. Anas H. wurde in allen drei Instanzen zum Tode verurteilt! Aber die Ausführung wurde vertagt! Wartet die Nationale Einheitsregierung auf einen Deal?“

Es wird klar, dass er sich – wie auch andere Politiker – für die Hinrichtung Anas Haqqanis einsetzt; auch aus der Öffentlichkeit gab es nach vorangegangenen Anschlägen immer wieder diese Forderung. Aber das ist nicht nur fragwürdig, wenn man generell die Todesstrafe ablehnt – weder legt das Innenministerium Beweise für seine Behauptung vor noch (und das weiß ich aus Kabuler Quellen) ist A. Haqqani für die Beteiligung an terroristischen Anschlägen verurteilt worden. Die Beschuldigung war Mitgliedschaft in einer terroristischen Gruppe, der als Finanzbeschaffer diente.

AAN hat diese Problematik – Todesurteile als Vergeltung für Terroranschläge – bereits früher diskutiert (hier und hier).

Ansonsten ist es der erste größere Anschlag in Kabul seit einigen Monaten, für den die Taleban wieder die Verantwortung übernommen haben. Zuletzt gab es mehrere große Anschläge, zuletzt am 28. Dezember 2017 (siehe z.B. hier) auf ein wohl vom Iran finanziertes Bildungszentrum im vorwiegend schiitisch bewohnten Westen Kabuls, zu denen sich der örtliche IS-Ableger bekannte. Aber es wird in Kabul nicht nur von Verschwörungstheoretikern vermutet, dass zumindest hinter einigen dieser „IS-Anschläge“ entweder das Haqqani-Netzwerk oder sektiererische pakistanische Gruppen stecken (siehe mein taz-Beitrag von Ende Oktober 2017 hier). Es ist auch möglich, dass Elemente des Haqqani-Netzwerks oder der pakistanischen Gruppen sich mit Teilen ihrer Logistik dem IS angeschlossen haben oder eine Art Personalunion bilden. US-Sicherheitskräfte haben in der Vergangenheit dafür den Begriff des „Kabul-Angriffsnetzwerk“ verwendet.

[21.1.18 1.10 Uhr: Die UN-Mission in Afghanistan hat inzwischen erklärt (hier), dass es für den Angriff „einfach keine Rechtfertigung gibt, und [in dieser Form, gegen Zivilisten] spezifisch durch das internationale humanitäre Recht verboten ist“, da die Taleban mit der Intention in das Hotel eindrangen, Zivilisten zu töten.“ In der Tat ordnen die Taleban, die sich nach wie vor als rechtmäßige Regierung betrachten, auch zivile Regierungsmitarbeiter als ‚legitime Ziele‘ ein. Das widerspricht allerdings dem Völkerrecht.]

Und so sah es in der Nacht aus. Foto: Omaid Sharifi/Twitter

 

Und außerhalb Kabuls?

Wie fast immer überschatten die Ereignisse in Kabul, was außerhalb der Hauptstadt geschieht:

Die afghanische Killid-Mediengruppe berichtete (hier), dass ebenfalls in der Nacht zum 21.1.18 18 Angehörige der Afghanischen Lokalpolizei (ALP) sowie sogenannter örtlicher Anti-Taleban-Aufstandskräfte bei einem Taleban-Angriff getötet wurden. Einige afghanische Medien sprechen sogar von einer möglichen „Hinrichtung“ (hier).

Im Distrikt Gulran (Provinz Herat) starben acht Arbeiter bei der Explosion eines Sprengsatzes (IED), berichtete ToloNews (hier). Sie sollen auf dem Weg nach Herat und von dort nach Iran gewesen sein.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich am 20.1.18 in der Stadt Gardes in Paktia. Ein Mensch wurde dabei getötet, ein weiterer verletzt (hier).

In der Provinz Nangrahar wurden am 21.1.18 zwei afghanische Journalisten auf der Rückfahrt aus dem umkämpften Distrikt Ghanichel bei einem Angriff auf ihr Fahrzeug verletzt und ihr Fahrer getötet (hier).

In Helmand griffen die Taleban das Distriktzentrum von Gereschk an, töteten vier Soldaten und verwundeten drei andere (hier).

Aus dem Provinz Nimrus wurde berichtet, das Taleban dort auf der Verbindungsstraße zwischen der Provinzhauptstadt Zarandsch und Dilaram an der Hauptverkehrsader des Landes, der Ringstraße Kabul-Kandahar-Herat, eine Straßensperre errichtet hätten und kontrollierten, dass für durchfahrende LKWs Steuern entrichtet würden (hier).

Zudem gibt es seit über einer Woche schwere Kämpfe um die Provinzhauptstadt Farah, die auch am 21.1.18 anhielten und viele Einwohner zur Flucht zwangen (hier). Provinzratsmitglieder und Parlamentarier hatten bereits vor einigen Tagen vor dem Fall der Stadt an die Taleban gewarnt (hier). Bei diesen Kämpfen wurde auch der Vizepolizeichef der Provinz, Gulbahar Mudschahed, durch eine IED-Explosion getötet (hier).

Nach dem IED-Anschlag in der Provinz Herat. Foto: Pajhwok

Desweiteren wurde in der vergangenen Woche im Distrikt Balch eine weitere IED entschärft; zwei weitere gingen in Sabul und Kandahar (hierbei kam der Bombenleger ums Leben) hoch, ohne Schaden anzurichten. Im Distrikt Muhammad Agha (Logar) wurde wohl von Taleban und ein ALP-Mitglied erst angeschossen und dann enthauptet und sein Kopf mit einer Warnung gegen die Zusammenarbeit mit der Regierungstruppen in einem nahegelegenen Dorf ausgestellt. Gekämpft wurde desweiteren in den Provinzen Kunar, Nangrahar, Laghman, Dschausdschan, Farjab, Balch und Badghis.