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Hier noch einmal eine Zusammenfassung des jüngsten Taleban-Anschlags am 27.1.18 in Kabul, die ich gestern für die taz schrieb, als der Artikel auch schon online erschien (hier). Einige Ergänzungen [in eckigen Klammern].

Zerstörung in Kabuls Neustadt nach dem Taleban-Terroranschlag am 27.1.18 – bei weitem keines der schllmmsten Bilder. Foto: Abdullah Yadgare/Twitter.

 

Die Krankenwagenbombe von Kabul

Der Anschlag könnte auch dazu dienen, innenpolitische Spannungen anzuheizen und den Sturz der Regierung herbeizuführen

Die Attentäter kamen in zwei Rettungswagen. Die Polizisten an der ersten Straßensperre konnten sie noch überlisten, aber am zweiten Schlagbaum wurden sie gestoppt. Ähnlich wie bei dem schweren Anschlag an der deutschen Botschaft im Mai 2017 sprengten sich die Insassen eines der Wagen dann dort in die Luft. Ob der andere, der laut Afghanistans Innenminister Wais Barmak keinen Sprengstoff enthielt, entkam oder ebenfalls zerstört wurde, ist nicht bekannt.

Bei 103 Toten und 235 Verletzten steht die Opferzahl bisher, meldet der Kabuler Sender Tolo TV. Sie wird aber wohl noch weiter wachsen, auch wenn – wie stets nach solchen Anschlägen – viele Kabulis Blut spenden, um Verletzte zu retten. Aber viele Krankenhäuser der Stadt sind an ihre Kapazitätsgrenze gelangt, wie das von der italienischen NGO Emergency betriebene gleichnamige Hospital, die erste Adresse in der Stadt für Notfallversorgung, sowie das nahe der Anschlagsstelle gelegene Dschumhuriat-Krankenhaus, von wo die beiden Krankenwagen auch gekommen sein sollen.

Die Taleban bekannten sich zu der Tat und behaupten, sie hätten mehr als 90 Polizisten getötet. Zahlreiche Fotos in den Medien strafen sie Lügen: der Mann mit dem Kind im Kopfverband auf dem Arm, die junge Frau mit dem blutüberströmten Gesicht, auf Twitter gepostete Fotos von Freunden unter den Opfern, darunter Ladenbesitzer und Studenten. Auch Personal des Dschumhuriat-Krankenhauses sowie einer Geburtsklinik sind unter den Opfern. Laut Minister Barmak sind etwa 200 der Verletzten Zivilisten. Der Anschlagsort am Südende der früher bei Touristen und noch früher bei den Afghanistan durchquerenden Hippies beliebten [und sehr belebten] Chicken Street mit ihren Antiquitäten-, Ramsch- und Teppichläden liegt in Trümmern.

Das war der dritte große Anschlag in Afghanistan und der zweite in Kabul binnen einer Woche. Acht mit mindestens 219 Toten sind es seit dem 28. Dezember landesweit. Die Taleban und der örtliche Ableger des Islamischen Staates (IS) teilen sich die Verantwortung. [Es handelt sich um eine erneute Eskalation, die aber nicht präzedenzlos ist. Ein IS-Anschlag auf eine Protestdemonstration von Schiiten im Juli 2016 resultierte ebenfalls in fast 100, der Anschlag nahe der deutschen Botschaft sogar in etwa 150 Todesopfern.]

Über das eigentliche Anschlagsziel lässt sich nur spekulieren. In dem Gebiet befinden sich eine Außenstelle des afghanischen Innenministeriums, die Vertretungen der Europäischen Union, Schwedens und Indonesiens sowie Residenzen führender afghanischer Politiker. [Die Taleban scheinen nach wie vor zu versuchen, sogenannten hochwertige Ziele – Regierungsstellen und ausländische Einrichtungen – anzugreifen, nehmen aber keine Rücksicht auf Zivilisten, wenn sie nicht dort hingelangen. Das führt dazu, dass die Mehrzahl der Opfer solcher Anschläge afghanische Zivilisten sind.]

Der Anschlag könnte aber auch ein Versuch sein, politische Spannungen weiter anzuheizen. Seit Monaten wächst Unzufriedenheit in der Bevölkerung darüber, dass die Regierung von Präsident Aschraf Ghani und Exekutivchef Abdullah Abdullah nicht in der Lage sei, solche Anschläge zu verhindert. Die Opposition um den von Ghani kürzlich abgesetzten Provinzgouverneur von Balch, mit dem Zentrum Masar-e Scharif, Atta Muhammad Nur versucht, hat diese Stimmung aufgegriffen, um daraus politisches Kapital zu schlagen und an die Macht zurückzukehren. Neben Nur gehören zu diesen Kritikern der frühere Präsident Hamed Karsai sowie zwei ehemalige Geheimdienstchefs, [Amrullah Saleh und Rahmatullah Nabil,] die bei der Terrorismusbekämpfung selbst nicht erfolgreicher waren.

Thomas Ruttig

Zum Teil der Berichterstattung zu diesem Thema geht es hier entlang.

 

Prof. Barnett Rubin hat auf Twitter den Paragraphen der ins Netz gestellt (hier), der den Einsatz medizinischer Insignien als Kriegsverbrechen verbietet, um den Feind irrezuführen, indem Angreifer vorgaukeln, sie genössen als medizinisches Personal Schutz: Art. 37 des Zusatzprotokolls zur Genfer Konvention.

 

Hier noch einmal die Liste der schwersten Anschläge seit Ende Dezember 2017:

28. Dezember: 41 Tote (schiitisches Bildungszentrum in West-Kabul), IS übernimmt Verantwortung

31.Dezember: 18 Tote (Begräbnis in Dschalalabad), Taleban bestritten Beteiligung

4. Januar: 11 Tote (Kabul, Dschalalabad Road, Ladenbesitzer-Protestdemo), IS übernimmt Verantwortung

20. Januar: 40 Tote (Kabul, Continental Hotel), Taleban übernehmen Verantwortung

23. Januar: 4 Tote (Save The Children-Büro in Dschalalabad), IS übernimmt Verantwortung

24. Januar: 6 Tote (Autobombe Maiwand, Provinz Kandahar), wahrscheinlich Taleban

27. Januar: 4 Tote (Selbstmordanschlag Kandahar-City, Aino Mena), wahrscheinlich Taleban

27. Januar: 95 Tote (Kabul-Neustadt, nahe Innenministerium), Taleban übernehmen Verantwortung