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Dieser Text erschien heute (1.2.18) – leicht redigiert – in der Druckausgabe der taz, gestern auch schon online (hier). Wie häufig hier der Text mit Bonus-Material, also einigen Passagen [in eckigen Klammern], die es aus Platzgründen nicht ins Blatt geschafft haben. Wichtig dabei ist, dass der Absatz über die Eskalation auch durch das afghanische und das US-Militär rausgefallen ist – deren Drohnen- und sonstigen Luftschläge wieder zunehmend zivile Opfer unter den Afghanen verursachen, und natürlich von den Taleban propagandistisch ausgeschlachtet werden.

Taleban-Angriff in Ghazni, 4. September 2014. Foto: Pajhwok

Taleban-Angriff in Ghazni, 4. September 2014. Foto: Pajhwok

 

Der afghanische Terrorwettbewerb

Taliban und Islamischer Staat (Daesch) konkurrieren um die Vorherrschaft in der Aufstandsbewegung – auch mit Anschlägen auf Kosten der Zivilbevölkerung

28. Dezember 2017: Am 38. Jahrestag des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan sitzen vor allem junge Schiiten in einem von Iran finanzierten Bildungszentrum in West-Kabul und diskutieren. Einen der Zuhörer interessiert das weltgeschichtliche Ereignis nicht wirklich. Mitten in der Veranstaltung zündet er eine Sprengstoffweste, reißt 41 Menschen mit in den Tod und verletzt viele andere. Der afghanische Ableger des Islamischen Staates (IS) bekennt sich zu der Attacke. In Afghanistan kennt man die Gruppe unter ihrem arabischen Kürzel, Daesch.

20. Januar 2018: Ein Kommando in gestohlenen Armeeuniformen stürmt ein großes Kabuler Hotel, in dem gerade IT-Spezialisten der afghanischen Regierung tagen. Die sechs Bewaffneten bringen auch viele Ausländer um, allerdings keine, die am Krieg beteiligt sind. Die meisten sind Crews einer privaten afghanischen Fluggesellschaft, Ukrainer, Venezolaner, Mittelasiaten. Insgesamt 40 Menschen fallen dem Massaker zum Opfer, darunter eine 60-jährige Deutsche, die für einen kleinen Hilfsverein arbeitet. Die Taliban übernehmen die Verantwortung dafür.

23. Januar: Im ostafghanischen Dschalalabad dringen Bewaffnete in das Büro der Kinderhilfsorganisation Save The Children ein und stürmen auf das Dach. Von dort aus liefern sie sich eine stundenlange Schießerei mit Sicherheitskräften. Save The Children war wohl gar nicht ihr Anschlagsziel und hat deshalb „nur“ drei Tote zu beklagen; die Polizei einen. 50 Mitarbeiter überleben in einem Schutzraum. Daesch verbreitet ein Bekennerstatement.

Weitere vier Tage danach lassen die Taliban mitten im Berufsverkehr in der Kabuler Neustadt einen mit Sprengstoff gefüllten Krankenwagen detonieren und töten 103 Menschen (taz berichtete ausführlich). Nochmal zwei Tage später, am Montagmorgen, stürmt ein Fünf-Mann-Kommando des Daesch eine Militärkaserne in Kabul und erschießt elf Soldaten.

[Insgesamt fünf ähnliche Anschläge mit fast 206 Toten hat allein Kabul seit dem 28. Dezember zu verzeichnen. Dazu kommen vier weitere mit 32 Toten außerhalb der afghanischen Hauptstadt. Afghanistans Taliban und örtliche Splittergruppen, die sich Daesch angeschlossen haben, scheinen sich einen Terrorwettbewerb zu liefern.]

Vor allem die Taliban bestreiten dabei vehement, aber gegen jeden Augenschein, dass sie überhaupt Zivilisten trafen. Das hat auch damit zu tun, dass sie sich nicht an internationales Recht halten und zivile Regierungsmitarbeiter sowie Polizisten und Soldaten außerhalb des Kampfgeschehens als legitime Ziele betrachten.

[Das gilt allerdings auch für die Gegenseite. Seit Jahren, und verstärkt wieder unter Präsident Donald Trump, schalten das afghanische und das US-Militär in Nachtangriffen hoch- und mittelrangige Aufständische, Kommandeure, Bombenbauer und Funktionäre der Taliban-Parallelverwaltung aus. „Kill or capture“ heißt diese Taktik, Töten oder Festnehmen, in dieser Reihenfolge. Rechtskonform ist auch das nicht, denn wer kann schon überprüfen, ob die Toten wirklich Bewaffnete waren.]

Der Terrorwettbewerb in Afghanistans Städten ist Ausdruck der erbitterten Konkurrenz zwischen Taliban und Daesch. Die erst Mitte 2014 in Afghanistan aufgetauchte lokalen IS-Gruppen haben den alteingesessenen Taliban den Kampf angesagt. Die seien gegenüber der vom Westen unterstützten Regierung zu weich. Schon dass sie zeitweilig mit den Amerikanern verhandelten, eine politische Lösung in Afghanistan nicht generell ablehnen und dafür sogar ein Verbindungsbüro im Golfstaat Qatar unterhalten, betrachten sie als Verrat am Dschihad.

Sie betrachten sich den Taliban auch deshalb moralisch überlegen, da sie die Wiedererrichtung eines pan-nationalen islamischen Kalifats anstreben, während diese im Grunde National-Islamisten sind. Das heißt, die Taliban kümmern sich nur um das eigene Land. Immer wieder haben sie öffentlich erklärt, dass sie nach vollendeter Mission keine Invasion in die Nachbarstaaten planen. Vor allem aber sind sie seit ihrer Entstehung im Jahr 1994 – von Rückzugsgebieten in Pakistan abgesehen, wo sie aber Wohlverhalten gegenüber ihren Protektoren in Militär und Geheimdienst üben – nie außerhalb des Landes militant geworden. Weder am 11. September 2001 noch später waren Afghanen an Anschlägen im Ausland beteiligt, die mit den Taliban zu tun hatten.

Die alteingesessenen Taliban hingegen betrachten den lokalen IS-Startup als Konkurrenz in einem Kampf, in dem sie sich auf der Siegerstraße sehen. Seit Ende 2015 haben sie das Territorium, das sie völlig oder überwiegend kontrollierten, um ein Viertel ausgedehnt. Dort leben nach US-Angaben heute 3,7 von etwa 32,1 Millionen Afghanen, also über ein Zehntel. Weitere neun Millionen Afghanen leben in Gebieten, in der sich ihre Kontrolle und die der Regierung in etwa die Waage halten. Im Juni 2015 schickten sie dem IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi im irakischen Mossul sogar einen Brief mit der freundlichen, aber deutlichen Warnung, die IS-Emporkömmlinge würden die Front der gegen die „US-Okkupanten“ kämpfenden „Mudschahedin“ spalten. Schirk, Spaltung, ist im Islam so etwas wie eine Todsünde.

Der Warnung ließen sie Taten folgen. Eine Offensive ihrer Spezialtruppe Sra Qita (Rote Einheit) überlebte nur eine der ersten sechs Daesch-Gruppen. Die Überreste zogen sich zu ihr in die Ostprovinz Nangrahar zurück, wo sie weit hoch in den Bergen ein paar Basen und in einigen Tälern ein Terrorregime errichteten. Wer sich widersetzte, wurde hingerichtet. Davon gepostete Videos verbreiteten unter den Afghanen mehr Schrecken, als die Taleban es noch vermögen. Unter deren Herrschaft richten sich viele Afghanen ein, nachdem diese ihren Kurs gemäßigt haben und nicht mehr generell Schulen und Kliniken schließen, sondern die Regierung für deren Weiterbetrieb zahlen lassen. Beim Daesch gibt es nur eines: völlige Unterwerfung. Das sorgt aber auch dafür, dass sie kaum eine lokale Basis entwickeln können.

Zulauf beschränkt sich auf die gesellschaftliche Randgruppe der Salafisten. Nur in den Ostprovinzen Nangrahar, Kunar und Nuristan existieren solch isolierte Gemeinden, die auf saudische Missionierung Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Sie boten den neuen Gruppen Zuflucht. Zulauf kam von Dissidenten der afghanischen sowie der gesonderten pakistanischen Taliban-Bewegung (siehe Kasten). Auch Mullah Abdul Rauf Chadem, ein Vizemilitärchef der Taliban, war in Guantanamo unter dem Einfluss arabischer Mitgefangener Salafist geworden. (Die Taliban gehören zur sunnitischen Mainstream-Schule der Hanafiten.) Nach seiner Freilassung zu den Taliban zurückgekehrt, duldeten sie Chadem, so lange Daesch noch nicht gab. Doch als er die Flagge wechselte und sich zu dessen Landeschef ernannte, war es damit aus. Westliche Luftschläge töteten ihn und kurz später auch seinen Bruder und Nachfolger im Februar 2015. Es wurde gemunkelt, die Koordinaten stammten von den Taliban.

Zulauf für Daesch kam auch aus der salafistischen Online-Schickeria, die sich in Städten in antiwestlichen Sektoren der Jugend herausgebildet hat. Einige aus dieser Szene sollen tatsächlich die Tastatur mit der Kalaschnikow vertauscht, manche sich sogar nach Syrien und Irak durchgeschlagen haben. Es kann sich aber höchstens um ein paar Dutzend gehandelt haben.

Seit 2015 schlossen sich auch Taliban-Splittergruppen in Nord-Afghanistan dem Daesch an. Dabei sticht Qari Hekmat in der Provinz Dschausdschan hervor, der aus der Taliban-Bewegung geworfen wurde, nachdem er sich geweigert hatte, lokal eingetriebene Zwangssteuern an die Zentrale zu entrichten. Er brachte inzwischen zwei Distrikte der Provinz unter Kontrolle und streckte Fühler in Nachbarprovinzen aus. Nangrahar schickte Mitte 2016 Emissäre, die die Taliban aber abfingen und hinrichten. Seitdem war von Kontaktversuchen nichts mehr zu hören und Hekmat blieb isoliert.

Am Dienstag gab der afghanische Geheimdienst bekannt, dass er in Kabul ein Daesch-Waffenlager ausgehoben habe. Eine ähnliche Erfolgsmeldung gab es schon Anfang Januar, als dort eine Daesch-Zelle ausgehoben wurde. Die kommende Anschlagswelle verhinderte das nicht.

Thomas Ruttig

 

Kasten: Militante Gruppen in Afghanistan [viel kürzer in der taz]

Islamische Bewegung der Taliban

Selbstbezeichnung jetzt „Islamisches Emirat Afghanistan“. Unter diesem Namen Machtübernahme in Kabul 1996, bis zur US-geführten Intervention 2001.

Gründer und erster Anführer Mullah Muhammad Omar starb wohl 2013, Nachfolger Mullah Achtar Muhammad Mansur 2016 durch einem US-Drohnenschlag. Seither steht der Geistliche Maulawi Hebatullah Achunsada an der Spitze.

Stärke nach: mindestens einige Zehntausend, wahrscheinlich mehr; letzte US-Schätzung vom 30.1.18 (hier): 60.000

Vor allem in West-Afghanistan besteht eine Splittergruppe, die sich Oberster Rat des Islamischen Emirats Afghanistan nennen, aber die meisten ihrer Führer sind inzwischen zu den Mainstream-Taleban zurückgekehrt (mehr hier – allerdings kann man das Fragezeichen in der Überschrift inzwischen weglassen).

Die Bewegung der Pakistanischen Taliban (Tehrik-i Taliban-i Pakistan, TTP) entstand als Logistik-Ableger der afghanischen Bewegung, ist aber heute eigenständig und bekämpft Pakistans Regierung.

 

Islamischer Staat Chorasan-Provinz (engl.: ISKP, arab.: Daesch)

Verschiedene Gruppen ohne zentrale Führung. Anfang 2015 erkannte die IS-Rentrale in Raqqa (Syrien) die Gruppe in Nangrahar als nationalen Ableger für Afghanistan und Pakistan an. ISKP verlor 2017 drei Amire (Oberhaupt) durch US-Drohnenschläge. Nachfolgerfrage ungeklärt.

US-Schätzung: 2000 bis 4000 Kämpfer

Autonom agierende Gruppen Dschausdschan, Faryab und Sarepul sowie wohl auch in Sabul. Präsenz in Herat und Ghor nicht bestätigt.

Stärke: wenige Hundert.

 

Islamische Partei Afghanistan (IPA, Hezb-e Islami Afghanistan)

Bis 2017 zweitgrößte Aufstandgruppe in Afghanistan. Nach einem Friedensschluss mit Kabul legten Splittergruppen nicht die Waffen nieder.

 

Al-Qaida

Nach US-Angaben noch einige hundert Aktivisten. Verhältnis v.a. zu Daesch eher gespannt.

 

 

 

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