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Die Zahlen

Die gute Nachricht zuerst: Im Jahr 2017 sind in Afghanistan fast ein Zehntel weniger Zivilisten Opfer des Krieges geworden als im Vorjahr 2016. Das sind etwa 1000 Menschen weniger, die getötet oder verletzt wurden. Das berichtet die UN-Mission für Afghanistan, UNAMA, in ihrem heute veröffentlichten Zivilopfer-Jahresbericht 2017. (UNAMA zählt i.ü. unter „Verletzten“ nur jene, die medizinische Behandlung benötigten.)

Gleichzeitig wurden aber täglich immer noch 29 Zivilisten entweder getötet oder verletzt. Mehr als ein Viertel von ihnen wurden vorsätzlich angegriffen, fast alle von den Aufständischen, die u.a. ziviles Regierungspersonal als „legitime Angriffsziele“ betrachten – im Gegensatz zum Völkerrecht.

Man muss davon ausgehen, dass es eine Dunkelziffer in unbekannter Höhe gibt, da die UNO nur Fälle berichtet, die von drei Quellen unabhängig voneinander berichtet werden.

Die Zahl der von der UNO registrierten und bestätigten zivilen Opfer im vergangenen Jahr beträgt 10453. Davon wurden 3438 getötet und 7015 verletzt. Damit lag diese Zahl zum vierten Mal hintereinander über 10000. (Interessant ist, dass der größte Sprung – von 8638 auf 10535 – im Jahr erfolgte, dem letzten Jahr der ISAF-Mission.) 2016 waren es 11418, davon 3498 Tote und 7920 Verwundete.

Die UNO selbst und viele Medien (etwa AFP hier) sprechen deshalb immer noch von „Rekordzahlen“.

Unter den zivilen Opfern 2017 waren 1224 Frauen (359 getötet und 865 verletzt) und 3179 Kinder (861 getötet und 2318 verletzt). Die Gesamtopferzahl bei den Frauen stieg etwas unter 1 Prozent gegenüber 2016 an, bei den Kindern sank sie um zehn Prozent.

Zum ersten mal gibt es auch eine Aufschlüsselung nach Provinzen (auf S. 67).

42 Prozent der Opfer wurden den Taleban zugeordnet (4385 Tote/1574 Verletzte; -12%), 10 Prozent dem afghanischen Ableger der Islamischen Staats (ISKP/Daesch: 1000/399, +11%), 13 Prozent konnten keiner aufständischen Gruppe genau zugeordnet werden. 16 Prozent entfielen auf die afghanischen Regierungsstreitkräfte, 2 Prozent auf ausländische Streitkräfte und 1 Prozent auf weitere regierungstreue Gruppen („Milizen“). Damit entfielen etwa zwei Drittel aller Zivilopfer auf regierungsfeindliche Kräfte (3 Prozent weniger als 2016).

UNAMA ordnete fast dreimal mehr Zivilopfer (3219) den Taleban zu, als von Vorfällen verursacht wurden, für die die Taleban die Verantwortung übernahmen (179 Angriffe, bei denen 345 Zivilisten getötet und 821 verletzt wurden; insgesamt 1166). 112 Angriffe davon richteten sich nach UNAMA-Einschätzung gegen Regierungsstreitkräfte, während 67 sich gegen Zivilisten richteten.

Weitere 42 Zivilisten wurden durch grenzüberschreitenden Beschuss aus Pakistan in Mitleidenschaft gezogen, davon 16 Tote und 26 Verletzte bei 23 Zwischenfällen, meist im Zuge von Grenzstreitigkeiten an umstrittenen Abschnitten der Durand-Linie, viermal mehr als 2016. (Es ist auch möglich, dass es Opfer von Grenzgefechten auf der pakistanischen Seite gibt, aber das ist nicht Gegenstand des Berichts.)

Seit 2009 hat sich die Gesamtzahl der zivilen Opfer des Afghanistan-Krieges nach UN-Zählung damit auf 80500 erhöht. Davon wurden 28291 getötet und 52366 verletzt. Davor gab es keine Zählungen. Auf der Grundlage der Schätzungen des Cost of War Project der Brown University in den USA liegt allein die Zahl der Kriegstoten seit 2001 auf über 34500.

Quelle: UNAMA

Bewertung

Die gesunkene Zahl der Zivilopfer bedeutet nicht, dass der Krieg in Afghanistan weniger intensiv geworden ist. Den vorliegenden UN-Zahlen zufolge lag die Zahl der Sicherheitsvorfälle noch im November 2017 etwa ein Prozent über der Zahl im Vergleichszeitraum 2016, und im jetzt vorgelegten Zivilopferbericht heißt es, sie sei 2017 insgesamt leicht gesunken. Das heißt, dass die durchschnittliche Zahl der Zivilopfer pro Kampfhandlung gesunken ist.

Positiv ist, dass das vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die afghanischen Streitkräfte weniger Zivilopfer verursachten und offenbar bessere Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen haben. In den letzten Berichten waren sie v.a. wegen Artilleriebeschusses von bewohnten Gebieten kritisiert worden.

Weniger Zivilopfer gab es auch als Ergebnis von Bodenkämpfen (2016: 1773; 2017: 1469). Das könnte damit zusammenhängen, dass die Taleban weniger Bevölkerungszentren angegriffen haben – was wiederum ein Ergebnis der erhöhten Zahl an Luftschlägen sein könnte, die vielerorten größere Konzentrationen von Taleban-Kämpfern verhindern könnten.

Dazu kommt, dass beide Seiten vor bevorstehenden Operationen zunehmend Warnungen an die Zivilbevölkerung geben. In Gebieten, wo die Frontlinien statisch sind, sind Zivilisten meist schon geflohen, so dass weniger von ihnen gefährdet werden. Das hat allerdings zu den zunehmenden Zahlen von Binnenvertriebenen und jenen unter diesen geführt, die nicht mehr an ihre Ursprungsorte zurückkehren.

Allerdings verursachten Bodenkämpfe 2017 noch in 20 der 34 Provinzen Afghanistans die höchste Zahl von zivilen Opfern.

Negativ ist auch, dass dafür die Zahl der Opfer durch Terroranschläge sowie durch Luftangriffe (6 Prozent aller Zivilopfer; Anstieg um 7 Prozent) anstiegen. In 2017 verursachten Luftschläge die höchste jemals gemessene Zahl in einem Jahr (7% höher als 2016). Aber: die Zahl der Luftangriffe stieg deutlich stärker als die Zahl ihrer zivilen Opfer – d.h. statistisch starben weniger Zivilisten pro Luftschlag.

Dabei waren die afghanischen Luftstreitkräfte in 68 Vorfällen für 309 Zivilopfer verantwortlich (99 Tote, 210 Verletzte = 49%); die US-Luftstreitkräfte in 49 Vorfällen für 246 (154/92 = 38%). Die verbleibenden 13 Prozent konnten nicht zugeordnet werden (76 Opfer, 42/34 in 21 Vorfällen. Zivilopfer afghanischen Luftschläge gab es in 25 von 34 Provinzen, mit der größten Zahl in Farjab province. Über die Hälfte der Opfer von US-Luftschlägen wurden in drei Distrikten verzeichnet, Tschahardara in Kundus, Deh Bala in Nangrahar und Sangin in Helmand (keine Daten zu Verteilung über die Provinzen gegeben). UNAMA schreibt: „Luftoperationen betrafen überproportional und zunehmend Frauen und Kinder“ – 62 Prozent der zivilen Opfer von Luftoperationen.

Auch die Zahl der Opfer von Anschlägen und sogenannten komplexen Angriffen der Aufständischen war auf Rekordniveau. 70 Prozent davon entfielen auf Kabul (+17%). Die Zahl der Opfer in der Stadt betrug 1612, davon 440 Tote und 1172 Verletzte. Der größte Angriff dieser Art, am 30. Mai nahe der deutschen Botschaft, verursachte allein ein Drittel aller Kabul Zivilopfer 2017 (583; mindestens 92 Tote und 491 Verletzte).

Die Aufständischen verursachten fast doppelt so viele Opfer durch Selbstmordanschläge und komplexe Angriffe (2295) als bei Bodenkämpfen (1368). Das Missverhältnis war bei ISKP besonders groß, mit 83 zu 17 Prozent; die Gruppe verursachte 2017 18 Prozent mehr an solchen Opfern als im Vorjahr. Bei den Taleban sank die Zahl um 22 Prozent. Über ein Drittel solcher Angriffe durch ISKP richteten sich gegen die schiitische Bevölkerung.

Die um fast ein Viertel gesunkene Anzahl von Terror- und komplexen Angriffen der Taleban widerspricht damit der weitverbreiteten These, dass die verstärkten Luftangriffe auf sie zu einem Zunahme ihrer Terrorangriffe führen.

Durchsuchungsaktionen („night raids“) durch regierungstreue Kräfte verursachten ebenfalls ein zunehmende Zahl von Zivilopfern (123, d.h. 79 Tote und 44 Verletzte; +40%) in 33 Operationen, v.a. in den Provinzen Nangrahar und Kandahar. Die meisten Zivilopfer hierbei wurden vom afghanischen Geheimdienst (NDS) verursacht (86, davon 61 Tote und 25 Verletzte in 23 Vorfällen). Die NDS-Spezialkräfte, die oft zusammen mit US-Spezialkräften operieren, so UNAMA, “scheinen [dabei] außerhalb der regulären NDS-Befehlskette zu operieren, was in einem Mangel deutlicher Aufsicht und Verantwortlichkeit resultiert.” Auch außerhalb afghanischer Befehlsketten operierende bewaffnete Gruppen (meist in Partnerschaft mit der CIA) wie die Khost Protection Force verursachten zivile Opfer.

Insgesamt gibt es ein neues Muster bei den Ursachen von Zivilopfern. Aber das an sich erfreuliche Sinken der Zahl von Zivilopfern kann noch nicht als Trend bezeichnet werden – dafür muss man mehr als ein Jahr sehen.

Taleban-Reaktionen

Sehr interessant an diesem Bericht ist, dass die UN sich darin erstmals mit den Taleban-Anschuldigungen an die Adresse der US- und Regierungstruppen befasst (siehe Anhang zum Bericht, S. 69). Das soll offenbar Anschuldigungen der Taleban entgegentreten, dass man einseitig berichte.

Demzufolge beschuldigten 2017 die Taleban Regierungskräfte in 276 Fällen, „Kriegsverbrechen“ begangen zu haben. 181 davon habe UNAMA bereits vor den entsprechenden Statements der Taleban registriert und 44 danach. (Die Gesamtzahl der Zivilopfer dabei wird nicht angegeben.) Zwei Fälle der 44 seien anderen regierungsfeindlichen Gruppen zugeordnet worden. 51 Fälle konnten von UNAMA nicht bestätigt werden. In sechs der letzten Fälle hätte sich ergeben, dass es keine Zivilopfer gegeben habe.

Im Anhang zu dem Bericht findet sich – neben einer der US/NATO-geführten Operation Resolute Support (die der afghanischen Regierung fehlte noch) – auch eine erste Stellungnahme der Taleban. Darin bedanken sie sich zunächst, dass UNAMA ihnen den Bericht vorab zur Verfügung gestellt hat (auch verschiedenen Medien und Think Tanks wie AAN), weisen den Bericht als ganzen wegen seiner „nicht akzeptablen Zahlenangaben“ aber zurück. In dem nicht unterzeichneten, aber in Namen des „Islamischen Emirats Afghanistan“ verfassten Dokument heißt es:

Das Islamische Emirat führt keine unterschiedlosen Angriffe durch und zielt nicht auf Zivilisten, humanitäre Arbeiter, religiöse Orte und Kultureinrichtungen, sondern schützt diese. Ebenso, verwenden die Mudschahedin [Bezeichnung für die Taleban-Kämpfer] […] keine zivilen Gebiete für Angriffe, zielen nicht auf zivile Orte und versuchen immer, Operationen fernab von zivilen Gebieten auszuführen.

Der Bericht als solcher sei nicht besser als in den Vorjahren und weiter parteiisch „zugunsten der Amerikaner und der Kabuler Administration“. Zudem würden die afghanischen Regierungskräfte [einseitig] für Maßnahmen zur Vermeidung ziviler Opfer gewürdigt. Die Mudschahedin hätten mehrmals Operationen gestoppt, um zivile Opfer zu minimieren und dafür selber Opfer in Kauf genommen. UNAMA würde auch nicht zwischen „zivilen und nicht-zivilen Mudschahedin“ unterscheiden. Auch Taleban, die in deren Administration arbeiteten, würden als Taleban und nicht als zivile Opfer gezählt. Man wirft UNAMA auch vor, keine Möglichkeit zu haben, viele Orte von Vorfällen zu erreichen und diese zu untersuchen – „im Gegensatz zur Beschwerde- und Zivilopferverhinderungskommission des islamischen Emirats“. Kämpfer, die keine Vorkehr zum Schutz von Zivilisten getroffen hätten, würden vor ein Militärgericht gestellt und nach der Scharia bestraft. (Solche Fälle sind bisher aber nicht öffentlich bekannt geworden.)

Allerdings begrüße man Empfehlungen des Berichts und wolle sich nach diesen richten. 

 

Eine kurze Stellungnahme zu dem Bericht per Video von mir auf tagesschau 24 kann man hier ansehen.

 

Und was heute in Afghanistan noch so passierte:

  • der 29. Jahrestag des Abzugs der letzten sowjetischen Truppen wurde begangen

Sowjetische Hinterlassenschaft auf dem Flughafen von Kundus. Foto: Thomas Ruttig (2005)

  • aus diesen Anlass erklärte der Ex-„Amir“ von Herat und ex-Minister unter Karsai, Ismail Khan, in seiner Heimatstadt, dass er seinen Ex-Gouverneurskollegen von Balch, Atta Muhammad Nur, unterstütze, und dessen Mobilisierung für Proteste in Kabul zum Monatsende unterstützen werde – diesen Protesten sehen viele hier mit Unbehagen entgegen
  • ein neuer Bericht von Save The Children sagt, dass über die Hälfte der afghanischen Kinder vom andauernden Konflikt bedroht wird und Afghanistan das zweitgefährlichste Land für Kinder weltweit ist
  • das Consulting-Institut Samuel Hall fand heraus, dass jede fünfte IDP-Familie in Afghanistan für ihr Überleben auf Kinderarbeit angewiesen ist
  • ein Bericht der Economist Intelligence Unit (der Forschungseinrichtung der Zeitschrift) ordnet Afghanistan wieder – wie schon in jedem Jahr seit 2006, als diese Untersuchung begann – als „undemokratisch“ ein (siehe hier)
  • die Deutsche Welle berichtete von hohen Kriminalitätsraten in Dschalalabad, wo die Einwohner mehr Angst davor als vor Terroranschlägen hätten; nach Berichten von Kollegen ist die Kriminalitätsrate auch in Kabul (trotz Erfolgsberichten der Regierung) und Herat weiterhin hoch: Entführungen, Morde, Autodiebstahl…

 

Und gestern auf Afghanistan Zhaghdablai: Bis auf weiteres geschlossen“: Deutsche Einrichtungen in Kabul.

 

 

 

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