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Heute eine kurze Zusammenfassung eines so großen Themas, dass sie eigentlich in allen Medien Spitzenmeldung sein müsste. Aber Sie können ja mal nachsehen, wo das gelaufen ist.

Zu den gerade – vor wenigen Minuten – stattgefundenen Anschlägen in Kabul (sechs Explosionen in zwei Stadtteilen, Dascht-e Bartschi und Schahr-e Nau) mehr, wenn wir mehr wissen.

Der heutige Anschlag in Kabul (9.5.18) Fotos: Twitter.

 

Also:

Die Armutsrate in Afghanistan liegt nun bei 54,5 Prozent. Das geht aus einem neuen Bericht des afghanischen Statistikamtes (Afghanistan Living Conditions Survey (ALCS) – hier) hervor, der in Zusammenarbeit mit der EU, Weltbank und dem afghanischen Wirtschaftsministerium erarbeitet und am 2. Mai veröffentlicht wurde. Der letzte verfügbare Wert – von 2011/12 – lag bei 38,3 Prozent.

Das heißt mehr als jeder zweite Afghane/Afghanin lebt unter der Armutsgrenze. Und das heißt, dass jeder Mensch ein US-Dollar pro Tag zur Verfügung hat. (1)

Über den gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Afghanen, die in „Nahrungsmittelunsicherheit“ leben (früher Hunger genannt), von 30,1 auf 44,6 Prozent. Das bedeute, so der Bericht, dass „mehr Menschen gezwungen sind, ihr Land zu verkaufen, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen um zu arbeiten oder von Nahrungsmittelhilfe abhängig sind“.

Der Bericht war im übrigen schon länger fertig, aber die afghanische Regierung sprich Präsident Aschraf Ghani – überlegte noch, ob er wirklich veröffentlicht werden sollte.

Die Rate von 55% liegt mehr als drei Prozent über der Rate unmittelbar nach dem Sturz der Taleban von 51,4 Prozent (2003). Das war, nachdem die Politik ihres Regimes, aber auch das Fehlen von Entwicklungsgeldern (nur humanitäre Nothilfe war möglich) zu einer Verarmung des Landes geführt hatte. 2003 waren noch nicht so viele Mittel nach Afghanistan geflossen, als dass es sich bereits deutlich positiv auf diese Rate niedergeschlagen hatte. (Wir bei AAN haben bisher auch noch keine Zahlen für 20001 oder 2002 gefunden.)

2011/12 stand die Rate bei 35,8 Prozent (mehr Zahlen hier). Interessanterweise war das auch das Jahr mit den bisher höchsten Entwicklungszahlungen an Afghanistan, sowie nach dem Ende des sogenannten Stabilisierungsparadigmas, d.h. dass solche Gelder v.a. zur Stabilisierung in Taleban-beeinflussten Gebieten flossen, und zwar der Löwenanteil über das Militär (ja nicht gerade ein erfahrener Entwicklungsakteur). Seither waren diese Zahlungen, parallel zum westlichen Truppenrückzug, stark zurückgegangen. Einem neuen Bericht von Oxfam und des Schwedischen Afghanistan-Komitees zufolge erhielt  Afghanistan 2011 6,867 Mrd US-Dollar und nur noch 4,239 Mrd 2015. Die Weltbank schätzt, dass der Jahresdurchschnitt von zur Verfügung stehender Hilfe von 8,8 Mrd US-Dollar von 2009 bis 2012 auf 8,8 Mrd US-Dollar fiel. (Hier sind offenbar auch andere Zahlungen einbegriffen, wahrscheinlich für Zwecke wie Reform der Sicherheitskräfte, die traditionell nicht als Entwicklungszusammenarbeit gezählt wurden, inzwischen aber auf Druck der Geber schon. Zahlen zu Afghanistan sind ohnehin oft widersprüchlich, selbst bei einzelnen Quellen wie der Weltbank.)

Dadurch war auch das afghanische Wirtschaftswachstum stark gefallen, und zwar auf einen Wert unter dem Bevölkerungswachstum.

 

Im übrigen schrieb der Weltbankdirektor für Afghanistan, Shubham Chaudhuri (hier), diese neuen Zahlen seien „kein Grund zur Verzweiflung, sondern ein Aufruf zu Taten.“ Das kann nur jemand sagen, der die Lebenssituation der 55 Prozent Armen in Afghanistan nicht kennt, denn die ist wirklich zum Verzweifeln.

Präsident Ghani nannte diese Zahl eine „Schande“ (hier). Stimmt, es ist eine Schande für ihn – denn er ist ja nicht nur seit 2014 Präsident dieses Landes, sondern war auch vorher schon ein Schlüsselmitglied der Regierung. Ihm ist es nicht gelungen, die endemische Korruption auch nur ansatzweise einzudämmen.

Teil seiner Schande ist es auch, dass er jetzt wieder ein massives Arbeitsbeschaffungsprogramm ankündigte. Wie Reuters meldete, erklärte Ghani ein paar Tage früher, seine Regierung habe das zu einer ihrer Prioritäten gemacht und wolle innerhalb dreier Jahre 2,1 Millionen Arbeitsplätze schaffe. Allerdings hatte er diese Prioriät auch bereits gleich nach seiner Amtsübernahme 2014 verkündet, ohne dass sich bisher sichtbares getan hatte. Zudem müssen im nächsten Jahr Präsidentenwahlen stattfinden, so dass unklar ist, ob das danach überhaupt noch sein Job sein wird.

Es ist aber auch eine Schande für die Geberländer, die es nicht geschafft haben, trotz Milliardenausgaben zu verhindern, dass Afghanistan wieder auf Taleban-Standard gesunken ist.

 

(1) Genauer gesagt liegt die Armutsgrenze eines Landes bei der nationalen Norm, die beschreibt, wie viel ein Mensch aufwenden muss, um seine Grundbedürfnisse zu stillen, einschließlich einer Nahrungsmenge, die 2,100 Kilokalorien am Tag entspricht, dazu Kosten für Unterkunft, Kleidung, Bildung und Transport. 2016-17 lag die afghanische Armutsgrenze bei 2064 Afghani pro Person und Monat, etwa ein US-Dollar pro Tag.

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