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Hier ein Versuch zusammenzufassen, was gestern (am 9.5.18) in Kabul passierte. Die Basis dafür sind v.a. afghanische Medienberichte sowie Informationen von Kollegen, die wiederum mit Augenzeugen sprachen und Freunde und Familienangehörige nahe der Anschlagsorte hatten. Ich selbst war mehr Ohren- als Augenzeuge der Anschläge.

Nach einer der Bombendetonationen in Kabul am 9.5.18 Foto: Etelaat-e Ruz

Einige deutschsprachige Afghanen beklagten in sozialen Medien, dass diese Vorfälle wenig Echo in unseren Medien fanden. Ich bin nicht sicher: Immerhin berichteten die Nachrichtenagenturen dpa und AFP, die ARD-Tagesschau und das ZDF, Spiegel online, auch eine Reihe von Zeitungen griffen das auf; in Österreich berichtete der Standard und das ORF, in der Schweiz die Neue Zürcher. Allerdings hat außer der dpa kein deutschen Medium – und zwar schon seit langem – keinen eigenen Korrespondenten mehr im Land, was die Berichterstattung zu Afghanistan allgemein einschränkt.

Dass nicht größer damit aufgemacht wurde, könnte daran liegen, dass die Opferzahlen nicht hoch waren, daran – was einige auf den „sozialen Medien“ äußerten – keine westliche Botschaft in der Nähe der Ziele war, dass die hiesigen Journalisten nach dem letzten Anschlag, bei dem ein Attentäter, der sich selbst als Reporter ausgab, sich mitten unter Kollegen in die Luft sprengte, die nach einer ersten Bombe an den Anschlagsort gekommen waren (neun tote Journalisten) – und, in Deutschland, ganz simpel, heute Himmelfahrt ist und Redaktionen gestern auf Schmalspur fuhren.

Was geschah gestern?

Trotz der vergleichsweise geringen Opferzahl – was schon fast erstaunlich ist, aber erklärt werden kann (weiter unten) –  war es möglicherweise die intensivste Serie von Anschlägen an einem Tag, die Kabul bisher erlebt hat. Insofern war es durchaus berichtenswert, aber die Tragweite solcher Anschläge, die aus der Ferne irgendwie immer gleich aussehen, erschließt sich wohl wirklich nur unmittelbar vor Ort.

Es handelte sich offenbar um zwei Gruppen von Selbstmordattentätern, von denen einige die erste Angriffswelle überlebten oder für eine zweite Welle sich zurückgehalten hatten oder Angst bekommen und sich nicht in Luft gesprengt hatten. Die Angriffe begannen kurz vor 12 Uhr mittags, und dauerten bis in den späten Nachmittag an.

Offenbar waren alle Täter zu Fuß unterwegs. Erste Berichte, eine oder zwei der Explosionen seien durch Autobomben ausgelöst worden, bewahrheiteten sich nicht.

Bis zum Abend zählten wir mindestens zehn Detonationen: vier wurden aus dem Westkabuler schiitischen Viertel Dascht-e Bartschi gemeldet (die hörten wir nicht); die ersten zwei größeren Detonationen, die sich in Minutenabstand in der Kabuler Neustadt (Schahr-e Nau) ein paar Ecken der Hadschi-Yaqub-Moschee ereigneten, hörten wir deutlich und sahen die aufsteigende Rauch- und Staubsäule. Am frühen Nachmittags gab es zwei weitere Detonationen, und dann nochmal zwei einzelne, als die Polizei nach und nach sich in der Gegend verbergende Attentäter bekämpfte (wohl drei weitere, die wohl alle Sprengstoffwesten trugen). Mindestens zwei von ihnen hatten sich in Geschäften und anderen Gebäuden verschanzt und lieferten sich Schießereien mit der Polizei. Am Nachmittag gegen 17 Uhr Ortszeit waren immer noch zwei von ihnen am Leben, alle Straßen in dem Gebiet waren abgesperrt und die Polizei versuchte, sich zu ihnen vorzuarbeiten. Bei einer weiteren Explosion am Abend soll es sich um die Sprengung von Überresten der Ausrüstung der Angreifer gehandelt haben.

Mindestens zwei der Angreifer in Dascht-e Bartschi hatten offenbar Angst bekommen, sich nicht in Luft gesprengt und waren geflohen, dann aber gestellt und erschossen worden, wobei ihre Sprengstoffwesten ebenfalls in die Luft gingen, ob selbstausgelöst oder durch die Schüsse ist unklar.

Die Angriffsziele waren in beiden Fällen Polizeistationen, d.h. die Kommandanturen der Polizeibezirke 10 (Neustadt) und 13 (Dascht-e Bartschi). In Dascht-e Bartschi konnten die Angreifer in die Polizeistation eindringen, offenbar aus zwei direkt daneben liegenden Gebäuden, eines eine Schule (die zu diesem Zeitpunkt leer war) – sie sprengten eine der Wände der Schule. Die Polizeistation stand dann den Nachmittag über in Flammen. (Dieser Bericht enthält ein kurzes Video.)

In der Neustadt wurden die Angreifer schon an einem vorgelagerten Polizeiposten aufgehalten, zwei sprengten sich in die Luft, ein dritter wurde offenbar erschossen und sprengte sich evtl ebenfalls noch vorher noch in die Luft. Hier gab es auch Spekulationen, dass ein nahegelegenes Reisebüro, das v.a. Visa für Indien ausstellt, das eigentlich Ziel gewesen sein könnte. Zudem liegt gegenüber ein Bankgebäude.

Insgesamt kamen bei den Explosionen eine Passantin in der Neustadt ums Leben, sowie sechs Polizisten und zwei Kommandos ums Leben, außerdem die Angreifer selbst. 16 Menschen sollen verletzt worden sein.

Eine mögliche Erklärung für die vergleichsweise geringe Opferzahl ist, dass die Sprengsätze offenbar vergleichsweise klein waren (jedenfalls im Vergleich mit einigen der letzten Anschläge) und im Freien detonierten, da die Angreifer nicht ihre vermuteten Ziele erreicht hatten. Zudem reagierten Polizisten vor Ort offenbar recht schnell auf den ersten Angriff.


Schulkinder fliehen den Anschlag gestern in Kabul. Foto: Twitter.

Wer steckt hinter den Anschlägen?

Darüber, wer die Hintermänner der Anschläge waren, herrscht Verwirrung. Erst hieß es, der Islamische Staat (sein örtlicher Ableger ISKP) habe sich zu beiden Angriffen bekannt; später, die Taleban hätten die Verantwortung für die Attacke in der Neustadt übernommen, jedoch ausdrücklich nicht für die im schiitischen Dascht-e Bartschi. Die Taleban wollen die starke, gut organisierte schiitische Minderheit nicht gegen sich aufbringen; ISKP einen Gegenschlag und dann eine Gewaltspirale auslösen. Beide Organisationen greifen die Vorbereitungen für die am 20. Oktober geplanten Parlaments- und Distriktratswahlen an.

Der afghanische Geheimdienst ist überzeugt, das zu den Taleban gehörende Haqqani-Netzwerk – das oft autonom agiert, auch weil es eng mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI zusammenarbeitet – in Zusammenarbeit mit der sektiererischen pakistanischen Organisation Laschkar-e Taiba (die auch in Afghanistan operiert) sei für die Anschläge verantwortlich. Es wird argumentiert, ISKP verfüge nicht über die Logistik für die vielen Anschläge, die ihm zugeschrieben werden. In der Tat scheint die ISKP-Zentrale, die sich in ein paar entlegenen Gegenden der Provinzen Nangrahar und Kunar festgesetzt hat, aber sonst isoliert ist, zu schwach dafür zu sein. Aber es scheint auch ISKP-Untergrundzellen in Kabul zu geben, deren Verbindung zu ISKP-Nangrahar nicht klar ist.

Den Taleban komme entgegen, heißt es weiter, dass sich ISKP oft zu Anschlägen bekennt, die die Gruppe gar nicht begangen habe. Es kann im Moment nur festgestellt werden, dass es immer schwieriger wird, die eigentlichen Verursacher von Anschlägen zweifelsfrei festzustellen.

Die afghanische Nachrichtenseite TiloNews berichtet heute von „tiefer Stille“ über Kabul. Viele Kabuler mieden Schahr-e Nau, andere wurden zitiert, dass sie ja keine Wahl hätten, als trotzdem arbeiten zu gehen. In unserem Stadtviertel, nicht weit von der Schahr-e Nau gelegen, kann man allerdings nicht von Stille sprechen, wenn auch etwas weniger Aktivität zu herrschen scheint als sonst. Allerdings ist auch Donnerstag, und die Behörden haben heute sowieso geschlossen.

Was aber gestern ganz deutlich klar wurde, ist, wie geschockt und tief getroffen viele Kabulis waren. Die Stimmung war nach den ersten Explosionen sofort auf dem Nullpunkt. Alle Kollegen begannen sofort, Familie und Freunde anzurufen, um sich zu vergewissern, dass niemand zu Schaden gekommen war. Auch wenn mir am Abend ein Bekannter sagte, der fünf Fahrminuten von einem Anschlagsort entfernt mit Freunden im Auto gesessen hatte, sie hätten kurz aufgemerkt und seien weiter gefahren – eine Gewöhnung, wie oft gesagt wird, ist das nicht: Es gibt einfach keinen anderen Weg als weiterzumachen. Man kann diese Reaktion noch nicht einmal trotzig nennen (auch wenn es auch solche Reaktionen gibt); auch das wäre eine nicht zutreffende, heroisierende Verallgemeinerung.