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Seit längerem versuche ich ja schon, bei Anschlägen in Kabul immer wieder darauf hinzuweisen, dass sich gleichzeitig – aber deutlich weniger berichtet – das meiste Kampfgeschehen – im Gegensatz zu Anschlägen – in den Provinzen abspielt.

Teil 1 hier

Die ARD-Tagesschau hatte vor einer knappen Woche schon mal angefangen. Hier ihre Zusammenstellung jüngster Anschläge und Angriffe in Afghanistan bis dahin (dahinter geht es mit neueren Meldungen weiter):

Szenerie nach dem Anschlag auf ein Wählerregistrierungszentrum in einem Moschee in Chost. Foto. Pajhwok

 

Viele Tote bei Anschlägen in Afghanistan

Stand: 06.05.2018 18:09 Uhr

In Afghanistan sind am Wochenende zahlreiche Anschläge verübt worden. Bei einer Bombenexplosion in einer Moschee starben viele Menschen, die sich für die Wahl im Oktober registrieren lassen wollten.

Bei einer schweren Explosion in einem Zentrum zur Wählerregistrierung in Ostafghanistan sind mindestens 17 Menschen getötet worden. Mehr als 30 weitere Personen seien bei dem mutmaßlichen Anschlag verletzt worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Die Explosion ereignete sich in einer Moschee in der Stadt Khost nahe der Grenze zu Pakistan.

(…) Die Zahl der Angriffe und Entführungen in Afghanistan hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden in den ersten drei Monaten des Jahres 763 Zivilisten getötet und 1495 schwer verwundet. 75 Tote und 192 Verletzte gab es durch die Explosion improvisierter Bomben. Bei Selbstmordanschlägen starben 236 Zivilisten und 515 weitere wurden verletzt.

Nahezu zeitgleich zur Explosion in Khost verschleppten Taliban-Kämpfer im Norden des Landes sieben indische Elektriker und mehrere ihrer afghanischen Kollegen. Die Elektriker seien im Bezirk Dand-e Ghori auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als ihr Fahrzeug von Männern des Taliban-Befehlshabers Mullah Shahin gestoppt worden sei, teilte die Polizei mit.

 

[Nachtrag:

Der wohl infamste – versuchte – Anschlag der letzten Zeit, wenn man in dieser nicht endenden Serie von sinnloser Gewalt überhaupt einen Vergleich anstellen kann, ereignete sich am 7. Mai. An diesem Tag näherte sich ein junger Mann mit einer Sprengstoffweste einer Gruppe junger Leute, die im Park-e Schahr-Nau (Neustadtpark) von Kabul ein Zelt aufgebaut hatten, um Blutspenden für die Opfer des vorhergehenden Anschlags zu sammeln. Er war von Polizisten entdeckt und verfolgt worden und sprengte sich dann in die Luft, ohne  irgendjemand anderen zu verletzen.]

Schahr-e Nau-Park in Kabul. Foto: Wikimapia

 

Am folgenden Tag gaben der afghanische Verteidigungsminister Tariq Schah Bahrami, Innenminister Wais Ahmad Barmak und Geheimdienstchef Massum Stanaksai vor der Wolesi Dschirga, dem Unterhaus des Parlaments bekannt (siehe hier), dass sie 216 der 407 afghanischen Distrikte – also mehr als die Hälfte – als akut „unsicher“ einstufen. Seit dem 29. April, dem Beginn ihrer diesjährigen Militärkampagne namens al-Chandaq (oft falsch als „Frühjahrsoffensive“ bezeichnet), hätten die Taliban 890 Angriffe „in 15 Distrikten“ [wahrscheinlich Provinzen] ausgeführt und 1744 Angriffe seien abgewehrt worden. In der gleichen Zeit hätten die Regierungskräfte 17000 Angriffe ausgeführt, „darunter Luftschläge, Bodenangriffe und andere“.

Die Minister nannten auch Zahlen für Kriegsopfer: demzufolge seien allein in den letzten acht Tagen(!) bei Kämpfen in 216 Distrikten 2,100 Menschen getötet oder verletzt worden: 63/129 Zivilisten, 215/393 Angehörige der Sicherheitskräfte und 799/499 Aufständische. (Hier zum Vergleich neue Zahlen von nichtstaatlicher Stelle.)

 

Im folgenden Berichte aus den letzten zwei Wochen nut aus öffentlichen Quellen:

  • Am 25. April starteten die Taleban größere Angriffe auf Polizeiposten in drei Distrikten der Provinz Parwan, Schinwari, Siagerd und Scheich Ali (siehe hier)
  • Am 26. April wurden der Vizegouverneur der Provinz Logar bei einem Taleban-Überfall getötet (siehe hier)
  • Am gleichen Tag wurden sechs Soldaten bei einem Selbstmordangriff auf eine Armeebasis im Distrikt Nadali in Helmand getötet (siehe hier)
  • Am 28. April berichteten Mitglieder des Provinzrates Farah, dass sich dort drei Distrikte vollständig unter Taleban-Kontrolle befänden: Bakwa, Khak-e Safid und Gulestan (siehe hier); AAN hörte aus örtlichen Quellen, dass die Regierung in keinem der Distrikte dort mehr als den unmittelbaren Umkreis „zwei Kilometer“ derDistriktzentren kontrolliere
  • Am gleichen Tag nahmen die Taleban Aqtepe, das Distriktzentrum von Qala-je Sal in Kundus ein, nicht zum ersten Mal (siehe hier); fast 1000 Familien flüchteten (siehe hier)
  • Am 29. April überlebte der Polizeichef des Distrikts Schadschui in Sabul einen Bombenanschlag (siehe hier)
  • Am 1. Mai wurde aus Paktika gemeldet, dass dort nach Drohungen der Taleban mehrere Schulen geschlossen seien, die auch als Wählerregistrierungszentren genutzt werden sollten – die örtliche Bevölkerung bat, die Zentren aus den Schulen zu verlegen (siehe hier); ähnliche Berichte kamen aus mehreren anderen Provinzen
  • Am 4. Mai nahmen die Taleban das Distriktzentrum von Kohestan in der Provinz Badachschan ein (siehe hier), allerdings wurden sie nach 72 Stunden durch Spezialeinheiten wieder vertrieben
  • Am 5. Mai scheiterte ein Selbstmordanschlag auf den berüchtigten Polizeichef von Kandahar, General Raseq; zwei Polizisten wurden getötet (siehe hier)
  • Am gleichen Tag wurde der Distriktgouverneur von Ahmadabad in Paktia bei einem Bombenanschlag verwundet und zwei seiner Begleiter getötet (siehe hier)
  • Am gleichen Tag wurde gemeldet, dass Kämpfe die Straße zwischen den Provinzen Ghasni und Paktika blockieren (siehe hier)
  • Am gleichen Tag töteten die Taleban vier Mitglieder örtlicher Milizen im Distrikt Teschkan in Badachschan (siehe hier); dort nahmen sie in den nächsten Tagen mehrere Polizeiposten ein, wurden dann aber zurückgedrängt
  • Am 7. Mai sprengten die Taleban in der Provinzhauptstadt von Logar, Pul-e Alam, eine Schule in einer Flüchtlingssiedlung in die Luft, die als Wählerregistrierungszentren genutzt wurde (siehe hier)
  • Am gleichen Tag berichtete die New York Times aus der großen Provinzhauptstadt Ghasni, dass es eine „Stadt im Belagerungszustand“ sei, nicht nur die meisten Zufahrtsstraßen kontrollierten, sondern in der Stadt regelmäßig Polizeistationen angriffen, Staatsbedienstete umbrächten, die ungehindert Steuern eintrieben – selbst „direkt außerhalb des Gouverneurssitzes“ –, und sich in einigen Stadtvierteln offen niedergelassen hätten; viele Menschen dort befürchteten, die Stadt stehe kurz vor einer Übernahme durch die Taleban
  • Am 8. Mai nahmen die Taleban das Distriktzentrum von Tala wa Barfak in Baghlan ein, ebenfalls zum wiederholten Male, so dass ihnen nun (mit anderen von ihnen kontrollierten Distrikten) ein Nord-Süd-Korridor von Kundus bis fast nach Kabul offenstehe, über den sie, ohne die Hautstraßen zu benutzen, Kämpfer und Material bewegen können (siehe hier)
  • In Baghlan haben die Taleban vor mehreren Wochen auch einen Strommast gesprengt, so dass seither die Stromversorgung in Kabul wieder zeitweilig unterbrochen ist (vor allem am Tage)
  • Am gleichen Tag nahmen sie auch das Distriktzentrum von Belcheragh ein und töteten etwa 30 Polizisten (siehe hier); am 10. Mai eroberte die Armee es zurück
  • Am gleichen Tag wurde gemeldet, dass in der Provinz Urusgan aus Sicherheitsgründen nur 12 von 65 Wählerregistrierungszentren geöffnet seien (siehe hier); AAN hörte, dass die Taleban dort de facto alle Distrikte kontrollierten und unmittelbar außerhalb der (nicht sehr großen) Hauptstadt Tirinkot stünden
  • Am gleichen Tag wurde in der Provinz Sarepul bei einem Taleban-Überfall ein Polizist erschossen und zwei Zivilisten verletzt (siehe hier)
  • Am gleichen Tag wurden nach unbestätigten Berichten auch Zivilisten bei einem US-Luftschlag auf eine Gruppe Taleban auf Motorrädern im Distrikt Paschtun Kot in Farjab getötet
  • Am 9. Mai wurde von Voice of America gemeldet, dass im Distrikt Ab Qamari bei einem Luftschlag – nicht klar ob US- oder afghanische Streitkräfte – irrtümlich sechs Polizisten getötet worden sind

Weitere Kämpfe (nicht identisch mit Liste oben) im gleichen Zeitraum wurden aus folgenden Provinzen gemeldet: Nangrahar, Kunar, Laghman, Ghor, Nuristan, Herat, Balkh, Sarepul, Farah, Farjab, Baghlan, Kapisa, und Kundus.

[Nachtrag 13.5.18: Am 12.5. meldeten das afghanische Innen- und das Verteidigungsministerium schwere Kämpfe aus zehn Provinzen mit Verlusten auf beiden Seiten. Genannt wurden die Provinzen Ghor, Badghis und Farah, wo insgesamt 30 Regierungssoldaten getötet worden seien. Bei Kämpfen um das von Taleban eroberte Distriktzentrum Tala wa Barfak in Baghlan hätten die Regierungstruppen sechs Tote und fünf Verwundete gemeldet. Einer afghanischen Nachrichtenagentur zufolge verlor die Polizei bei Taleban-Angriffen im Distrikt Arghandab in Zabul 22 Mann. Die türkische Agentur Anadolu nannte – offenbar aus der gleichen Quelle – auch die Provinzen Ghasni, Paktika, Nangrahar und Badachschan. Insgesamt seien auch 100 Taleban und IS-Kämpfer getötet worden, 45 davon in Farah, wo sie versucht hätten, die Provinzhauptstadt einzunehmen.]

Nach dem jüngsten Bericht des US-Sonderinspekteurs für Afghanistan (SIGAR, hier) kontrolliert die afghanische Regierung 56% der 407 Distrikte, die Aufständischen 14%, 29% sind „umstritten“ (Stand: Januar 2018).

 

Außerdem hat gestern die UNO einen Bericht über wahlrelevante Gewalt veröffentlicht.  Demzufolge ereigneten sich seit Beginn der Wählerregistrierung am 14. April 23 solcher Zwischenfälle mit 271 zivilen Opfern (86 Tote und 185 Verletzte), die meisten von ihnen Frauen und Kinder; 26 Zivilisten wurden entführt.

Hier der gesamte UN-Bericht.

Hier mein vorheriger Bericht zur Sicherheitslage Ende April in der taz.

 

 

 

 

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