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Der folgende Artikel von mir erschien heute in der taz – hier auch online. Unter eine etwas längere Variante [mit Ergänzungen].

Kämpfe in Farah (wahrscheinlich von den Taleban erbeuteter Humvee). Foto: Tolo

 

Schlacht um Farah

Die Taliban stehen vor ihrem größten militärischen Erfolg seit dem Fall von Kundus

Es ist die wichtigste Schlacht im afghanischen Krieg seit dem Spätsommer 2015, und sie hatte sich angekündigt. Kurz nach Mitternacht drangen gestern Taliban-Kämpfer aus mehreren Richtungen ins Zentrum der westafghanischen Provinzhauptstadt Farah vor und griffen die örtlichen Sicherheitsbehörden sowie das Gefängnis an. Dabei setzten sie von der Regierungsarmee erbeutete gepanzerte amerikanische Humvees und Selbstmordkommandos ein. Die Stadt nahe der Grenze zu Iran stand am Rande des Falls. Am Vormittag brannte die Zentrale des Geheimdiensts, aber dessen paramilitärische Einheiten hielten sich bei Redaktionsschluss noch.

[Fotos in den sozialen Medien zeigten Taleban-Kämpfer am zentralen Kreisverkehr der Stadt. Bis zum Abend sollen die Taleban aber teilweise zurückgedrängt worden sein.]

Provinzgouverneur Baser Salangi war nach afghanischen Medienberichten bereits tags zuvor aus der Stadt geflohen. Viele Einwohner taten es ihm gleich. Afghanische Medien verbreiteten Fotos menschenleerer Straßen. Verlässliche Zahlen von Verlusten lagen noch nicht vor.

Die Regierung setzte noch gestern Verstärkungen in Marsch, darunter Kommandoeinheiten [aus Herat und Kandahar, die auch bereits eingesetzt wurden], und verbreitete Durchhalteparolen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, „bis zum Abend“ würde die Situation in Farah „wieder gut“ sein. Kampfhubschrauber der Regierungsarmee flogen Luftangriffe.

Sollten die Taliban Farah in der gleichnamigen Provinz übernehmen oder sich dort festsetzen, wäre das ihr größer Sieg seit der zeitweiligen Übernahme der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kundus im September 2015 und nochmals im Oktober 2016. Kundus war mehrere Jahre lang Hauptstationierungsort der Bundeswehr in Afghanistan.

Die Taliban kontrollieren schon seit Jahren weite Teile Farahs, darunter [mindestens] drei von 11 Distrikten [, Bakwa, Khak-e Safid und Gulestan – wahrscheinlich auch Anar Dara, das ihnen im März in die Hände gefallen war, siehe hier]. In den anderen Distrikten können Regierungsvertreter sich nicht mehr außerhalb der Verwaltungszentren bewegen. [Am 11. Mai überrannten Taleban einen Polizeiposten im Distrikt Bala Boluk und töteten mindestens 35 Polizisten – siehe hier.]

Farah-Stadt stand bereits im vorigen Jahr sowie im Februar mehrmals kurz vor dem Fall. Damals setzten sich die Taliban auch in Vororten fest, von wo sie nun attackierten.

Eine ähnliche Situation herrscht laut Kabuler Verteidigungsministerium in 212 aller 407 Distrikte. Provinzstädte wie Pul-e Chumri, Sarepul und Maimana im Norden und Laschkargah im Süden stehen unter akutem Druck. In Ghasni im Südosten beherrschen die Taliban mindestens ein Stadtviertel, ihre Kämpfer patrouillieren dort bewaffnet durch die Straßen und greifen immer wieder Polizeiposten im übrigen Stadtgebiet an.

Zudem attackieren die Taliban systematisch Registrierungszentren für die im Oktober geplanten Parlamentswahlen an. Seit Kampagnebeginn am 14. April bis zum 10. Mai registrierte die UNO 23 solcher Zwischenfälle mit 271 zivilen Opfern, davon 86 Tote und 185 Verletzte, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, sowie 26 Entführte. Die taz erfuhr von Augenzeugen, dass Taleban Ende voriger Woche im Distrikt Dschalres, eine halbe Autostunde vor Kabul, zwei Männer enthaupteten. Der eine hatte einen Ausweis mit Wahlregistrieraufkleber bei sich, der andere führte ein Transportunternehmen, das verwundete Polizisten und Soldaten in Krankenhäuser brachte.

[Manche afghanische Regierungsvertreter und Journalisten sehen hinter den Angriffen die Hand Irans, das in der Tat seine Beziehungen zu den Taleban aktiviert hat, allerdings schon seit längerem. Diese Beschuldigungen sind aber wohl zumindest stark übertrieben. Es ist Regierungslinie, vor allem ausländische Geheimdienste für Probleme im Land verantwortlich zu machen. Das soll vor allem von eigenen Unzulänglichkeiten ablenken.]

Thomas Ruttig

Farahs Gouverneur Bassir Salangi, hier noch mit Machtpose. Foto: Pajhwok