Hier eine Übersicht über Presseartikel – meist aus der regionalen Presse und von kleinen Radiostationen –, die zumindest teilweise sichtbar machen, wer unter den am 3.7.18 mit dem deutschen Abschiebeflug Nr. 14 nach Afghanistan abgeschoben wurden. Negativ bemerkenswert: Offenbar hat sich kein Medium in der Bundeshauptstadt die Mühe gemacht näheres darüber herauszufinden und zu berichten, wer der aus Berlin abgeschobene Afghane war.

Hier die wenigen berichteten Fälle:

Wie der Bayerische Flüchtlingsrat mitteilt, werden in Bayern „selbst gut integrierte Menschen und Leute aus Jugendhilfeeinrichtungen (…) von der Abschiebung beziehungsweise der Abschiebehaft nicht verschont“, berichtet die Frankfurter Rundschau.

So wurde ein 19-jähriger Berufsschüler aus einer Jugendeinrichtung heraus verhaftet. Ein anderer Afghane, der seit sieben Jahren in Deutschland lebt und seit fünf Jahren einen Arbeitsvertrag hat, wurde im Krankenstand in einer psychiatrischen Klinik an die Polizei ausgeliefert.

Ein weiterer Fall ist der des 27-jährigen Esam aus München, der seit 2015 versucht, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. Er hatte ein Praktikum in einer Bäckerei absolviert, das Unternehmen hatte dem jungen Mann einen Ausbildungsvertrag angeboten, doch die Behörden zögerten den Bescheid einer Ausbildungserlaubnis um beinahe ein Jahr hinaus. Mit dem Ergebnis, ihn in Abschiebehaft zu nehmen und ein Ticket nach Afghanistan zu buchen. Am 3. Juli wurde Esam abgeschoben. Verständnis will für diese Maßnahme schon gar nicht bei der betroffenen Bäckerei aufkommen, denn Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Auszubildenden.

Flüchtlings-Fußballmammnschaft in Bamberg. Quelle: Retten & Teilen BAMBERG: wir helfen MENSCHEN – Flüchtlingshilfe und mehr

Das freie Münchner Radio LoRa berichtete als erstes, dass einer der jungen Afghanen, der in der Nähe von Ulm gelebt hatte, trotz eines Suizidversuchs abgeschoben wurde:

Wie unbarmherzig die Abschiebungen oft gehandhabt werden, zeigt der Fall eines jungen Afghanen, der auch an Bord des Flugzeugs gebracht wurde – obwohl er unmittelbar vorher einen Suizidversuch unternommen hatte. Bei seinem Aufenthalt in Bayern wurde er betreut vom Verein „Menschlichkeit Ulm e.V.“. Elena Flügel, eine Vertreterin der Initiative, war gestern am Münchner Flughafen. Am Rand einer Protestaktion auf dem Flughafen gegen die Abschiebungen schilderte sie den Fall des jungen Afghanen.

Hier bei Radio LoRa München mehr hören.

Offenbar war die Gemeinde Elchingen, nördlich von Ulm, Schauplatz dieses Vorfalls. Die Südwestpresse (Ulm) berichtete von einem Fall, der offenbar mit dem von Radio LoRa berichteten identisch ist:

Ein 24-jähriger Flüchtling aus Elchingen hat sich am Dienstag aus Angst vor der Abschiebung mit einem Messer verletzt.

Für die Mitglieder des   Freundeskreises Asyl und für Rechtsanwalt Christoph Käss steht fest: N. wollte sich aus Angst vor der Abschiebung umbringen. Der 24-jährige Afghane lebte seit 2015 in Deutschland, war „bestens integriert und auf einem guten Weg gewesen“, sagt Käss.

Pünktlich war N. am Dienstagmorgen aufgestanden und hatte sich für die Schule vorbereitet. Schließlich war er mitten in den Prüfungen für den qualifizierenden Mittelschulabschluss. Doch zu den letzten zwei Tests konnte er nicht mehr antreten. Denn um sechs Uhr tauchte die Polizei in der Asylunterkunft im Unterelchinger Dammweg auf, um ihn abzuholen.

„Es gelang ihm, ein Küchenmesser zu schnappen, mit dem er sich an den Armen verletzte“, berichtet Dr. Birgit Möller vom Elchinger Freundeskreis. Die Polizei habe ihn in die Donauklinik gebracht, wo die Wunden versorgt wurden. Mit den Handschellen, die ihm angelegt worden seien, habe sich N. zusätzlich Platzwunden im Gesicht zugefügt und sei erneut in der Klinik behandelt worden. „Er war völlig von der Rolle“, sagt der Rechtsanwalt Käss.

Seinen Eilantrag, die Abschiebung wegen der psychischen Ausnahmesituation des 24-Jährigen auszusetzen, lehnt das Verwaltungsgericht Augsburg am Dienstagnachmittag ab. N. sei reisefähig – unter der Maßgabe, dass er während des Flugs sowie nach der Landung von Ärzten betreut werde.

 

Flüchtlingsaktivisten aus Bamberg, vom der Initiative Retten & Teilen BAMBERG: wir helfen MENSCHEN – Flüchtlingshilfe und mehr., posteten gestern folgenden Abschiedsbrief an einen von dort abgeschobenen Afghanen auf Facebook:

gestern morgen um 6.00 uhr wurde einmal mehr ein wunderbarer mensch, in dem fall ein junger mann aus dem bekannterweise alles andere als sicheren #afghanistan unvermittelt von der polizei aus seinem zimmer in der #AEO gezerrt, ihm das handy und andere dinge weggenommen, so dass er sich außer notdürftig von seinen – uns ebenfalls ans herz gewachsenen – zimmergenossen von niemanden auch nur verabschieden konnte. 

auch wenn es unter anderem für jenen mann namens #miragha (der noch zwölf stnden vor der heimsuchung bei Retten & Teilen BAMBERG: wir helfen MENSCHEN – Flüchtlingshilfe und mehr. arglos und engagiert für unser nächstes großes spie[l] gegen FC Wacker 1927 Bamberg trainiert hat) zu spät ist, hoffen wir, dass die menschenverachtende praxis der bundesrepublik, unbescholtene refugees sogar in länder abzuschieben, deren sicherheitslage selbst das auswärtige amt als zumindest „volatil“ erkennt, endlich beendet. flughafenmitarbeiter und andere müssten die courage aufbringen, solche deportationsflüge zB nach #kabul zu verhindern.

unsere allerbesten wünsche begleiten miragha – wir hoffen, dass du diese dürftigen zeilen, die unsere wut und sorge nicht ansatzweise ausdrücken können, bald lesen kannst und dass du ahnst, wie sehr wir dich jetzt schon vermissen, und das keineswegs nur weil du bei unserem refugee-team die unangefochtene nummer eins im kasten warst. 

wir hoffen dich eines tages gesund und munter wiederzusehen. vor allem, dass du in afghanistan entgegen aller wahrscheinlichkeiten ein halbwegs friedvolles leben haben kannst, körperlich und seelisch nicht weitere wunden erleiden musst, als du bereits bei deiner flucht schon mit dir mitschlepppen musstest. 

wir verachten alle deutschen beamten, denen es am arsch vorbeigeht, dass die mörderischen taliban angriffe auf bezirks- und provinzzentren verschärfen und andererseits die so genannte regierung um aschraf #ghani dort auch alles andere als weise agiert. und im falle von miragha wissen wir eben einmal mehr, dass der flug keineswegs auf etwaige straftäter oder vermeintliche terroristische gefährder beschränkt war. unser goalie ist weder das eine noch das andere. aber unser lächerlicher innenminister eben ein mieses stück ********

 

Wie schon hier berichtet nehmen vor allem in Bayern Ängste zu, dass aufgrund der Seehofer/Herrmannschen harten Linie selbst integrierte Afghanen abgeschoben werden könnten:

Nach einem Bericht der Münchner Abendzeitung befürchtet etwa die Diakonie Bayern dass auch dringend benötigtes Pflegepersonal demnächst von Abschiebungen bedroht sein könnte:

Diesmal [am 3.7.18] waren nach aktuellem Kenntnisstand keine Mitarbeiter der Diakonie dabei. Doch die Angst dort wächst. Dort sind mehrere Fälle aus Bayern bekannt, in denen Flüchtlinge nach der einjährigen Pflegehelferausbildung keine Arbeitserlaubnis mehr bekamen und die Ausbildung zur vollen Pflegefachkraft verboten wurde.

 

In Leverkusen (Nordrhein-Westfalen) wenden sich Lehrer und Schüler an einem Berufskolleg mit einer Petitiongegen drohende Abschiebungen, wie eine Regionalausgabe des Kölner Stadtanzeigers berichtet. Es geht um einen jesidischen Mitschüler aus Nordsyrien, aber auch um Afghanen:

Mit der quälenden Ungewissheit leben auch Reza Baktash (Name geändert) und Siawash Jami. Beide kommen aus Afghanistan, sie leben seit etwa zwei Jahren in Leichlingen. 13 Flugstunden entfernt könnte auf beide der sichere Tod warten.

Baktash plagt die Vorstellung, in einem der nächsten Abschiebeflüge nach Kabul zu sitzen. Deshalb tut er alles, um akzeptiert zu werden. Er hat Praktika absolviert, das Berufskolleg besucht, sich auf eine Dachdecker-Lehre beworben.

Die Taliban nahmen einst Baktashs Vater nahe des Bundeswehr-Feldlagers in Kundus gefangen, weil dieser bettelnden afghanischen Polizisten geholfen hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass er noch am Leben ist.

Jami, heute 19, erzählt von der Flucht nach Deutschland, der unerträglichen Hitze, dem entsetzlichen Durst. Pakistan, Iran, Türkei, Balkanroute. Irgendwie hat er den Weg überlebt. Doch heute vergehe kein Tag ohne Angst, keiner ohne Stress, sagt Jami.

Denn vor einigen Wochen lag der Bescheid im Briefkasten: Asyl abgelehnt, baldige Rückführung nach Afghanistan. Dort, befürchtet er, könnte sein Leben so enden wie das seiner damaligen Freundin, die er vor seiner Flucht kennen gelernt hatte und die von ihrem Bruder umgebracht wurde.

Jami hatte ihre Familie nicht um Erlaubnis gebeten, sie zur Freundin zu haben. „Sie werden auch mich töten“, sagt Jami. Mitte Juli beginnt er eine Bäckerlehre in Köln-Nippes. Wie die anderen Betroffenen hofft er nun, dass von 800 Unterschriften aus seiner Schule ein Signal ausgeht.