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Wieder Umbau in Afghanistans Führungsspitze. Hanif Atmar, der Chef des afghanischen Nationalen Sicherheitsrats (NSR) und damit wohl zweitmächtigster Mann im Land, ist am 25.8.18 zurückgetreten. Rücktrittsangebote von Innenminister Wais Barmak, Verteidigungsminister Tareq Schah Bahrami und Geheimdienstchef Massum Stanaksai habe Ghani abgelehnt (hier eine gute Zusammenfassung der ARD-Tagesschau).

Der afghanische NSR ist der gleichnamigen Institution in den USA nachgebildet. In Afghanistan gehören ihm aber z.B. auch der Innenminister, der Verteidigungsminister und der Geheimdienstchef an. Neben dem Geheimdienst ist der NSR die Schlüsselinstitution der Regierung in Kabul für Kontakte mit den Taleban.

Berichten aus Afghanistan zufolge hatte Präsident Aschraf Ghani Atmar wegen jüngst gehäufter erheblicher Sicherheitsvorfälle zum Rücktritt aufgefordert (auch die beiden Minister und den gleichrangigen Geheimdienstchef – aber diese wohl nur als Schuss vor den Bug). Zu diesen Vorfällen gehören laut afghanischen Medienberichten die fünftägige Besetzung der Großstadt Ghasni durch die Taleban Mitte August, die offenbar stark erhöhte Zahl der Verluste der afghanischen Streitkräfte (genaue Zahlen werden weiter trotz gegenteiliger Ankündigungen Ghanis geheim gehalten) sowie der Mörserangriff am 21.8.18 auf Kabul während einer Rede Ghanis zum Eid-al-Adha-Fest. Das Video, das zeigt, wie Ghani beim ersten Granateinschlag nicht einmal zuckte, findet sich inzwischen nur noch bei den russischen Sputnik News; die afghanischen Tolonews haben inzwischen dasselbe Video entfernt und dafür die Stelle aus der Ghani-Rede ins Netz gestellt, als er den Beschuss dann doch kommentierte – während eine weitere Detonation zu hören ist).

Aus ähnlicher Anlass hatte Atmar schon unter Ghani-Vorgänger Hamed Karsai 2010 sein damaliges Amt als Innenminister verloren: Damals schossen die Taleban auf das Loja-Dschirga-Zelt in Kabul, als Karsai dort während der Friedensdschirga eine Rede hielt. (Diesmal behauptete der afghanische IS-Ableger ISKP, er habe den Beschuss organisiert.)

Außerdem soll Atmar gegen die Absage der Teilnahme afghanischer Regierungsvertreter an Afghanistan-Gesprächen in Moskau gewesen sein, an denen auch Taleban-Vertreter teilnehmen wollen. Zudem kam wegen der ablehnenden Haltung der Taleban keine zweite Waffenruhe über das gerade zu Ende gegangene Eid al-Adha zustande (eine erste gab es im Juni).

Wie auch die ARD berichtete, sprach auch Atmar in seinem Rücktrittschreiben von „ernsten Differenzen“ in der Regierung über den politischen Kurs. Das Schreiben, das binnen weniger Stunden online stand (z.B. hier), nennt Atmar folgende Beispiele: „bei der Wahrung und Stärkung der nationalen Einheit und des nationalen Konsenses [letztere Formulierung bezieht sich häufig auf Gespräche mit den Taleban], der Sicherung von Frieden und Sicherheit, des Managements der Politik und der Wahlen, guter Regierungsführung sowie der regionalen und internationalen Beziehungen des Landes in den letzten Monaten“. Das geht tatsächlich durch die gesamte Themenpalette.

Wie auch die ARD weiter berichtete, war in Afghanistan seit längerem angenommen worden, „Atmar habe sein Amt aufgegeben, um sich auf eine mögliche Kandidatur als Präsident des Landes im kommenden Jahr [am 20.4.] vorzubereiten.“ Dieser Ambitionen Atmars sind seit Jahren bekannt. Auch mit Karsai hatte es mehrmals gekriselt – zum ersten Mal 2008/09, nachdem Karsai öffentlich erklärt hatte, dass er überlege, ob er nach seiner ersten Amtszeit nicht noch einmal antreten solle (er trat dann an) und Atmar als einer der ersten seine Bereitschaft erklärte, dann zu kandidieren. Das geschah offenbar ohne vorgehende Abstimmung mit Karsai, der selbst bestimmen wollte, wen er als Nachfolger aufbauen und unterstützen wollte.

Ferner gibt es Gerüchte, dass sich Atmar mit dem unter Korruptionsverdacht stehenden Ex-Finanzminister Omar Sachilwal (zuletzt als Afghanistans Botschafter in Pakistan zurückgetreten) zusammentun könnte, der ebenfalls Präsidentschaftsambitionen geäußert hat.

Im Juni 2018 war schon Ghanis bis dahin (seit 2015) amtierender Finanzminister Eklil Ahmad Hakimi zurückgetreten, im Gegensatz zu Atmar aber ohne Vorwürfe an Ghanis Adresse, der ihn sofort zu seinem Berater ernannte. Daraus war gefolgert worden, dass Hakimi – vorher Botschafter in Washington und dort gut angesehen – als möglicher Nachfolger für Ghani aufgebaut werden soll. Allerdings ist nicht klar, ob das schon 2019 greifen soll. (Ghani befindet sich erst in seiner ersten Amtszeit.)

In: Hamdullah Moheb, der neue Chef des afghanischen Sicherheitsrates. Foto: Tolo.

Ghani hatte „binnen Minuten“ seinen derzeitigen Botschafter in Washington, den 35-jährigen Hamdullah Moheb zum Nachfolger Atmars Chef des afghanischen Nationalen Sicherheitsrats.(Gestern war Moheb bereits auf einem Foto während Ghanis Gespräch mit der besuchenden kroatischen Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović in Kabul zu sehen.) Bevor der aus Dschalalabad stammende Sohn eines Gerichtsbeamten im September 2015 nach Washington ging, hatte Moheb eine steile Karriere hingelegt. Erst im Mai desselben Jahres war der Computerspezialist Pressesprecher des Präsidenten (sein erster Regierungsjob nach dem IT-Studium in Großbritannien) und schon im Juni 2015 dessen stellvertretender Stabschef geworden. Zuvor hatte er schon 2009 (hier sein Erfahrungsbericht) und 2014 in Ghanis Präsidentschaftskampagne gearbeitet (verantwortlich für die Kampagne in den sozialen Medien). Dieser rasante Aufstieg des unerfahrenen Moheb in diese diplomatische Schlüsselposition war bereits von Kritik begleitet worden; dies wiederholt sich nun wieder. Laut der Webseite Afghan Bios hat Moheb auch die britische Staatsbürgerschaft und ist mit der Amerikanerin Lael Mohib (früher: Adams) verheiratet (hier mit Foto), die die Washington Post als „Afghanistan-Expertin“ bezeichnet (zitiert hier). Außerdem scheint er Trump-Fan zu sein – hier ein Selfie von beiden.

Der 1968 geborene Atmar, der in Großbritannien studiert hat (Abschluss 1996/97), diente von 2002 bis 2010 unter Karsai in verschiedenen Ministerämtern (ländliche Entwicklung, Bildung, Inneres), bevor Ghani ihn zum NSR-Chef ernannte. Zur Zeit der sowjetischen Besatzung arbeitete er als junger Mann (beim Fall Nadschibullahs war er 24, wenn seine biografischen Daten korrekt sind) im afghanischen Geheimdienst, eine Tatsache, die ihm unter den mächtigen Ex-Mudschahedin wenig Freunde gemacht hat und was auch seine Präsidentschaftspläne behindern dürfte.

Out: Hanif Atmar bei einem Auftritt in den USA. Foto: Tolo.