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Heute mal eine gute Nachricht: Der schiitische Aschura-Feiertag an unserem 20. September sowie die Trauer- und Gedenkdekade im Monat Muharram ist in Afghanistan ohne befürchtete neue Anschläge vorübergegangen. Sowohl die schiitischen Gemeinden als auch die afghanische Regierung hatten zum Muharram zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen (mehr Einzelheiten hier bei AAN).

Dem vorausgegangen war eine Welle antischiitischer Anschläge in Kabul und anderen afghanischen Städten. Dafür hatte in fast allen Fällen der afghanische Ableger des Islamischen Staates ISKP die Verantwortung übernommen.

Über einen besonders perfiden Anschlag, der eine ganze schiitische Gemeinde in der Stadt Gardes – wo Schiiten nur eine kleine Minderheit sind – dezimierte, berichteten wir ebenfalls bei AAN (hier). Die UNO hatte Ende 2017 einen Bericht von Gewalt gegen Gebetsstätten – auch hier vor allem schiitische – vorgelegt. Allerdings gabe s bereits vor dem Auftauchen von ISKP (ab Ende 2014) Anschläge auf Schiiten in Afghanistan. Der erste große Anschlag mit über 50 Toten richtete sich im Dezember 2011 in Kabul gegen eine schiitische Trauerprozession; am gleichen Tag ereignete sich ein weiterer, kleinerer Anschlag in Masar-e Scharif, ein weiterer in Kandahar schlug fehl. Damals bekannte sich ein antischiitische Gruppe aus Pakistan, Lashkar-e Janghvi, dazu (AAN berichtete, hier der erste von drei Teilen dazu). Es ist wahrscheinlich, dass sich zumindest einige ihrer Aktivisten inzwischen dem ISKP angeschlossen haben.

Afghanistan hat – im Gegensatz zu Irak, Syrien und Pakistan – keine wirkliche Tradition regelmäßiger, gewaltsamer sektiererischer Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten. Allerdings war das Verhältnis auch nie völlig entspannt – einen historischen Rückblick gibt es bei AAN (hier). Zudem kam es 2013 an der Kabuler Universität zu Zusammenstößen zwischen allerdings kleinen radikalen sunnitischen und schiitischen Gruppen, ebenfalls zum Muharram (siehe hier).

Schiiitische Flaggen zum Muharram in Kbul. Foto: Thomas Ruttig (2015)

 

Hier ein Artikel, den ich zu Beginn des diesjährigen Muharram für die taz schrieb und der dort leicht gekürzt am 12.9. erschien (hier). Er geht auch auf die weiter gespannte, zur Zeit wieder einmal besonders explosive Sicherheitslage im Land ein, die von den Anschlägen in Kabul häufig überschattet wird. Zusätzlich dazu, am Ende dieses Textes, zwei gute Analysen, eine von dpa, eine auf web.de.

 

Afghanistans Schiiten im IS-Visier

Neue IS-Anschläge im Trauermonat Muharram befürchtet/ Terror überschattet landesweite Kämpfe mit den Taleban

Afghanistans Schiiten bereiten sich auf mögliche neue Anschläge in der Trauerdekade des islamischen Monats Muharram vor, die gestern (Dienstag) begann. Seit seinem Auftauchen Ende 2014 hat der afghanische Ableger des Islamischen Staates (IS) in Irak und Syrien – Islamischer Staat Khorassan-Provinz (ISKP) – diese große, etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung stellende Minderheit zu seinem prioritären Ziel gemacht. Vor allem in den sozialen Medien verlangen einige Heißsporne eine allgemeine Bewaffnung der schiitischen Bevölkerung. Ihre führenden Politiker halten sich zurück, üben aber Druck auf die Regierung aus, zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.

Zuletzt hatten am vorigen Mittwoch zwei Selbstmordattentäter im Ringerklub Maiwand im schiitischen Stadtteil Dascht-e Bartschi in West-Kabul ihre Sprengstoffgürtel gezündet. Dabei wurden 25 Menschen umgebracht und weitere 70 verletzt. Der Klubchef sprach sogar von 35 Toten. Die schiitischen Ringer waren bei vorangegangenen Anschlägen oft als schnelle Eingreiftruppe aufgetreten, hatten betroffene Gebiete abgesperrt und Verletzte evakuiert. Besonders perfide war, dass der zweite Angreifer sich erst in die Luft sprengte, nachdem erste Helfer und Journalisten eingetroffen waren, von denen mehrere dann ebenfalls getötet wurden.

Dieser Anschlag folgte auf eine ganze Welle ähnlicher Vorfälle, die sich gegen schiitische Moscheen und Schreine, Wahlbüros, Ministerien, einen Bildungsverein und Trainingszentrum für Hebammen richteten, vieles davon im schiitischen Westen Kabuls. Aber der IS übernahm auch die Verantwortung für Anschläge außerhalb der Hauptstadt, etwa Anfang August in der Stadt Gardes auf eine schiitische Moschee mit 38 Toten und mindestens 70 Verletzten sowie mehrmals in der westafghanischen Großstadt Herat.

Insgesamt kamen laut UNO im ersten Halbjahr 2018 landesweit 115 Schiiten ums Leben, 251 wurden verletzt. Im November 2017 berichtete sie, dass seit Anfang 2016 bei 51 Anschlägen auf Moscheen und Gläubige 242 Menschen umkamen und 495 verletzt wurden, „die übergroße Mehrheit Schiiten“. Für das erste Halbjahr 2018 schreibt sie UNO dem ISKP die Hälfte der Zivilopfer sowohl in Kabul als auch landesweit zu. Das UN-Menschenrechtskommissariat spricht deshalb von „generalisierter Gewalt“ in der afghanischen Hauptstadt.

Besonders gefährdet sind die Schiiten am 7. Muharram, Tasea genannt, am kommenden Montag. Dann sollen Menschen schiitischen Glaubens sieben Moscheen besuchen und ziehen in Massen durch die Stadt. Danach treffen sie sich normalerweise zum gemeinsamen Essen in den Straßen – in Gedenken an den von ihnen verehrten Imam Hossein, der an diesem Tag im Jahr 680 ((richtig so)) mit seiner Familie vor der Schlacht von Kerbela, in der er drei Tage später fiel und seine Familie ermordet wurde, zum letzten Mal Brot und Wasser gehabt haben soll. Prozessionen finden auch am 9. Und 10. Muharram statt.

Bereits im vergangenen Jahr verteilte die Regierung in letzter Minute Waffen an 50 schiitische Moscheen und verstärkte die Polizeipräsenz. Die Waffen werden von den Moscheekomitees in Kooperation mit örtlichen Polizeistationen kontrolliert. Die bewaffneten Moscheewächter bekommen von der Regierung ein Gehalt. Schiitenführer fordern jetzt die Ausweitung der Maßnahme auf 150 Moscheen.

Zu den Schiiten gehört vor allem die ethnische Gruppe der Hasara. Dazu kommen die sogenannten Sadat (Singular Sajed), die ihre Abstammung auf die Familie des Propheten Muhammad zurückführen und sich deshalb als Araber sehen, obwohl sie sprachlich und kulturell in den verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes ((aufgegangen sind.))Sie werden oft mit den Hasara in einen Topf geworfen, nicht zuletzt von deutschen Asylbehörden. Außerdem gibt es schiitische Paschtunen.

Gestern, am 17. Jahrestag der 9/11-Terroranschläge, verlagerte sich der Schwerpunkt der Gewalt erst einmal wieder in die Ostprovinz Nangrahar. Dort sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einer Gruppe Demonstranten in die Luft, die gegen Übergriffe eines örtlichen, regierungstreuen Milizkommandanten protestierten. Es gab mindestens 19 Tote und fast 60 Verletzte. (Die Zahl hat sich mittlerweile auf mindestens 32 Tote und 128 Verletzte erhöht, siehe hier) Zudem gingen Sprengsätze vor drei Schulen in der Provinz hoch. Dabei wurde ein Schüler getötet, vier Zivilisten verletzt. ISKP zählt auch das afghanische Bildungswesen zu seinen bevorzugten Zielen.

Die IS-Anschläge lenken aber auch von den anhaltenden, sich in den letzten Tagen wieder einmal verstärkenden Taleban-Angriffen im ganzen Land ab. Nach Farah im Mai und Ghazni im August, die den Taleban zeitweise in die Hände fielen, steht mit Sarepul die nächste Provinzhauptstadt vor den Fall. Dort wird seit zwei Tagen heftig gekämpft. Daneben griffen sie seit dem Wochenende mehrere Armee- oder Polizeistützpunkte in den Provinzen Wardak, Samangan, Kundus, Herat, Ghor und Dschausdschan an. Dutzende Regierungskräfte kamen dabei ums Leben. Auch zwei Distrikte fielen an die Taleban, Chamab im Nordwesten und Daymirdad, in einer Nachbarprovinz von Kabul. Dort brannten die Taleban das örtliche Polizeihauptquartier nieder. Der Polizeichef kam ums leben.Zudem wurde gestern und am Montagin mindestens acht weiteren Provinzen gekämpft: Nangrahar, Kunar, Laghman, Kandahar, Farjab, Tachar, Baghlan und Parwan.

Zudem wurden in den letzten Tagen in Kabul, Kandahar und Logar Polizeioffiziere, andere Polizisten, Richter sowie zwei Piloten der Luftstreitkräfte aus dem Hinterhalt erschossen (hier und hier).

 

Hier die beiden oben angekündigten Texte:

 

Druck von allen Seiten auf afghanische Sicherheitskräfte

Veronika Eschbacher, dpa,

veröffentlicht in der Augsburger Allgemeinen

 

11. September 2018

 

Die Taleban haben ihre Taktik geändert. Sie greifen massiv

Sicherheitskräfte an, überrennen große Militärbasen und

Kontrollposten und setzen auf gezielte Tötungen. Die Militärs und

Polizisten haben große Schwierigkeiten, dem Druck standzuhalten.

 

Kabul (dpa) – Der junge Soldat zeigt ein Foto seiner ersten Einheit

auf dem Smartphone. Er deutet auf mehrere Köpfe. «Der ist tot, der

auch, der starb als erstes», sagt der 28-Jährige, der seinen Namen

nicht veröffentlicht sehen will und sich hier Habib Hamizada nennt.

«Der hier hat keine Beine mehr», fährt er fort, «und dieser hat

gerade die fünfte Kugel gefangen». Der Soldat zuckt mit den Schultern

und steckt das Handy wieder zurück in seine Tasche. 

 

Dass Hamizada bereits so viele Kameraden aus seiner Ausbildungszeit

von vor vier Jahren verloren hat, ist kein Einzelfall. Die Verluste

der afghanischen Sicherheitskräfte sind in den vergangenen Monaten

stark angestiegen. Wie hoch sie genau sind, darüber schweigen sich

die offiziellen Stellen aus. Aus Militärkreisen heißt es, mindestens

30 bis 35 Polizisten und Soldaten kämen jeden Tag in Gefechten ums

Leben. 2016 waren es nach afghanischen Regierungsangaben noch rund 20

Sicherheitskräfte pro Tag, die getötet wurden. Für 2017 gab es keine

offiziellen Zahlen. 

 

Der Anstieg liegt daran, dass die radikalislamischen Taleban ihre

Strategien geändert haben. Seit Mitte Mai haben sie sich zu keinem

Selbstmordanschlag in Städten mehr bekannt. Sie wollten vielmehr in

Zukunft Zivilisten schützen, hieß es. Dafür haben nun die Armee,

Polizei und Geheimdienst ihre volle «Aufmerksamkeit» – und gegen

diese führen sie einen immer härteren Zermürbungskrieg.

 

Mittlerweile überfallen Taleban-Kämpfer fast jede Nacht

Kontrollposten und Militärbasen im ganzen Land. Alleine im

vergangenen Monat konnten sie drei große Militärbasen mit teils über

100 Soldaten in Nordafghanistan überrennen. Dutzende Militärs wurden

dabei getötet. Alleine in der Nacht zu Montag wurden bei derartigen

Überfällen fast 60 Sicherheitskräfte getötet.

 

Dass die Taleban den Sicherheitskräften so zusetzen können, liegt

unter anderem daran, dass sie in den vergangenen Jahren ihre

territoriale Präsenz sukzessive ausgebaut haben. Sie kontrollieren

immer mehr Landstriche oder sind dort zumindest präsent. Das schränkt

die Bewegungsfreiheit der Regierungstruppen zunehmend ein. Diese

haben immer öfter Schwierigkeiten, Nachschub an Kämpfern, Munition

und Verpflegung in ihre Basen, zu ihren Kontrollposten oder in

Kampfgebiete zu bringen. Immer häufiger ergeben sich Soldaten den

Taleban, da ihnen die Munition ausgeht. Taleban schlugen zudem vor

allem bei Militärbasen zu, die seit längerem eingekesselt waren. Sie

richten ihre Angriffe auch gezielt auf Nachschubkonvois, die sie aus

dem Hinterhalt angreifen.

 

Früher kannte man Hilferufe von eingekesselten Soldaten höchstens aus

der südlichen Unruheprovinz Helmand. Soldaten in Urusgan sagten

kürzlich lokalen Medien, sie hätten seit zwei Monaten keine

Verpflegung erhalten und würden sich von Gras ernähren. Soldaten in

Fariab oder Paktia riefen die Regierung über die Provinzräte auf,

ihnen Munition und Verstärkung zu schicken. Von allen hieß es: Wenn

kein Nachschub kommt, können wir unsere Posten nicht mehr halten.

 

Experten führen die Nachschubprobleme auch auf schlechtes Management

und massive Korruption innerhalb des Militärs zurück. Noch immer

würden Kommandeure nicht nach Kompetenz, sondern ihrer ethnischen

Zugehörigkeit gemäß bestellt. Das frustriere kompetente Soldaten.

Analysten schreiben die Probleme aber auch der Empfehlung der

US-Militärberater zu, die afghanischen Kräfte sollten sich aus

ländlichen Gebieten zurückzuziehen und sich auf den Schutz der Städte

konzentrieren.

 

Viele Soldaten, die in den Provinzen die Kämpfe führen, fühlen sich

so heute von Kabul im Stich gelassen. Das drückt auf die Moral.

Demoralisierend wirkt aber auch, dass die Taleban heute praktisch

täglich gezielt einzelne Sicherheitskräfte töten. Sie erschießen

Polizeichefs oder Kommandeure der Spezialeinheiten in

Vergnügungsparks, vor Bäckereien, oder auf ihrem Weg nach Hause. 

 

Der Soldat Hamizada zeigt auf seinem Handy Bilder von zwei

Offizieren, die blutüberströmt in ihrem Auto liegen. Immer öfter

werden auch Magnetbomben auf die Unterseite von Polizei- oder

Militärautos geklebt. Meist reißt es jenen, die genau über der Bombe

sitzen, die Beine ab. Sie verbluten.

 

Taleban-Sprecher Sabi[h]ullah Mudschahid sagt in einer

Whatsapp-Sprachnachricht, das Hochfahren der gezielten Tötungen in

diesem Jahr hätten sich als sehr effizient erwiesen. «Mit diesen

Operationen können wir jene Offizielle töten, die unsere Missionen

stören», sagte Mudschahid. 

 

Vor wenigen Monaten noch ließ Hamizada seine Waffe immer in der

Einheit, wenn er nicht im Dienst war. Nun trägt er sie ständig bei

sich, wenn er in der Stadt unterwegs ist. Er nimmt auch nicht mehr

den Militär-Pickup, den er auch privat nutzen darf, sondern fährt in

einem unauffälligen Privatauto.

 

Wie es weitergeht? Einer Analyse der Denkfabrik International Crisis

Group zufolge wird die Gewalt weiter anhalten. Die neue, aggressivere

Afghanistan-Strategie des US-Präsidenten Donald Trump mit mehr

Truppen und viel mehr Luftschlägen habe keine Wende gebracht, und die

Taleban würden nun selbst mit militärischem Druck darauf antworten.

Beide Seiten äußerten in den vergangenen Wochen die Meinung, die

andere Seite würde nun eher für Friedensverhandlungen bereit sein, da

der militärische Druck auf sie erhöht worden sei.

 

 

Afghanistan: So dramatisch ist die Lage

Von Frank Heindl, web.de

17.09.2018

Die Lage in Afghanistan spitzt sich weiter zu: Es gibt so viele Anschläge wie seit Jahren nicht mehr, Beobachter fürchten, dem Land drohe erneut Bürgerkrieg. Ein Experte sagt: Die Regierung versagt, doch die Menschen fürchten vor allem die Rückkehr der Taliban.

Mehr als 30 Tote bei einem Selbstmordattentat in der Provinz Nangahar am vergangenen Dienstag, am Tag darauf 20 Tote beim Doppelanschlag auf einen Sportclub in der Hauptstadt Kabul. Zusätzlich, so verlautet aus Militärkreisen, kämen derzeit täglich 30 bis 35 Soldaten und Polizisten in Gefechten ums Leben. 

Damit hat sich eine Tendenz verschärft, die Kritiker schon länger beobachtet haben: Die Regierung der Nationalen Einheit unter Präsident Ashraf Ghani, seit 2014 im Amt, kann ihre Macht nicht festigen.

Schon 2015 hatte der Wissenschaftler Philipp Münch vom Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit festgestellt, die Regierung tue sich schwer, Normen und Gesetze nicht nur zu erlassen, sondern sie auch in der Bevölkerung zu verankern. 

Ein Jahr dauerte es damals, bis sich die Parteien auf ein Bündnis geeinigt hatten. Ein Jahr, in dem sich, außerhalb des Einflusses der Regierung, neue Milizen bildeten, neue militärische Bündnisse geschmiedet wurden, auf regionaler und lokaler Ebene neue Koalitionen in Machtstellungen gelangten.

 

Der Regierung entgleitet die Kontrolle immer weiter

Das Problem habe sich seither deutlich verschlimmert, konstatiert Dr. Jan Koehler, Afghanistan-Forscher an der Freien Universität Berlin. Er zählt vier Bereiche auf, in denen die Zustände derzeit „besonders besorgniserregend“ seien:

  • Der Regierung entgleitet die territoriale Kontrolle über das Land immer weiter.
  • Der Einfluss der Taliban nimmt wieder deutlich zu.
  • Die Gewalt, zum Beispiel durch Milizen, nimmt zu.
  • Die „Perspektiven und Vorstellungen der Menschen“ sind wieder ins Negative gerutscht: Sie hoffen nicht mehr auf eine bessere Zukunft, befürchten vielmehr weitere Verschlechterungen.

Im Gegensatz zu den Kämpfern des so genannten Islamischen Staates (IS), der in Afghanistan nach wie vor keine tragende Rolle spielt, haben sich Macht, Einfluss und Kampfkraft der Taliban erhöht. 

Und deren Befehlshaber passen sich den neuen Verhältnissen an: „Sie sind klüger geworden“, konstatiert Jan Koehler. War die streng islamisch orientierte Kampftruppe zu früheren Zeiten auch und vor allem eine von Paschtunen dominierte Organisation, so hat sie sich mittlerweile geöffnet: „Sie haben sich diversifiziert und auch andere ethnische Gruppen in die Kommandostruktur integriert.“

Auch von dem Konzept, nur „Fußsoldaten“ für den Kampf zu rekrutieren, sind die Taliban abgekommen. Stattdessen stellen sie nun auch Personal für höhere Positionen ein und verbreitern so ihre Basis in weiteren Schichten der Bevölkerung. 

Eine „besorgniserregend gut ausgerüstete, lernfähige Aufstandsbewegung“, so Koehler, stehe nun der Regierung gegenüber, die sich in vielerlei Hinsicht selbst blockiere. 

Sie sei wegen der weiterhin verbreiteten Korruption nur eingeschränkt handlungsfähig, ebenso wegen anhaltender innerer Streitereien. 

Das Ergebnis: „Der Staat hat sich teilweise aus den Distrikten zurückgezogen und überlässt dort das Terrain örtlichen Milizen – die dann so miserabel herrschen, dass sich die Bevölkerung den Taliban öffnet.“

 

Auch der Norden ist nicht mehr sicher

Eine der Folgen dieser Entwicklung: Der ehemals stabilere Norden Afghanistans kann nicht mehr als sicher gelten. Das Land sei mittlerweile ein „Flickenteppich“ aus ruhigeren und stark gefährdeten Regionen, die teils eng beieinander liegen.

Es gebe dort nach wie vor „Normalität und Alltag“ – doch die Bevölkerung brauche spezielle Überlebenstechniken: „Man muss als Afghane wissen, wie man sich wohin begeben kann, wie man auf Druck der Taliban reagiert, was man macht, wenn die Vertreter einer Miliz Geldforderungen stellen und vieles mehr.“

Wenn der Staat sich zurückzieht, sorgen eher die Taliban für „Ruhe und Ordnung“ als die sich bekämpfenden Milizen. Sie orientieren sich mehr als früher an den Bedürfnissen der Bevölkerung, halten in manchen Distrikten den Schulunterricht aufrecht – „mitunter sind sogar weibliche Lehrkräfte erlaubt. Die Aufständischen lassen staatliche Bezahlung zu – und sorgen sogar für Bestrafung, wenn sie nicht zum Unterricht erscheinen.“ 

Ein afghanischer Bauer sagte den Wissenschaftlern aus Berlin, er hätte gerne die Demokratie der Regierung – aber trotzdem „die Sicherheit der Taliban“.

Trotz solcher Aussagen zeigt Koehlers Forschung, dass die Taliban bei der Bevölkerung wenig ideologischen Rückhalt haben: „Die Afghanen wollen lieber einen funktionierenden Staat als ein Regime der Taliban, das trotz mancher Zugeständnisse immer auf Unterdrückung beruht.“ Das Problem sei, „dass der Staat nicht liefert und die Taliban, verglichen mit dem Chaos der Milizen, die besser Alternative sind“.

Ein Problem ist die schwankende Sicherheitslage am Hindukusch auch für die deutsche Bundesregierung. Noch am Mittwochmorgen vergangener Woche waren 20 afghanische Flüchtlinge nach Kabul geflogen worden. Ob man „guten Gewissens“ afghanische Flüchtlinge in ihr Heimatland abschieben könne? Jan Koehler findet diese Frage „sehr, sehr kompliziert“.

Der Blick in die Zukunft sei für die Afghanen schwierig geworden – viele Familie fragten: Was machen wir mit unseren Söhnen? Einen Verwandten auf die Flucht zu schicken, sei für manche zu einer wohlüberlegten Investition geworden. 

Dass ein Teil nicht vor konkreter, unmittelbarer Gewalt flieht, weiß Koehler aus einer Befragung von 350 afghanischen Familien. Wichtig sei in jedem Fall eine intensive Einzelfallprüfung für alle Flüchtlinge.

Ganz so pessimistisch wie andere Beobachter ist der Berliner Wissenschaftler nicht: Zwar habe sich die Lage in den letzten zwei Jahren für die Bevölkerung deutlich verschlechtert, aber man müsse „derzeit nicht mit einem vollständigen Zusammenbruch des Staates rechnen“. Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Afghanistan lässt sich aus einem solchen Satz allerdings nur schwer herauslesen.

 

Verwendete Quellen: