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Hier erstmal meine zusammenfassende Kurzbewertung, wie sie über dpa in der Berner Zeitung stand:

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network beschrieb die Wahl als «chaotisch». Sie sei die schlechteste gewesen, die er seit 2004 gesehen habe. Und er habe alle beobachtet, ausser der Präsidentschaftswahl 2014. Wie sich im Vorfeld bereits angedeutet habe, sei die Vorbereitung schlecht gewesen und der Einsatz der Biometriegeräte zur Wählererfassung zu spät gekommen. 

«Die Wahlkommission hat den Prozess nicht beherrscht, es ist zweifelhaft, dass ihre Zahlen stimmen», sagte Ruttig. Seiner Einschätzung nach habe die Wahl ausserhalb der grossen Städte und einer noch nicht näher zu bestimmenden Zahl von Distriktzentren so gut wie überhaupt nicht stattgefunden.

Mehr Einzelheiten auf deutsch weiter unten.

„Dutzende, nicht hunderte“ – Wählerinnen am 20.10.18 in Paktika. Foto: Fazal Muzhary/AAN

Hier als zweites für afghanische LeserInnen mein Gastkommentar für BBC Farsi, die allerdings meine Feststellung, es sei „die schlechteste Wahl“ seit 2001 in „einer der schlechtesten“ abgeändert haben (sorry, ich hätte gern auch etwas Positiveres geschrieben):

انتخابات افغانستان؛ ‚یکی از بدترین‌ها در ۱۷ سال گذشته‘

توماس راتیگاز مؤسسین شبکه تحلیلگران افغانستان

کمیسیونمستقلانتخاباتافغانستاناعلاماولیننتایجرسمیانتخاباتپارلمانیاینکشورراکهدرروزهای۲۸و۲۹ماهمیزان/مهربرگزارشدهبود،یکباردیگربهتعویقانداختهاست.

اکنوناعلامشدهکهنتایجاولیهبهجای۱۹ماهعقرب/آباندرتاریخ۲ماهقوس/آذراعلامخواهدشد.

برایکابلکهتعدادکاندیداهایانتخابیبهرقمبیسابقه۸۰۰نفررسیدهبود،نتایجانتخاباتحتییکهفتهدیرتریعنیدرتاریخ۱۰ماهقوس/آذراعلامخواهدشد. بهدلیلاینکهرسیدگیبهشکایاتچندهفتهبیشترازتاریختعیینشدهطولکشیده،هنوزمعلومنیستنتیجهنهاییانتخاباتدرتاریخیکهقبلادرنظرگرفتهشدهبود،یعنی۲۹قوس/آذراعلامخواهدشدیانه.

اینابهامنهتنهاعدمموفقیتیبرایروندانتخاباتدرتاریخ‌هایتعیینشدهوبهدرازاکشیدهشدنآناست،بلکهبرگزاریانتخاباتریاستجمهوریدرتاریخ۳۱حمل/فروردین۱۳۹۸رانیزمشکلمی‌کند. هماکنوناولیننشانه‌هایتعویقدیدهمی‌شود. مهلتدوهفته‌ایبرایمعرفینامزدهایریاستجمهوریازماهنوامبربهماهدسامبرامسالموکولشدهاست.

درهمینحالکمیسیونمستقلانتخاباتافغانستان،برایکاهشسنگینیباریکهبهدوشدارد،اکنونپیشنهادکردهانتخاباتشوراهایولایتیکهقراربود۳۱حمل/فروردین۱۳۹۸برگزارشود،بهبعدموکولشود. انتخاباتشوراهایولسوالیهمکهبرای۲۸میزان/مهرتعیینشدهبود،اکنونبرایمدتنامعلومیبهتعویقافتادهاست.

کدامرایمعتبراست؟

اینتصمیمهمچنینبهدنبالیکتغییرچشمگیردیگردرسیاستاینکمیسیوناست: مصالحهباکمیسیونرسیدگیبهشکایت‌هایانتخاباتی،درمورداینکهچهآراییمعتبرند. توافقبرسراینکهنهتنهاآراییکهبارکدبیومتریکدارند،بلکهرأی‌هاییکهباورقه‌هایاخذرأیکاغذیدادهشدههمخواندهمی‌شود.

اینتوافقبهدنبالتضمین‌هایمکررقبلیاستمبنیبراینکهتنهاآراییکهبارکددستگاهبیومتریکرادارندمعتبرند. اینتضمیننتیجهتقاضاهایغیرواقعیولیقابلدرکتنظیمهاواحزاببانفوذیبودکهمیخواستندتنهاآرایبیومتریکیمعتبرباشد. احتمالاآنهانمیدانستندکهبهاینترتیبچهتعدادیازافغان‌هاازاینکهرأیآنهاخواندهشود،محرومخواهندشد.

بهتدریجبیشترمعلوممی‌شودکهانتخاباتسال۲۰۱۸ازنظرسازماندهیبدترینانتخاباتیاستکهافغانستانجدیدپسازدورهطالبانشاهدآنبودهاست.

ازسال۲۰۰۱هرگزانتخاباتیدرتاریختعیینشدهبرگزارنشدهولیانتخاباتکنونیرکوردتازه‌ایبهجایگذاشته: سهسالونیمتأخیر.

همچنینتابهحالهیچانتخاباتیبهروزدومکشیدهنشدهبود. ولیانتخاباتفعلیبهدلیلاینکهصدهامرکزرأی‌دهیبهموقعیااصلادرتاریختعیینشده۲۸عقرب/آبانبازنشدند،یکچنیناتفاقیافتاد.

تاکنوندرهیچانتخاباتی،بخشیازکشورازرأیدادنکنارگذاشتهنشدهبود. اینبارساکنانولایتغزنینتوانستندمانندسایرهموطنانشاندررأیدادنشرکتکنند. ( بهتعویقافتادنانتخاباتدرقندهاربهدلیلتروردوشخصیتامنیتیدرچندروزقبلازبرگزاریانتخاباتقابلدرکاست).

ازسال۲۰۰۱هیچانتخاباتیبادوترتیبجداگانهیعنیبیومتریکواوراقاخذرأیبرگزارنشدهبود. ازسال۲۰۰۱تاکنونهرگزدرروزانتخاباتهرجومرجبروزنکردهبود؛گرچهدرسال‌هایاولیهدرجریانشمارشآراءورسیدگیبهشکایاتیکچنینهرجومرجیبهطورفزایندهدیدهمی‌شد.

احتمالاازسال۲۰۰۴تاکنونیکچنینتعدادزیادیازافغان‌هابهدلیلوضعیتامنیتیازدادنرأیبازنماندهبودند؛کهدرنتیجهنزدیکبهیکچهارممراکزاخذرأیدرطولانتخاباتبازنشدند. قبلاهرگزاطلاعاتدربارهنحوهبرگزاریانتخاباتدرمناطقروستاییتااینحدکمنبود.

حاصلاینوضعیت،بروزشکافعمیقبینمناطقشهریکهرأیدادهبودندبامناطقروستاییبودکهدررأیگیریشرکتنکردهبودند. یکچنینعواملیناشیازناهمگونیوکلنجاررفتنسازمانهاینظارتیمستقلمحلیاست. تاسال۲۰۱۰بابودنبنیادانتخاباتشفافوعادلانه،سازمانمنسجموقابلاعتمادیوجودداشتکهمانندچتریگروههایمختلفراپوششمیداد.

ولیاینتمامداستاننیست. هرگزدرگذشتهاتفاقنیافتادهبودکهیککمیسیونمستقلانتخاباتیافغانستاندرپایانروزانتخاباتنتوانداعلامکندکهچهتعدادیازمراکزرأیدهیواقعابازبودند. تاامروزماهنوزآمارمطمئنیدراینبارهنداریموتنهامعدودیآمارضدونقیضتوسطکمیسیونهایمختلفدادهشده. اینکهبرچهاساسیکمیسیونمستقلانتخاباتیتعدادرأیدهندگانرا۴۸درصداعلامکرده،هنوزروشننیست.

البتهبسیاریازاشتباهاتگذشتهموجبتشدیدمشکلاتفعلیشده: یکاشتباهمهمایناستکهسیستمرأیغیرقابلانتقالهرگزتصحیحنشدهوبرایناساساحتمالداردآراییکولایتبهچندینگروهیادستهکوچکاخذرأیتقسیمشود،کهنتیجتابسیارامکانداردازسال۲۰۰۵تاکنون،پارلمانآیندهکمتریننمایندگیراازجانبتماممردمافغانستانداشتهباشد.

درهمینحالکمیسیونمستقلانتخاباتافغانستانبخش‌هاییازجامعهبین‌المللیراکهبهزبانهایفارسی‌دریوپشتوصحبتنمی‌کنند،محدودبهداشتناطلاعاتیمی‌کندکهدرتنهاوبسایتخبریخودبهزبانانگلیسیانتشارمی‌دهدوعمدتاازطریقفیسبوکویوتیوبباجهانخارجتماسمی‌گیرد. شایدیکچنینوسیلهارتباطاتیمدرنبهنظربرسدولیممکناستکمیسیونبهاینوسیلهازراه‌هاییکهممکناستبامدرکوسنداثباتسیاستشآسان‌‍ترشود،اجتنابمیورزد.

فهرستطولانیکمبودهایتشکیلاتیدرصدراوضاعخطرناکامنیتیافغانستانقراردارد. درجریانایناوضاعطالبانبیشتروبیشتر- ولیبهآهستگی- کنترلمناطقرادردستمی‌گیرد. گزارشجدیدبازرسویژهآمریکابرایافغانستانبیانکنندههمینوضعیتاست. البتهفعالشدنمجددطالبانباایجادهرجومرجدرروزهای۲۸و۲۹عقرب/آبانیا۵قوس/آذرکهتاریخبرگزاریانتخاباتبهتعویقافتادهقندهاراست،ارتباطچندانیندارد.( بنابهگزارشمنابعمستقلدرروزهای۲۸و۲۹ماهعقرب/آبانطالبانبیشاز۳۰۰نفرراکشتهیامجروحکردند.)

کمیسیونمستقلانتخاباتیافغانستانوسایرقدرت‌هایذیربطبهطورفزاینده‌ایاعتبارخودونیزاعتمادبهیکیازنهادهایمنتخباصلیقانوناساسییعنیپارلمانرابهمخاطرهمی‌اندازند. بابهتعویقانداختنیاپیشنهادتعویقانتخاباتشوراهایولایتیوولسوالی‌ها،کمیسیونمستقلانتخاباتییکنظاممبتنیبرقانوناساسیبراینهادهایانتخاباتیرابهصورتیکاسکلتپوچوتوخالیدرمیآورد. بهاینترتیبمشکلاستبتواندیدرغبتوامکاناتلازمبرایبرگزارییکیادوانتخاباتدیگردرسال۲۰۱۹وجودخواهدداشت.

قبلازانتخاباتریاستجمهوریدرسال۲۰۱۹،نظامسیاسیافغانستانبهپیچخطرناکینزدیکمیشودومعلومنیستآیاحقانتخابیبرایاینکهواردچهمسیریخواهدشد،وجوددارد.

نکتهامیدوارکننده،وجودافغان‌هاییاستکهبرایدفاعازحقرأیخودشانبهپایصندوقهایرأیرفتند. اکنونخوداینافرادوآرایمشروعوقانونیآنانبایدبهحسابآیدودرمیانرأی‌هایتقلبیمناطقیکهنظارتیبرانتخاباتنبوده،ناپدیدنشود.

 

Zurück ins Deutsche – hier meine ausführliche Zusammenfassung:

Afghanistans Nachwahlperiode dauert schon über drei Wochen, aber immer noch haben wir weder Ergebnisse noch eine Liste, welche der 5100 landesweit geplanten Wahllokale an den Wahltagen geöffnet waren. (Selbst Zahl der geplanten Wahllokale ist eine gerundete und keine exakte.) Die Unabhängige Wahlkommission (IEC) hat zwar eine Zahl von 4567 (und später 4640, wahrscheinlich dann mit Kandahar, wo die Wahl wegen eines Anschlags mit einer Woche Verspätung stattfand) geöffneten Wahllokalen bekanntgegeben (das wären 93%), aber ohne genaue Liste, wie es sie bei vorangegangenen Wahlen noch am Abend des Wahltages gab. Deshalb fehlt vielen hier der rechte Glaube an diese Angaben.

Ebenso an der von der IEC offiziell verkündeten Wahlbeteiligung von „ca. vier Millionen“ (https://www.tolonews.com/index.php/elections-2018/around-4-million-people-voted-says-iec-chief) – genauer wurde es bisher auch hier nicht. Bemerkenswert ist, dass weder die UN-Mission in Afghanistan noch der UN-Sicherheitsrat sich in ihren Stellungnahmen zur Wahl diese Zahl zu eigen machten (siehe hier und hier). Hingegen ist nur von einer „hohen Zahl“ an Wählern die Rede, und vor allem werden die Wahlbehörden aufgerufen, „ihre Anstrengungen zu verdoppeln(!), die Integrität, Neutralität und Transparenz des Wahlprozesses zu sichern“. Deutlicher kann diplomatischer Kritik kaum ausfallen.

(Allerdings sagt der UNAMA-Bericht über zivile Opfer bei den Wahlen – hier – merkwürdigerweise, dass “von den etwa 8,8 Millionen registrierten Wählern „etwa 4,2 Millionen eine Stimme abgegeben“ hätten. Bei früheren Wahlen war man vorsichtiger und sprach von der Zahl der abgegebenen Wahlzettel– eingedenk der allgemein bekannten Tatsache, dass eine Menge an gefälschten Wahlzetteln in die Zählung eingeschleust wurden und oft Männer (häufig Dorfälteste) die Wahlausweise „ihrer“ Frauen abgaben und in deren Namen abstimmten. Das dürfte auch diesmal der Fall gewesen sein, und eine Ursache dafür, dass die biometrische Wählerverifizierung (BVV), die das eigentlich verhindern sollte, vielerorten „nicht funktionierte“. Bisher haben wir nur einen Bericht einer der unabhängigen Wahlbeobachterorganisationen, TEFA, die mitteilte, dass in 18 Prozent der 3100 von ihr beobachteten Wahllokale keine BVV-Geräte verwendet und in weiteren 42 Prozent nur teilweise oder mangelhaft eingesetzt wurden.)

Überhaupt ist ein, wenn nicht das Hauptmerkmal dieser Wahlen – der ersten, nur von Afghanen organisierten seit 2001 –, dass wir bedeutend weniger über sie erfahren als jemals zuvor. Aber auch das wenige, das wir erfahren, hört sich nicht gut an.

Zivile Opfer

Die UN hat in dem oben bereits zitierten Sonderbericht bekannt gegeben, dass es bei den Wahlen am 21. und 22. Oktober „verglichen mit den vorangegangenen [fünf] Wahlen, das höchste Niveau an zivilem Schaden“ (d.h. verletzten oder getöteten Zivilisten) gegeben habe. UNAMA habe „am 20. Oktober und den folgenden Tagen, an denen verschobene Wahlen stattfanden [d.h. am 21. Oktober, dem Verlängerungstag, und am 27. Oktober, als Kandahar wählte – Ghasni fehl noch] 435 zivile Opfer (56 Tote und 379 Verletzte) verifiziert hat“. Die meisten Gewaltopfer im Kontext der Wahlen habe es am 20. Oktober mit 388 Opfern (52 Toten und 339 Verletzten) gegeben. Darunter seien „über 100 Kinder und über 50 Frauen, die durch diese Gewalt getötet oder verletzt wurden (23 Kinder und 2 Frauen getötet)“.

Überlange Auszählung und weitere Verschiebungen

Außerdem hat die IEC gerade die Bekanntgabe der vorläufigen(!) Ergebnisse um weitere knapp zwei bzw drei Wochen verschoben: auf den 23. November für die Provinzen und den 1. Dezember für Kabul, wo sich 804 Kandidaten beworben hatten. Die endgültigen Ergebnisse sollen dann „einen Monat später“ kommen, d.h. irgendwann zwischen Weihnachten und unserem Neujahr (beides wird ja in Afghanistan nicht begangen). Damit dürfte die Aufmerksamkeit für dieser Ergebnisse im Westen gegen Null tendieren.

Inzwischen heißt es, dass das gesamte Personal, dass die Ergebnisse in der Hauptstadt Kabul ausgezählt hatte, ausgewechselt wird und alle Ergebnisse dort noch einmal gezählt werden. Das gab IEC-Chef Sajjad am Sonnabend auf einer Pressekonferenz bekannt. Das könnte die Bekanntgabe der Ergebnisse noch einmal weiter verzögern.

Es dürfte kaum ein zweites Land geben, wo nach Wahlen so lange gezählt wird.

Auswirkungen auf die Präsidentenwahl 2019

Diese Verschiebung ist nicht nur ein weiterer Rückschlag für die Einhaltung des ohnehin schon überdehnten Wahlkalenders für die Auswertung der Parlamentswahlen. Sie erhöht auch den Zeitdruck für die Vorbereitung der Präsidentenwahl weiter, die am 20. April 2019 stattfinden soll. Auch für diese hat das schon für Verschiebungen gesorgt: die zweiwöchige Nominierungsperiode für die Kandidaten wurde vom November auf den Dezember verlegt.

Provinz- und Distriktratswahlen

Gleichzeitig hat die IEC, um ihre “Arbeitsbelastung” zu reduzieren, nun vorgeschlagen, die ebenfalls für den 20 April 2019 geplanten Provinzratswahlen zu verschieben. Die Distriktratswahlen, die ursprünglich ebenfalls für den 20. Oktober 2018 angesetzt waren, wurden ebenfalls um unbestimmte Zeit verlegt.

Welche Stimmen sind überhaupt gültig?

Diese Entscheidung folgte auf eine weitere Kehrtwende der IEC: Ende Oktober kam es zu einem „Kompromiss“ mit der Wahlbeschwerdekommission (ECC) darüber, dass nun – unter bestimmten Bedingungen (Details hier) – doch auch die meisten Stimmen mitgezählt werden können, die in den Wahllokalen nicht biometrisch verifiziert worden waren. Bis dahin hatten die IEC und die Regierung hinter ihr darauf bestanden, dass nur BVV-Stimmen gelten. Die IEC und die Regierung hatten die ursprüngliche Position auch erst sehr und zu kurzfristig vor den Wahlen übernommen, nachdem die meisten politischen Parteien verlangt und durchgesetzt hatten, dass nur biometrisch verifizierte Stimmen zählen sollten. Aber das dafür nötige System wurde zu spät bestellt und eingeführt (aus Deutschland) und kam nur sehr unregelmäßig zum Einsatz.

Technisch-organisatorische Mängel

Diese reichten von zu spät oder gar nicht geöffneten Wahllokalen, fehlenden oder unvollständigen oder in falsche Provinzen geschickte Wählerlisten (in einigen Wahllokalen fehlten einige Buchstaben der alphabetisch geordneten Listen) bis zu mangelnder Kenntnis des Personals mit der aus Deutschland gelieferten biometrischen Wählererkennung.

Eine Woche später bei der verschobenen Wahl in Kandahar wiederholtes sich das Durcheinander mit exakt denselben Fehlern.

Dass so viele Wahllokale zu spät öffneten, führte zu langen Warteschlangen und diese wiederum zu Medienbildern, die den Eindruck hervorriefen, die Beteiligung sei besonders hoch. Angeles Espinosa, die Korrespondentin der großen spanischen Tageszeitung El País, die seit fast 20 Jahren über Afghanistan berichtet, schrieb:

Es gab ein reales Interesse am Wählen unter den mutigen Leuten, die ich in den Wahllokalen am Sonnabendmorgen traf, aber in den viereinhalb Stunden, in denen ich zum Berichten unterwegs war, sah ich Dutzende, nicht hunderte Wähler.

Auch wenn das kein umfassendes Bild war, besuchte sie Gebiete in Kabul, die zu den mit dem größten Wählerinteresse zählten.

Viele afghanische Medien hatten dem Druck der Regierung nachgegeben, bis nachmittags keine Berichte über Anschläge und etwaige Opfer zu veröffentlichen. Damit sollten Wähler nicht vom Wahlgang abgeschreckt werden, wurden dadurch aber gleichzeitig in Gefahr gebracht – ein ethisch problematisches Verhalten, das nicht zum ersten Mal zur Anwendung – hier unser AAN-Bericht zur Präsidentenwahl 2014.

Was genau war schlechter als bei den letzten Wahlen?

Es wird klarer und klarer, dass die Wahl 2018 die am schlechtesten organisierte in Nach-Taleban Afghanistan gewesen sind.

  • keine Wahl seit 2001 hat pünktlich stattgefunden, aber diese setzte einen neuen Rekord: sie fand dreieinhalb Jahre nach dem verfassungsmäßigen Termin statt;
  • keine Wahl bisher musste um einen zweiten Tag verlängert werden; bei dieser öffneten hunderte Wahllokale (die am 20. Oktober entweder gar nicht oder erst am Nachmittag öffneten) am 21. Oktober;
  • in keiner bisherigen Wahl war eine ganze Provinz ausgenommen; diesmal konnten die Menschen in Ghazni nicht mit abstimmen, denn dort gab es ethnische Spannungen, die durch eine Dreiteilung des Wahlbezirks reguliert werden sollten – aber auch dieser Vorschlag kam zu spät, als dass es bis zum 20. Oktober umgesetzt werden konnte. (Die Verschiebung in Kandahar wegen des Mordes am örtlichen Polizeichef kurz vor der Wahl war hingegen verständlich.)
  • Nie zuvor war eine Wahl auf der Basis zweier verschiedener Abstimmungssystem gehalten worden (siehe oben, IEC und ECC);
  • Nie zuvor war organisatorisches Chaos schon am Wahltag ausgebrochen; bei vergangenen Wahlen passierte dies erst während der Auszählung und der Beschwerdeperiode.

Dazu kommt, dass bei keiner Wahl seit 2004 so viele Afghanen von vornherein ihres Stimmrechts beraubt waren. Zum einen war schon lange vor der Wahl wegen der schlechten Sicherheitssituation etwa ein Viertel aller Wahllokale schon von der Liste genommen worden, weil die Sicherheitskräfte sich nicht in der Lage sahen, sie zu schützen.

Und: die Wahl war wegen der biometrischen Wählererfassung nicht geheim. Die Wähler wurden nicht nur biometrisch registriert, sondern Fotos von ihnen sowie ihrer tazkera (Personalausweis) gemacht; dann kam ein Sticker mit einem QR-Code auf ihren Wahlschein – so dass man mit der richtigen Software diesen Wahlschein der dazugehörigen tazkera zuordnen kann. Damit wäre dann klar, wenn die/derjenige gewählt hat. (Mehr dazu in diesem Bericht meines AAN-Kollegen Ali Yawar Adili von seinem eigenen Urnengang: ).

Abgrundschlechte Informationspolitik

Wegen der schlechten Informationslage – v.a. von seiten der IEC, die mit allen Wahllokalen in Kontakt stehen sollte – wissen wir auch weniger als je zuvor, wie die Wahlen in den ländlichen Gebieten wirklich liefen. Unsere Stichproben bei AAN zeigen, dass es z.B. in Paktia, Kundus, Kandahar und Nuristan (noch nicht veröffentlicht) ein tiefe Kluft zwischen der Wahlbeteiligung und der Teilnahmemöglichkeit in den Städten und im ländlichen Raum gab. Aber auch in Städten wie Kundus – wegen akuten Taleban-Beschusses am Wahltag – aber auch angeblich sichereren wie Masar-e Scharif und Kabul gab es eine niedrigere als erwartete Wahlbeteiligung.

Es ist bisher auch nicht klar, wie viel ballot stuffing (also das Füllen von Wahlurnen mit gefälschten Stimmzetteln, was nur möglich ist, wenn die BVV nicht eingesetzt wurde) hinter diesem Chaos und in Distrikten, die niemand beobachten konnte, ablief. Dass es diesmal weniger Berichte darüber gab als 2010 (oder 2014), heißt nicht, dass es weniger davon gab.

Wer alles in noch mehr Detail lesen will, sehe sich dieses AAN-Dossier an.

Doch nichts von all dem ist wirklich neu oder überraschend, sondern war bekannt bzw. zu erwarten. Vieles ist die Folge eines als für Afghanistan nicht sinnvollen, aber nie korrigierten Wahlsystems – Single Non-Transferable Vote (SNTV) in mehrsitzigen Wahlbezirken –, das ethnische und politische Fragmentierung in Mini-Anhängerschaften fördert. Dazu kommt, dass zu kandidieren so teuer geworden ist, dass man entweder selbst wohlhabend oder mit so jemandem verbunden sein muss, um überhaupt Chancen zu haben (bei einer Armutsrate von 55 Prozent). Im Ergebnis wird das nächste Parlament wahrscheinlich das am wenigsten repräsentative seit 2005 sein.

Trotz alledem bezeichnete Präsident Aschraf Ghani die Wahlen noch am zweiten Wahltag, der ursprünglich nicht vorgesehenen Verlängerung am 21. Oktober, als “historischen Erfolg für die Demokratie in Afghanistan”. Die Wahlkommission klopfte sich vor dem Wahltag noch selbst auf die Schultern: Das war die am besten organisierte Wahl seit 2004, meinte ihre Vizechefin Badghisi selbstbewusst, aber wenig realitätskonform. Die Kommission sprach auch von der größten Wählerbeteiligung seit 2010 – kein Wunder, eine weitere Parlamentswahl gab es seither ja nicht.

Und das deutsche Auswärtige Amt tweetete am 22. Oktober (auf Englisch, hier; das gesamte Statement auf Deutsch hier):

Trotz aller Drohungen und Einschüchterungen hatten Menschen in den meisten Teilen #Afghanistans die Möglichkeit, an diesem Wochenende abzustimmen, und haben dieses Recht auch genutzt. Das ist ein Erfolg und ein wichtiger Schritt für die künftige Entwicklung Afghanistans. #AfghanistanElection2018 @GermanyinAFG

Man fragt sich allerdings, woher diese Kenntnisse aus den „meisten Teilen“ Afghanistans kommen – anders als von der völlig unglaubwürdigen afghanischen Wahlkommission.

Resümee

Die IEC und die politischen Kräfte hier ihr – also auch der Präsident –, die sie nicht zur Ordnung rufen, verspielen zunehmend nicht nur ihre eigene Kredibilität, sondern auch das Vertrauen in eines von Afghanistans zentralen gewählten verfassungsmäßigen Institutionen, des Parlaments. Mit ihren Verschiebungen und weiteren vorgeschlagenen Verschiebungen, etwa der Provinz- und Distriktratswahlen, reduziert die IEC das verfassungsmäßige System an gewählten Körperschaften auf ein Skelett.

Afghanistans politisches System nähert sich einer gefährlichen Kurve auf seinem Weg in die Zukunft – nämlich vor der wichtigen Präsidentenwahl 2019, für die die diesjährige Wahl ein Testlauf sein sollte.

Der Silberstreif am Horizont sind jene Afghanen, die trotz des Krieges, aller Drohungen und des organisatorischen Chaos trotzdem wählen gingen, um ein wichtiges demokratisches Recht wahrzunehmen und zu verteidigen. Nur nützt dies nichts, wenn nicht klar ist, ob ihre Stimmen am Ende überhaupt mitgezählt oder im absolut undurchsichtigen Beschwerdeprozess vielleicht disqualifiziert werden, ohne dass sie – wie schon 2010 und 2014 – jemals erfahren, warum.