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Hier eine deutlich ausführlichere Version meiner Zusammenfassung der Ereignisse, die heute (13.11.) in der taz erschien (hier online).

 

Taleban-Vorstoß in Schiiten-Gebiete

Aufständische versuchen, strategisch wichtige Teile Zentral-Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen / Anschlag auf Protestierende in Kabul

Hunderte vor allem junge Leute sind in der Nacht zum Montag in Kabul und Masar-e Scharif auf die Straße gegangen, um gegen Taleban-Angriffe und Massaker in Zentral-Afghanistan zu protestieren. Nach einem Facebook-Aufruf zogen sie in der afghanischen Hauptstadt gegen Mitternacht spontan vor den Arg, den früheren Königs- und nunmehrigen Präsidentenpalast.

Absender war, wie die News-Webseite Reporterly später berichtete,Ahmad Jawid Tasha, der schrieb: “Leute, wenn möglich, lasstuns jetzt zum Arg marschieren“ und dann: „Ich bin nur 10 Minutes vom Hadschi-Naurus-Platz entfernt; jeder, der den Mut hat, bitte kommt raus.“ Der Hadschi-Naurus-Platz befindet sich im Westen Kabuls, der vor allem von Hasaras und anderen Schiiten bewohnt wird. Von dort sind in den vergangenen Jahren schon mehrmals Massendemonstrationen ausgegangen.

Latif Fajas, Kandidat bei der jüngsten Parlamentswahl, der sich angeschlossen hatte, sagte der taz, die Demonstranten hatten fünf Forderungen: ein sofortiges Eingreifen der afghanischen und ausländischen Streitkräfte; Luftschläge und eine Säuberungsaktion gegen die Taleban; die Schaffung eines eigenständigen Armeekorps zum Schutz der Schiiten-Gebiete im Hasaradschat; die Sicherung der Verbindungswege in diesem Gebiet in Zentral-Afghanistan; und die sofortige Versorgung der von den Kämpfen Vertriebenen und Familien der Opfer. Bisher stellen sich vor allem örtliche Milizen den Taleban entgegen.

Weitere Proteste fanden in der Nacht vor dem Studentinnenwohnheim der Kabuler Universität sowie gestern Vormittag auf dem Uni-Campus statt. Viele der Protestierenden vor dem Arg blieben trotz Regens bis zum frühen Nachmittag, als Präsident Aschraf Ghani zu ihnen sprach – über Telefon und über Lautsprecher übertragen – und zusagte, mehr Truppen zu schicken. Auch  erste Luftschläge wurden gemeldet.

Kabuler Hasaradschat-Proteste. Foto: Reporterly

Während der Kämpfe hatte am Sonntag (11.11.) Präsident Aschraf Ghani der Nachbarprovinz Daikundi an mit einem seiner beiden Stellvertreter Sarwar Danesch, einem Hasara, einen inoffiziellen Wahlkampfbesuch abgestattet. Im April 2019 findet die nächste Präsidentenwahl statt, und Ghani kündigte an, Danesch werde wieder als sein Vize kandidieren. Der Zorn der Demonstranten in Kabul richtete sich auch gegen diesen Auftritt, den sie zu einer Zeit, da Nachbargebiete massiv angegriffen wurden, für unsensibel hielten. Trotzdem seien bei den Protesten keine Anti-Regierungs-Parolen gerufen worden. In den sozialen Medien herrschte hingegen ein schärferer, zum Teil demagogischer Ton („faschistische Regierung“ und ähnliches).

Als sich die Protestierenden nach der Ghani-Rede zerstreuten, sprengte sich ein Selbstmordattentäter am äußeren Sicherheitsring um die Demo in die Luft, der genau solche Anschläge in der Mitte der Demonstranten verhindern sollte. Er tötete sechs Menschen, darunter drei junge Frauen, sowie einen Verkehrspolizisten, der nahebei in einem Container saß, und verletzte etwa 20 weitere. Zu dem Anschlag bekannte sich der afghanische Ableger des Islamischen Staates.

Three victims of today’s suicide attack in Kabul. Twitter-Photo: Ehsanullah Amiri

Auslöser der Proteste war ein Vorrücken der Taliban in drei mehrheitlich von Schiiten bewohnten Distrikten in den Provinzen Urusgan und Ghasni. Ausgangspunkt der Kämpfe war der Distrikt Chas Urusgan. Dort war Ende Oktober Hakim Schodschaji, ein wegen Verbrechen an paschtunischen Zivilisten sowohl von den Taliban als auch von der Regierung gesuchter Hasara-Milizenführer, mit mehreren Fahrzeugladungen Kämpfer im Dorf Kundalan aufgetaucht. Bis er 2015 deshalb in Ungnade fiel, war er vom US-Militär unterstützt worden. Es gab Zusagen der örtlichen Hasara-Bevölkerung, Schodschaji nicht aufzunehmen. Die Taleban hatten gedroht, jeden umzubringen, der ihn beherbergen würde.

Als sie von seiner Ankunft erfuhren, griffen sie ihn in seinem Nachtquartier an. Schodschaji konnte fliehen, sein Stellvertreter wurde erschossen. Dann machten die Taleban ihre Drohung wahr: Augenzeugen zufolge holten sie alle Männer, bei deren Familien Schodschaji und seine Leute übernachtet hatten oder die dessen Kämpfer unterstützt hatten, aus ihren Häusernund erschossen sie, insgesamt etwa 40. Der Sprecher der Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans (AIHRC) Bilal Seddiqi sagte der taz, dass dabei und den vorangegangenen Kämpfen nach vorläufigen Recherchen 63 Menschen verletzt oder getötet wurden (Presseerklärung hier). Ein früherer Distriktgouverneur von Chas Urusgan sprach gegenüber der taz allein von 58 Toten.

Die Kämpfe lösten im gesamten Distrikt eine Fluchtwelle aus. In Chas Urusgan flohen mehrere hundert Familien aus mindestens vier Dörfern. Viele Menschen übernachten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in den Bergen. Baqir Haidary, ein junger Kabuli mit Verwandten in der Region, sagte, er habe seit drei Tagen von ihnen nichts mehr gehört  Auch in Kabul trafen die ersten Flüchtlinge ein.

In Chas Urusgan beherrschen die Taleban inzwischen den gesamten Distrikt mit Ausnahme des überwiegend paschtunisch bewohnten, gleichnamigen Distriktzentrums. Von dort zogen sie in Verfolgung Schodschajis in den Nachbardistrikt Malestan, dessen Herkunftsdistrikt. (Wo Schodschaji sich zur Zeit aufhält ist unbekannt.) Dort griffen sie zweimal das Distriktzentrum Meradina an, zuletzt in der Nacht zu Montag, konnten es aber nicht einnehmen.

Kämpfe gab es auch im Nachbardistrikt Jaghori. Sie begannen mit einem Taleban-Angriff auf acht von örtlichen Milizen bewachten Posten an der Grenze zu Malestan und Khas Urusgan, berichtet die New York Times, deren Korrespondent in das Distriktzentrum Sang-e Mascha gereist war. Dabei war eine Kommando-Einheit der afghanischen Armee von 50 Mann fast völlig aufgerieben worden; der NYT-Reporter sah die Leichen und die Überlebenden in Sang-e Mascha. Er berichtete aber auch von Streitereien und Nichtkooperation zwischen den Kommandos und den Milizen. Der Distriktgouverneur wie viele Einwohner Sang-e Maschas seien nun ebenfalls untergetaucht oder auf der Flucht. Das bestätigte auch die ehemalige Abgeordnete und designierte Botschafterin für Tadschikistan Shah Gul Rezai.

Jaghori ist wahrscheinlich der am besten gebildete Distrikt Afghanistans, mit fast hundertprozentiger Einschulungsrate selbst bei Mädchen. Dort existiert ein von mehreren Organisationen aufrecht gehaltenes Netzwerk von Schulen, u.a. von Schuhada, einer afghanischen Nichtregierungsorganisation, die noch zu Zeiten der sowjetischen Besatzung von der heutigen AIHRC-Vorsitzenden Sima Samar in Leben gerufen worden war.

Einweihung einer Schuhada-Schule in Jaghori (2006). Foto: Thomas Ruttig

Irmela Falke vom deutschen Freundeskreis Afghanistan (FKA) sagte der taz, sie sei sehr besorgt, dass auch die dortigen Schulprojekte ihrer Organisation bei den Kämpfen in Gefahr geraten könnten. Der rein ehrenamtliche tätige Verein unterstützt seit 1980 Schulen in Jaghori, zur Zeit sind es neun, davon drei Mädchengymnasien, die übrigen gemischte, mit zirka 3.700 Schülerinnen und Schülern. Eine davon im Dorf Tschop liegt nur 30 Autominuten vom derzeitigen Kampfgebiet entfernt; dort hat auch Botschafterin Resai ihre Schulbildung absolviert. Alle FKA- und wahrscheinlich auch die anderen Schulen sind wegen der Kämpfe geschlossen, und das während der Prüfungszeit.

FKA-geförderte Mädchenschule Tabqus in Jaghori Anfang 2018. Foto: FKA.

Hinter den Angriffen steckt eine neue Strategie der Aufständischen. Taleban-nahe Quellen bestätigten, dass der neue Taleban-Militärgouverneur von Chas Urusgan, Abdul Raschid Rasched sich beim Führungsrat, der sogenannten Quetta-Schura im benachbarten Pakistan, darüber beschwert habe, dass die örtlichen Hasara entgegen früheren Abmachungen mit Stammesältesten – einer Art gegenseitigen Nichtangriffspakts – keine Steuern an sie gezahlt hätten. Die Hasara sollen nicht nur die traditionellen religiösen Steuern auf den Ertrag ihrer Geschäfte, vor allem Landwirtschaft und Handel, sondern auch eine säkulare Landsteuer bezahlen.

Die Taleban-Führung habe Rasched daraufhin grünes Licht für eine Einschüchterungskampagne gegeben, für die das Auftauchen Schodschajis nun den Anlass lieferte. Rasched, mit 35 Jahren ein relativ junger Mann, ist aus seiner Zeit als kleinerer örtlicher Kommandeur einer Talebangruppe als rabiat bekannt.

In diesem Kontext dürften Anschuldigungen von Hasara-Aktivisten, die Taleban betrieben eine „ethnische Säuberung“, überzogen sein. Die Taleban benötigen das Einkommen aus diesen Steuern und sind nicht an entvölkerten Gebieten interessiert. Sie wollen aber angesichts mehrerer Initiativen zu Friedensgesprächen mit den Taleban – konkurrierend von den USA und Russland vorangetrieben – ihre Gebietskontrolle in Afghanistan weiter ausdehnen und vor allem zeigen, dass Gesprächsbereitschaft nicht mir Kriegsmüdigkeit zu tun hat.

Thomas Ruttig, Kabul

Full disclosure: Der Autor ist (rein zahlendes) FKA-Mitglied.

 

Hier als Zugabe noch Berichte über die FKA-Schulen in Jaghori – vor den jetzigen Angriffen:

20181112Beiträge Tabqus Endversion FKA

FKA-Mädchenschule in Jaghori. Foto: FKA

 

Spendenkonto:

Freundeskreis Afghanistan
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