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ACCORD, eine von Roten Kreuz Österreichs betriebene asylrelevante Forschungs- und Dokumentationseinrichtung hat einen ausführlichen Bericht zur wirtschaftlichen Situation sowie in den drei großen afghanischen Städte Herat, Masar-e Scharif und Kabul vorgelegt. Diese drei Städte werden nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland von den Behörden immer wieder als „Binnenfluchtalternativen“ bezeichnet werden. In anderen Worten: potenzielle afghanische Flüchtlinge im Land sollen sich dorthin statt ins Ausland begeben, da dort angeblich Versorgung und Sicherheit besser seien als anderswo – die berühmten, in Deutschland nie genannten „vergleichsweise sicheren Gebiete“.

Nahrungsmittel(un)sicherheit in Afghanistan (Projektion Dez 2018-Jan 2019). Rot ist Ausnahmesituation, Orange krisenhaft, Gelb „unter Stress“

 

Der 270 Seiten lange Bericht behandelt folgende Themen: Nahrungsmittel-, Trinkwasser- und Gesundheitsversorgung, Wohnen, Arbeitsmarkt, Ausbildungszugang für Kinder, Lebensunterhaltskosten und Verdienst sowie die hygienischen und Umweltbedingungen. Ein besonderer Fokus wird auf die „am stärksten vulnerablen [verletzlichen] Bevölkerungsgruppen“ gelegt, „allen voran Binnenvertriebene und RückkehrerInnen“. Zu dieser Gruppe heißt es:

Innerhalb der Gruppe der Binnenvertriebenen ergehe es denjenigen, die kürzlich vertrieben wurden, deutlich schlechter. (…) Die Binnenvertriebenen hätten Schwierigkeiten beim Zugang zu Grundbedürfnissen wie Unterkunft, Wasser, sanitäre Einrichtungen und Bildung. Alle Binnenvertriebenen an diesen Standorten seien mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert.

Das dürfte dann auch für andere Neuankömmlinge gelten – z.b. für aus Europa Abgeschobene –, die zudem kaum Familienanbindung haben dürften. Die Binnenvertriebenen versuchen hingegen, möglichst im Familienverband zu bleiben, auch wenn häufig ein männlicher Verwandter zurückgelassen wird, um eventuell vorhandenes Eigentum zu schützen..

Der Bericht zitiert auch einen Report des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen (European Asylum Support Office, EASO), einer EU-Behörde,  vom Juni 2018 („Country Guidance“ zu Afghanistan), in dem es zur Ernährungssicherheit in Kabul, Herat und Mazar heißt, dass es generell keine Nahrungsmittelknappheit gebe und die „wichtigste Variable“ bezüglich des Zugangs zu Nahrungsmitteln die zur Verfügung stehenden Mittel seien, was im Fall von Vertriebenen ein Problem darstellen könne. Dies wird durch die Fakten im ACCORD-Bericht durchaus in Frage gestellt.

Zudem hatte schon jüngst der Weltbank-Landeschef für Afghanistan Shubham Chaudhuri in seinem Blog festgestellt, dass die afghanische Stadtbevölkerung zwar von den Jahren des Wirtschaftswachstums bis 2011 profitiert haben , aber in der „Nach-Transitions-Periode [nach 2014] die städtischen Gebiete besonders hart, mit einer Zunahme der Armutsrate um 10 Prozent, verglichen mit 8 Prozent in ländlichen Gebieten“ getroffen wurden (bei mir schon hier berichtet).

ACLED-Kriegsopferzahlen für 2017 und 2018.

 

Interessant auch, dass der Bericht auf eine neue Quelle zur Zahl der zivilen Opfer des Afghanistan-Krieges (seit 2017) hinweist, die Datenbank des Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) der University of Sussex (Link hier). Dort gebe es deutlich höhere Opferzahlen als zum Beispiel bei UNAMA.

Hier den gesamten ACCORD-Bericht lesen.