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Hier mein sehr deutlich erweiterter Kommentar für die heutige Online-taz (hiernicht in der Druckausgabe) zu immer noch nicht offiziell (aber semioffiziell) bestätigten Berichten über einen von Trump im Alleingang angeordneten Truppenteilabzug aus Afghanistan:

[Nachtrag 7.1.19: dpa berichtete inzwischen am 4.1.19:

Die USA überlegen, Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Das bestätigte US-Vizepräsident Mike Pence bei Fox News. Auf die Frage, ob die USA von einer weiteren Truppenpräsenz in Afghanistan profitieren würden, sagte Pence: «Der Präsident ist dabei, das zu bewerten, während wir sprechen.»]

US- und afghanische Soldaten fliegen nach einem Einsatz 2012 in Kandahar ab. Foto: NATO Training Mission-Afghanistan unter CC BY-SA 2.0.

 

Afghanistan fallenlassen, die zweite

Nun ist es wohl passiert, schneller als erwartet: US-Offizielle bestätigen bereits anonym, Trumps Entscheidung über einen Truppenteilabzug aus Afghanistan – bis zur Hälfte der etwa 14.000 Soldaten – sei gefallen.

Also erst der Abzug aus den Kurdengebieten in Syrien, wo die Kurden Assad und Erdogan zum Fraß vorgeworfen werden, und jetzt Afghanistan. Trump übersetzt seine America-First-Politik ins Außenressort, ohne Rücksicht auf Verbündete.

Nicht dass so etwas zum ersten Mal geschieht: Bush senior, nach seinem Ableben gerade noch als „einer der außenpolitisch erfolgreichsten US-Präsidenten“ (ARD-Tagesschau)gepriesen, opferte Iraks aufständische Schiiten und Kurden Saddam Hussain. Auch die Afghaninnen und Afghanen sind ja schon einmal vom gesamten Westen im Stich gelassen worden, nach dem Abzug der damals sowjetischen Invasoren 1989. Über ein paar Zwischenstufen führte das zur Herrschaft der rückwärtsgewandten, misogynen, menschenrechts- und demokratiefeindlichen Taleban. Während das hierzulande weitgehend vergessen ist, auch bei den meisten Politikern und Parlamentariern (ohnehin fehlt ein institutionelles Gedächtnis, was Afghanistan betrifft), ging es in die afghanische nationale Erzählung ein.Der mögliche Beginn des amerikanischen Afghanistan-Rückzugs wird ihnen einen Schauer den Rücken hinunter jagen.

Politisch-strategisch passt selbst ein Teilabzug jetzt überhaupt nicht.

Immerhin hat Trump gerade einen Sonderbeauftragten geschickt, mit den Taleban ein Ende des Kriegs und – dann! – einen Truppenabzug herbei zu verhandeln. (Nicht dass dieser ein großer Hoffnungsträger wäre. Zalmay Khalilzad passt als business-orientierter Neocon aus der Rand-Stiftung eigentlich gut zu Trump. Er hat sich über die letzten Jahre per Consulting-Unternehmen auch mehr um den Zugriff auf afghanische Gas-, Öl- und Kupfervorkommen gekümmert, die die afghanische Regierung an chinesische Investoren vergeben hat. Khalilzads Mitarbeitern zufolge stünen diese aber den Amerikanern zu, die ja immerhin „blood and money“ in Afghanistan investiert hätten. Selbst afghanischer Herkunft gilt er vielen als Afghanistan-Versteher, aber es ist auch bekannt – und dieser Autor konnte ihn damals ziemlich aus der Nähe beobachten, dass er für die Wiederintegration ins politische System und Straflosigkeit für die afghanischen Warlords und damit das Abwürgen des demokratischen Ansatzes ab 2001 führend verantwortlich war.)

Stellt sich die Teilabzugsentscheidung Trumps als wahr heraus, schwächte das deutlich die eigene Verhandlungsposition und die der lokalen US-Verbündeten bzw. -Klienten, der Ghani/Abdullah-Regierung. Trump wiederholte damit Obamas Fehler von 2014, den er selbst häufig als Fehlentscheidung angeprangert hat: Obama hatte damals auch einen Truppenabzug mit Endtermin angekündigt. Die Gegenseite musste dann bis zu diesem Termin einfach nur überleben (was die Taleban auch taten). Allerdings wurde der Abzug dann auch gestoppt. Eine Frage ist nun, ob es jetzt, wie unter Obama, wieder einen Ausstieg aus dem Abzug gibt. Nach einer Zusicherung, zur afghanischen Regierung zu halten, sieht das jedenfalls nicht aus. Inzwischen ist auch klar, dass von Kabul bis Brüssel (NATO) und selbst in Washington niemand darüber vorab Bescheid wusste.

Dass dies eine Selbstschwächung ist gilt selbst, wenn der Teilabzug zahlenmäßig dramatisch aussieht, es aber inhaltlich vielleicht aber gar nicht ist. Einiges hängt davon ab, welche Einheiten genau Trump abziehen will. Die Special Forces und ähnlich kämpfende Komponenten werden wohl im Land bleiben. Wahrscheinlich wird eher die Ausbildungskomponente ab- und Druck aufgebaut, dass andere NATO-Staaten diese Lücke füllen.

(Und kaum schreibe ich das, kommt schon Trumps Tweet: „Wollen die USA der Polizist des Nahen Ostens (hier lies auch: Afghanistan) sein, und NICHTS (so im Orig.) als wertvolle Leben und Trillionen von Dollars auszugeben, um andere zu schützen, die in fast allen Fällen(!) nicht schätzen, was wir tun? … Zeit für andere, endlich zu kämpfen.“)

Die „Ausbildungs“mission (auch der Bundeswehr) ist m.E. sowieso schon immer mehr oder weniger eine Feigenblattoperation gewesen. Offiziell heißt sie ja auch „Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission“, und die beiden letztgenannten Komponenten sind die ausschlaggebenden. Das bestätigte ein jüngster Beitrag in der Welt vom vorweihnachtlichen Besuch von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Bundeswehrcamp von Masar-e Scharif, in dem es hieß von der über 1000 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan seien nur „zwei Dutzend“ wirklich mit der Ausbildung von Afghanen befasst (diese niedrige Zahl war mr bisher nicht bekannt), „der große Rest ist mit Sicherungs- und Schutzaufgaben sowie dem Betrieb des Camps beschäftigt. … Eigene Patrouillen werden nicht mehr durchgeführt.“

Aber Schlüsselbereiche könnten ebenfalls betroffen sein. Jonathan Schroden, der 2013 vom US-Kongress beauftragt worden war, eine Einschätzung der Lage in Afghanistan zu schreiben, meldete sich gerade mit einem Update zu Wort und erklärt, woran es den afghanischen Streitkräften mangelt. Er sagt, trotz einiger Fortschritte bei der Mobilität der afghanischen Truppen blieben diese „in vielen ihrer selbst einfachsten Fähigkeiten beklagenswert von Koalitionsunterstützung abhängig“. Neben der Mobilität seien das „Luftunterstützung; Logistik (also Versorgung, Wartung, Vertragsvergabe); Informationssammlung und Analyse; Kommunikation und Koordination zwischen den verschiedenen bewaffneten Komponenten [also Armee, Polizei, Geheimdienst, die verschiedenen Milizen und Quasi-Milizen]; Rekrutierung und Ausbildung von Personal mit spezialisierten Fähigkeiten. … Insgesamt sind die afghanischen Sicherheitskräfte Jahre davon entfernt, unabhängig diese Funktionen auszufüllen. … Internationale Umsetzungshilfe – einschließlich von Beratern – wird für sie essentiell sein (…,) für wenigstens fünf bis zehn Jahre – und sogar noch länger für die Luftstreitkräfte“. Wenn hier einiges wegfällt, verschlechtert sich die Situation der afghanischen Regierungsseite tatsächlich drastisch.

In dem bereits zitierten Welt-Artikel wird ein ähnliches Bild gezeichnet:

Trotz der Milliardeninvestitionen in den Aufbau der afghanischen Armee sei von militärischen Strukturen wie einem Zug oder einer Kompanie wenig zu erkennen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Wenn die Einheiten der Afghanen in den Einsatz ziehen, biete sich eher das Bild eines „Haufens“.

Auch innenpolitisch kann schon die Ankündigung des Abzugs einen Domino-Effekt in Afghanistan auslösen. Afghanische Milizen (und mit ihnen ihre Kommandeure und Warlords) könnten zu dem Eindruck kommen, sie stünden jetzt auf der Verliererseite und – wie oft gehabt in Afghanistan – die Seite zum mutmaßlichen Gewinner wechseln. Die für April 2019 geplante Präsidentenwahl könnte im Chaos untergehen. Die Taleban können sich genüsslich zurücklehnen und abwarten, ob die Kabuler Regierung zerbröselt oder zusammenbricht.

Hinzu kommt: Bei Trump ist das alles keine Politik, sondern nur Ressentiment. Man erinnere sich an seine Vor-Wahl-Tweets: „Unsere Truppen werden von den Afghanen getötet. Wir vergeuden dort Milliarden. Wir bauen Straßen und Schulen für Leute, die uns hassen.“ Seine „Intuition“ lege ihm einen Abzug nahe, aber er habe sich von den Generälen überreden lassen, den Afghanen noch eine Chance zu geben. (Ein weiterer dieser Generäle, Verteidigungsminister Mattis, ist gerade auch zurückgetreten.

Trumps Ansichten sind natürlich grob vereinfacht. Vergurkt haben die Amerikaner ihr Ansehen bei den Afghanen mit ihrer Besatzermentalität selbst. Denn: Die Afghanen würden die Amerikaner gern lieben, immerhin hatten sie ihnen die Taleban vom Leib geschafft. Aber dann wollten ihre Soldaten nur noch „ass kicken“ (also in Ärsche treten, ein beliebter Ausdruck von ihnen), also so viele Taleban wie möglich killen, was aber häufig die Falschen traf (siehe zivile Opfer). Und wenn einen die eigenen Ausbilder ständig als „motherfucker“ bezeichnen (nicht dass es diesen Ausdruck in afghanischen Sprachen nicht auch gäbe), dann ist es auch kein Wunder, wenn mancher afghanische Soldat seine Knarre mal umdreht und abdrückt.

In den sozialen Medien und regierungsseitig mehren sich in Afghanistan jetzt trotzige Reaktionen. Ein Abzug werde „keinen Einfluss“ auf die Sicherheitslage haben, heißt es aus dem Präsidentenbüro, denn schon in den letzten Jahren sei man bereits „voll in Kontrolle“ gewesen. Nebbich! Jede/r in Afghanistan weiß, dass Kundus 2015 und 2016, Ghasni 2018 und andere Städte dauerhaft an die Taleban gefallen wären, hätten nicht US- und andere Spezialkräfte eingegriffen und in Kundus 2015 zum Beispiel die Eroberung des Flughafens durch die Taleban in letzten Minute abgewendet. Wäre der gefallen, hätte die Regierung keine Verstärkungen mehr heranführen können und die Taleban die Möglichkeit gehabt, von Kundus aus Provinz für Provinz aufzurollen.

In jedem Fall werden es die Afghanen sein, die die US-Entscheidung ausbaden werden müssen. Wieder einmal. Sicher, das Land wird überleben, wie es in den sozialen Medien hieß. Die Frage ist nur, wie dieses Leben aussehen wird: zunächst eine Regierung in Kabul, die intern zerstritten und oft dysfunktional ist und sich noch ein paar Jahre durchwurschtelt, solange nicht auch der Geldhahn zugedreht wird? Fraktions- oder Bürgerkrieg, also die 1990er reloaded? Oder beides, je nach Gegend? Oder akuter Zusammenbruch und ein Neo-Taleban-Regime, eventuell verstärkt durch die Seiten wechselnde Warlords, die ohnehin ebenfalls größtenteils Islamisten sind, und mit ein paar Mädchenschulen und der Verpflichtung, al-Qaeda und den IS nicht ins Land zu lassen, damit die internationalen Proteste nicht gar so laut werden?

Hier müsste jetzt Europa einspringen. Aber es hat den USA 17 Jahre lang die Afghanistan-Politik überlassen. Ob jetzt beim Wort „Afghanistan“ noch jemand auf Empfang ist? Vor allem, wenn schon in NATO-Kreisen darüber gemutmaßt wird, dass Südkorea und Deutschland die nächsten sein könnten mit einem NATO-Truppenabzug.

Wenn die Taleban Champagner trinken würden, könnten sie jetzt die Flaschen entkorken.

Hier zu Friedensgesprächen und -aussichten weiterlesen.

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