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Die Zahl ziviler Opfer in Afghanistan hat 2018 einen neuen Höchststand seit Beginn der systematischen Zählung durch die UNO erreicht. Das geht aus dem jüngsten Jahresbericht der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) hervor, der gestern (24.2.19) in Kabul veröffentlicht wurde (Meldungen hier, hier und hier). Demzufolge kamen 3804 Zivilistinnen und Zivilisten bei Konflikten ums Leben; 7.189 seien verletzt worden. Fast ein Viertel der getöteten Zivilisten waren Kinder. (Hier geht es zum gesamten Bericht.)

Damit hat sich der Trend von 2017, als es nach Jahren auf höchstens Niveau ein Absinken um 11 Prozent gegeben hatte, wieder umgekehrt. [[Ergänzt 26.2.19: Im Durchschnitt werden täglich landesweit mehr als zehn Zivilisten getötet und fast 20 verletzt. Die Zahl der getöteten Angehörigen von Armee und Polizei lag nach letzten öffentlichen Zahlen 2016 etwa doppelt so hoch und hat seither deutlich zugenommen, auch wenn die Verlustrate inzwischen nicht mehr veröffentlich wird. Präsident Aschraf Ghani sagte jüngst laut BBC, dass seit seiner Amtsübernahme im September 2014 insgesamt 45.000 Soldaten und Polizisten getötet worden seien. Eine verlässliche Zahl der getöteten Taleban liegt nicht vor.]

In den vergangenen zehn Jahren seien damit insgesamt über 32.000 Zivilistinnen und Zivilisten getötet und rund 60.000 verletzt worden. Für 37 Prozent der zivilen Opfer macht der UN-Bericht die radikalislamischen Taliban verantwortlich, für ein Fünftel die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). 24 Prozent der zivilen Opfer gehen auf Regierungstruppen und ihre Verbündeten zurück.

Opfer eines Luftschlags in der Provinz Kundus im örtlichen Krankenhaus, April 2018.

 

Das Jahr 2018 sah eine Rekordzahl an zivilen Opfern von Selbstmord- und sogenannten komplexen Angriffen (65 über das Jahr, vor allem durch den örtlichen IS-Ableger und die meisten in Kabul) sowie von Luftschlägen (durch US- und afghanische Truppen, über 500, plus 61% gegenüber dem Vorjahr); am 28.1.18 ereignete sich der schwerste je verzeichnete Angriff, eine Autobombe der Taleban vor dem Innenministerium in Kabul, die als Krankenwagen getarnt war, und 114 Zivilisten tötete und 229 verletzte (die Taleban behaupten, es habe sich um Ministeriumsangestellte und damit um legitime Ziele gehandelt); mit 1007 registrierten Zivilopfern (226 Tote, 781 Verletzte) waren die – immer noch nicht abgeschlossenen – Parlamentswahl im Oktober die bisher gewalttätigsten seit 2001; der erste Wahltag (20 Oktober) war mit 388 Zivilopfern (52 Tote, 336 Verletzte, darunter 21 getötete und 96 verletzten Kinder sowie zwei getötete und 46 verletzte Frauen) der gewalttätigste in 2018 (separater UN-Bericht hier); auch die Zahl der getöteten Kinder erreichte mit 927 einen Höchststand (plus 1 gegenüber dem bisher schlimmsten Jahr 2016, aber ein deutlicher Zuwachs gegenüber 2017). Auch die Todesopfer in Folge von Durchsuchungsoperationen durch regierungstreue Kräfte – darunter v.a. bewaffnete Geheimdiensteinheiten sowie Milizen, die direkt der CIA unterstehen und außerhalb aller afghanischen Kommandostrukturen stehen. (Mehr Analyse von AAN hier.).

Gleichzeitig sank die Zahl der zivilen Opfer bei Bodenkämpfen im zweiten Folgejahr. Erklärungen dafür könnten sein, dass mehr in entvölkerten Regionen gekämpft wird und sich die Taleban mehr auf militärische Einrichtungen konzentrieren. In viele Regionen ist der Krieg statisch geworden, d.h. die Taleban haben einige Provinz- und vor allem Distrikthauptstädte eingekreist.  Gleichzeitig gab der Stabschef der afghanischen Armee zu (in einem Video-Interview mit al-Jazeera) zu, dass die Regierung in den vergangenen Monaten die Kontrolle über 21 weitere Distrikte (von insgesamt 387) verloren habe. (Er kündigte an, sie in der bevorstehenden Frühjahrsoffensive zurückzuerobern.)

Die ARD-Tagesschau weist darauf hin, dass die Zahlen der UN als „konservativ“ gelten, weil die Organisation für jeden registrierten Fall mindestens drei unabhängige Quellen benötigt.

Das ist richtig: Gestern erfuhr ich von einem – wahrscheinlich von US-Truppen ausgeführten – Luftangriff im Dorf Dschelga (Provinz Wardak, wahrscheinlich identisch mit dem Distriktzentrum von Daymirdad), bei dem in der Nacht zum 23.2.19 nach unterschiedlichen Angaben von Dorfbewohnern zwischen acht und 18 Menschen umkamen. Nach ihren Angaben habe es dort keine Taleban gegeben; sie sagten, es könne sich um eine Falsch- oder gezielte Fehlinformation gehandelt haben. Bei dem Angriff sei ein Haus durch einen Volltreffer zerstört und mindestens acht Menschen, darunter Kinder und Erwachsene getötet worden. Zwei oder drei weitere Häuser sowie eine Moschee seien ebenfalls getroffen worden. Von diesem Vorfall habe ich in den afghanischen Medien nicht gefunden. So wird es davon abhängen, ob die UN eigene Quellen hat, die das melden, so dass der Vorfall registriert und untersucht werden kann.

Hier finden sich die AAN-Analysen der UNAMA-Zivilopferberichte von 2017201620152013 und 2012 (jeweils mit Links zu den Originalberichten).

Hier bitte auch weiterlesen, wie der Krieg die Möglichkeiten humanitärer Hilfeleistung einschränkt.

Schiitische Gebetsstätte im Dorf Qarabaghi bei Ghasni-Stadt nach einer nächtlichen Durchsuchungsaktion durch Regierungskräfte in der Nacht zum 24.2.19. Dabei gab es keine Opfer. Quelle: Facebook-Seite „Ghazni“.

 

 

 

 

 

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