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Am 26.3.19 meldete die ARD-Tagesschau, dass vor der griechischen InselLesbos erneut vier Flüchtlinge ertrunken sind – drei Frauen und ein Kind. Das gehe auf Angaben der türkischen Küstenwache zurück. „Die Todesopfer stammten demnach alle aus Afghanistan“, hieß es weiter.

Die Tagesschau zitierte die private türkische Nachrichtenagentur DHA, derzufolge 15 Menschen aus Iran und Afghanistan in dem Boot seien gewesen. 11 wurden gerettet. Sie hätten versucht, von der Türkei zur griechischen Insel Lesbos überzusetzen.

Seit dem Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei von 2016 ist die Zahl der Flüchtlinge, die von der türkischen Küste versuchen, auf griechische Inseln der Ostägäis überzusetzen. Aber nach UN-Angaben, die der Spiegel zitiert, sind 2018 immer noch jeden Tag sechs Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Der Anteil der Menschen, die auf der Überfahrt sterben, ist im Vergleich zur Zahl derjenigen, die es versuchen, 2018 stark angestiegen (2275 Tote). Das ZDF zitierte UN-Zahlen: 2017 starb einer von etwa 55 Flüchtlingen, die die Überfahrt versuchten. 2018 starb einer von etwa 50 Flüchtlingen bei der Überfahrt.

Auf den ägäischen Inseln befinden sich derzeit schon rund 15.000 Flüchtlinge, ungefähr 5000 allein im überfüllten Lager Moria auf Lesbos; auch diese überwiegend Afghanen. (Der Bericht einer afghanischen Journalisten aus Moria vom Januar 2019 hier.) „Etwa 30 Prozent von ihnen sind Kinder, viele von ihnen jünger als zwölf Jahre und ohne die Begleitung von Erwachsenen auf sich allein gestellt“, heißt es bei der ARD weiter.

Nach jüngsten UN-Zahlen stellten Afghanen in den ersten Monaten des Jahres 2019 erneut die größte Gruppe von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kamen – 1649 von 15.834 Menschen (16%) bis Ende Februar – alle kamen nach Griechenland. Dort stellten sie fast die Hälfte aller Ankommenden (49,4%).

Die Gesamtzahl der Toten und Vermissten (nicht nach Nationalitäten aufgeschlüsselt) betrug bis dahin schon wieder 311.

So wie das Sterben der Flüchtlinge – darunter vieler Afghanen – auf dem Mittelmeer weitergeht, so nimmt auch der Krieg in Afghanistan selbst immer größere Ausmaße an. Das erste ist die Folge des letzteren.

Die Zahl ziviler Opfer hatte 2018 einen neuen Höchststand erreicht, wie der jüngste Jahresbericht der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) zeigte (Meldungen hier, hier und hier). Demzufolge kamen 3804 Zivilistinnen und Zivilisten bei Konflikten ums Leben; 7.189 seien verletzt worden. Fast ein Viertel der getöteten Zivilisten waren Kinder. (Hier geht es zum gesamten Bericht.) Trotzdem setzen Deutschland und andere europäischen Staaten ihre Abschiebungen ins afghanische Kriegsgebiet fort. Die bisher letzte deutsche Abschiebung kam einen Tag vor dem afghanischen Neujahrsfest in Kabul an.

In der Folge waren Afghanen nach EU-Angaben 2018 trotz der rückläufigen Gesamtzahlen mit 40.990 immer noch die zweitgrößte Gruppe der Neuasylbewerber in Europa. Das sind 7 Prozent aller Neuanträge in Europa.

Einer Übersicht der Bundeszentrale für politische Bildung vom Oktober 2018 zufolge kamen zwischen 2008 und 2017 über 545.000 Afghanen als Asylbewerber in die Europäische Union, die zweitgrößte Gruppe nach den Syrern. Allein 2015 kamen fast 180.000 Afghanen. In der genannten Periode war fast jeder fünfte der afghanischen Asylbewerber (19,8%) ein unbegleiteter Minderjähriger. Die meisten von ihnen kamen in Schweden an.

Aus den neuen EU-Zahlen für 2018 geht ebenfalls hervor, das besonders Deutschland und andere nördliche EU-Staaten am meisten von der Abschottungspolitik profitieren, während die direkten Mittelmeeranrainer weiterhin die höheren Antragszahlen verzeichnen. 29 Prozent aller neuen afghanischen Asylanträge werden nämlich in Griechenland gestellt. Afghanen sind die größte Gruppe neuer Asylantragsteller auch in Frankreich, Bulgarien, Kroatien (wohin viele in Serbien oder Bosnien gestrandete Afghanen zu kommen versuchen), Ungarn und der Slowakei, während sie in Deutschland, den Niederlanden und allen nordischen Ländern nicht mehr zu den drei größten Gruppen der Antragsteller gehören. Im März berichtete der Deutschlandfunk, dass viele Afghanen aus diesen Ländern nach Frankreich gingen, wo sie nach einer mehrmonatigen Frist (die sie ohne Unterstützung auf der Straße zubringen müssen) immer noch größere Chancen auf Anerkennung haben.

 

Offener Brief an Merkel

Gegen die Zustände im Mittelmeer, Folge der europäischen Abschottungspolitik, haben jetzt mehr 262 Organisationen aus ganz Deutschland in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel protestiert. Die Unterzeichner des Briefes kritisieren u.a. die Kriminalisierung ziviler Helfer. Die Unterbindung nichtstaatlicher Seenotrettung bezeichnen sie als „unterlassene Hilfeleistung der europäischen Staaten“. „Die Pflicht zur Seenotrettung ist Völkerrecht und das Recht auf Leben nicht verhandelbar“, heißt es weiter. Hier den gesamten Brief lesen.