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Ich hatte neulich schon damit begonnen zu beschreiben, wie die afghanische Regierung die Zahlen von Anschlagsopfern kleinredet oder offenbar dafür sorgt, dass die dortigen Medien – aus falsch verstandenem Patriotismus – überhaupt nicht oder nur teilweise berichten. Das war der Fall beim Autobombenanschlag auf ein Logistikzentrum des Verteidigungsministeriums am 1. Juli 2019 in Kabul (hier mein erster Bericht). I.ü. geschieht das v.a. in Kabul und wenn Einrichtungen der Sicherheitskräfte betroffen sind. Außerhalb Kabuls gibt es weniger Restriktionen, wie zum Beispiel der Mehrfach-Autobombenanschlag (nach Regierungsquellen mit vier mit Sprengstoff gefüllten Humvee-Fahrzeugen) am 29.6.19 auf das Polizeihauptquartier im Distriktzentrum von Maruf (Provinz Kandahar), bei dem elf Polizisten und acht Mitarbeiter der Wahlkommission umkamen, oder bei einem Angriff der Taleban auf eine Einheit der milizähnlichen Afghan Local Police in Nahrin (Provinz Baghlan), bei dem in der Nacht zum gleichen Tag mindestens 30 ALP-Angehörige umkamen. (Afghanische Regierungsquellen sagten später, es habe sich nicht um ALP-Angehörige, sondern Zivilisten gehandelt. Was nun stimmt, kann ich nicht sagen; ich hoffe darauf, dass UNAMA das im kommenden Bericht klarstellt.)

Im Fall von Kabul am 1.7. gibt es bis heute keine endgültigen Zahlen. Afghanische Medien berichteten voller angebrachter Entrüstung über die vielen verletzten Kinder und anderen Zivilisten, aber nur am Rande gab es (und viel zu niedrige Zahlen) zu den Toten des Anschlags. Nachdem ich meinen Beitrag mit all den verschiedenen Zahlen veröffentlich hatte, meldete sich auf Twitter J.P. Lawrence, der Korrespondent der US-Armeezeitung Stars & Stripes in Kabul ist und legte dar, wie und warum seine Zeitung über den Anschlag berichtet hat:

Official sources told us 10 and said other totals were wrong. The 40 total includes a large number of ANA killed. Which MOD denied. We mentioned the 40 figure out of respect to the possibility unnamed sources for NYT, WAPO and Bilal Sarwary are right.

[Offizielle (aber offenbar anonyme) Quellen sagten uns, es habe 10 Tote gegeben und dass andere Zahlen falsch seien. Die (von anderen berichtete) Gesamtzahl von 40 schloss eine große Zahl von ANA-Soldaten ein. Was das Verteidigungsministerium dementierte. Wir erwähnten die Zahl 40 aus Respekt für die Möglichkeit, dass die anonymen Quellen der New York Times, Washington Post und von Journalist Bilal Sarwary recht haben.]

J.P. besuchte auch die Familien von Opfern, berichtete darüber und gab damit, über die Zahlen hinaus, wenigstens auch einigen Opfern Namen, hier.

Anschlag auf das Logistikzentrum des afghanischen Verteidigungsministeriums in Kabul am 1.7.19. Foto: 1TV (Kabul), über Twitter

 

Bei letzten Mal hatte ich meinen Blogeintrag wie folgt begonnen:

In den letzten beiden Tagen war Afghanistan mal wieder… – hmm, in den Schlagzeilen? Naja, es gab ein paar mehr oder weniger prominente Meldungen, auf Nachrichtenwebseiten. „Mindestens 65 Tote bei Taliban-Angriffen“ hieß es gestern bei Spiegel online, Süddeutscher und Berliner Zeitung sowie in der Jungen Welt (alle auf Grundlage einer dpa-Meldung; die Nachrichtenagentur unterhält ja noch ein Büro in Kabul).

In den öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichtensendungen habe ich gestern – am 30.6.19 – davon nichts gehört nicht.

In dem Spiegel-Bericht (auf dpa-Grundlage) wurden z.B. am 30.6.19 „schwere Gefechte mit zahlreichen Toten“ zwischen Sicherheitskräften und Taleban in vier Provinzen (Baghlan, Kandahar, Kundus und Farah) am vorangegangenen Wochenende gemeldet. Darunter waren die oben schon erwähnten Angriffe in Nahrin und Maruf sowie ein Angriff auf einen Armeestützpunkt im Distrikt Imam Sahib (Provinz Kundus), wobei mindestens zwölf Soldaten getötet und mindestens 16 weitere gefangen genommen worden seien (14 bzw 20 nach afghanischen Medien) sowie ein weiterer Angriff auf eine Militärbasis in Bala Buluk (Provinz Farah), wobei acht Soldaten umgekommen und weitere verletzt worden seien. Ferner wurde im gleichen Bericht gemeldet, dass am Dienstag zuvor bei einem Einsatz der US-Armee ein Deutsch-Amerikaner aus Heilbronn sowie ein weiterer Amerikaner bei einem Schusswechsel in der Provinz Urusgan getötet worden seien.

Am selben Tag berichtete Reuters unter dem Titel „Kämpfe toben in ganz Afghanistan, während Friedensgespräche andauern“ ebenfalls von schweren Kämpfen. Auch dabei wird der Anschlag von Maruf erwähnt sowie, dass die Taleban behaupteten, sie hätten 57 Mitglieder der Regierungstruppen getötet, und dass das Innenministerium in Kabul behauptete, diese hätten 25 Angreifer getötet. Zum Angriff in Farah wird berichtet, dass dieser endete, nachdem die afghanische LuftstreitkräfteLuftschläge durchführte und dabei „viele Talebankämpfer“ getötet worden seien. Weiter heißt es, dass in der Nordprovinz Tachar über 600 Dorfbewohner geflohen seien, nachdem die Taleban in den vorangegangenen Tagen „große Gebiete in der Provinz“ besetzt hätten. Todesopfer oder Verletzte dieser Kämpfe meldete Reuters nicht, aber man kann annehmen, dass es solche gegeben hat.

Am gleichen Tag berichtete Tasks & Purpose, eine weitere US-Militärzeitung, unter Berufung auf die New York Times, dass in der vorangegangenen Woche die afghanischen Sicherheitskräfte und Zivilisten „ihre tödlichste Woche im Jahr 2019“ erlitten – mit insgesamt „mindestens“ 246 getöteten Angehörigen der Sicherheitskräfte und 58 Zivilisten. Die Zahl der Opfer in der Kandaharer Militärbasis (offenbar der Vorfall in Maruf) wird mit 45 getöteten Polizisten (also 34 mehr als offiziell gemeldet) und den acht Zivilisten angegeben. (Die NYT führt ein wöchentliches Register der in Afghanistan gemeldet Kriegsopfer. Für den Zeitraum 7.-13.6. z.B. registrierte sie 70 getötete Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte sowie 17 Zivilisten. Hier die Übersicht für 5.-11.7.19.)

Berichtet wurde in den deutschsprachigen Medien ferner über den IS-Anschlag auf eine schiitische Moschee in Ghasni mit 2-3 Toten und zwischen 20 und 36 Verletzten am 6.7.19 sowie den Autobombenanschlag der Taleban am 7.7.19 auf ein Geheimdienstbüro in der gleichen Stadt, bei dem mindestens 12 Menschen ums Leben kamen und 179 verletzt wurden.

Rhetorische Muskelspiele

Immer noch am 30.6.19 meldete die afghanische Nachrichtenagentur Khaama, dass die afghanischen Sicherheitskräfte in den vorangegangenen 24 Stunden 13 gemeinsame (damit ist entweder gemeint, dass verschiedene afghanische Sicherheitskräfte daran beteiligt waren oder afghanische und US-Sicherheitskräfte, welches ist nicht klar) und 81 Spezialoperationen (diese werden häufig von afghanischen und US-Sicherheitskräften gemeinsam durchgeführt) durchgeführt hätten. Zudem hätten die afghanischen Luftstreitkräfte 22 Luftschläge in Unterstützung von Bodentruppen geflogen, auch habe es US-Luftschläge gegeben (es bieb unklar, ob sie in der Zahl von 22 enthalten waren). Insgesamt sei dabei in Provinzen (Paktika, Tachar, Daikundi, Farjab, Maidan-Wardak, Paktia, Helmand, Sabul, Sarepul, Ghasni, Logar, Farah, Kunar, Balch und Badachshan) 73 Gegner getötet und 31 weitere verwundet worden. Von zivilen Opfern war nicht die Rede.

Ein paar Tage später, am 2.7.19, hieß es, ebenfalls in den vorangegangenen 24 Stunden seien in 14 Provinzen (Farjab, Badghis, Paktia, Maidan-Wardak, Ghasni, Tachar, Helmand, Kapisa, Chost, Logar, Nimrus, Herat, Balch und Sarepul) 14 gemeinsame und 89 Spezialoperationen sowie 24 Luftschläge durchgeführt worden. Dabei seien 151 Gegner getötet und 75 verwundet worden. Wieder gab es keine Meldungen über zivile Opfer.

Allerdings hatte UNAMA in seinem jüngsten Bericht darauf hingewiesen, dass im ersten Quartal 2019 die Zahl der „zivilen Todesopfer, die den regierungstreuen [also afghanischen und NATO-] Truppen zugeschrieben werden, die der regierungsfeindlichen Elementen zugeschriebenen überschritt“,dass Luftschläge die meisten zivilen Kriegstoten verursachten (die Taleban verfügen nicht über Luftstreitkräfte) und dass die Zahl der von den regierungstreuen Truppen verursachten Zivilopfer gegenüber dem Vergleichszeitraum 2018 um 39 Prozent gestiegen sei. (Diesen Trend hatte UNAMA bereits in seinem Jahresbericht 2018) angedeutet.) Man muss deshalb davon ausgehen, dass hinter der oben gemeldeten hohen Operationszahl der regierungstreuen Streitkräfte eine hohe Zahl an neuen Zivilopfern verbirgt.

Zu diesen letztgenannten Berichte passen auch folgende rhetorischen Muskelspiele: Anfang Juni erklärte der Chef des afghanischen Nationalen Sicherheitsrates, Hamdullah Moheb, die afghanischen Streitkräfte würden in den kommenden vier Monaten „das Rückgrat der Taleban brechen“, und von Verteidigungsminister Assadullah Chaled, man werde „in der nahen Zukunft“ alle von den Taleban eroberten Gebiete zurückerobern.

Weitere Dunkelziffern

Wie die folgende Review der afghanischen Medienberichterstattung zeigt, fehlen aber selbst in den oben zitierten zusammenfassenden Beiträgen viele Vorfälle, so dass die Zahl der Opfer noch höher ausfallen dürfte (und das soll gar kein Vorwurf an die Berichterstatter sein). So wurde/n immer noch am 30.6.19:

  • in der Provinz Farjab bei Taleban-Angriffen auf die Distriktzentren Gursiwan und Karamkul insgesamt 4 Angehörige der Sicherheitskräfte und 11 Taleban getötet;
  • in der Provinz Sabul (Distrikt nicht angegeben) bei Gefechten 2 Polizisten und 10 Taleban getötet;
  • in der Provinzhauptstadt Chost der ehemalige Distriktpolizeichef von Gurbuz, Kaderullah, bei einem Überfall auf sein Haus getötet, der Bruder von Kamal Nassir Osoli ist, einem prominenten Parlamentsmitglied;
  • in der Provinz Paktia bei Kämpfen in in Matschalgho (Distrikt Ahmadabad) nach Angaben von Ärzten im Provinzhospital von Gardes mindestens 3 Personen getötet und 10 verwundet; offizielle Stellen hatten die Kämpfe zwar gemeldet, aber keine Opferzahlen; einen Tag später hieß es, mindestens 30 Taleban seien im Gegenzug durch Luftschläge getötet und 20 mehr verletzt worden;
  • in den Distrikten Tschak und Sajedabad (Provinz Maidan-Wardak) 13 Taleban von afghanischen Spezialkräften getötet;
  • im Distrikt Pandschwaji (Provinz Kandahar) 2 Polizisten bei einem Taleban-Raketenangriff auf einen Posten getötet und 1 weiterer verwundet;
  • im Distrikt Alisching (Provinz Laghman) bei Taleban-Raketenbeschuss eines Wohngebiets 1 Zivilist getötet und 2 weitere verwundet;
  • im Distrikt Schulgara (Provinz Balch) mindestens 45 Taleban, darunter drei ihrer Distriktgouverneure, von Regierungstruppen durch einen Luftschlag getötet worden.

Ferner wurde in Bezug auf den vom Spiegel berichteten Angriff in Imam Saheb (Kunduz) präzisiert, dass es sich um einem Taleban-Angriff auf eine Basis sowie mehrere Außenposten der Nationalen Grenzstreitkräfte (ehem. Grenzpolizei) gehandelt habe. Der Angriff habe sich über fünf Stunden hingezogen.

Am Vortag, dem 29.6.19, wurden bei einem Bombenanschlag auf eine Moschee in der Stadt Aibak (Provinz Samangan) elf Besucher verletzt. Demselben Bericht seien am selben Tag bei einem Luftschlag der Regierungstruppen im Distrikt Tscharch (Provinz Logar) der Taleban-Gouverneur dieser Provinz sowie 2 seiner Stellvertreter getötet und bei einem Taleban-Angriff auf einen Polizeiposten im Distrikt Dehjak (Ghasni) 4 Polizisten getötet und 3 weitere verletzt worden; auch 7 Taleban seien getötet worden.

Dem vorausgegangen war ein Bericht über eine Serie gezielter Morde in der Provinz Paktia, die sich v.a. gegen Polizisten richtet, aber auch gegen Stammesälteste, ähnlich wie zuvor in Nangrahar (siehe hier).

Hier berichtete ich schon über die erhebliche Zunahme an der Verwendung von Magnetminen für solche Anschläge.

Von Magnetmine zerstörtes Fahrzeug, 2014, Provinz Nangrahar

 

Im Juli ging es weiter. Es folgte eine weitere Serie z.T. schwerer Kämpfe und Anschläge. Hier eine unvollständige Zusammenstellung, die in unseren Medien von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen keine Widerspiegelung fanden:

Der ermordete Vorsitzende des Rates der schiitischen Geistlichkeit der Provinz Kundus, Hodschat-ul-Islam Abdul Qajum Ansari. Foto: Bakhtar

 

Gesamtlage

Am 13.6.19 sagte ein Mitglied des Provinzrates von Farjab, die Taleban kontrollierten 80% der Provinz sowie die Verbindungsstraßen von dort in die Nachbarprovinzen Herat und Balkh. Am 24.6.19 präzisierte Taher Rahmani, Vorsitzender des Provinzrates, dass mindestens zehn der 14 Distriktgouverneure aus Sicherheitsgründen nicht in ihren Distrikten arbeiten können, sondern von der Provinzhauptstadt Maimana aus. Es handele sich um die Distrikte Kohistan, Gursiwan, Beltscheragh, Chodscha Sabs-Posch, Schirin Tagab, Daalatabad, Almar, Ghormatsch, Karamkol und Kurghan. Am 2.7.19 sagte der Distriktchef von Andchoi, Sultan Mohammad, in der gleichen Provinz, der Distrikt mit der gleichnamigen Hauptstadt stehe dicht vor dem Fall an die Taleban, die koordinierte Angriffe in der Umgebung durchgeführt hätten.

In Herat berichteten am 30.6.19 Offizielle und Einwohner von abnehmender Sicherheit in zehn Distrikten. Dort hätten die Sicherheitskräfte in den letzten Zeit Verluste in Gulran, Kuschk-e Kohna, Farsi, Edriskan, Chescht-e Scharif, Pashtun Zarghun, Obe, Schindand, Rabat-e Sangi und Sawal einstecken müssen. Rabat-e Sangi befinde sich in Gefahr, an die Taleban zu fallen – das wäre der erste Distrikt in dieser Provinz seit 2001. Am 5.7.19 bestätigten dies Offizielle in Herat. Taleban-Angriffe hätten zu schweren Verlusten der Streitkräfte bei Angriffen aus die Zentren dreier Distrikte Herats (Chescht, Paschtun Sarghun, Gulran) sowie zwei Distrikten in der Nachbarprovinz Badghis, sechs Distrikten in Ghor und in den Außenbezirken der Provinzhauptstadt Farah (wo die Taleban die meisten Landgebiete kontrollieren) geführt. Die Stromversorgung in die Provinzhauptstadt von Badghis, Kala-je Nau, sei von den Taleban unterbrochen worden.

Am 2.7.19, nahmen die Taleban widerstandslos das Kajjan-Tal im Distrikt Doschi (Provinz Baghlan) ein, ein Zentrum der ismailitischen Minderheit des Landes. Sie seien aus dem von ihnen kontrollierten Distrikt Du-Ab in der Nachbarprovinz Samangan gekommen.

Nach einer Studie von Tolonews sind landesweit 64 der insgesamt 387 Distrikte (die offizielle Liste hier) in 19 Provinzen in der selben Lage wie die 10 in Farjab: Dort haben die Distriktgouverneure keinen Zugang und müssen von Nachbardistrikten oder aus der Provinzhauptstadt arbeiten. Nur in 15 Provinzen können alle Distriktgouverneure in ihren Distrikten arbeiten. In dieser Studie steht Farjab mit 9 an der Spitze, gefolgt von Ghasni (8) und Farah und Helmand (je 7). Dazu kommen Maruf, Nesch, Mianeschin und Ghorak (Kandahar); Gian, Nika, Gomal und Tschabaran (Paktika), Gultepe, Kalbad, Aktasch und Dascht-e Artschi (Kundus); Burka, Tala wa Barfak und Dahana-je Ghori (Baghlan); Naubahar, Arghandab und Chak-e Afghan (Sabul) sowie je 2 Distrikte in Urusgan, Nangrahar (Schersad und Hissarak), Badachschan und Logar sowie einer je in Sarepul, Badghis, Chost und Dschausdschan. In mindestens 20 Distrikten existierten weder militärische noch zivile Regierungsstellen.

Die interaktive Karte des Long War Journal gibt z.Zt. 193 Distrikte als umkämpft und 63 als Taleban-kontrolliert sowie einen mit unklarer Lage an. Letztere sind:

Mukur und Bala Murghab (Badghis)

Ghormatsch (regierungsseitig ungeklärt, ob Badghis oder Farjab)

Paschtunkot, Schirin Tagab, Beltscheragh, Kohistan (Farjab)

Kohestanat (Sarepul)

Chamab (Dschausdschan)

Kohistanat (Sarepul)

Dahana-je Ghori, Tala wa Barfak (Baghlan)

Gultepe, Kalbad, Aktasch, Kala-ye Sal und Dascht-e Artschi (Kundus)

Darkad (Tachar)

Jamgan, Wardudsch (Badachschan)

Tschapadara (Kunar)

Asra, Charwar, Tscharch (Logar)

Dschanichel, Surmat (Paktia)

Gian, Gomal, Umna, Wasachwa, Dila (Paktika)

Nawa, Giro, Andar, Waghas, Dschaghatu, Raschidan, Waras(?), Adschristan, Chodscha Omari (gerade von Regierungstruppen zuückerobert) (Ghasni)

Naubahar, Arghanbab, Chak-e Afghan (Sabul)

Mianeschin, Maruf, Nesch, Ghorak (Kandahar)

Tschora (Urusgan)

Sajedabad (Maidan-Wardak)

Sangin, Musa Kala, Nausad, Baghran, Reg, Dischu (Helmand)

Gulestan, Bala Buluk, Chak-e Safid, Schibkoh (Farah)

Unklar: Kedschran (Daikundi)

Die Vierteljahresberichte des US-Sonderinspekteurs für Afghanistan (SIGAR), die bis vor kurzem berichteten, wie viele Distrikte von der Regierung bzw den Taleban kontrolliert oder dominiert wurden oder umkämpft waren, tun dies nicht mehr in dieser Deutlichkeit. Mir scheint sogar, dass rückwirkend in früheren Berichten die Kategorien „Taleban-kontrolliert“ bzw „Taleban-beeinflusst“ durch die Euphemismen „(hohe) Aufständischen-Aktivität“ ersetzt wurde.

Resümee

Insgesamt kann man anhand der o.g. Vorfälle und der Berichterstattung darüber nur feststellen, dass hierzulande der Krieg in Afghanistan verborgen vor der Öffentlichkeit weitergeht. Er wird allein sichtbar, wenn sich größere Anschläge oder Kampfhandlungen ereignen. Hier passt das abgedroschene Bild von der Spitze des Eisbergs. Der tägliche Kleinkrieg bleibt so gut wie ständig unter der Wasseroberfläche. Man muss schon afghanische traditionelle oder soziale Medien verfolgen, um einen realistischen Einblick vom geografischen Ausmaß und der Frequenz der Kampfhandlungen zu erhalten – wenn auch die konkreten Zahlenangaben mit großer Vorsicht zu genießen und kaum zu überprüfen sind. Die schlechte Quellenlage und teilweise Verschleierung durch Regierungsstellen tut ein Übriges.

Insgesamt dürften damit die regemäßig berichteten Opferzahlen deutlich zu niedrig liegen und es eine hohe Dunkelziffer geben. Zu der begründet sehr konservativen Berechnung der Zivilopferzahlen durch UNAMA – mindestens drei voneinander unabhängige Quellen pro Fall – habe ich hier schon ausführlich geschrieben. Gleichzeitig, wie schon in meiner ersten Lesung des jüngsten EASO-Berichts bemerkt, nehmen außerdem die öffentlich zugänglichen Quellen mit ganzen Datensätzen ab.

Opfer eines Luftschlags in der Provinz Kundus im örtlichen Krankenhaus, April 2018.