Schlagwörter

, , , , , ,

Vor zehn Jahren, am 4. September 2009, ordnete der deutsche Oberst Georg Klein, damals Kommandeur des deutsch-geführten Provincial Reconstruction Teams in Kundus, die Bombardierung zweier von den Taleban entführter Tanklaster an, seiner Darstellung nach um zu verhindern, dass sie als rollende LKW-Bomben gegen das von ihm geführte Bundeswehrlager eingesetzt werden könnten. Die Bomben wurden von zwei US-Kampfflugzeugen abgeworfen, auf Befehl Kleins und entgegen der Auffassung der Piloten.

„Alle Offiziellen, die ich spreche“, sagte Klein, „bestätigen mir, dass wir ausschließlich Aufständische getroffen haben.“ Zur gleichen Zeit sagte Brigadegeneral Jörg Vollmer, der deutsche Kommandeur des ISAF-Regionalkommandos Nord, schon intern: „Ich kann nicht ausschließen, dass Zivilisten betroffen sind“ (zitiert nach Spiegel).

Hier zunächst mein Bericht über den Luftangriff vom selben Tage für die taz, damals aus Kabul, und mit Informationen, die meine AAN-Kollegen und ich über Quellen in Kunduz-Stadt und in den betroffenen Distrikten Tschahardara und Aliabad sammelten:

Ein Graffiti in Kunduz. Foto: Thomas Ruttig (2007).

Ein Graffiti in Kunduz. Foto: Thomas Ruttig (2007).

 

Brandherd Kundus

Bundeswehr-Kommandeur ordnet Luftschag an / Widersprüchliche Angaben über zivile Opfer

Afghanen kennen diese Situation: Ihr Fahrzeug wird an einem Kontrollposten gestoppt – doch sie sind nicht sicher, vom wem. Afghanische Polizei oder Armee? Special Forces in Zivil? Taliban, die manchmal erbeutete afghanische Unifomen tragen?

In der Nacht zum Freitag auf der Straße, die von Kundus – einem der Bundeswehr-Stationierungsorte in Afghanistan – nach Kabul führt, waren es Taliban. Gegen 1.50 Uhr stoppten sie im Distrikt Tschahardara, sechs Kilometer vom deutschen Wiederaufbauteam (PRT) entfernt,  einen Konvoi und bemächtigten sich zweier Tanklastwagen eines privaten afghanischen Fuhrunternehmens. Die transportierten Flugzeugbenzin für ISAF-Truppen. Nach Aussagen davongekommener Kollegen brachten die Taleban beide Fahrer um und steuerten die Fahrzeuge in Richtung des Fleckens Hadschi Aman im Nachbardistrikt Aliabad. Auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss blieben sie stecken und begannen, Treibstoff abzupumpen. Laut Hadschi Habibullah, Gouverneur von Aliabad, werden Teile seines Distrikts, darunter Hadschi Aman, von Taliban kontrolliert.

Mit Hilfe einer Drohne verfolgten Bundeswehr-Aufklärer die Tanker bis zu dieser Stelle, bestätigte ein Sprecher des Bundeswehr-Einsatzführungskommandos in Potsdam. Die Kabuler ISAF-Sprecherin Christine Sidensticker sagte, man habe sich überzeugt, „dass nur Aufständische in der Gegend waren“. 40 Minuten nach der Entführung ordnete der deutsche PRT-Kommandeur in Kundus einen Luftschlag an. […]

Dabei wurden laut Bundeswehr „mehr als 50″ Aufständische getötet. Der Gouverneur von Kunduz Muhammad Omar sprach ursprünglich von 90 Toten, darunter 45 Taliban, einschliesslich eines Kommandeurs namens Mulla Abdul Rahman sowie vier tschetschenischer Kämpfer. Später korrigierte er sich auf 50 bis 60 Todesopfer, „die meisten davon bewaffnete Taliban“. Rund 30 weitere Menschen seien verletzt worden. Etwas widersprüchlich setzte er hinzu: „Das Problem ist, dass all diese Menschen rund um die Tanklastwagen schwer verbrannt wurden und es unmöglich ist, sie zu identifizieren.“ Bewohner Hadschi Amans sprechen sogar von 400 Toten und Verletzten. „Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen“, sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin.

Diese Aussage lässt sich möglicherweise nicht aufrecht erhalten. Augenzeugen sagten afghanischen Agenturen, dass sich auch bis zu 500 Bewohner umliegender Gehöfte an dem gestohlenen Benzin bedient hätten. Der Leiter des Kunduzer Krankenhauses, Humajun Chamusch, erklärte auf taz-Nachfrage, dort seien 15 Schwerverletzte eingeliefert worden, darunter drei Kinder. Inzwischen spricht auch NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen von der „Möglichkeit ziviler Opfer“. EU-Chefdiplomat Javier Solana sprach den Angehörigen der Opfer bereits seine Anteilnahme aus. Präsident Hamed Karsai setzte eine Kommission ein. Auch eine interne deutsche Untersuchung wird es geben.

Auch die Frage, warum sich nachts Zivilisten in der Gegend aufhielten, lässt sich beantworten. Im Fastenmonat Ramadan wird weit vor Sonnenaufgang gekocht und dann gegessen. Brennstoff ist teuer und eine LKW-Entführung in abgelegenen Gegenden ein Ereignis.

Sollte sich herausstellen, dass die Aufklärungsergebnisse vor dem Luftangriff mangelhaft waren, könnte der Bundesregierung im Wahlkampf eine ähnliche Diskussion um vermeidbare zivile Opfer bevorstehen, wie sie die US-Regierung schon seit langem kennt. Seit einigen Monaten gibt es neue Einsatzdirektiven sowohl für die NATO/ISAF-Truppen sowie die nicht der ISAF unterstehenden US-Soldaten in Afghanistan, die solche Vorfälle minimieren sollen. Hohe US-Militärs in Afghanistan haben solche Angriffe selbstkritisch und öffentlich als „Rekrutierungshilfe“ für die Taliban bezeichnet.

Thomas Ruttig, Kabul (mit AP, dpa, Reuters)

Ich habe diesen taz-Text online nicht mehr gefunden…

 

Eine sehr gute und sehr ausführliche hat Ulrike Winkelmann für den Deutschlandfunk in der Rubrik „Geschichte aktuell“ zusammengestellt – bitte hier unbedingt anklicken.

Sehr zu empfehlen ist auch diese ebenfalls sehr detaillierte Chronologie des Spiegel.

Auch schon lange geschlossen… Foto: Thomas Ruttig (2007)

 

Amnesty international veröffentlichte am 30.10.09 eine Namensliste mit 83 Todesopfern, auf der sich 17 Minderjährige befanden. Der Spiegel schreibt weiter:

Die Uno wird bald von 109 Toten und 33 Verletzten ausgehen, ohne Zivilisten eigens zu erwähnen; ein afghanischer Regierungsbericht wird von 94 Toten wissen, davon 30 Zivilisten; ein Bericht der Provinzverwaltung Kunduz wird 102 Tote aufzählen, davon 30 Zivilisten; der Distriktbürgermeister von Chahar Darreh wird 82 Tote und 16 Verletzte melden.

Der Journalist Christoph Reuter und der Fotograf Marcel Mettelsiefen recherchierten von Dezember 2009 bis März 2010 vor Ort und ermittelten mit Hilfe Einheimischer 91 Todesopfer (hier ein Bericht über ihre Recherchen für die Welt) – obwohl, wie er sagte, eine „eine präzise Unterscheidung zwischen Zivilisten und Taliban (…) unmöglich war“.

Dazu der DLF:

Reuter, damals beim „Stern“, ärgerte sich darüber, dass der Bericht der Nato die Vorgänge auf vielen hundert Seiten bis ins Detail aufdröselte, aber …

„Aber die Kernfrage, nämlich wie viele Menschen ließ Deutschland in jener Nacht umbringen: Da steht selbst im dicksten Bericht am Ende nur ‚zwischen 17 und 142 Opfer‘. Das fanden wir so unverschämt, ja obszön, dass man Menschen umbringen lässt und ihnen dann noch nicht einmal den Respekt entrichtet, sagen zu können, wen man da umgebracht hat, wie viele man umgebracht hat.“

Deshalb zog Reuter mit einem Fotografen los und kam nach monatelangen Befragungen in den Dörfern zu diesem Ergebnis: Es waren „ziemlich genau 90 Menschen, männlich, vom Kind bis zum Greis“.

 

Eine bundeswehr-interne Untersuchung und ein Gerichtprozess kamen zu dem Urteil, Oberst Klein sei der Vorsatz, gezielt Zivilisten zu töten veranlasst zu haben, nicht zu unterstellen sei.

Das vollständige Protokoll des Kunduz-Untersuchungsausschusses des Bundestages findet sich hier.

Gestern, am Jahrestag des Kundus-Bombardements, gab ich zu diesem Thema Interviews für den Hessischen Rundfunk (noch nicht online) und für die Deutsche Welle (hier im Transkript).

Schnappschuss aus dem damaligen Bundeswehrstandort Kunduz. Foto: Thomas Ruttig 2006.

Liegengeblieben. Schnappschuss aus dem damaligen Bundeswehrstandort Kunduz. Foto: Thomas Ruttig 2006.