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Das ist doch mal eine starke, wenn auch überraschende Aussage, die Die Welt in einem redaktionellen Meinungsbeitrag traf – am 18. Jahrestag des Beginns der US-geführten Militärintervention, die den Krieg in Afghanistan nicht beendet, sondern verlängert hat:

Als vor knapp zehn Jahren die evangelische Bischöfin [Margot Käßmann] ihr Diktum „Nichts ist gut in Afghanistan“ abgab, da waren alle empört. … Ich fand das damals, wie viele andere Zeitgenossen, fast unerträglich bessermenschlich, moralprotestantisch, auch wohlfeil. … Schaut man auf das anhaltende dortige Elend, muss man Abbitte leisten.

Allerdings ist die Begründung in diesem Kommentar, warum „nichts gut“ sei, etwas einseitig. Wie üblich werden allein die Taleban dafür verantwortlich gemacht. Das im zitierten Satz benannte „Elend“ ist wohl nur metaphorisch gemeint und bezieht sich auf die Sicherheitslage. Dabei existiert Elend im eigentlichen Sinne des Wortes – nämlich von Armut und Unterversorgung, Themen die in der Afghanistan-Berichterstattung meistens fehlen.

Zur Armutsrate habe ich schon ausführlich berichtet (etwa hier und hier), Zur Unterversorgung kam heute ein neuer Bericht von Human Rights Watch heraus: „Afghanistan: Wenig Hilfe bei konfliktbedingten Traumata“ (auf englisch). Darin heißt es zusammenfassend:

 

Außerdem muss man die Käßmann’sche Aussage tatsächlich relativieren, was ich in einem Artikel 2014 versucht habe – Titel „Einiges besser, nichts wirklich gut: Afghanistan nach 34 Jahren Krieg“. Einige Werte mögen sich seit damals geändert haben, aber die Grundaussagen bleiben bestehen:

Zwar wurden gewisse Fortschritte bei der Entwicklung des Landes erreicht, insgesamt ist die Lage jedoch hinsichtlich Sicherheit, politischem System und Wirtschaft beunruhigend. Afghanistan gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Erde und ein anhaltender Frieden ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Mehrheit der Afghanen fürchtet die Zukunft.

Alltägliches Elend: Vertriebene in Andkhoi (Farjab, 2018). Beide Fotos: VUSAF

 

PS zum Welt-Kommentar/

Eines aus diesem Artikel muss allerdings noch korrigiert werden, zur Präsidentenwahl neulich:

Die Wahlzettel wurden nicht, wie es in Demokratien, wie wir sie kennen, sein muss, an Ort und Stelle und unter Aufsicht ausgezählt – sie wurden in die Hauptstadt Kabul gebracht, damit dort Wochen später ein offizielles Zentralergebnis bekannt gegeben werden kann.

Die Stimmzettel wurden an Ort und Stelle ausgezählt, und die Ergebnisse nach Kabul übermittelt. Dort werden – wenn alles dabei bleibt und nicht politischer Druck für das Gegenteil sorgt – gefälschte Stimmen aussortiert, und zwar auf der Grundlage der biometrisch erfassten „echten“ Wähler, von dene Fingerabdrücke und Fotografien genommen wurden. Das geschieht tatsächlich in Kabul, und die Geräte, die das speichern, wurden/werden tatsächlich nach Kabul gebracht. Dass das alles drei Wochen dauern muss, ist tatsächlich fraglich – und könnte damit zusammenhängen, dass eben doch versucht wird zu fälschen, und je länger der Zähl- und Abgleichprozess dauert, desto mehr Chancen dafür bieten sich.

Und ob die Wahl eine „totale Farce“ war, bleibt abzuwarten.

Biometrische in Bamian. Foto: Ali Yawar Adili/AAN