Kurz vor dem zweiten Sammelabschiebeflug des laufenden Jahres von Bund und Ländern nach Afghanistan und der 32. seit der unzeitgemäßen Wiederaufnahme dieser Abschiebungen am 12.2.20 hier die Fortschreibung meines vorangegangenen Textes über die sozio-ökonomische Lage in Afghanistan. Heute geht es um die Sicherheitslage 2019, die mit der politischen und sozio-ökonomischen Lage im Zusammenhang betrachtet werden muss, um sich ein reales Bild vom gegenwärtigen Zustand des Landes machen zu können.

Über die jüngste Eskalation des Afghanistan-Krieges, mit der neuen Rekordzahl von 8200 Taleban-Angriffen im letzten Quartal 2019 (nach dem zeitweiligen Scheitern ihres Abkommens mit den USA), bei insgesamt etwa gleichbleibender Zahl gegenüber 2018, und neuen Höchstzahlen an US-Bombenabwürfen und –luftschlägen im Jahr 2019 habe ich bereits berichtet. Ebenso, dass 2019 kriegsbedingt in Afghanistan 162 Gesundheitszentren schließen mussten (52 davon wurden ganz zerstört), dass das die Gesundheitsversorgung von etwa einer Million Menschen beeinträchtigt.

Und schließlich auch darüber, dass der Vizechef der UN-Mission in Afghanistan, Toby Lanzer uns ins Gedächtnis gerufen hat: „Afghanistan bleibt der tödlichste Konflikt [weltweit], zusätzlich zu den anhaltenden Auswirkungen der Dürre von 2018, und verbunden mit zunehmender Armut.“ Und dass in Afghanistan auch der tödlichste Krieg für Kinder tobt.

Zivile Kriegsopfer

Inzwischen kommen neue Berichte hinzu, die Licht auf die Kriegsereignisse im vergangenen Jahr werfen. Der wichtigste davon ist der Zivilopfer-Jahresbericht der Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans (AIHRC, hier eine englische Zusammenfassung und hier der Volltext in Dari).

Der Bericht wertete 2019 erneut als „tödliches Jahr für afghanische Zivilisten“. Insgesamt habe es 10.772 zivile Opfer gegeben; davon wurden 2817 getötet und 7955 verletzt – 6845 Männer, 974 Frauen und 2696 Kinder (bei 257 ungeklärten Fällen). Bei 11.611 Zivilopfern (3277 Toten und 8334 Verletzten) im Jahr 2018 – die Höchstzahl seit Beginn der systematischen Erfassung vor zehn Jahren – verzeichnete die AIHRC damit, bezogen auf die Gesamtopferzahl, ein Sinken dieser Opferzahl um 7,23 Prozent (bei Toten -14%, bei Verletzten -4,5%).

Zivile Opfer in Afghanistan, Vergleich 2018/19. Quelle: Bildschirmfoto AIHRC.

Zivile Kriegsopfer in Afghanistan 2009-18 nach UN-Angaben. Quelle: UNAMA/ECOI

Damit habe sich die Gesamtzahl der von der AIHRC ermittelten Zahl der zivilen Kriegsopfer über die vergangenen zehn Jahre auf 86.823 erhöht, davon 28.979 Tote und 57.844 Verletzte. Die UNO hatte seit 2009, bis einschließlich September 2019, 99.914 zivile Opfer ermittelt, davon 34.677 Tote und 65.237 Verletzte.

Geografisch gesehen, verzeichnete 2019 der überwiegend paschtunische Süden (Region Kandahar, 32%) und Osten (Region Dschalalabad, 21%) sowie die Zentralregion um Kabul (20%) die meisten Opfer.

Zivile Kriegsopfer in Afghanistan 2019 nach Regionen. Quelle: Bildschirmfoto AIHRC

Nach AIHRC-Angaben verursachten die Taleban 71 Prozent aller Zivilopfer 2019 (was diese zurückwiesen), der afghanische IS-Ableger 5 Prozent und grenzüberschreitender Artillerie-Beschuss durch pakistanische Streitkräfte 1 Prozent. (Es gibt auch grenzüberschreitenden Artillerie-Beschuss durch afghanische Streitkräfte.) Die afghanischen Regierungstruppen und ihre US-Alliierten seien für 14 Prozent der Zivilopfer verantwortlich. (Nach UN-Angaben hatte im ersten Quartal 2019 die Zahl vom afghanischen und US-Militär verursachten Zivilopfer erstmals über der der Taleban und des IS kombiniert gelegen und im dritten Quartal wurde die überhaupt höchste je ermittelte Opferzahl registriert. Der UN-Zivilopferjahresbericht für 2019 wird in der zweiten Februarhälfte erwartet.) 9 Prozent aller Fälle konnten keinem Verursacher zugeordnet werden.

Die meisten zivilen Opfer (3136=29%) seien von improvisierten Sprengsätzen (IEDs) verursacht worden, die von den Taleban und dem IS eingesetzt werden. Diese Zahl verdoppelte sich im Vergleich zu 2018. Danach folgen Gefechte (23%) und Selbstmordanschläge (bei einem Rückgang um 45%). Die Zahl gezielter Mordanschläge stiege um 13% (399 Tote und 434 Verletzte).

Luftschläge und sog. night raids (nächtliche Zugriffoperationen) – also Operationen der afghanischen Regierungskräfte (meist Spezialeinheiten) und des US-Militärs forderten 750 Zivilopfer (-21%; 485 Tote und 265 Verletzte) bzw. 104 Zivilopfer (82 Tote und 22 Verletzte). (Die Journalistenprojekte Bellingcat und Bureau of Investigative Journalism (TBIJ) ermittelten für die ersten neun Monate von 2019 bereits etwa 600 getötete Zivilisten.)

Vor allem die Zahlen über die night raids sind aufschlussreich: Offenbar geht es bei den nächtlichen Zugriffoperationen mehr darum, die Ziele zu töten als festzunehmen (kill-or-capture, in dieser Reihenfolge).

Einem Bericht der US-Armeezeitung Military Times vom 6.2.20 zufolge führten die afghanischen Streitkräfte 2019 insgesamt 3,065 solcher Einsätze durch. Dabei habe es sich zunehmend um gemeinsame US-afghanische Operationen gehandelt; diese Zahl sei von 2018 auf 2019 von 45 auf 57 Prozent gestiegen. Dabei gibt es zwei Arten von Einsätzen: sog. Ermöglichungseinsätze (enabled missions, wenn z.B. Luftunterstützung geleistet wird) und sog. Partnerschaftseinsätze (also mit direkter US-Beteiligung). Während die Zahl dieser Operationen im ersten Quartal (im Vergleich zum selben Zeitraum 2018) um 30 Prozent angestiegen sei, sei sie im vierten Quartal aber wieder zurückgegangen. Ich habe mehrmals über solche Einsätze berichtet, bei denen Zivilisten umgebracht wurden, z.B. hier und hier. Hier ein weiterer Bericht (auf deutsch) von Human Rights Watch.

Weniger Tage vor der AIHRC hat auch das afghanische Gesundheitsministerium – wohl erstmals – eigene Zahlen über zivile Kriegsopfer veröffentlicht. Die Zahlen beziehen sich unüblicherweise auf die vergangenen 13 Monate, seit Anfang 2019: Demzufolge seien in diesem Zeitraum 2873 Zivilisten getötet worden (eine leicht höhere Zahl als die der AIHRC für 12 Monate), während 14.377 verletzt worden seien (ein erheblich höherer Zahl als die der AIHRC). Es ist unklar, auf welcher Basis diese Zahlen erhoben worden und wie sie im Verhältnis zu den Angaben der AIHRC stehen. Auch liegt mir nur eine Pressemeldung darüber, nicht der Gesamtbericht vor.

Die US/NATO-Militärmission Resolute Support veröffentlichte eigene Angaben zu zivilen Opfern (enthalten im Bericht des US-Sonderinspekteurs für Afghanistan, SIGAR). Demnach gab es 2019 insgesamt 9.189 zivile Opfer (25 weniger als 2018; etwa 1600 weniger als laut AIHRC). Davon seien 91% von den Aufständischen (Taleban und IS) verursacht worden, 3% von afghanischen und 1% von US-Truppen (5% unbekannt).

Die Zahl der Zivilopfer des US-Militärs ist wohl u.a. deshalb so niedrig, weil seit der Obama-Regierung – wie aus einem Bericht der New York Times von 2012 hervorgeht, der „verschiedene Regierungsbeamte“ zitiert – die Regelung gilt, dass „alle sich im ‚Militäralter’ befindlichen Männer in einer Angriffszone als Kombattanten zählen…, solange geheimdienstliche Erkenntnisse posthum[!] nicht explizit ihre Unschuld nachweisen“. Die Zeitung zitiert „Anti-Terrorismus-Experten“, die das mit „einfacher Logik“ begründeten:

Menschen in einem Gebiet mit bekannter terroristischer Aktivität, oder mit einem führenden al-Qaeda-Aktivisten gefunden, führten wahrscheinlich nichts Gutes im Schilde. … „Unschuldige Nachbarn fahren nicht per Anhalter auf einem LKW mit, die zur Grenze fahren und Waffen und Bomben geladen haben”, sagte ein Beamter, der um Anonymität bat…

„Diese Zählweise könnte teilweise die offiziellen Behauptungen der außergewöhnlich niedrigen Zahlen an Kollateralschäden erklären“, schrieb die Zeitung. Diese extrem problematische Regelung dürfte Trump kaum aufgehoben haben.

Auch die Taleban veröffentlichen mittlerweile Zivilopferberichte. Dem Bericht für 2019 zufolge  hätten die US- und die afghanischen Streitkräfte 5432 Zivilisten getötet, 3284 verletzt und außerdem 102 Moscheen, 11 Koranschulen, 18 Schulen, 20 Kliniken, 1650 Wohngebäude, 1719 Läden und 881 Fahrzeuge zerstört (Gesamtbericht hier). Von ihnen verursachte Zivilopfer werden nicht erwähnt.

Andere Kriegsopfer

Die Verluste bei den afghanischen Streitkräften werden seit etwa Mitte 2017 geheim gehalten. Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums behauptete Anfang des Jahres, ohne Zahlen zu nennen, sie seien im Vergleich zu 2018 zurückgegangen. Das ist kaum glaubhaft. Der SIGAR gab für den Zeitraum Mai-Oktober 2019 an (S. 65), die Verluste hätten sich leicht erhöht – und angesichts der Tatsache, dass die Taleban ihre Angriffe im letzten Quartal auf eine in diesem Zeitraum bisher ungekannten Zahl erhöht hätten, deutet daraufhin, dass sich dadurch auch die Verluste ihres Gegners erhöht haben könnten. Nach SIGAR-Angaben erlitten die Regierungstruppen die meisten Verluste durch „direktes Feuer“ (also Gefechte und Beschuss), während IEDs – im Gegensatz zu den Zivilisten – „relativ wenige“ Verluste verursachten.

Taleban-Angriffe nach Provinz (2018 und 2019). Quelle: SIGAR Bildschirmfoto.

Die Zahl der getöteten Angehörigen von Armee und Polizei lag nach letzten öffentlichen Zahlen 2016 etwa doppelt so hoch wie die der Zivilisten und hat seither afghanischen und internationalen Medienberichten zufolge weiter deutlich zugenommen. Präsident Ghani sagte beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang 2019, seit seiner Amtsübernahme im September 2014 seien 45.000 Soldaten und Polizisten getötet worden – also über 10.000 pro Jahr.

Eine verlässliche Zahl der getöteten Taleban liegt nicht vor.

Im August 2019 machte die BBC eine „Momentaufnahme“ der Toten des Afghanistan-Krieges und zählte u.a. 473 Zivilisten plus 23 Regierungsbeamte (ebenfalls Zivilisten), 675 Regierungstruppen sowie 974 Taleban. Dafür wurden öffentlich zugängiche Berichte ausgewertet und nachrecherchiert; es wurde immer die niedrigste Zahl verwendet. Aber die absoluten Zahlen sind hier weniger wichtig. Es geht um das Verhältnis zwischen den Opfergruppen, das in jenem Monat je etwa 2:3 zwischen Zivilisten und Regierungstruppen und zwischen Regierungstruppen und Taleban war. Der August könnte aber relativ repräsentativ sein, denn laut dem oben zitierten SIGAR-Bericht stellten der Juli und der September 2019 Spitzen in der Gewaltausübung im Land dar. Nimmt man die August-Verhältnisse zur Grundlage, könnten sich die Verluste der Regierungstruppen auf 6000 im Jahr und die der Taleban auf 12.000 im Jahr belaufen. (Die letztere Zahl würde aber auch bedeuten, dass die Taleban ihre Verluste kompensieren, denn es ist nicht sichtbar, dass diese Verluste etwa zu merklichen Gebietsverlusten geführt hätten.)

Islamischer Staat

Nach zeitgleichen Offensiven der Taleban und der afghanischen Truppen, mit US-Luftunterstützung, in der Ostprovinz Nangrahar, die im November endeten, sind die bisherigen dortigen IS-Hochburgen im wesentlichen beseitigt worden. Der afghanische IS-Ableger ISKP hatte dort in 8 von 22 Distrikten größere Gebiete beherrscht. Der Rückschlag für ISKP liegt offenbar in einem Stimmungsumschwung der lokalen Bevölkerung, die der Drangsalierung durch die IS-Kämpfer überdrüssig geworden sei und Selbstverteidigungsgruppen gebildet hätten, die sich – materiell von der Regierung unterstützt – an den Offensiven beteiligt hätten (mehr Einzelheiten demnächst bei AAN).

Viele IS-Kämpfer und ihre Familien – von denen die meisten Pakistani gewesen seien – hätten sich den Regierungstruppen ergeben (nach Regierungsangaben über 250 Männer, 237 Frauen und 426 Kinder); weitere 60 Kämpfer seien nach Pakistan, weitere in ihr afghanisches Rückzugsgebiet Kunar geflohen. Einzelne IS-Gruppen sollen sich in unzugänglichen Gebirgstälern des Spinsar aufhalten, wo sie von Teilen der Bevölkerung – wohl eher aus Mitleid – weiter versorgt würden.

Die Kampfstärke von ISKP sei dadurch nach Angaben der US/NATO-Militärmission in Afghanistan, Resolute Support, von 2-5000 auf 2-2500 zurückgegangen. Diese Zahlen sind eventuell zu hoch gegriffen.

Gebiets- und Bevölkerungskontrolle

Bis Oktober 2018 hatte das US/NATO-Militärmission in Afghanistan regelmäßig berichtet, wie viel Territorium und Bevölkerung die Kriegsparteien kontrollierten. Die Daten wurden in den SIGAR-Quartalsberichten veröffentlicht. Dann beschloss das US-Militär, dies einzustellen. Offiziell hieß es, die Daten seien überflüssig und trügen wenig zum Erfolg der Mission bei. Kritiker meinten, die Einstellung liege darin begründet, dass die Zahlen widerspiegelten, wie negativ sich die Situation entwickle. (Man kann davon ausgehen, dass diese Daten intern durchaus noch gesammelt werden.)

Im letzten SIGAR-Bericht, der die Daten noch enthielt (von Januar 2019; die Daten waren von Oktober 2018) hieß es, dass die Regierung nur noch 229 (56,3%) der 407 Distrikte und Provinzhauptstädte (die gesonderte administrative Einheiten darstellen) kontrolliere oder überwiegend beeinflusse. Dieser Werte sei von 71% im November 2015 gesunken und der Tiefpunkt, seitdem diese Daten erhoben wurden. Der Anteil der Taleban betrage 59 Distrikte (14.5%). Die übrigen 119 (29.2%) seien umstritten. In den regierungskontrollierten Gebieten lebten 63,5 Prozent der Bevölkerung (1,7% weniger als im Quartal zuvor), in den Taleban-Gebieten 10,8%.

Territoriale Kontrolle Afghanistan, Stand Oktober 2018. Quelle: Bildschirmfoto SIGAR (Jan. 2019)/ECOI

Auch die US-Webseite The Long War Journal (LWJ) veröffentlicht Angaben zur Gebiets- und Bevölkerungskontrolle, mit einer regelmäßig aktualisierten interaktiven Karte. Sie verwendet allerdings andere Kategorien als das US-Militär und eine Gesamtzahl von 398 Distrikten. Für Mitte April 2018 gab LWJ folgende Werte an: Regierungskontrolle 159 Distrikte (39%), Taleban 39 Distrikte (9.5%), umstritten 200 (49%); 9 Distrikte ohne Angaben (2%).

Im Oktober 2018 betrugen die LWJ-Werte in Bezug auf Bevölkerungskontrolle 9 Prozent unter Taleban- und 50 Prozent unter Regierungskontrolle; 49% lebten in umstrittenen Distrikten. (Laut US-Militär waren es zu diesem Zeitpunkt 12, 64 und 24%.) Im Januar 2019 betrugen die LWJ-Werte der territorialen Kontrolle (zitiert hier): Regierung 143 (35%), Taleban 53 (13%) bzw. umkämpft 202 (49,6%).

Nach aktuellem Stand sind es laut LWJ: 133 Distrikte mit 15,16 Millionen Einwohnern unter Regierungskontrolle (33,4%); 190 mit 13,29 Millionen Menschen umstritten (47,7%) und 74 mit 4,52 Einwohnern von den Taleban kontrolliert (18,6%) – 1 Distrikt ohne Angaben. Die LWJ-Zahlen zeigen also einen Trend hin zu den Taleban.

Taleban-Distriktkontrolle Januar 2020. Quelle: Long War Journal, Bildschirmfoto

Die afghanische Regierung behauptete hingegen vor den Parlamentswahlen im Oktober 2018, dass die Taleban lediglich 11 Distrikte vollständig kontrollierten (Dahan-e Ghori in Baghlan, Nawa in Ghasni, Wardudsch und Jamgan in Badachschan, Kohistanat in Sarepul, Kakar in Sabul, Nausad, Musa Qala, Khaneschin, Baghran und Dischu in Helmand). 19 weitere seien hochgradig bedroht. Nach der Wahl gab die UN-Mission in Afghanistan an, dass die Abstimmung in 29 Distrikten nicht stattgefunden habe, was auf Taleban-Kontrolle hindeutet: neben den o.g. Distrikten (außer Nawa – in der ganzen Provinz Ghasni fanden wegen Streits um die Sitzverteilung keine Wahlen statt) waren das Kalbad und Gultepe (Kundus), Mandol und Duab (Nuristan), Darsab, Mardian und Chamab (Dschausdschan), Kohestan und Chodscha Sabsposch (Farjab), Dila und Gian (Paktika), Daitschopan (Sabul), Chas Urusgan und Schahid Hassas (Urusgan), Nesch und Maruf (Kandahar) sowie Poschtkoh, Serkoh, Chak-e Safid und Anar Dara (Farah). Bei der Präsidentenwahl im September 2019 hatte sich die Zahl dieser Distrikte fast verdoppelt, auf 49. Einen Eindruck davon gibt diese AAN-Karte; auffällig auch, dass in wenigen Distrikten nur ein oder zwei Wahllokale offen gewesen sind.

Gleichzeitig berichtete die Regierung, dass sie den Taleban 2019 mehrere Distrikte abgenommen habe: Schersad in Nangrahar, Dahana-ye Ghori in Baghlan), Jaghatu, Dehjak und Chodscha Omari in Ghasni, Jangi Qala und Namakab in Tachar, Biltscheragh und Qarghan in Farjab, Arghandschchwa, Wardudsch und Jamgan in Badachschan.

Oft handelt es sich bei den Rückeroberungen wohl nur die Distriktzentren, während die Taleban sich in den ländlichen Gebieten weiter halten (siehe dieser Bericht aus Badachschan). Da darunter auch Distrikte sind, die die Regierung nie als Taleban-kontrolliert bezeichnet hatte, müssen ihre Angaben mit Vorsicht bewertet werden.

An die Taleban fielen 2019 Tschahab in Tachar, Gasargah-e Nur in Baghlan, Keran wa Mundschan in Badachschan, Dascht-e Artschi (erneut) in Kundus, Anar Dara in Farah, Dila/Chuschamand in Paktika, Bala Murghab in Badghis (erneut), Maruf in Kandahar und Darsab und Quschtepe in Dschausdschan. Sie griffen auch zahlreiche weitere Distriktzentren an, z.B. in Ghor, Farjab, Sabul und Herat.

Im Basar von Anar Dara.

Blühende Mandelbäume im Distrikt Anardara, Provinz Farah. Fotos: Thomas Ruttig (2006)

Hingegen konnten in 11 Distrikten West-Afghanistans die örtlichen Behörden nur von den Provinzhauptstädten aus arbeiten. Landesweit waren es Mitte des Jahres nach einer Recherche von Tolonews 64 Distrikte in 19 Provinzen: Maruf, Mianeschin, Nesch und Ghorak in Kandahar; Gian, Nika, Gomal und Tschahbaran in Paktika; Gultepe, Kalbad, Aqtasch und Dascht-e Artschi in Kundus; Burka, Tala wa Barfak und Dahana-je Ghori in Baghlan; Naubahar, Arghandab und Chak-e Afghan (Kakar) in Sabul – sowie je zwei weitere Distrikte in Urusgan, Nangrahar, Badachschan und Logar sowie je einer in Sarepul, Badghis, Chost und Dschausdschan

In 20 davon gab es nach Regierungsangaben auch keine Militärpräsenz der Regierung. Nur in 15 Provinzen kontrollierte die Regierung die Zentren aller Distrikte. In 5 Distrikten Logars konnte die Regierung keine Steuern eintreiben.

Schlussfolgerung

Insgesamt verlief das Kriegsjahr 2019 uneinheitlich, aber weiter auf hohem Niveau. Die Kampfintensität und die Zahl der Opfer bei den afghanischen Streitkräften sowie wahrscheinlich bei den Taleban nahmen weiter zu, während die Zahl der Zivilopfer abnahm (aber immer noch auf hohem Niveau blieb, höher als in jedem Jahr der ISAF-Mission, von 2001 bis 2014).

Während es bei den US-Taleban-Verhandlungen in Doha so aussah, als ob es zur Unterzeichnung eines Truppenabzugsabkommen kommen würde (bis zu den Trump-Tweets im September), hielten sich die Taleban mit der Gesamtzahl ihrer Angriffe zurück – allerdings blieb die Zahl der schweren Angriffe in der Städten, und damit der Opfer, zur gleichen Zeit hoch. Damit wollten sie offensichtlich den Druck auf die afghanische Regierung hochhalten. Im September sorgten Taleban-Angriffe vor allem um den und am Wahltag für eine Gewaltspitze: Es war der Wahltag mit der zweithöchsten Zahl an zivilen Opfern (landesweit 28 Tote und 249 Verletzte bei 100 Vorfällen) und nach der Zahl der Taleban-Angriffe sogar der gewalttätigste seit 2001 (AAN-Analyse hier; siehe auch hier).

Nachdem Trump die Verhandlungen unterbrochen hatte und die USA auf eine „Verringerung der Gewalt“ drängten, ließen die medienwirksamen größeren Taleban-Angriffe (wie Selbstmordanschläge und Autobomben) in den Städten deutlich nach – als Signal der Mäßigung an die USA –, während gleichzeitig ihre kaum medienwirksamen Angriffe in den Landgebieten zunahmen; auch hier mit der afghanischen Regierung als „Zielgruppe“ (siehe auch dieser Bericht der New York Times von Ende Januar).

Das Sinken der Zivilopferzahl – bei hoher Taleban-Kampfintensität und stark erhöhten Bombenabwürfen und Drohnenangriffen der USA – scheint darauf hinzudeuten, dass beide Seiten Angriffe etwas gezielter auf militärische Ziele konzentrierten. Aber von der Einhaltung der kriegsvölkerrechtlichen Verpflichtung, Zivilisten zu schonen, sind alle Parteien weiterhin weit entfernt.

Nach Einschätzung des SIGAR ereignete sich 2019 in Afghanistan insgesamt etwa 6 Prozent mehr Gewalt als 2019. Der September, mit dem Wahltag am 28.9., war nach denselben Angaben der Monat mit den meisten Taleban-Angriffen seit Juni 2012 (noch zu Zeiten der ISAF-Mission) und mit den meisten „effektiven“ Taleban-Angriffen (d.h. die zu Verlusten führten) seit Beginn der Zählung im Januar 2010 überhaupt (siehe hier).

Das Uppsala Conflict Data Program hat die Zahl aller Kriegstoten – also Zivilisten, Soldaten, Polizisten und Taleban – von 1989 (also nach dem Abzug der sowjetischen Truppen) bis 2018 auf 227.510 berechnet. Nach Schätzungen des Cost of War Project der Brown University in den USA belief sich die Zahl der Kriegstoten zwischen Anfang 2001 (also der US-geführten Anti-Taleban-Intervention) bis Mitte 2016 auf über 34.500 (seither nicht aktualisiert).

Kriegstote Afghanistan 1989-2018. Quelle: Bildschirmfoto UCDP