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Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg befasst sich heute mit einer Klage gegen Deutschland, meldet der Deutschlandfunk. Dort heißt es zusammenfassend:

Es geht um den von einem deutschen Oberst veranlassten Nato-Luftangriff im afghanischen Kundus mit rund hundert Toten. Geklagt hat ein Afghane, der bei dem Angriff im Jahr 2009 zwei Söhne verlor. Er wirft der Bundeswehr eine Menschenrechtsverletzung vor. Vor deutschen Gerichten waren Hinterbliebene mit Entschädigungsklagen gescheitert. Ermittlungen gegen den deutschen Oberst Klein, der den Luftangriff veranlasste, wurden eingestellt.

Die taz bat mich, dazu eine kurze Zusammenfassung der Lage in dieser Provinz Afghanistans zu schreiben (hier online). Hier mein Text:

Taleban im Zentrum von Kundus, September 2015. Foto: PNA

 

Kundus ist Taleban-Land

Einst hatte die Bundeswehr ihr Feldlager in der nordafghanischen Provinz. In der Hochburg der Taleban ist der Staat auf dem Rückzug

Am Sonntag versammelten sich in Tschahardara hunderte Männer, um Ringkämpfen zuzusehen. Das Sportfest fand aus Anlass einer siebentägigen Deeskalationsphase statt, die die Unterzeichnung eines Truppenabzugsabkommens zwischen den US und den Taliban am kommenden Sonnabend ermöglichen soll. Es herrschte eine gelöste Atmosphäre, auch unter den bewaffneten Talebankämpfern unter den Zuschauern.

Tschahardara ist der Distrikt, in dem am 4. September 2009 der fatale Luftangriff auf den Tanklaster stattfand. Er war und ist Talebanland; nur im Distriktzentrum gibt es eine Präsenz der Regierung. Daran hat auch die Präsenz der Bundeswehr und ihr Wiederaufbau-Feldlager im nahegelegenen Provinzzentrum von 2002 bis 2013 kaum etwas geändert. Wenn die Taleban in der Provinz zwischenzeitlich zurückgedrängt wurden, lag das vor allem an US-Spezialtruppen und örtlichen afghanischen Milizen.

Die Provinzhauptstadt von Kundus war 2015 die erste landesweit, die die Taleban – wenn auch nur für fünf Tage – einnehmen konnten. 2016, 2017 und im September 2019 stand die Stadt erneut vor dem Fall. Die Taleban stießen bis ins Stadtzentrum vor. Als der Angriff abgeschlagen schien und der Polizeichef eine Pressekonferenz abhielt, schlugen die Taleban noch mit einem Selbstmordangriff zu. Dabei kamen drei Polizisten und sechs Zivilisten um. Tschahardara diente jeweils als Ausgangsbasis für die Angriffe.

Kundus gehört heute zu den Provinzen, in denen die afghanische Regierung die wenigste Kontrolle ausübt. Die Aufständischen beherrschen zwei von sieben Distrikten vollständig; in den übrigen fünf hält Kabul nicht viel mehr als das Distriktzentrum und vielleicht eine Handvoll Dörfer. Im letzten Quartal 2019 war Kundus war unter den Top-Drei-Provinzen, was die Operationsintensität der afghanischen und US-Truppen betraf, die versuchten, bestimmte Distrikte zurückzuerobern oder die Taleban wenigstens von der Provinzhauptstadt wegzudrängen. Nach UN-Angaben verdoppelte sich dadurch im Vorjahr die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten fast, verglichen mit 2018. Haupursache waren Bodenkämpfe, Sprengsätze der Taleban und Luftschläge.

Die Taleban sitzen bis heute in den ländlichen Vororten von Kundus-Stadt, manchmal kaum drei Kilometer entfernt. „Wir können von hier aus ihre weißen Flaggen über den Häusern wehen sehen“, so ein Lehrer über Telefon zur taz. Noch in der vorigen Woche gab es dort fast täglich Taleban-Angriffe auf Armeebasen und Polizeiposten, explodierten Sprengsätze am Straßenrand. In Tschahardara flogen US-Truppen zwei Luftschläge; über Opfer wurde nichts bekannt.

Außer dem Tanklasterangriff hat die Bundeswehr noch eine weitere dunkle Geschichte auf ihrem Konto, die Anti-Taleban-Operation Halmasag im Januar 2010, in manchen Medien geschichtsvergessen auch als „erste deutsche Offensive seit 1945“ bezeichnet. Dabei wurden zwei Dörfer mit Talebanpräsenz angegriffen, Isachel und Quatliam. Der freie Journalist Marc Thörner fand später heraus, dass es entgegen früherer Erklärungen der Bundeswehr sehr wohl Vorwürfe aus der örtlichen Bevölkerung gab, dass es dabei Zivilopfer gab. Quatliam – eine Verballhornung auf Militärkarten – heißt übrigens richtig Qatl-e Am, auf Persisch Massenmord.

Thomas Ruttig, Kabul

 

Mehr zu Operation Halmasag in meinem Blog hier.

taz-Autor Christian Rat schrieb hier über die bevorstehende Verhandlung in Strasbourg.

Schnappschuss aus dem damaligen Bundeswehrstandort Kunduz. Foto: Thomas Ruttig 2006.

Liegengeblieben. Schnappschuss aus dem damaligen Bundeswehrstandort Kunduz. Foto: Thomas Ruttig 2006.