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Mit Stand Sonntagabend hat sich die Zahl der registrierten positiv getesteten Corona-Fälle in Afghanistan auf 145 erhöht, wie das afghanische Gesundheitsministerium mitteilte. 106 Fälle gibt es allein in Herat, wo in den letzten 24 Stunden 22 neue Fälle auftraten. Am Sonnabend waren es insgesamt 117 Fälle. Vier der 145 Fälle sind NATO-Soldaten und einer oder zwei ausländische Diplomaten. Neue Todesfäll wurden nicht berichtet.

Afghanische Anti-Corona-Kampagne: „Bleibt zuhause: rettet Euer Leben und das von anderen“.

 

Seit dem 28.3.2020 unterliegen die Einwohner Kabuls und anderer afghanischer Großstädte ähnlichen Einschränkungen wie wir in Europa. Am Tag davor ordnete Präsident Aschraf Ghani folgende Maßnahmen für Kabul an, die bis zum 18. April gelten sollen, aber verlängert werden können:

  • alle Geschäfte, außer Lebensmittelläden, Banken, Apotheken und Bäckereien müssen schließen, einschließlich Restaurants und Hotels (Außer-Haus-Lieferungen bleiben möglich);
  • Sperrung aller öffentlichen Plätze, wie Parks, Sportstätten, alle Bildungseinrichtungen (die waren schon geschlossen) und Schreine (Moscheen wurden nicht erwähnt);
  • Alle Veranstaltungen mit „größerer“ Beteiligung sind verboten, wie Begräbnisse und Hochzeiten;
  • Alle staatlichen Behörden mit Ausnahme des Gesundheitsministeriums und Einrichtungen der Streitkräfte schließen (die Katastrophenschutzbehörde kann bei Bedarf reaktiviert werden)
  • Schließung der Hauptstadt Kabul für den Personenverkehr und Verkehrseinschränkungen in der Stadt, einschl. ÖPNV; Warenlieferungen sind zugelassen
  • Keine Gruppenbildung von mehr als drei Menschen
  • Bewegungen im öffentlichen Raum nur bei triftigem Grund (Gesundheit, also Arztbesuche, und Sicherheit; Einkaufen wurde nicht genannt, ist aber zulässig)

Außerdem designierte die Regierung das Polytechnikum sowie mehrere Schulen und Hochzeitspaläste als Notfallzentren. Der neue renovierte Darulaman-Palast beherbergt das Krisenzentrum.

Einige dieser Maßnahmen waren nicht spezifisch genug, so dass es zu Unklarheiten kam. An den vier Hauptzufahrtsstraßen nach Kabul kam es zu langen Staus. [Aktualisierung 30.3., 11.50 Uhr: Nach Informationen aus Kabul dürfen Fahrzeuge mit Nummernschildern anderer Provinzen nicht nach Kabul hineinfahren. In der Stadt selbst kontrolliert die Polizei Fahrzeuge, und wer sich als Kabuli oder mit einem Hausausweis seiner Arbeitsstelle ausweisen kann, kann zur Arbeit fahren.] Der Flughafen schien weiter offen zu bleiben; Inlandflüge wurden noch abgefertigt. Nichtregierungsorganisationen dürfen ihre Büros offen halten; es war aber nicht klar, wie die Fahrt zu Projekten möglich ist.

Am 29.3. schlossen die Sicherheitskräfte einige wichtige Straßen für den meisten Autoverkehr. Die Präsenz der Sicherheitskräfte im Zentrum wurde erhöht, u.a. um Ladenschließungen durchzusetzen.

Unterdessen stiegen in Kabul am Sonnabend wieder die Preise für Mehl und Kochöl um 14 Prozent. Zucker, Reis, Tee, Gas und Benzin waren gleich geblieben. Sie waren in den vergangenen Wochen immer wieder zeitweilig nach oben geschossen, dann durch Regierungsangaben stabilisiert worden.

Die Reaktionen in der Bevölkerung fielen unterschiedlich aus. Tolonews zitierte einen Kabuler Einwohner, der sagte: „Wir müssen unser Leben schützen, also müssen wir den Coronavirus ernst nehmen.“ Am Sonnabend war aber in einigen Teilen der noch einiger Auto- und Fußgängerverkehr zu registrieren; in anderen herrschte bereits Leere. „Mein Vater ist alt. Ich bin hier ein Straßenhändler. Wenn ich nicht arbeite, habe ich kein Brot“, sagte ein anderer.

Pajhwok berichtete, dass am Sonnabend einige Geschäfte trotz der Anordnungen geöffnet hatten, aber die meisten Restaurants, Märkte und Büros bereits geschlossen waren. Die Agentur zitierte einen Telefonkartenhändler auf die Frage, warum er sich nicht die Maßnahmen halte: „Wenn Corona die Leute nicht umbringt, dann die Armut. Die Leute sollten mit Nahrungsmitteln und den notwendigen Dienstleistungen versorgt werden.“

Immerhin wurde ein Regierungskomitee gebildet, dass Unterstützungsmaßnahmen für die Armen ausarbeiten soll. Die Handelskammer und einige andere Immobilienformen setzten die Mieten für Geschäfte aus.

Fast verwaiste Straße in Herat nach der de-facto-Ausgangssperee Ende vorigen Woche. Foto: Reza Kazemi/AAN.

 

Andere Städte und Provinzen

In Dschalalabad gelten seit dem 26.3. ähnliche Maßnahmen. Gouverneur Schah Mahmud Miachel ordnete an, dass alle Rikscha-Fahrer Gesichtsmasken und Handschuhe tragen müssen. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, nicht unnötig aus ihren Wohnungen zu kommen.

In Herat gelten sie schon seit dem 24.3., und auch hier gab es zunächste Konfusion, da auch Gemüse- und Obsthändlern ihr Handel untersagt worden war. Dies wurde offenbar gelockert. Am 26.3. hatten 150 Straßenhändler vor dem Gouverneurssitz gegen diese Maßnahme demonstriert. Einige Moscheekomitees schlossen die Gotteshäuser, aber die Regierung wagt offenbar landesweit nicht, dies offiziell anzuordnen. Hier engagieren sich vor allen junge Intellektuelle und Studenten in Aufklärungskampagnen über das Virus, auch online. Die örtliche Handelskammer begann, Hilfspakete an Bedürftige zu verteilen. Ein früherer Abgeordneter stellte ein Privathaus zur Verfügung, um es in ein Krankenhaus umzuwandeln.

In Herat gibt es seit dem 19. März auch eigene Coronavirus-Testmöglichkeiten.

Auch Kandahar, Laschkargah (Helmand), Pandschir und Nuristan ordneten ähnliche Maßnahmen an.

In Herat und Kabul kam es an den vergangenen Abenden nach Aufruf religiösen Institutionen zu massenhaften lauten Gebeten. Einwohner riefen entsprechend eines traditionellen Rituals auf ihren Dächern „Allahu akbar!“ und baten Allah um Vergebung und Rettung.

Interessant ist, dass die Maßnahmen nicht mit großer Härte durchgesetzt werden, da viele Menschen in dem armen Land sonst über keine Einkommensmöglichkeiten mehr verfügen werden. Der Innenminister wies die Polizei an, rücksichtsvoll vorzugehen.

Pakistan hat bekanntgegeben, dass die Grenze für weitere zwei Wochen geschlossen bleiben muss. Indien hat Afghanistan die Genehmigung erteilt, mit fünf Flügen etwa 2500 dort gestrandete Afghanen auszufliegen. Die Flüge begannen am 28.3.

Abschiebungen aus Deutschland

Ansonsten gibt es Hinweise, dass Deutschland auf Bitten Kabuls tatsächlich den nächsten, 34. Abschiebflug nach Afghanistan abgesagt hat. Der hätte sonst wahrscheinlich in der zweiten Aprilwoche stattgefunden (Flug Nr 33 war am 12.3.20 eingetroffen, obwohl im Land schon seit Ende Februar mehrere Coronafälle verzeichnet worden waren.)

Das hatte die Deutsche Welle schon am 18.3. berichtet. Dort hieß es:

Das afghanische Flüchtlingsministerium habe schon in der vergangenen Woche schriftlich an Deutschland und andere europäische Staaten appelliert, die Abschiebungen auszusetzen, berichtet die stellvertretende Flüchtlingsministerin Dr. Alema Alema der Deutschen Welle aus Kabul: „Da aufgrund des starken Corona-Ausbruchs im Iran täglich über 10.000 Migranten nach Afghanistan zurückkehren, ist das Ministerium mit der Betreuung dieser Rückkehrer intensiv beschäftigt und hat keine Kapazitäten frei, die Abgeschobenen aus europäischen Staaten zu betreuen.“ Einige Staaten wie Großbritannien, Dänemark und Finnland hätten bereits gehandelt.

Corona scheint bei der Bundesregierung noch nicht allgemein als Abschiebehindernis betrachtet zu werden. Die Tagesschau berichtete kürzlich, dass Berlin zur Zeit versuche, eine Iranerin in ihr besonders schwer virusbetroffenes Land abzuschieben. Auch ein Abschiebeflug nach Pakistan (letzte Woche bei über 1000 Infektionen und 19 Toten) soll weiterhin geplant sein.