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Hier einige Auszüge aus einer Stellungnahme der Afghanistan-Sachverständigen Friederike Stahlmann, die gerade aus Kabul zurückgekehrt ist.

Afghanische Rückkehrer an der Grenze zu Iran. Foto: ToloNews

 

Eine unkontrollierte Verbreitung des Corona-Virus in Afghanistan scheint nicht vermeidbar zu sein – auch weil die Bevölkerung zur ganz überwiegenden Mehrheit nicht die Möglichkeit hat, Selbstschutzmaßnahmen zu ergreifen. Zudem droht eine Eskalation der humanitären Not. (…) Im landesweiten Zentrum für Corona-PatientInnen in Kabul stehen vier Beatmungsgeräte zur Verfügung (…). Rückkehrer aus Europa gelten aus Sicht lokaler Ärzte hierbei als besonders vulnerabel.

Nach Aussage des Direktors des Antoni-Krankenhauses,1 das als nationales Zentrum für die Behandlung von Ansteckungskrankheiten fungiert, seien zwar die Testmöglichkeiten kein Problem, da 50.000 Tests vorhanden seien. (…) Nach UN-Angaben waren es am 19.03. noch 15.500 Testsätze. (…) So ist auch die Bereitschaft sich testen zu lassen und damit auch die Chance Erkrankte und ihre Kontaktpersonen zu isolieren kaum gegeben. (…)

Der Direktor des Antoni-Krankenhauses bestätigte, dass Betroffene oft versuchen zu verheimlichen, dass sie krank seien. In den vielen informellen Gesprächen, die ich zwischen 02. und 17.03. in Kabul über die Ausbreitung der Corona-Pandemie in Afghanistan geführt habe, wurden eine Reihe von Gründen angeführt, weshalb es so eine geringe Bereitschaft gibt, sich testen zu lassen. So besteht zum einen die Sorge, aufgrund des Seuchen-Stigmas sozialen Ausschluss zu erleben. Arbeit, Obdach und soziale Unterstützung zu verlieren ist jedoch auch ohne eine akute Erkrankung lebensbedrohlich. Im Falle einer Erkrankung, bei der man auf finanzielle aber auch praktische Hilfe angewiesen ist, ist die Bedrohung eines Ausschlusses umso akuter.

Wo dies jetzt schon deutlich wird, ist in der Stigmatisierung von RückkehrerInnen, die primär für die Gefahr durch Corona verantwortlich gemacht werden. So sind es inzwischen insbesondere Iran- RückkehrerInnen, die versuchen sich testen zu lassen, da ihre Herkunftsorte negative Tests fordern, um einer Rückkehr zuzustimmen. (…) Es gibt auch Berichte, dass sie nicht mehr in Fahrzeugen mitgenommen werden und Forderungen nach umfangreichen Quarantäne-Maßnahmen (…).

Darüber hinaus besteht in der Praxis nahezu keine Chance auf Selbstisolation. Am besten sind noch die Chancen in reichen Familien, die über Häuser verfügen und dort theoretisch einzelne Familienmitglieder isolieren könnten. Die große Mehrheit der armen Bevölkerung hat dazu schon aufgrund des Platzmangels keine Chance. Das gleiche gilt für Abgeschobene, die nicht durch private finanzielle Unterstützung aus Europa soweit abgesichert sind, dass sie sich in Hotels einmieten und Essen kommen lassen können. (…)

Doch auch jene, die Obdach haben, können sich in der Regel nicht leisten zuhause zu bleiben, weil sie die akute Nahrungsmittelversorgung nicht gewährleisten können, ohne arbeiten zu gehen. Da es kaum noch Familien gibt, die relevante Reserven haben, und angesichts der hohen Verschuldungsrate der Haushalte können sie sich auch Einnahmeausfälle in der Regel nicht leisten. (…)

Bei meinem Besuch im Afghan-Japan Krankenhaus, das nicht nur eins der beiden spezialisierten, landesweit zuständigen Krankenhäuser für übertragbare Krankheiten ist, sondern auch die nationale Anlaufstelle für behandlungsbedürftige CoronapatientInnen sein soll, standen nach Aussagen zweier Ärzte, die anonym bleiben wollten, zwar 100 Betten zur Verfügung. Es sei jedoch nur möglich vier PatientInnen gleichzeitig mit Sauerstoff zu versorgen. (…) Ein weiteres Problem sei, dass auch vor Corona die Ärzte schon in 36 Stunden-Schichten arbeiten würden und völlig überlastet seien. (…)

Es mangelt jedoch auch jenseits des Afghan-Japan an der Kapazität für spezialisierte Behandlung. So berichteten die Ärzte im Afghan-Japan und der medizinische Direktor des Antoni übereinstimmend, dass das Gesundheitsministerium auf Anraten der WHO die Provinzkrankenhäuser angewiesen hätte, einen Raum bereit zu stellen, der von den anderen Krankenzimmern getrennt sei. Die Ärzte im Afghan- Japan bezweifelten aber, dass diese Isolierzimmer einen entscheidenden Unterschied in der Versorgung machen könnten, da es dort kein entsprechendes medizinisches Equipment gäbe, um den Kranken zu helfen und die Ärzte und Pfleger nicht geschult seien. (…)

Die Schließung der Grenzen nach Pakistan und Indien, wo bisher all jene medizinische Versorgung gesucht haben, die die finanziellen Mittel dafür aufbringen konnten, belastet das ohnehin überforderte Gesundheitssystem noch weiter. (…)

Hinzu kommt, dass ein Gutteil der erwachsenen Bevölkerung Vorerkrankungen aufweist und somit zu der Risikogruppe gehören dürfte. (…) Die Prävalenz einer Vielzahl von Krankheiten, gerade der Atemwege und der Lunge, ist aufgrund der dramatisch schlechten Luftqualität in den Städten extrem hoch. (…)

Besonders betroffen seien laut Aussage der Ärzte im Afghan-Japan Abgeschobene. Denen, die Familie im Iran haben, hätte man schon vor dem Virus geraten dorthin zurück zu kehren, weil sie in Afghanistan kaum Überlebenschancen hätten.

 

 

Der vollständige Text findet sich hier.