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Die Süddeutsche Zeitung erinnerte vor einigen Tagen, am 2. April, an das sogenannte Karfreitagsgefecht beim Dorf Isachel in der Provinz Kundus, bei dem zehn Jahre vorher drei deutsche Soldaten starben („Einsatz in Afghanistan: Tod am schwarzen Karfreitag“). Ihre Namen: Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak.

Bundeswehr-Soldaten bei der Trauerfeier im Feldlager Kundus. Foto: Bundeswehr.

 

„Mehr als acht Stunden lang lieferten sich in Nordafghanistan an diesem Karfreitag Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf ein Gefecht mit Kämpfern der Taliban. Sie waren in einen Hinterhalt geraten“, erinnert die Zeitung.

Die Welt vom 3.7.11 (hier) beschrieb es damals genauer:

Die auch an diesem Tag friedlich aussehenden Bauern waren urplötzlich von den Feldern verschwunden, dann wurden die Deutschen unter Feuer genommen, ein vergrabener Sprengsatz explodierte unter einem gepanzerten Dingo. Das Gefecht dauerte stundenlang, drei Soldaten fielen, vier wurden schwer verletzt – und hätten nicht überlebt, wären nicht amerikanische Medevac-Hubschrauber trotz starken Beschusses vor der Höhe 432 gelandet, um die Verwundeten zu bergen und ins Rettungszentrum im Feldlager Kundus auf der anderen Seite des Flusses zu fliegen. Ein halbes Dutzend weitere Soldaten musste später nach Hause geschickt werden, weil sie den blutigen Kampf und den Verlust der Kameraden psychisch nicht bewältigt hatten.

(Hier die Darstellung der Bundeswehr.)

An der Operation beteiligte Bundeswehr-Soldaten berichteten zudem, dass man die Taleban im Operationsgebiet im Distrikt Tschahardara, Provinz Kundus, offenbar unterschätzt hatte und unerwartet in deren heftigen Widerstand lief sowie dass den deutschen Soldaten schon am zweiten Tag fast die Munition ausging (also nicht schlechte Waffentechnik) und erst eingreifende US-Truppen die Deutschen herausholten – hier.

SZ-Autor Mike Szymanski schreibt, dass die Soldaten der Bundeswehr „in den Anfangsjahren… für diese Mission schlecht ausgerüstet“ waren und spricht von „gepanzerten Fahrzeugen in ausreichender Stückzahl und auch an schweren Waffen zur Verteidigung“. „Schlecht gerüstet“ wäre ein besserer Begriff gewesen – denn es geht nicht nur um die Waffentechnik. Wie groß (oder gering) war die Kenntnis des Landes, dem zu helfen man gekommen war, bei Soldaten und Befehlshabern. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bundeswehr-Arzt, der sagte, ihnen sei gesagt worden, sie müssten jeden Afghanen außerhalb ihrer Stützpunkte als potenziellen Feind betrachten.

Dazu kam die – bei Soldaten, Offizieren, Politikern weit verbreitete – Ansicht, das Land sei viel zu „mittelalterlich“, um eine Demokratie werden (ein Prozess!) zu können; und Islam und Demokratie seien ohnehin unvereinbar. Mit anderen Worten: Sie glaubten überhaupt nicht an den Auftrag, den sie erhielten bzw erteilten.

Es sei die Zeit gewesen, so die SZ, „in der sich auch die deutsche Gesellschaft mit der Frage auseinandersetzen musste, welchen Preis es tatsächlich hatte, dass Deutschlands Sicherheit nun auch am Hindukusch verteidigt wird.“ (Das genaue Zitat hier.). Das Gefecht habe die Bundeswehr „verändert“ und es sei ihr „bis heute eine Mahnung“.

Die Bundeswehr hat sich sicherlich verändert, oder ist verändert worden. Schon das „Weißbuch der Bundesregierung zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr“ von 2006, der offiziellen Sicherheitsdoktrin der Bundesregierung, schreibt den Umbau der Bundeswehr zu einer Interventionsarmee fest. Damals war die Erkenntnis noch nicht bis ins Kanzleramt und Verteidigungsministerium durchgedrungen, dass besonders die militärische Teil der Afghanistan-Intervention ein Fehlschlag war.

Was an dem SZ-Artikel aber besonders ärgerlich ist (außer dass er wiedermal geschichtsvergessen schrieb: „Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg waren deutsche Soldaten an Kampfhandlungen solcher Intensität beteiligt.“ Ist die Bundeswehr doch die Fortsetzung der Wehrmacht?): Er sagt nicht, was auf dieser Gefecht folgte.

Das tat der ehemalige Bundeswehr-Fallschirmjäger Johannes Clair, der mit Vier Tage im November (Econ-Verlag, 2012) sogar ein Buch über seinen Einsatz in Kundus veröffentlicht hat, in einem Interview über die auf das Karfreitagsgefecht folgende Operation Halmazag. (Ich hab darüber schon früher geschrieben, hier: https://thruttig.wordpress.com/2017/07/23/die-neuen-toten-von-qatl-e-am-operation-blitz-in-kunduz-als-neue-traditionslinie-der-bundeswehr/):

Uns ging es im Einsatz darum, das Karfreitagsgefecht auszugleichen. Wir wollten für den Tod von drei Kameraden jemanden zur Rechenschaft ziehen. Was nicht heißen soll, dass wir hingingen, um alle zu erschießen.

Im Klartext: Die Bundeswehr ging nach dem Karfreitagsgefecht raus, um Rache zu nehmen. (Die Bundeswehr-Zeitschrift Loyal überschrieb ihren Artikel, der sich nicht im Netz findet, sogar mit „„Revanche für Karfreitag“ – zitiert hier).

Mit insgesamt 480 beteiligten Soldaten (auch Belgier und Amerikaner) sowie „schwerer Artillerie“ und „mehrfacher Luftunterstützung“. Auf deutscher Seite waren laut der Zeit „Fallschirm- und Gebirgsjäger“ (auch KSK?) im Einsatz. Die FAZ berichtete: „Die Bundeswehr setzte zwei Fallschirmjägerkompanien, Aufklärer, Pioniere und Sanitäter der Task Force Kundus mit 300 Soldaten ein, während die US-Armee mit 120 Soldaten der 10. Gebirgsdivision in Begleitung der von ihnen ausgebildeten 150 afghanischen Polizisten vorgingen.“ Eine andere Quelle sprach von „700 Soldaten aus afghanischer Armee (ANA) und dem deutschen Ausbildungs- und Schutzbataillon (ASB), vor Ort eher als Task Force Kunduz bezeichnet, dazu Belgier (also vermutlich das OMLT).“ Zum Jahrestag 2020 sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, er habe sich um Angehörige des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf gehadelt.

Vor der Schilderung seiner Teilnahme an dieser Operation Halmazag bricht Clair seine Schilderung allerdings ab, siehe hier, – offenbar gab es dafür keine Genehmigung.

Kundus ohne Bundeswehr: Taleban im Zentrum der Stadt , September 2015. Foto: PNA

 

Was geschah, steht in mehreren Zeitungsberichten (siehe hier). Vor allem hat das der freie Journalist Marc Thörner recherchiert (siehe z.B. hier im ARD-Fernsehmagazin Monitor). Dabei ergab sich u.a., dass es entgegen früherer Erklärungen der Bundeswehr danach sehr wohl Vorwürfe aus der örtlichen Bevölkerung gab, dass bei dieser Operation afghanische Zivilisten ums Leben kamen.

In einer Folgesendung für den Deutschlandfunk nach neuen Recherchen (das Manuskript dieser Sendung findet sich hier) sprach Thörner von möglichen „Kriegsverbrechen“ und berichtet:

Überall zwischen den Ortschaften Quatliam und Isa Khel [Isachel] befinden sich die Gräber der Zivilisten, die während der von Deutschen geführten Operation Halmazag getötet wurden.

Im Februar 2016, so Thörner, habe der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof zur Operation Halmazag einen “Prüfungsvorgang” angelegt. Die zuständigen Staatsanwälte hätten ihm versprochen, auch seine Materialien auszuwerten und sie würden “dann entscheiden, ob sie ein Verfahren gegen Verantwortliche der Bundeswehr einleiten”. Das geschah dann wohl nicht. Im März 2017 berichtete Thörner wieder in einer Sendung des SWR-Radio (Manuskript hier) – Thema „Im Visier der Bundesanwaltschaft – Gab es deutsche Kriegsverbrechen in Afghanistan?” Zum Schluss erklärt der Moderator:

Ich habe heute nochmal bei der Bundesanwaltschaft nachgefragt. Ein Pressesprecher sagte mir, die Vorgänge um die Operation Halmazag seien bei der Bundesanwaltschaft bekannt. Zwar gebe es kein Ermittlungsverfahren, aber man habe die Sache im Blick.

Seither gibt es keine Neuigkeiten zur Operation Halmazag.

Hier nochmal die Geschichte der Operation Halmazag nachlesen: „Die neuen Toten von Qatl-e Am“.