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Heute war – erneut(!) – ein besonders schrecklicher Tag in Afghanistan. Dabei stellte der Angriff eines Terrorkommandos auf ein Krankenhaus im vor allen von Hasaras bewohnten Stadtteil Dascht-e Bartschi im Westen Kabuls, und dort besonders auf die Geburtsstation, einen weiteren moralischen Tiefpunkt in diesem Konflikt dar. Viele Afghanen wiesen zudem daraufhin, dass ein solcher Anschlag im Fastenmonat Ramadan besonders verwerflich sei. (Allerdings betrachten einige Gruppen die Schiiten bzw Hasara nicht als ‚echte’ Moslems – dazu unten mehr.)

Dabei wurden zwischen vier und 14 Menschen umgebracht, darunter Neugeborene, Mütter und medizinisches Personal. (Die niedrige Zahl stammt von unabhängigen Beobachtern, die sagen, die Zahlen könnte auch höher liegen; die höhere vom afghanischen Innenministerium.) Mindestens 15-18 weitere Menschen wurden verletzt. Es handelte sich um ein staatliches Krankenhaus; die Ärzte ohne Grenzen– die auch Personal vor Ort hatten – unterstützen die dortige Geburtsstation seit fünf Jahren. Laut ARD trugen die Angreifer Polizeiuniformen.

[Aktualisierung: Nach offiziellen Angaben vom 13. Mai liegt die Zahl der Opfer nun bei 24 Toten und 19 Verletzten.]

Die Verantwortung für diesen Angriff hat bisher keine Gruppe übernommen. Die Taleban haben schnell erklärt, sie hätten nichts mit dem Angriff zu tun. Nach meinem Dafürhalten trifft es passt der Anschlag aber zur sektiererischen Vorgehensweise des Islamischen Staates (Daesch), der vor allem gegen ethnische und religiöse Minderheiten vorgeht (siehe zuletzt der Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Kabul im April). Unter der IS-Ideologie gelten Schiiten nicht als Moslems. Saber Ibrahimi, ein afghanischer Forscher an der New York University tweetete, meines Erachtens nach zutreffend: „Der Westen Kabuls war sicher, bevor der sog. Islamische Staat/Chorassan auftauchte.“

Die Taleban, die während ihrer Herrschaft 1996-2001 auch antischiitische Tendenzen erkennen ließen und einige Massaker an Schiiten verübt haben (sie stritten aber stets ab, dass das aus religiösen Gründen geschah – auch wenn diese Taten, unabhängig vom Motiv, natürlich trotzdem Kriegsverbrechen darstellen), haben sich inzwischen offiziell von solchen Positionen abgewandt. Das bedeutet aber nicht, dass antischiitische Vorurteile (die dann auch in Gewalt umschlagen können) nicht auch weiterhin unter den Taleban existieren – übrigens wie in der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft auch.

Nach dem Anschlag auf die Beerdigung in Kus Kunar (Chewa). Foto via Abdullah Khenjani/Twitter.

 

Noch mehr Opfer gab es bei einem Selbstmordanschlag auf eine Beerdigungsfeier für einen verstorbenen Kommandeur der milizartigen Afghanischen Lokalpolizei im Distrikt Kus Kunar (alias Chewa) in der Ostprovinz Nangrahar. Dabei wurden [nach neuesten Angaben vom 14.5.  32 Menschen getötet und 130 verletzt.]  Unter den Toten sind ein Mitglied des Provinzrates, Abdullah Lala Jan, und sein Bruder; unter den Verletzten sein Vater, der Parlamentsabgeordnete Nur Agha Maleksai.

Auch hier gibt es keine Bekennererklärung; auch hier sagten die Taleban, sie seien nicht für den Anschlag verantwortlich. Die ALP gehört allerdings zu den Hauptzielen der Taleban (AAN nennt sie ihren „Feind Nr.1). Der IS operierte bis zu seiner weitgehenden Niederlage im Herbst 2019 hauptsächlich in dieser Provinz, wurde dort aber nicht völlig zerschlagen. Möglicherweise war aber der heutige Parlamentsabgeordnete und frühere Warlord Hasrat Ali, der anwesend war, aber unverletzt blieb, das eigentliche Anschlagsziel. Mit ihm haben sehr viele Menschen, nicht nur Taleban, ‚Rechnungen offen’ – was ebenfalls die Täterermittlung schwierig macht.

Der afghanische IS-Ableger hatte in letzter Zeit weitere schwere Rückschläge einstecken müssen. Im April war sein Chef Abdullah Oraksai alias Aslam Faruqi vom afghanischen Geheimdienst festgenommen worden. Am Montag folgte in Kabul die Festnahme des IS-Chefs für Süd- und Ostasien, Zia ul-Haq alias Sheikh Abu Omar Khorasani. Oraksai soll Pakistani sein, Zia ul-Haq Afghane. Den letzteren beschuldigte Kabul, an dem Anschlag auf den Sikh-Tempel in Kabul verantwortlich gewesen zu sein – aber der Wahrheitsgehalt solcher Angaben ist fraglich, da die Sicherheitsbehörden Erfolge produzieren müssen, da Teile der Bevölkerung sie für untätig, manche für Kollaborateure halten.

Viele Menschen in Afghanistan (vieles davon findet man in den sozialen Medien) glauben den Erklärungen der Taleban nicht und machen keinen Unterschied zwischen ihnen und dem IS. (Was man emotional verstehen kann, wenn Angehörige und Freunde umkommen, aber analytisch trotzdem unterschieden werden muss.) Dem leisten die afghanischen Behörden immer wieder Vorschub, in dem sie über angebliche Zusammenarbeit beider Gruppen berichten (z.B. hier), für die es allerdings kein überzeugenden Belege gibt. Es wird hingegen angenommen, dass bestimmte Gruppen, Kommandeure und Terrorstrukturen „freischaffend“ arbeiten und für Anschläge angeheuert werden können.

Weitere Vorfälle

Ebenfalls heute erschossen in der Südostprovinz Paktika nach Polizeiangaben die Taleban bei zwei Zwischenfällen drei Stammesälteste, trafen dabei aber auch ein fünfjähriges Mädchen tödlich. In den Provinzen Samangan, Kapisa und Parwan erschossen sie insgesamt fünf sechs Polizisten; drei weitere wurden bei einem Anschlag in Chost verletzt. In Kandahar wurden zwei Polizisten auf Streife angeschossen, auch ein Zivilist wurde durch die Kugeln verletzt; ein Polizeikoch von einem Motorrad aus erschossen. Polizisten außerhalb des Dienstes gelten nach dem Völkerrecht ebenfalls als Zivilisten. In Qalat (Zabul) wurde ein für den Geheimdienst arbeitender „Vertragsnehmer“ (vielleicht ein Bauunternehmer o.ä.) durch eine durch eine Haftmine an seinem Auto verletzt; auch hier traf es einen weiteren Zivilisten.

Offensiven

Am Ende des Tages versetzte Präsident Aschraf Ghani in einer TV-Ansprache die afghanischen Streitkräfte wieder in vollen Offensivmodus. Seit die Taleban unmittelbar nach Ende der Woche der Reduzierung der Gewalt Ende Februar (hier ein AAN-Bericht über deren Auswirkungen), die zur Unterzeichnung des US-Taleban-Abkommens führte, waren sie in „aktiver Defensive“, d.h. sie sollten nur auf Taleban-Angriffe reagieren. Jetzt können sie davon unabhängig wieder Offensivhandlungen durchführen. Es ist bisher nicht klar, ob er ausdrücklich die heutigen Anschläge und Kämpfe zum Anlass dafür nahm (was nicht ganz logisch wäre, wenn die Taleban tatsächlich nicht dahinter stecken) – sondern er bezog sich darauf, dass die Taleban eben nach der Reduzierungswoche ihre militärischen Aktivitäten wieder deutlich erhöht haben.

Damit hat die Regierung ihre Frühjahrsoffensive offiziell eröffnet, während die Taleban dies erstmals seit Jahren nicht getan haben. Allerdings findet sie auch so bereits de facto statt. Gleichzeitig lag im ersten Quartal die Zahl der Sicherheitsvorfälle niedriger als im Vergleichszeit aller Jahre seit 2013 – das betrifft sowohl die Taleban-initiierten Zwischenfälle, noch stärker aber die der afghanischen und US-Truppen – die offenbar hofften, so die Taleban zu einer Weiterführung der Gewaltreduzierung und Friedensgesprächen zu bewegen.

Weitere Vorfälle

Am Vortag waren bei einem Luftschlag der afghanischen Armee im Distrikt Balch in der gleichnamigen Provinz nach Angaben von Dorfbewohnern und der Taleban neun Zivilisten ums Leben gekommen und elf weitere verletzt worden; danach war es zu gewalttätigen Protesten der Dorfbewohner gekommen. Das afghanische Verteidigungsministerium sagte, alle Opfer seien Taleban gewesen.

In der Westprovinz Farah starben drei Kinder durch Mörserbeschuss. Die Taleban beschuldigten die Regierungstruppen.

In Kabul wurde ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter und ein Kollege durch eine Haftmine an ihrem Auto verletzt. Es folgten drei weitere Explosionen an gleicher Stelle, die offenbar gegen Hilfeleistende gerichtet waren. Dabei wurde mindestens in Kund verletzt.

Am Vortag gab es auch mehrere „normale“ Gefechte mit vielen Opfern. Im Distrikt Alisching (Provinz Laghman) griffen Taleban einen Polizeiposten an. Dabei seien nach Regierungsangaben sechs Soldaten und ebenso viele Taleban getötet worden. Die New York Times berichtete jedoch, es seien mindestens 20 Soldaten getötet worden. In Logar berichteten die Regierungsstreitkräfte, sie hätten 11 Taleban getötet.

Hier meine letzte umfassendere Lageeinschätzung weiterlesen.