Schlagwörter

, , , ,

Dieser Text von mir und meinem Kabul Kollegen Ali Yawar Adili steht heute in der gedruckten taz und hier online (Titel dort: „Machtteilung in Kabul“). Hier, wie gewohnt, mit Ergänzungen [in eckigen Klammern].

Bildschirmfoto der Unterschriftszeremonie.

 

Koalitionsregierung mit Warlord-Garnitur

Präsident Ghani und sein Rivale Abdullah legen oberflächlich die Krise nach Afghanistans misslungener Präsidentenwahl 2019 bei, aber die Macht der Warlords wächst wieder

Afghanistan soll nach monatelanger Regierungskrise doch wieder eine Koalitionsregierung bekommen. Darauf einigten sich am Sonntagnachmittag Präsident Aschraf Ghani und sein schon bisheriger Koalitionspartner Dr Abdullah Abdullah, der im September 2019 Ghanis Hauptgegner bei der Neuwahl des Präsidenten war. Die Unterzeichnung der Vereinbarung zu einer Machtteilung wurde aus dem Kabuler Präsidentenpalast über Facebook gestreamt. Die versteinerten Mienen beider Politiker lassen ein hartes Ringen um die Umsetzung des Abkommens ahnen. Beide konnten sich nicht zu einem Händedruck durchringen und wechselten während der Zeremonie kaum einen Blick miteinander. [Nur Ghani lächelte einmal kurz in Richtung Abdullah, aber der reagierte nicht. Das Foto zum dpa-Text bei taz-onlin ist älter, aus offenbar entspannteren Zeiten.]

Die beiden alten und neuen Koalitionäre, Abdullah (links), Ghani (r.). Bildschirmfoto.

 

Der Ausgang der Wahl im vorigen Jahr war eng und umstritten. Ghani übertraf laut Wahlkommission im ersten Wahlgang die 50-Prozent-Hürde um weniger als ein Prozent knapp. Abdullah bezeichnete das als Betrug und warf der Kommission vor, parteiisch agiert zu haben. Diese hatte kurzerhand 300.000 bis zuletzt umstrittene Stimmen für gültig erklärt. Wäre nur ein Bruchteil davon als ungültig gewertet worden, hätte ein zweiter Wahlgang stattfinden müssen. Da parallel Bemühungen um den Beginn von Friedensgesprächen mit den Taleban im Gange waren, bemühten sich vor allem die USA – aber auch prominente afghanische Politiker und frühere Warlords –  beide Kontrahenten zu einer Einigung und damit auch zu einer einheitlichen Position und Verhandlungsdelegation zu zwingen. Abdullah wurde dazu bewegt, den Wahlsieg zu akzeptieren, wenn auch nicht ausdrücklich anzuerkennen.

Ghani und Abdullah standen bereits seit 2014 an der Spitze einer Nationalen Einheitsregierung (NUG), die nach der bereits misslungenen 2014er Wahl nur auf Druck der USA zustande kam. Sie erwies sich als wenig effektiv und verzettele sich jahrelang vor allem in der Verteilung der Regierungsämter. Ghani hatte 2014 den Friedensprozess zur Chefsache erklärt, war aber gescheitert, [mit US-, chinesischer und pakistanischer Hilfe] Direktgespräche mit den Taleban in Gang zu bringen. Zudem stieg unter NUG-Ägide die Zahl der Afghan:innen, die unter der Armutsgrenze leben, von 38 auf 55 Prozent. Vor allem Ghani versuchte deshalb, die jetzige Einigung nicht wie eine NUG 2.0-Variante aussehen zu lassen.

Laut der gestrigen Einigung wird Abdullah nicht mehr, wie zwischen 2014 und 2019, direkt der Regierung angehören. Aber die Allianz früherer Mudschahedinparteien, die ihn unterstützt, soll die Hälfte der Kabinettposten erhalten, darunter für Inneres und Wirtschaft [, wie der Guardian berichtete]. Abdullah wird stattdessen einem neugeschaffenen Hohen Rat für Nationale Versöhnung vorstehen und damit für geplante Friedensverhandlungen mit den Taleban verantwortlich sein. Es ist unklar, ob das ein Zugeständnis Ghanis ist oder er seinem Rivalen die Verantwortung für ein Unterfangen überlässt, das er für aussichtslos hält. Vorige Woche hatte Ghani nach einer Anschlagswelle die Regierungstruppen wieder in den Offensivmodus versetzt. Sein Sicherheitsberater Hamdullah Moheb erklärte, es mache „wenig Sinn“, mit den Taleban zu verhandeln. Die Taleban wiesen vehement Mohebs Anschuldigung zurück, sie seien für den brutalen Anschlag auf eine Geburtsstation [eines Krankenhauses in Kabul – siehe hier] am vorigen Dienstag verantwortlich gewesen, und bezeichneten Ghanis Befehl als „Kriegserklärung“.

Die neue Regierung soll auch von einem neuen Hohen Staatsrat beraten werden. In Kabul heißt es, dass ihm Ex-Präsident Hamed Karsai und mehrere frühere Warlords angehören sollen, die auch der Unterzeichnung beiwohnten. [Anwesend waren Sajjaf, Qanuni, Khalili, Dostums Sohn Babur, außerdem Ex-Außenminister Salmai Rassul.] Dazu wird auch Abdulraschid Dostum stoßen, bis 2019 Ghanis Vizepräsident, aber nach Übergriffen gegen einen rivalisierenden Politiker [um genau zu sein: eine Vergewaltigung durch seine Personenschützer; der Betroffene machte das selbst öffentlich], bei denen er persönlich anwesend gewesen sei, ins politische Abseits geschoben [, ohne offiziell von seinem Amt abgelöst worden zu sein]. Er soll zudem den Titel eines Marschalls tragen [das ihn höher einstuft als den Verteidigungsminister, aber politisch wohl trotzdem nur symbolischen Wert hat – abgesehen von – siehe letzter Satz] und auch dem Nationalen Sicherheitsrat angehören. Menschenrechtliche Erwägungen fallen unter Ghani erneut politischem Machtstreben zum Opfer. [Als Dostum bei der Wahl 2009 Karsai unterstützte, nannte Ghani Dostum einen „Mörder“; 2014 nominierte er ihn als sein Stellvertreter.]

Thomas Ruttig und Ali Yawar Adili, Kabul

 

Hier eine kurze Zusammenfassung (auf Englisch) meines Kollegen Ali Yawar Adili des wichtigsten Inhalts des Abkommens.

The agreement is comprised of seven sections which are detailed below:

  1. Establishment of High State Council (Shura-ye A’ali Dawlat) comprised of political leaders and national personalities to build consensus. It will advise the president on the crucial national issues
  2. Chairmanship of High Council for National Reconciliation which will become official based on the political agreement between the sides. Dr Abdullah Abdullah, as the president of the High Council for National Reconciliation, will lead the peace process.  He will have five deputies and his running-mates will serve as his deputies and other deputies will be introduced in consultation with the president. Abdullah will form the council in consultation with the president, political sides and leaders etc. the office of High Council for the National Reconciliation will be based in Sapidar Palace [Abdullah’s office 2014-19]
  3. Appreciation of the previous leaders of the peace process from Borhanuddin Rabbani, Salahuddin Rabbani, Sayed Ahmad Gailani and especially Muhammad Karim Khalili
  4. Participation in the government which include promotion of former Vice-President Abdul Rashid Dostum to the rank of marshal through a presidential decree who will also be a member of the High State Council and National Security Council; introduction of 50 per cent of cabinet posts including key ministries; provincial governors will also be appointed based on a rule agreed upon by the two sides
  5. Reform which includes paving the way for holding provincial and district council elections in order to complete the quorum for the Loya Jirga; holding elections for mayors; appointing a commission to draft amendment to the constitution in order to change the government’s structure after holding the district council elections; electoral reform including legal, technical and cadre reform as well as standard use of biometric system, the reform should take place in order to change the electoral system considering Multidimensional Representation system or any other alternatives in agreement with experts and the constitution; amendment of the political party law in accordance with the electoral reform; and new local administrations be established
  6. Oversight and implementation mechanism: an oversight commission comprised of six national and political elders should be established based on agreement of the sides which will be authorised to prevent the violation of the agreement; UN representatives can participate in the signing ceremony of the agreement as observer
  7. The political agreement will be valid till the end of the government’s term

 

This under the Chairmanship of the High Council for National Reconciliation:

  1. The authorities of the president of High Council for National Reconciliation will be to lead national peace process affairs; lead meetings of the council; and appoint the relevant executive and administrative officials and employees, including the officials of the State Ministry for Peace Affairs
  2. The authorities of the High Council for National Reconciliation will be to approve and lead the affairs related to peace process; its decisions and approvals will be based on majority of votes and final and binding to be implemented in the light of the constitution; the negotiation team will work under the guidance of the leadership committee of the council, act in accordance its approvals and guidelines and report to the president of the High Council for National Reconciliation. The President will invite the consultative meetings of the council if needed.
  3. Duties of the Council for National Reconciliation will be to build national, regional and international consensus on peace affairs; attract international aid and support for advancing peace; attracting international aid for post-peace reconstruction.
  4. Protocol: in all relevant ceremonies, the second highest place will be considered for the president of the High Council for National Reconciliation in terms of security measures and protocols and his deputies and senior advisors will have government protocol, security
  5. Budget: the High Council for National Reconciliation will be an independent budgetary unit financed by the government of Afghanistan and will also receive funding from international authorities for advancing peace; the execution of the budget will be in full authority of the president of the council
  6. Structure of the council: it will be comprised of political leaders, national personalities, representatives of the National Assembly, representatives of different political, social, civil, women and youth organisations; it will be comprised of two sections: general assembly and leadership committee. Their authorities and duties will be regulated through internal procedures. The leadership committee will be comprised of political leaders and national personalities and an authorised representative of the president will attend the meetings of the committee. The negotiation team and the state ministry for peace as secretariat will be part of the structure of the council