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„Bundesanwaltschaft stellt Ermittlungen zum Oktoberfestattentat [vom September 1980] ein“, meldet die Süddeutschen Zeitung gerade. Damals hatte die Polizei zum Attentäter Gundolf Köhler laut SZ schnell geschlossen:

Ein Waffennarr, ja. Einer, der bei der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann trainiert hatte, ja. Einer, der ein Hitlerbild überm Bett hängen hatte, ja. Aber all dem maßen die Ermittler keine besondere Bedeutung zu. Die Bundesanwaltschaft kam damals zu dem Schluss: Die Tat war nicht politisch inspiriert. 

Der Attentäter, der wie 12 andere Menschen bei dem Anschlag umgekommen war, habe aus „Liebeskummer und Lebensfrust“ gehandelt, zudem er gerade durch eine Prüfung gefallen war.

Der Fall war 2014 wieder aufgenommen worden. „Der Täter hat aus einer rechtsextremistischen Motivation heraus gehandelt“, habe nun ein hoher Ermittler der Süddeutschen Zeitung gegenüber die damalige Einschätzung korrigiert. Köhler habe die Bundestagswahl 1980 beeinflussen wollen und „einen Führerstaat nach Vorbild des Nationalsozialismus“ angestrebt.“ Aber eben als Einzeltäter.

Denkmal zum Münchner Oktoberfest-Anschlag. Foto: Gemeinfrei, muenih.

 

Was das mit Afghanistan zu tun hat? Nichts, direkt. Aber interessant:

Beim Suchen im Internet stieß ich auf folgendes Dokument, einen von Wehrsportgruppen-Hoffmann vom Oktober 2010 an die Taleban und einen Aufruf an die deutschen Soldaten in Afghanistan (hier auf seiner Webseite). Darin heißt es:

Ich selbst habe Afghanistan bereits im Jahre 1958 bereist. Ich kenne das Land und seine Geschichte und die Mentalität der Bevölkerung. Ich spreche die im Norden Afghanistans gesprochene Landessprache Farsi.

An die Taleban schrieb Karl-Heinz H. unter Bezug auf den von einem deutschen Offizier angeordneten Kundus-Bombenangriff im Jahr zuvor, „als Deutscher bedaure ich ebenso wie die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes den feigen Bombenangriff in Kundus.“ Den „verehrtesten Taleban“ (im Original: „mohteramín taliban“) empfahl er unter Berufung auf Koranzitate, sich „von der deutschen Regierung [zu holen], was Euch zusteht“, nämlich „eine angemessene Entschädigung“, ansonsten aber auf Rache zu verzichten. Denn diese würde „einfache deutsche Soldaten, die keinen Groll gegen die Afghanen hegen, und möglicherweise auch wieder unschuldige Zivilisten treffen“ – und „den Abzug der deutschen Truppen erheblich erschweren“.

Zwar denke er nicht daran, die deutschen Soldaten sie „zum Ungehorsam aufzurufen“ oder schlimmeres, aber er appellierte an sie „zu verstehen, in welche Lage man Euch gebracht hat“, ansonsten aber „Euren Dienst pflichtgemäß nach Vorschrift, aber niemals mit darüberhinausgehendem Eifer“ zu erfüllen.

Auch ansonsten könne man seiner Erachtens offenbar etwas von den Taleban lernen. In einem weiteren Beitrag schrieb H.:

Natürlich will ich nicht den Islamischen Gottesstaat in Deutschland propagieren. (…) Das in Europa erstarkende islamische Element begrüße ich, weil es den katholischen Alleinvertretungsanspruch etwas eindämmen hilft und nicht zuletzt auch der Volkskrankheit Alkoholismus entgegenwirkt.“

Wozu ihm offenbar talebanische Abstinenzregeln taugen, dazu zitierte ihn die Berliner Zeitung in einem Beitrag von 2019:

Es ist eine verlorene Generation, alkoholkrank und drogenabhängig. Und die Rechten erst, schauen Sie sich doch einmal diesen Haufen an: arbeitsscheu, träge, dumm und an der Flasche hängend. 

Nach ihrem Verbot trainierten ehemalige(?) Angehöriger die Wehrsportgruppe Hoffmann im Libanon bei der PLO. Ich hoffe, sie hat sich mittlerweile nicht den Taleban angeschlossen.

Zu Hoffmanns Truppe gehörte übrigens u.a. (siehe hier, S. 31) ein „früherer Fallschirmjäger bei der Bundeswehr in Nagold“. Das bezieht sich offenbar auf eine KSK-Vorgängereinheit, die Fallschirmjägerbrigade 25, später Luftlandebrigade 25, in Nagold im Schwarzwald, die 1996 in der KSK aufging – die bis heute im Nagold benachbarten Calw stationiert ist. Mehr zur KSK und Afghanistan hier.

Hier weiter zu einer „Zeitleiste Rechtsterrorismus“ in Deutschland der Bundeszentrale für politische Bildung (1945-2013). Die Tagesschau führt weiter, mit Kassel, Hanau, Halle… Und doch bleibt das unvollständig, denn es gab u.a. noch die Anschlagsserie in Berlin-Neukölln, die offensichtlich rassistischen Vertuschungsmorde an Oury Jalloh („Die Angst der Behörden, was im Fall Oury Jalloh noch zur Sprache kommen könnte, legt den Schluss nahe: Es muss schlimm sein“) und Amad A. („Offizielle Version ist eine Farce“).