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Hier meine Zusammenfassung sowie Einschätzung und Hintergründe zum heutigen, vom afghanischen Islamischen-Staat-Ableger ISKP beanspruchten Angriff auf das Gefängnis in Dschalalabad. Der Beitrag steht leicht überarbeitet seit gestern hier bei der Online-taz und heute in der Druckausgabe. Hier meine ursprüngliche Fassung mit einigen Zusatzinformationen:

Regierungssoldat beim Gegenangriff auf das Gefängnis von Dschalalabad. Foto: Pajhwok.

 

Totgesagte Terrorgruppe schlägt zurück

Kämpfer des Islamischen Staates in Afghanistan stürmen ein Gefängnis. Die Gruppe war zuletzt erheblich geschwächt worden, verfügt aber weiter über Terrorpotenzial

Der Islamische Staat/Provinz Khorasan (ISKP), afghanischer Ableger der gleichnamigen Terrorgruppe im Nahen Osten, hat die Verantwortung für den Sturm auf das Gefängnis von Dschalalabad in der Ostprovinz Nangrahar übernommen. Am Sonntagabend sprengten Bewaffnete mit einer Autobombe dessen Tor und ermöglichten hunderten Gefangenen die Flucht. Der Angriff endete gestern am Mittag (Ortszeit) erst nach 18 Stunden. Die Behörden sprachen von 29 Toten und 50 Verletzten. Unter den Toten seien acht Angehörige der Sicherheitskräfte und mehrere Strafgefangene. Auch sechs Angreifer seien ums Leben gekommen, vier von ihnen, als einer während der Kämpfe einen Sprengstoffgürtel zündete. Afghanische Medien sprachen von „mindestens 20“ Angreifern.

Viele der etwa 1700 Gefangenen nutzen den Angriff zum Entkommen. Über 1000 seien wieder festgenommen worden. Einige stellten sich wohl selbst. In sozialen Medien kursierte ein Video, das einen Mann zeigte, der sagte, er säße wegen Mordes ein und sei nur aus Angst vor den Angreifern geflohen.

Am Tag zuvor hatten afghanische Sicherheitskräfte in Dschalalabad mit Assadullah Oraksai in hochrangiges Mitglied des ISKP-Geheimdienstes getötet. Es ist aber kaum anzunehmen, dass die Gefängnisattacke eine direkte Reaktion darauf war. Solch Angriffe benötigen eine längere Vorlaufzeit.

Der ISKP zeigt mit diesem Angriff erneut, dass Behauptungen der afghanischen Regierung voreilig waren, die Gruppe sei nach parallelen, aber unkoordinierten Offensiven von Regierungstruppen und Taleban im vorigen Herbst und im Frühjahr besiegt. Zwar wurden die meisten der bis dahin etwa 1700 ISKP-Kämpfer aus Gebirgstälern in ihrer einzigen Hochburg Nangrahar vertrieben und etwa 50 getötet. 350 ergaben sich den Regierungstruppen. 350 weitere zogen sich in die Nachprovinz Kunar und 150 über die Grenze nach Pakistan zurück. In Kunar soll es nach UN-Angaben noch 2000 Kämpfer geben, darunter eine unbekannte Zahl von Ausländern. Zuvor gab es glaubhafte Hinweise, dass der afghanische Geheimdienst zumindest einzelne ISKP-Gruppen gegen die Taleban unterstütze, während ISKP und Taleban erbitterte Gegner im Kampf um die Führung des Aufstands in Afghanistan sind. Die Taleban sind dabei mit Abstand die stärkere Gruppe.

ISKP ist seit Ende 2014 in Afghanistan aktiv und rekrutiert sich vor allem aus abtrünnigen pakistanischen Taleban und anderen, oft anti-schiitischen Splittergruppen. Drei der vier letzten ISKP-Chefs waren Pakistani (einschließlich des im April in Afghanistan festgenommenen Abdullah Oraksai alias Aslam Faruqi), wie auch der jetzt getötete Oraksai (sein Nachname steht für einen gleichnamigen Paschtunenstamm, der nur in Pakistan lebt). Sie nutzten auch Stammeskonflikte im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aus. Zulauf von afghanischen Taliban-Dissidenten gab es nur in geringem Maße. Zuletzt stießen zunehmend radikalisierte Mitglieder der afghanischen Mittelschicht zu der Gruppe, zunehmend auch unter Nicht-Paschtunen, wie die International Crisis Group (ICG) im Juni berichtete. Sie werden vor allem in salafistischen Moscheen rekrutiert.

In den letzten Jahren verlor die örtliche Bevölkerung die Geduld mit dem extrem harschen Regime des ISKP. Dessen Kommandeure ließen reihenweise Stammesführer und angebliche Spione umbringen. Die Kämpfer verdrängten Einheimische aus ihren Häusern. Dagegen erhoben sich lokale Stammesmilizen, die sich um Hilfe an Regierung und Taliban wandten.

Der ISKP verfügt auch über autonom agierende Terrorzellen in Städten wie Kabul und Herat. Im März stürmte ein einzelner Kämpfer einen Sikh-Tempel Kabul und brachte 25 Menschen um. Am Donnerstag bekannt sich ISKP zu einem schweren Autobombenanschlag in der Kabul benachbarten Provinz Logar – so wie in der Vorwoche zu einem Anschlag auf einen Minibus in Herat. Die UNO registrierte im ersten Halbjahr 2020 17 ISKP-Angriffe mit zivilen Opfern, allerdings nur ein Fünftel des Vergleichszeitraums im Vorjahr.

Seit der Festnahme Abdullah Oraksais im April rivalisieren laut einem UN-Bericht offenbar zwei Männer um die Anführerschaft der Gruppe – ein angeblicher Syrer sowie ein Afghane namens Sheikh Matiullah Kamawal (Kama ist ein Distrikt der Provinz Nangrahar), der die Kämpfer in Kunar anführen soll. Afghanistans Innenminister Massud Andarabi nannte gestern auf Twitter den Namen Shahab al-Muhajer, ohne weitere Angaben. Er behauptete ebenfalls, dass dieser gleichzeitig Mitglied des zu den Taleban gehörenden Haqqani-Netzwerks sei. Afghanische Behörden und einige Analysten behaupten seit längerem, dass es ein gemeinsames logistisches Terrornetzwerk von ISKP und den Haqqanis gäbe, das sogenannte Kabul Attack Network. In dem bereits zitierten ICG-Bericht heißt es hingegen, dass afghanische Geheimdienstkreise die „einzige Quelle für [dessen] Existenz bleiben.“ Und diese sind daran interessiert, der Öffentlichkeit gegenüber die Grenzen zwischen ISKP und Taleban sowie die eigenen Instrumentalisierungsversuche des ISKP zu verwischen.

Thomas Ruttig