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19 Jahre und einen Tag nach den al-Qaeda-Anschlägen des 11. September, die eine US-geführte Militärintervention gegen die afghanischen Gastgeber der für die Anschläge verantwortlichen Gruppe in auslösten, beginnen morgen (12.9.2020) die – wie sie offiziell heißen werden – „Afghanischen Friedensverhandlungen“ zwischen der Regierung in Kabul und den aufständischen Taleban. Die Gastgeber, die Regierung des Golfstaates Katar, gab am Donnerstag (10.9.) offiziell bekannt, dass die Eröffnung nun endgültig terminiert sei. US-Außenminister Mike Pompeo, der teilnehmen wird, und die Taleban (diese hatte per Tweet sogar als erste das Datum bekannt gegeben) bestätigten; die afghanische Regierung sagte, das „Verhandlungsteam der Islamischen Republik Afghanistan“ werde am Freitag (11.9) aus Kabul abfliegen.

So wird es morgen in Doha aussehen. Foto via Twitter.

Die Friedensgespräche wurden lange erwartet. Ihr Beginn wurde in dem im Februar 2020 geschlossenen, vorhergehenden Abkommen zwischen den USA und den Taleban vereinbart. Darin verpflichteten sich die USA, bis Juli 2021 alle ihre Truppen und die ihrer Verbündeten aus Afghanistan abzuziehen – unter der Bedingung, dass es bis dahin Fortschritte im Friedensprozess gibt. Im Abkommen heißt es, die USA werden nach einer ersten Truppenreduzierung bei entsprechendem „Handeln“ der Taleban „gemäß ihrer Verpflichtungen“ aus dem Abkommen („with the commitment and action on the obligation of the Taleban“) bis Juli 2021 alle anderen Truppen abziehen (Abkommenstext hier).

Das ist ein Gummiparagraf, der auch daran zweifeln lässt, ob die US-Regierung überhaupt bereit ist, über einen Friedensschluss abzuwarten. Seither wurde der Gesprächsbeginn mehrmals verschoben. Der erste Termin, der 10. März, und weitere danach wurden nicht eingehalten, weil sich Probleme über einen als vertrauensbildende Maßnahme gedachten Gefangenenaustausch ergaben (siehe meine Einschätzungen hier und hier).

Mit der Freilassung der letzten sechs Taleban-Gefangenen und ihrem Ausfliegen nach Katar, das sie bis auf weiteres nicht verlassen dürfen, war am Donnerstag schließlich auch diese Hürde ausgeräumt worden. Frankreich protestierte noch gegen die Freilassung von Taleban, die für den Tod von französischen Soldaten verantwortlich sein sollen.

Seit meiner letzten Berichterstattung zum Thema (siehe hier, auch mit einem Aufriss der Probleme, den ich hier nicht noch einmal behandeln will) haben sich einige kleinere Veränderungen ergeben. Auf Seiten der Taleban wurde ein neuer Verhandlungsführer festgelegt, Mullah Abdul Hakim Ishaksai (hier ein Porträt auf Englisch). Er ist Chef ihres Rates der Islamischen Geistlichen (Ulema) und Mitglied des Führungsrates der Taleban. Das gibt der Verhandlungsposition zusätzliches Gewicht. Er wird in einigen Medien als „Hardliner“ bezeichnet, aber es ist nicht klar, woraus sich diese Einschätzung speist. (Dass er ein Geistlicher ist, dürfte dafür nicht ausreichen.) Sein Vorgänger, Scher Abbas Stanaksai ist nun sein Stellvertreter. In diesen Vorgang wurde viel hineininterpretiert, aber ich nehme an, dass die Taleban – wie bereits gesagt – das Gewicht ihres Chefverhandlers erhöhen wollten und gleichzeitig vermeiden, dass er vom selben Stamm (den Stanaksai) kommt wie der der Regierung. Außerdem kommt es aus Kandahar, dem Haupteinflussgebiet der Taleban im Süden des Landes.

Mit mindestens 13 Mitgliedern ihres Führungsrates (dessen genaue Zusammensetzung nicht bekannt und möglicherweise fließend ist) in ihrem ebenfalls 21-köpfigen Verhandlungsteam scheinen sie mehr Gewicht nach Doha zu bringen als das Team aus Kabul (siehe eine AAN-Analyse hier).

Auf Regierungsseite (ein Hilfsbegriff, da auch andere politische Kräfte im Team sind) wird der Chef des neuen Hohen Rates für Nationale Versöhnung und Quasi-Oppositionschef, Dr Abdullah, die Delegation zur Eröffnung der Gespräche leiten; aber er ist nicht der Chefverhandler. Das ist Ex-Geheimdienstchef Massum Stanaksai.

Die Strategie dieses heterogenen Teams, dass sich vor Abflug noch mit einem gemeinsamen Gebet in der Kabuler Idgah-Moschee öffentlichkeitswirksam verabschiedete (Fotos hier), ist nicht völlig klar. Die Regierung hat immer wieder gefordert, dass die Taleban mit Verhandlungsbeginn einer dauerhaften Waffenruhe zustimmen wollten, was diese ablehnten; sie sagten, eine solch eine Waffenruhe können nur Ergebnis von Gesprächen sein. Dr Abdullahs Sprecher setzte einen leicht anderen Akzent zur Regierung und sagte, man gehe „mit der Erwartung“ nach Doha, dass eine solche dauerhafte Waffenruhe bei den Gesprächen „herauskommen“ werde (zitiert vom New York Times-Korrespondenten hier).

Die Taleban, unbesiegt trotz einer 19 Jahre währenden Militärintervention, gehen unbesiegt und mit entsprechendem Selbstbewusstsein in die Gespräche. Bisher haben vor allem die USA Zugeständnisse gemacht, auf Kosten der afghanischen Regierung, etwa einen Truppenabzug zuzusagen und zu terminieren (wenn auch unter schwachem Vorbehalt), bevor die Taleban direkt mit Kabul verhandelten. Das war auch beim Gefangenenaustausch der Fall. Die Gefangenen waren ein Trumpfkarte Kabuls. Ihre Freilassung hätte im Tausch gegen eine schnelle Waffenruhe eingesetzt werden können.

Gespräche und Gewalt

Dass vor den Gesprächen allerdings die Gewalt in Afghanistan angestiegen sei (siehe z.B. die ARD-Tagesschau) ist nicht richtig. Die Tagesschau zitiert ja auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit den Worten, die Gewalt sei „noch nicht so weit reduziert, wie wir es erwarten“ – was ja auch hieße, sie habe sich reduziert.

Das Niveau lag 2020 bisher – was Zahl der Zwischenfälle und der zivilen Opfer angeht – etwa auf dem vom 2019, aber mit viel deutlicherer Fluktuation. [Nachtrag 11.9., 18.00 Uhr: Die Zahlen von ACLED (Armed Conflict Location & Event Data Project) über die Gesamtzahl der berichteten Opfer (zivile und nichtzivile) unterscheiden sich allerdings drastisch zwischen 2019 und 2020: 41.885 (2019 insgesamt) gegen 10.850 (2020, bis Ende August). Bei gleichgebliebener Zivilopferzahl würde das bedeuten, dass bedeutend weniger Taleban-Kämpfer und Soldaten und Polizisten umgekommen sind. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass im laufenden Jahr erst acht von 12 Monaten vorüber sind, die Taleban weniger berichten und die afghanische Regierung das über eine geraume Zeit auch getan hat – mehr dazu unten –, ist die Differenz schlagend.

ACLED wurde an der britischen Universität Sussex in Kooperation mit dem Osloer Friedensforschungsinstitut PRIO entwickelt, ist inzwischen aber selbständig.]

Seit Februar war eher ein Auf-und-Ab zu verzeichnen. Im Januar 2020 lag die Zahl der registrierten Zwischenfälle unter dem Niveau des gleichen Monats im Vorjahr. Im Februar war es andersherum, das heißt es gab eine Eskalation – bis zur Woche der Gewaltreduzierung Ende Februar vor Unterzeichnung des US-Taleban-Abkommens, als die Zahl der Zwischenfälle abrupt sank. In der darauffolgenden Woche ging sie wieder stark nach oben, sank eine Woche später wieder abrupt, und pegelte sich dann in etwa auf dem Vergleichsniveau von 2019 ein. Von Anfang April bis Mitte Mai lag das 2020er wieder deutlich unter dem 2019er Niveau, stieg in der Vorwoche der Id-Feiertage wieder abrupt, um über Id in eine Feuerpause zu münden. Bis Mitte Juni wurde wieder das 2019er Niveau erreicht und bis Mitte Juli gehalten. Darauf folgten die dritte Juli-Woche mit deutlich höheren Werten als dieselbe Woche 2019 (offenbar vor dem Hintergrund der Probleme mit dem Gefangenenaustausch und eine Reduzierung um die Hälfte in der vierten Juliwoche, dabei auch deutlich unter 2019. (Das heißt, vor angekündigten Gewaltreduzierungen oder Feuerpausen zu islamischen Feiertagen sowie in politischen Krisensituationen wird erst eskaliert, dann können Kursänderungen folgen.) Die Zahl der zivilen Opfer lag in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. (Die Zahlen stammen aus dieser Analyse meiner AAN-Kollegin Kate Clark.)

Übersicht sicherheitsrelevanter Zwischenfälle. Daten: ACLED. Tabelle: AAN.

Es war deutlich, dass die afghanische Regierung ihre Berichterstattung zuletzt intensivierte, um die Taleban für das weiter hohe Niveau verantwortlich zu machen. Bis dahin hatte sie Verlustmeldungen stets vermieden. (In diesem Detail teile ich nicht die Meinung von Kate Clark, dass beide Seiten eher verschleierten – für die Taleban mag das zutreffen. Auch die NATO scheint etwas tiefzustapeln, um die Argumentation der Amerikaner nicht zu konterkarieren.) Die Taleban initiieren auch dreimal mehr Kampfhandlungen als die Regierungskräfte. (Ein Beitrag zur Datenlage hier.)

Eine interessante Fußnote ist, dass beide Seiten offenbar Listen von durch Katar einzuladender Medienvertreter einreichten. Katar wollte ursprünglich  nur eigene Medien zulassen, was zu Protest in Afghanistan führte. Das könnte kritische Berichterstatter ausschließen.

19 Jahre Krieg vergebens?

Die Taleban hatten von 1996 bis 2001 Osama ben Laden und den Kern seiner Organisation auf ihren Territorium Zuflucht gewährt, als Dank für deren Unterstützung im Kampf gegen die sowjetische Besatzung (1979-89). Al-Qaeda-Mitglieder kämpften als Verbündete der Taleban gegen die Nordallianz. Die Gruppe verübte wahrend dieser Zeit mehrere große Anschläge gegen US- und verbündete Ziele, etwa gegen Unterkünfte von US-Soldaten in Saudi-Arabien, ein US-Kriegsschiff vor der Küste Jemens und die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Die USA hatten mit Raketenangriffen auf al-Qaeda-Lager in Afghanistan reagiert und von den Taleban vergeblich eine Auslieferung Ben Ladens verlangt. Die Taleban lehnten ab, versuchten aber, Ben Laden davon abzuhalten, seine Anti-US-Kampagne von afghanischem Territorium aus weiterzuführen – ebenfalls vergeblich.

Aus heutiger Sicht, nach 19 Jahren Krieg, ohne dass dessen Ziel – dazu gehörte auch ein Sieg über die Taleban als al-Qaeda-Gastgeber – erreicht wurde, muss man fragen, ob die damit verbundenen Opfer, vor allem unter den Afghan:innen, aber auch Ausländern (Soldaten, Entwicklungshelfer, Journalisten…), und die Zerstörungen dieses Krieges nötig waren. Frühe Gesprächsangebote an die – nach ihrer Niederlage End 2001 – geschwächten Taleban, oder die Annahme von deren Gesprächsangeboten, hätten vielleicht vieles davon verhindern können.