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Dieser Text erschien in einer deutlich kürzeren Variante heute in der Wochenend-Ausgabe der taz unter folgendem Titel.

Ein Blick in den Basar vom Mirai, Distriktzentrum von Andar. Foto: Sahil Afghan/AAN.

Die Parallelregierung

US-Präsident Trump verkündete am Dienstag, dass er die Zahl der Truppen seines Landes in Afghanistan bis Mitte Januar von 4500 auf 2500 verringern will. Damit übt er weiteren Druck auf die Regierung in Kabul aus, sich auf eine Machtteilung mit den Taleban zu einigen. Diese Gespräche laufen bereits seit September, kommen bisher aber nicht vom Fleck. Daher die Frage: Wie funktionieren die Taleban dort, wo sie bereits regieren? 

„Oft sitzt er in einer Moschee in Mirai“, sagt Pir Muhammad*, ein Bauer aus dem Hauptort von Andar, einem Distrikt gleich außerhalb der südostafghanischen Großstadt Ghasni, anderthalb Fahrstunden vor der Hauptstadt Kabul. „Manchmal fährt er herum, und in den Dörfern können die Leute ihm Anliegen vortragen.“ Die Rede ist von Mullah Waliullah, dem Distriktgouverneur der Taleban. Wenn er mit seinen Leibwächtern über die Dörfer zieht, so Pir Muhammad, hinterlasse er seine Telefonnummer, damit man ihn bei dringenden Problemen finden kann.

In Andar steht Waliullah einem weit verzweigten parallelen Netzwerk administrativer Strukturen vor, das die Aufständischen aufgebaut haben, seit sie im Oktober 2018 Mirai eroberten. Damit übernahmen sie fast vollständig die Kontrolle über Andar. Die Regierung hält gerade noch zwei Armeebasen und ein paar Kontrollpunkte. Es gibt Taleban-Gerichte und eine Oberaufsichtskommission, die verschiedene sektorale Kommissionen anleitet. Die sind für Gesundheit, Bildung, Wiederaufbau und Nichtregierungsorganisationen (NRO), zivile Opfer und Gefangene sowie für Rekrutierung und religiöse Instruktion zuständig. Eine Finanzkommission treibt Steuern ein. Am mächtigsten ist die Militärkommission, unter der die örtlichen Talebankämpfer auch Polizeidienst schieben müssen. Für Andars Bevölkerung ist die einzige Interaktion, die sie noch mit der Regierung haben dürfen, wenn sie neue Papiere brauchen. Schüler dürfen ihre Schule nur noch im Distrikt wechseln. 

Stationäre Büros unterhalten die Taleban aber nicht. Zu groß ist die Furcht vor Luftschlägen. Die werden jetzt meist von den Regierungstruppen geflogen, seit das US-Taleban-Abkommen vom Februar zu einem faktischen Waffenstillstand zwischen beiden führte.

Andar ist ein typischer ländlicher Distrikt in Afghanistan. Die Menschen leben von der Landwirtschaft, bauen vor allem Weizen und Mais – und ein bisschen Opiummohn – an und leiden an der landesweiten Dürre. Die hält seit Jahren an, mal stärker, mal weniger. Andar steht auch für eine große Anzahl, wenn nicht die Mehrheit der rund 400 Distrikte des Landes, in denen die Regierung überhaupt nicht mehr oder nur noch in umzingelten Enklaven so etwas wie Kontrolle ausübt. Dort haben sich die Taleban nach ihrer fast vollständigen Niederlage 2001 gegen die US-geführten Interventionstruppen und einem militärischen Comeback inzwischen zu einer veritablen Parallelregierung gemausert, wie so manche Guerilla zwischen Kolumbien und den Philippinen. Die vom Westen betriebene fehlgeleiteter Politik spielte ihnen in die Karten: Wiederermächtigung der Warlords statt Demokratisierung, daraus resultierende Korruption, Ausschluss relevanter sozialer und politischer Gruppen von der politischen Entscheidungsfindung und militärische Eskalation durch George W. Bushs „Krieg gegen den Terror“. 

In anderen Gebieten, wie im westafghanischen Distrikt Obeh, nahe der dortigen Großstadt Herat, ist die Lage weniger klar als in Andar. Siawasch Hakimi*, ein niederrangiger Regierungsbeamter, sagt: „Nachts sind 80 bis 90 Prozent des Distrikts in den Händen der Taleban, alles außer dem Distriktbasar und den Regierungskontrollposten. Am Tage ist es 50 zu 50. Dann ziehen sich die Taleban aus den Tälern in die Berge zurück.“ Aber auch in Obeh bauen die Taleban ihre Parallelstrukturen auf. Praktisch gesehen gäbe es dort zwei Regierungen, eine die de jure Kabul vertritt und eine faktische der Taleban. Wais Nurzai*, ein Lehrer in Obeh, sagt dass die Regierung dort bewusst Lehrer einstelle, „die mit den Taleban arbeiten können“.

Mujib-ur-Rahman Schulgarai,* Lehrer in Andar bestätigt, dass die Taleban bei der Lehrereinstellung in seinem Distrikt das letzte Wort haben. „Ich habe den Test in Kabul bestanden und wurde angestellt, aber ich konnte meinen Job nicht antreten, bis ich einen Bestätigunsbrief von Taleban-Direktor für Bildungsfragen hatte.“

Hadi Sohak* aus Surmat, einem Distrikt in der Provinz Paktia, östlich von Ghasni, sagt: „Wenn die Regierung bei uns ein Projekt umsetzen möchte, braucht sie die Zustimmung und Kooperation der Taleban.“ Pir Muhammad, Hakimi und Interviewpartner:innen in sieben weiteren Distrikten bestätigen das in fast identischen Worten.

„Die Taleban haben begriffen, dass sie die Unterstützung der Bevölkerung brauchen, wenn sie ihre militärische Ziele erreichen wollen“, schreibt Scott Smith vom US Institute of Peace in Washington, der lange in Afghanistan gearbeitet hat. „Das erreichen sie unter anderem durch die Bereitstellung von Dienstleistungen.“

Das begann bereits früh in den 2000er Jahren, in der Reorganisationsphase der Taleban, mit dem Aufbau einer parallelen Gerichtsbarkeit. Die endemische Korruption bei den staatlichen Gerichten spielte ihnen in die Karten. „Man muss schon dafür bezahlen, wenn der Richter ‚Herein!’ ruft“, sagte ein Afghane dem Autor damals. Mit Polizei und Bildungssystem – wo man für alles, von Lehrerstellen bis zum Prüfungserfolg für alles zahlen muss – tauchen die Gerichte regelmäßig in der Top-Drei der korruptesten Institutionen auf, die die afghanische NRO Integrity Watch jährlich zusammenstellt. Die Taleban setzten ein im islamischen Recht und Stammestraditionen verankertes System dagegen, dass eben weniger mit drastischen Strafen – das allerdings auch –, sondern akzeptierte Lösungen bei Land- und Familienstreitigkeiten anbietet.

Inzwischen arbeiten die Taleban an einer landesweiten Vereinheitlichung ihres Systems. Das ist besonders augenfällig bei der Steuererhebung für den LKW-Fernverkehr auf den Straßen. Früher wurden die Trucker an jedem Kontrollpunkt von Taleban oder Regierungspolizei willkürlich abgezockt; inzwischen geben die Aufständischen Quittungen aus, die auch am anderen Ende des Landes akzeptiert werden und Doppelbesteuerung ausschließen. Das kommt bei den Transportunternehmern sehr gut an.

Das Bildungssystem ist der Bereich, „in dem sich Taleban-Politik am meisten gewandelt hat“, so Smith. Früher duldeten sie keine staatlichen Schulen in ihren Gebieten, fackelten sie ab oder wandelten sie in Madrassas um. Sie befürchteten, die Regierung könnte über die Lehrpläne die junge Generation gegen ihre Interessen aufbringen. Durch ihren erweiterten landesweiten Zugriff übernehmen sie die Schulen inzwischen selbst. Sohak in Surmat sagt, sie hätten das letzte Wort bei Neueinstellungen von Lehrern und überwachen deren Erscheinen: „Sie haben ihre eigenen Anwesenheitslisten und ziehen Geld vom Gehalt ab, wenn sie nicht zum Unterricht kommen.“ Sie beeinflussten auch den Lehrplan. „Sie haben Schulstunden zu kulturellen Themen und den Sportunterricht durch religiöse Studien ersetzt. In ein paar Klassen haben sie sogar ihre Mullahs geschickt, um dieses Fach zu unterrichten.“ 

Die Regierung spielt trotzdem mit, denn sie will den Zugriff auf die Schulen nicht ganz verlieren. Die Gehälter für die Lehrer und die Mittel für Baumaßnahmen oder Schulmaterial kommen weiter aus Kabul, das heißt überwiegend aus westlichen Steuergeldern, die etwa drei Viertel des afghanischen Staatshaushalts finanzieren.

Ein Problem sind weiterhin Mädchenschulen. Die laufen in allen zehn untersuchten Distrikten nur bis Klasse sechs, mit Ausnahme Obehs. Dort überzeugte die örtliche Gemeinschaft die Taleban, das örtliche Gymasium bis Klasse 12 weiter zu betreiben. Die einzige Bedingung der Taleban: keine männlichen Lehrer für die oberen Klassen. Obeh im bildungsbeflissenen West-Afghanistan hat genug Lehrerinnen und setzt auch Zwölftklässlerinnen ein.

Dass die Taleban kaum eigene Projekte umsetzen und die eingetriebenen Steuern vor allem in ihre Militäroperationen fließen, ist ihr großer Schwachpunkt. Doch auch hier beginnen sie umzusteuern. In Andar setzten sie mehrere Straßenprojekte in Gang. Dafür beleben sie lokale Traditionen von Gemeinschaftsarbeit oder sammeln Geld von Geschäftsinhabern ein, um örtliche Firmen zu beauftragen. Insgesamt betrachte die örtliche Bevölkerung die Dienstleistungen, die die Taleban sicherstellen, als effektiver als die der Regierung, so Smith. Auch im Distrikt Dascht-e Artschi in der Provinz Kundus, ehemaliger Bundeswehrstandort, sagten alle Interviewpartner, dass in der Regierungsführung die Taleban die Regierung überträfen. 

Die Überreste der bei den Kämpfen 2018 zerstörten Distriktverwaltung von Andar. Foto: Fazl Muzhary/AAN.

In Andar, so der afghanische Analyst Fazl Muzhary, sei der örtlichen Bevölkerung „nach all den Jahren des Kriegs inzwischen gleichgültig, wer Dienstleistungen bereitstelle, so lange es überhaupt welche gibt“. Die Taliban hätten „in großem Maß an Akzeptanz“ gewonnen. 

Für Smith bietet das Chancen. Er sei sich durchaus bewusst, dass es auch „schlimmere Szenarien“ geben könne, aber die „Varietät in lokalen Modellen der Zusammenarbeit“ zwischen Regierung und Taliban „könne theoretisch in eine Zukunft nach einem Friedensabkommen“ zwischen beiden verlängert werden.

Es sei „begründet anzunehmen, dass die Taleban [nach einer etwaigen Machtbeteiligung] mit einem ökonomischen Kollaps in Zusammenhang gebracht werden wollen“, meint Smith. In der Tat haben sie sich im Doha-Abkommen mit den USA festschreiben lassen, dass die USA sich „mit dem Ziel des Wiederaufbaus für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit einer neuen islamischen(!) afghanischen Regierung nach einer [politischen] Regelung“ einsetzen werde.

Was politische Freiheiten betrifft, machen sich viele Bewohner der Taleban-Gebiete aber keine Illusionen. Pir Muhammad in Andar etwa meint, er habe nie von Protesten gegen die Taleban gehört, „nicht weil die Leute zufrieden mit der Taleban-Herrschaft wären, sondern weil sie sie fürchten.“ Lehrer Schulgarai befürchtet, sollte es zu Protesten gegen die Taleban kommen, würden sie die Organisatoren „schnell herausfinden, als Regierungssympathisanten einordnen und bestrafen.“ Ladenbesitzer Haji Ibrahim* mein, er könne sich höchtens vorstellen, dass man bei Beschwerden die Taleban „ruhiger, indirekter anspreche, über die Ältesten oder persönliche Beziehungen, um die Sorgen mitzuteilen.“ Am Ende, sagt er, seien die Taleban mit ihrem militärischen Drohpotenzial immer in der Lage, „die Leute dahin zu bekommen zu tun, was sie wollen.“

Thomas Ruttig

* In den originalen AAN-Berichten, aus denen diese Zitate stammen, bleiben die Interviewten ohne Namen. Ich habe ihnen aus journalistischen Gründen erfundene Namen gegeben.

Dieser Bericht beruht auf Vor-Ort-Forschung des Afghanistan Analysts Network (Kabul/Berlin), dessen Ko-Direktor der Autor ist.