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Als Weihnachtsgruß veröffentliche ich hier noch einmal (mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Herausgeber einer Anthologie, in der dieses berührende Werk enthalten ist) ein Gedicht von Shahzamir Hataki, eines jungen afghanischen Flüchtlings, der 16 war, als er es nach seiner Ankunft in Deutschland schrieb. Inzwischen ist er volljährig geworden und lebt in Berlin, wo er eine Krankenpfleger-Ausbildung macht.

Dieses Gedicht sollte uns noch einmal fragen lassen, wie die Situation in einem Land aussehen muss, dass sich Menschen wie Shahzamir oder ganze Familien solche Gefahren aussetzen – auch wenn sie sie im Detail nicht voraussehen können. Und was für eine Inhumanität es ist, junge Männer wie ihn in das „unfriedlichste Land der Welt“ abzuschieben.

Im übrigen gibt es inzwischen eine ausführlichere, neue Anthologie unter dem Titel „Ich wollte bleiben. Ich ging: Ein lyrischer Dialog mit Deutschen von morgen“ (2019), die auch Autor:innen aus Iran, arabischen Ländern, Nigeria, Kambodscha und dem deutschsprachigen Raum beinhaltet. (Die junge kambodschanische Autorin Huy Luy wurde laut biografischem Anhang im August 2018 „nach offizieller Erklärung freiwillig“ wieder ausgeflogen. Wer’s glaubt, mit der Freiwilligkeit…  siehe hier.) Den Band gibt es viersprachig in, Arabisch, Persisch/Dari, Englisch, Deutsch. Und er eignet sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk.

Die Preise beider Anthologien finden sich hier im Poetry Project Bookshop.

Hier das Gedicht im Dari-Original, und dann in deutscher Übersetzung, aus dem Band „Allein nach Europa“, zusammengestellt und herausgegeben 2017 von The Poetry Project (64 S.), mit einem Vorwort von der Spiegel-Journalistin Susanne Koelbl, die dieses Projekt gesagt mitbegründet und intensiv begleitet hat. Ins Deutsche übertragen wurden die Gedichte von Aarash Spanta.


تنها پسر

شاه ضمیر هتاکی

مزار شریف، افغانستان

۶۵ نفر در قایق بودند.
قاچاقچی به طرف کوه اشاره کرد،
گفت: آنجا یونان است.

آب مثل دیوار به روی ما می ریخت.
موتور متوقف شد.
چهار تا بچه در قایق بودند.
قایق واژگون شد.

من نمی توانم شنا کنم.
دو دقیقه زیر آب ماندم.
جلیقه قرمز مرا به روی سطح آب کشید.
ترس وحشتناکی داشتم.

خیلی سرد بود.
همه جیغ کشیدند. من هم همین طور.
روبروی من یک بچه بود.
من به او دلداری دادم که تو نباید گریه کنی.
و اگر چه من بهتر می دانستم…

یک مادر در حالی که بچه اش در بغلش بود،
مقابل چشمان من غرق شد.
بعد از دو ساعت قایق برای نجات ما آمد.
۲۰ نفر زنده ماندند.
بچه های کوچک همه مرده بودند.

یک پسر که همسن من بود،
در قایق نجات کنار من نشسته بود.
همین طور فریاد می زد: “مادر، مادر”
از او پرسیدم : چرا گریه می کنی؟

گفت: خانواده هفت نفره اش مرده اند.
از خودم پرسیدم، چه کسی به خانواده من اطلاع می داد،
اگر من در دریا غرق شده بودم؟
من تنها پسر آن ها هستم.

پزشک ها منتظر بودند.
من نمی توانستم روی پا بایستم.
آنها فقط هشت نفر را نجات دادند.
ما نجات یافته ها به بیمارستان آمدیم.

هشت روز وهشت شب خوابیدم.
و هر روز در بیمارستان برایم مثل یک سال بود.

وقتی ترکیه را ترک کردم، ۱۰۰ دلار داشتم.
دلارها در آب از بین رفته بودند.

روز بیستم زنگ زدم به خانه.
مادرم گفت: چرا از خودت خبری ندادی؟
سه روز هست که از نگرانی چیزی نخورده ام.
گفتم: من سالم و سلامت رسیده ام.
فقط پول برای تلفن نداشتم.

چطور می توانستم به او بگویم،
چون بدنم پر آب نمک بود،
ده روز فقط کاکائو می توانستم بخورم؟

تنها پسر

https://thepoetryproject.de/fa/%d8%aa%d9%86%d9%87%d8%a7-%d9%be%d8%b3%d8%b1/embed/#?secret=EVxVPNqQvj

Der einzige Sohn

Shahzamir Hataki

MAZAR-E-SHARIF, AFGHANISTAN

65 Menschen waren auf dem Boot.
Der Schmuggler deutete auf einen Berg –
dort ist Griechenland, sagte er.

Das Wasser fiel wie Wände auf uns herab.
Der Motor stoppte.
Es waren viele Kinder im Boot.
Es kenterte.

Ich kann nicht schwimmen.

Zwei Minuten blieb ich unter Wasser,
die rote Weste zog mich an die Oberfläche.
Ich hatte furchtbare Angst.

Es war
sehr kalt.
Alle schrien. Ich auch. Vor mir war ein Kind.

Ich tröstete es, du musst
nicht weinen, und ich wusste es doch besser.

Eine Mutter ertrank vor
meinen Augen, ihr Kind im Arm.
Zwei Stunden, dann kam das Boot,
uns zu retten.
Überlebt haben 20 Menschen.
Die kleinen Kinder waren alle tot.

Ein Junge, er war so alt wie ich,
saß neben mir im Rettungsboot.
Er schrie immerfort
»Mutter, Mutter«.
Ich fragte ihn, warum weinst du?

Er sagte, seine Familie, sieben Menschen,
sie seien gestorben.
Ich fragte mich, wer hätte meinen
Eltern gesagt, wenn ich im Meer ertrunken wäre?
Ich bin der einzige Sohn.

Ärzte warteten.
Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten.
Sie bargen nur acht Tote.
Wir Überlebenden kamen ins Krankenhaus.

Acht Tage und acht Nächte habe ich geschlafen.
Und jeder Tag im Krankenhaus kam mir vor wie ein Jahr.

Als ich losfuhr aus der Türkei, hatte ich 100 Dollar.
Sie gingen im Wasser verloren.

Am 20. Tag rief ich zu Hause an.

Mutter sagte, warum hast du dich nicht gemeldet?
Drei Tage habe ich nicht gegessen vor Sorge.
Ich sagte, ich sei wohlbehalten angekommen,
nur hätte ich das Geld für das Telefon nicht gehabt.

Wie konnte ich ihr sagen, dass ich
zehn Tage nur Kakao zu mir nehmen konnte, weil
mein Körper voller Salzwasser war?


Folgende Gedanken und Übersicht entnahm ich der Webseite von matteo – Asyl und Kirche e.V. Nürnberg, die dort aus Anlass der erneuten Wiederaufnahme der deutschen Abschiebeflüge nach Afghanistan am 16.12.2020 standen (leicht bearbeitet):

Es ist Advent. Das bedeutet „Ankunft“.

Für die bayerische und deutsche Regierung und ihre Behörden ist Abschiebezeit. Am Dienstag, den 3. Dezember 2019, ging der 1. Abschiebeflug nach der Coronapause nach Afghanistan. In Bayern werden [für Januar 2021] bereits wieder gut integrierte junge Männer eingesammelt, um sie aus dem schützenden Städten und Dörfern mitten in Bedrohung und Lebensgefahr zu schicken. Es waren Kranke dabei, unbescholtene, gut integrierte; manche werden aus ihren Familien gerissen. Viele standen kurz vor der Ausbildung. Eine Auswahl aus hunderten von „Fällen“ der letzten Monate und Jahre:

  • In Coburg wurde ein Brüderpaar mit 18 und 19 Jahren kurz vor dem Beginn der Ausbildung in Industrie und Handwerk, vier Jahre in Deutschland, von den Behörden gejagt und zum Untertauchen gezwungen.
  • In Kulmbach wurde eine ganze Gruppe von betreuten Jugendlichen zerschlagen. Sie hatten liebevoll betreut vier Jahre die Schule und Integration durchlaufen und gerade die Volljährigkeit erreicht. Der beste Junge seines Schuljahrgangs lebt nun prekär in täglicher Gefahr in Kabul und wartet auf die Rückkehr, die beherzte HelferInnen organisieren. Noch fehlt das Geld.
  • In Marktheidenfeld, Nürnberg und München wurden schon vor früheren Flügen Schüler vor und in der Schule verhaftet.
  • In Lohr wurde der Verlobte einer deutschen Frau wenige Tage vor der geplanten Hochzeit am Morgen in der Wohnung der Mutter mit einem großen Polizeiaufgebot brutal verhaftet und abgeschoben. Sie kämpft bis heute vergeblich um seine Rückkehr.
  • In Würzburg konnten wir beim letzten Flug mit Hilfe des Petitionsausschusses einen jungen bestens integrierten Mann retten, der herzkrank ist und in Kabul umgekommen wäre. Farshid H. (24) aus Würzburg wurde beim letzten Flug gerettet.
  • Ein ebenfalls sehr kranker Junge aus Augsburg schaffte es nicht. Er wurde erst am Abschiebetag geholt, und niemand rührte mehr einen Finger für ihn. Die Notfalltelefone waren nicht besetzt. Er wurde ohne seine lebensnotwendigen Medikamente abgeschoben, reiste dann zu seiner Mutter in ein nahes Dorf, die schwerkrank war und nach drei Tagen verstarb. Er erlitt einen psychischen Zusammenbruch und wurde in eine afghanische geschlossene Anstalt gebracht. Die Helferin aus Augsburg erhielt einen letzten Anruf mit schreienden und weinenden Menschen im Hintergrund. Er habe keine Medikamente, er habe große Angst und wisse nicht mehr weiter. Seither gab es kein Lebenszeichen mehr.
  • Schon vor zwei Jahren war ein junger Afghane aus Erlangen abgeschoben worden, eine Woche vor der Hochzeit. Er geriet in einer Stadt bei Kabul in einem schweren Bombenanschlag auf eine Moschee und wurde verletzt. Einige seiner Familienmitglieder und Freunde starben. Wir müssen davon ausgehen, dass etliche Abgeschobene Afghanistan nicht überlebt haben.

Afghanistan ist nicht sicher. Afghanistan kann tödlich sein.

Download der Stellungnahme HIER

Foto: Ruttig