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Heute möchte ich auf einen Artikel des geschätzten Kollegen Emran Feroz in der taz aus Kabul verweisen, „Afghanistan nach US-Truppenreduzierung: Enttäuschte Hoffnungen“. Er geht über die üblichn Schwarz-Weiß-Malerei hinaus und deutet u.a. an, dass Darin heißt es u.a.

Afghanistans Hauptstadt gehört in diesen Tagen zu den unsichersten Flecken des Landes. Während die Regierung von Präsident Ashraf Ghani weiterhin nicht Herr der Lage wird, wächst die Kritik seitens der Bevölkerung. Hakim erzählt von No-go-Areas und Diebesbanden, die für Handys und ein wenig Kleingeld morden. Hinzu kommen gezielte Attentate auf Personen des öffentlichen Lebens, darunter Journalisten und Aktivisten. (…)

Als die Friedensgespräche mit den Taliban begannen, hegte Hakim wie viele seiner Landsleute Hoffnungen. Doch nun ist fast ein Jahr seit der Unterzeichnung des Deals vergangen. Und während amerikanische Soldaten nicht mehr zum Ziel der Taliban gehören, werden Afghanen weiterhin angegriffen. Brutal gehen allerdings auch staatliche Akteure, etwa die afghanische Armee, vor, die weiterhin zivile Ziele in ländlichen Gebieten rücksichtslos bombardieren. (…)

„Es wurde schon lange ein Punkt erreicht, an dem es vielen Menschen egal ist, wer hier regiert. Die Situation ist untragbar“, meint Mohammad Idrees Akbari, 30, der als Pflegekraft in einem Krankenhaus tätig ist. Er ist froh, dass er in diesen Zeiten einen Job hat. Die Arbeitslosenquote innerhalb der überdurchschnittlichen jungen afghanischen Gesellschaft ist hoch. Viele Afghanen wie Akbari denken über Auswanderung und Flucht nach.

Zeitgleich sorgen jene Jung­spunde für Unmut, die sich um Präsident Ashraf Ghani geschart haben. Die meisten von ihnen stammen aus dem westlichen Ausland und haben mittels Vetternwirtschaft hochrangige Regierungsposten erhalten. Sie leben in ihrer eigenen Blase, hinter verbarrikadierten Toren und dicken Betonmauern. Während Ghani von der Expertise seiner Auslandsafghanen schwärmt, haben viele von ihnen auch die Korruption im Land vorangetrieben.

Bitte hier den ganzen Artikel lesen.

Nicht nur Kabul ist betroffen. Auch in der westlichen Großstadt Herat gibt es eine neue Welle militanter und krimineller Gewalt. Am 11. Januar sagte der Herater Abgeordnete Hamidullah Hanif im Parlament: “Die Unsicherheit in Herat hat ihr höchstes Niveau erreicht. In den vergangenen zwei Monaten wurden viele Ärtze und Geschäftsleute entführt.“ Zu diesem Zeitpunkt sollen sich nach lokalen Angaben etwa 70 Entführte, darunter viele Kinder, in den Händen von kriminellen befunden habe. Mitte Januar berichtete eine parlamentarische Untersuchungskommission von 320 aktiven bewaffneten Gruppen in der Provinz. In den letzten drei Monaten seien 80 Kidnapper verhaftet worden. Zunehmend kommt es in Herat auch zu gezielten Morden, u.a. an Polizisten (siehe hier und hier), aber auch an Zivilisten. Am 5. und am 13. Januar protestierten vom dem Gouverneurssitz mehrere hundert Menschen gegen die Gewaltwelle und die Untätigkeit der Behörden. (Drei Tage vorher gab es eine Demonstration gegen Polizeigewalt bei Festnahmen.) Herats Gouverneur ermutigte die Bevölkerung unterdessen zu Selbstjustiz (Video hier).

Siehe auch Emran’s Kommentar zu den Journalistenmorden am 22.1.2021 beim Deutschlandfunk hier:

Journalisten werden von vielen Seiten bedroht: Da sind die Taliban und der IS, beiden sind freie Medien ein Dorn im Auge. Doch sie sind nicht die einzigen. Auch von staatlicher Seite wird die Jagd auf Journalisten de facto gefördert. Es gibt afghanische CIA-Milizen, die mit ihren Kriegsverbrechen nicht konfrontiert werden wollen und deshalb versuchen, jegliche Berichterstattung zu unterdrücken.

Es gibt den NDS, Kabuls Geheimdienst, der mit perfiden Methoden arbeitet und gegen Dissens und kritischen Investigativjournalismus mit Gewalt vorgeht. Und obendrein gibt es auch noch Afghanistans gegenwärtigen Vizepräsidenten, der gelegentlich via Twitter versucht, Journalisten einzuschüchtern, wenn diese über zivile Opfer nach Luftangriffen der Regierung berichten. (…)

… viele Kollegen [wollen] das Land verlassen. Sie planen ihre Flucht, obwohl sie trotz der Widrigkeiten und Gefahren der letzten zwanzig Jahren stets in Afghanistan geblieben sind. Doch die aktuelle Mordserie erschüttert auch die dickhäutigsten Kollegen. So unsicher war es noch nie.

Am 27.1.2021 schrieb die Vorsitzende des Unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistans (AIHRC), Shaharzad Akbar, auf Twitter:

Jede Woche verlässt jemand, den ich kenne, Afg[hanistan]. Das schließt Menschenrechtsverteidiger, Journalisten, Frauenrechts- und Zivilgesellschaftsaktivisten ein. Es sind jene, die [noch] geblieben waren, nachdem friedliche Proteste in die Luft gesprengt, Universitäten und Krankenhäuser angegriffen wurden

Hier als Ergänzung ein Bericht von dpa zu diesem Thema.

Das sind inzwischen tägliche Szenen in Kabul: nach einem „kleineren“ Anschlag auf ein Polizeifahrzeug („nur“ mit Verletzten) in Kabul am 27.1.2021. Foto: Killid.

Angriffe auf Medien und Journalisten

Mitte des Monats berichten afghanische Medien, wie ein Mullah Betende aufhetzte, drei Radiostationen in Kundus zu stürmen, weil diese angeblich während der Zeit des Freitagsgebets Musik gespielt hätten. Radio Zohra wurde dabei verwüstet, zwei weitere Sender konnte die Polizei davor bewahren.

Radio Zohra war einst von Frauen gegründet worden und befasste sich nur mit Frauenthemen. Bereits 2018 war berichtet worden, dass nach einer Taleban-Offensive die Hälfte der in Kundus arbeitenden Journalistinnen aus der Provinz geflohen seien, darunter Radio-Zohra-Direktorin Najia Khudayar.

Laut der afghanischen Journalistenorganisation „Nai“ mussten im letzten Halbjahr landesweit zehn Radiostationen „aus Sicherheitsgründen und wegen finanzieller Probleme“ schließen. Sie berichtete für 2020 von 11 Morden und vier versuchten Morden an Journalisten. 16 weitere wurden bei Angriffen verletzt, 13 zusammengeschlagen, fünf entführt, drei Medieneinrichtungen wurden direkt angegriffen. Das Afghanistan Journalist Center (AFJC) berichtete von 112 Fällen von Gewalt gegen Journalists in 2020, darunter acht Morden, elf Fällen physischer Gewalt, 45 Drohungen, sechs Entführungen und sechs Festnahmen während der Berichterstattung. Die Morden gingen auf das Konto der Taleban, des IS und unbekannter Bewaffneter. Vor allem Festnahmen und Drohungen gingen von Behörden oder örtlichen Politikern bzw Machthabern aus.

Neun afghanische Journalist:innen, die 2020 und 2021 ermordet wurden. Photos: Tolonews.