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Vor dem Hintergrund der Diskussion, ob die Taleban ihren Doha-Deal mit den USA vom Februar 2020 (also fast vor einem Jahr) erfüllt haben, der „Review“ dieses Abkommens durch die Biden-Administration und der daran anschließenden NATO-Diskussion, was man mit seinen (also auch den deutschen) Truppen dort machen soll, häufen sich bei mir in den letzten Tagen wieder mal die Medienanfragen.

Das jüngste Interview, mit dem Berlin-Brandenburger Radio Eins, kann man hier nachhören. So wird der Beitrag auf der Webseite dort präsentiert (nur das Foto ist meines):

Die NATO in Afghanistan

Was braucht Afghanistan für einen dauerhaften Frieden?

Bis zum ersten Mai sollten die NATO-Soldaten Afghanistan verlassen. Darauf hatte sich 2019 auch schon die Trump-Regierung mit den Taliban geeinigt.

So sah es nach einem Doppelanschlag mit mindestens 13 Toten im Basar des zentralafghanischen Bamian im November 2020 aus, zu dem sich keine Gruppe bekannte, der aber von den Taleban abgestritten wurde (Bericht hier). Foto: Pajhwok.

Doch nun sieht ganz so aus, als ob die Truppen noch eine Weile bleiben. Noch gibt es keine Friedensvereinbarung zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban, vielmehr kommt es immer wieder zu gewaltvollen Ausschreitungen. Dabei war die NATO vor gut 20 Jahren mit dem Ziel in das Land gezogen, die Taliban zu vertreiben, Schulen und Universitäten zu öffnen und die Frauenrechte zu stärken.

Wie könnte Frieden in Afghanistan einkehren und kann die NATO dabei überhaupt helfen?

Darüber sprechen wir mit Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network (Länge: 6:37min): Download (mp3, 7 MB)

Der Beitrag ist noch bis zum 19.03.2021 verfügbar.


Landesweit gab es in Afghanistan ab 2018 Kundgebungen für den Frieden. Hier die Friedensmarschierer aus Helmand in Kabul. Foto: AAN.

Hier ein weiteres Hörfunk-Interview, mit der Radio-Welt von Bayern 2 beim Bayerischen Rundfunk am 18.2.2021:

NATO berät Abzugspläne

Wie geht es weiter in Afghanistan?

Bleiben die Amerikaner unter Joe Biden in Afghanistan? Eine schwere Entscheidung. Denn: Verlassen die internationalen Truppen das Land, droht ein Rückschritt. Bleibt man, droht die Rückkehr der Taliban an die Macht, so der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig.

Zum Nachhören hier entlang.


In diesem am 8.2.2021 in der Augsburger Allgemeinen erschienenen Artikel von Simon Kaminski sind längere Zitate aus einem Interview mit mir enthalten:

Abzug oder nicht? Afghanistan schaut auf die USA

(…) „Alle warten darauf, wie sich die neue US-Regierung positioniert“, sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig im Gespräch mit unserer Redaktion. (…) Thomas Ruttig, Co-Direktor des „Afghanistan Analyst[s] Network“, sieht die USA in einem gewissen Dilemma: „Biden weiß, dass der Krieg in den USA unpopulär ist. Andererseits will er nicht für einen Zusammenbruch der Regierung in Kabul verantwortlich sein.“ Er gehe davon aus, dass die USA nun versuchen werde, mit den Taliban darüber hinter den Kulissen noch einmal zu verhandeln, sagt Ruttig, der jahrelang als Mitarbeiter an der UN-Mission in Afghanistan beteiligt war. Ruttig glaubt auch nicht, dass es tatsächlich um Verbindungen der Taliban zu Al-Kaida geht. „Warum sollten sie ihre Rückkehr an die Macht für diese internationalen Terrorgruppen aufs Spiel setzen? Durch den Al-Kaida-Anschlag in den USA vom 11. September 2001 haben sie schon einmal die Macht verloren.“ Zudem gebe es nur noch wenige Al-Kaida-Kämpfer im Land. (…)

Im Gegensatz zu den Verhandlungen macht der Krieg keine Pause. „Die Taliban halten sich an ihre Verpflichtung aus dem Abkommen, keine ausländischen Truppen und keine größeren Städte anzugreifen. Doch in vielen ländlichen Regionen sind sie auf dem Vormarsch, um Tatsachen zu schaffen, falls die Verhandlungen zusammenbrechen“, sagt Ruttig. Gleichzeitig erschüttert eine Mordserie Kabul. Betroffen sind Journalisten – im Jahr 2020 gab es elf Opfer –, aber auch demokratische Aktivisten, eine Frauenrechtlerin und Politiker. Sofort kam der Verdacht auf, dass die Mordanschläge auf das Konto der [Taleban] gehen. „Einige afghanische Beobachter glauben, dass nicht nur die Taliban verantwortlich sind, sondern auch die Regierung und kriminelle Banden, die zum Teil im Auftrag von Politikern handeln“, sagt Ruttig, der enge Kontakte in das Land unterhält. (…)

(…) Thomas Ruttig glaubt, dass die Taliban aus ihrer Niederlage von 2001 Konsequenzen gezogen haben: „Sie haben gelernt, dass sie nicht gegen die Bevölkerung regieren können. Das bedeutet nicht, dass sie demokratisch sind oder die Frauenrechte respektieren. Aber sie sind pragmatischer geworden.“ Nur Druck kann sie dazu bringen, sich zu ändern. Druck, der „aus der afghanischen Bevölkerung, aber auch von den ausländischen Geldgebern“ kommen müsse. Denn auch eine Regierung unter Beteiligung der Taliban werde finanzielle Hilfe von außen benötigen.


Protestzelt der afghanischen Friedensbewegung 2018 in Laschkargah (Helmand). Foto: Muhammad Omar Lemar (über Twitter)

Hier abschließend noch Zitate eines Interviews mit der französischen Zeitung La Croix , die in einen Artikel über die innerafghanischen Verhandlungen in Doha am 11.1.2021 Eingang fanden (ins Deutsche rückübersetzt):

Wie alle anderen Parteien in Afghanistan erwägen die Taleban verschiedene Optionen [an die Macht zu kommen], weshalb sie diesen Verhandlungen zugestimmt haben.  Die Errichtung eines islamischen Regimes hat für sie Priorität.

Wie stehen die Chancen, dass die Verhandlungen erfolgreich sind?
„Sie können das Glas halb voll oder halb leer sehen“, kommentiert Thomas Ruttig. Seiner Ansicht nach ist die bloße Tatsache, dass die Verhandlungen wieder aufgenommen wurden, an sich ein positives Element und ein Zeichen für die Fähigkeit der Parteien, trotz ihres Misstrauens miteinander zu sprechen. Die Spannungen zwischen der Regierung und den Taleban, die weiterhin die Legitimität der Regierung in Frage stellen, sind jedoch weiterhin sehr hoch.

„Die Tatsache, dass die Taliban auf einen vollständigen Rückzug der Amerikaner hoffen, gibt den Vereinigten Staaten ein Mittel des Drucks, indem sie bestimmte Zugeständnisse fordern, einschließlich eines Endes der Kämpfe“, erklärt Thomas Ruttig, Co-Direktor von das Afghanistan Analysts Network.

Schließlich prägt Gewalt weiterhin das tägliche Leben der Afghanen und droht, den fragilen Prozess der Verhandlungen entgleisen zu lassen. „In den Städten nimmt die Gewalt zu, es gibt einen Anstieg gezielter Attentate und Explosionen“, bemerkt Thomas Ruttig. Obwohl es nicht sicher ist, dass 100% dieser Handlungen den Taleban zuzuschreiben sind, ist Gewaltausübung Teil ihrer Politik, in Doha auf Fortschritt [und Zugeständnisse] zu drängen. Zusätzlich zur Biden-Regierung wird das Gewicht aller regionalen Mächte benötigt, um eine Eskalation zu verhindern, die für eine politische Lösung in Afghanistan fatal wäre.

Im Zelt der Friedensinitiative in Laschkargah (Helmand). Foto: AAN