Eigentlich wäre es angebracht, etwas zu den aktuellen Entwicklungen in und um Afghanistan zu schreiben: die inner-afghanischen Gespräche in Doha stagnieren, weil alles auf Biden in Washington starrt, ob der das US-Taleban-Abkommen noch mal aufschnürt; in Afghanistan wird weiter gekämpft und gemordet (hier der neueste UN-Bericht zu gezielten Morden an Journalist:innen und zivilgesellschaftlichen Aktivist:innen: und hier die englische Zusammenfassung des letzte Zivilopferberichts der Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans); der Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Strasbourg hat (m.E. leider unzutreffend) der Bundesregierung bescheinigt, dass sie „gründlich und zuverlässig“ das 2009 von einem Bundeswehroffizier angeordnete Bombardement zweier von den Taleban entführter, allerdings überwiegend von zivilen Dorfbewohnern umringter Tanklastwagen untersucht habe; frühere Berichte von mir dazu hier und hier); der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH, Luxemburg) sich mit der sehr diskutablen Praxis des BAMF und deutscher Gericht befasst, die Gefährdungssituation afghanischer Asylantragsteller nur auf der Basis von Toten und Verletzten in ihrer Herkunftsregion zu berechnen – bei der eine Zeitung einmal ausrechnete, dass auf dieser Grundlage nicht einmal die Opfer des Bombardements der letzten Tage des 2. Weltkriegs Asyl bekommen hätten (Hintergrund hier); dass fünf der 69. am 69. Geburtstag Seehofers abgeschobenen Afghaninnen wieder in Deutschland sind, was sie allerdings ohne Hilfe von deutschen Unterstützer:innen gegen den deutschen Amtsschimmel nie alleine geschafft hätten – und was noch viel schlimmer ist, der NDR ermittelt hat, dass 50 der 69 gar keine Kriminellen waren, wie vom Seehofer-Ministerium behauptet, sondern unbescholten (hier das Video von Seehofers Pressekonferenz:

Ich schiebe aber erstmal etwas Nichtpolitisches dazwischen. Aber was ist heute schon nicht politisch? Das hat nämlich auch mit dem Fakt zu tun, dass viele Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen wie der Freundeskreis Afghanistan (FKA – Achtung, disclosure: ich bin dort Mitglied) finanziell ziemlich auf dem Schlauch stehen, weil die Spendenbereitschaft für langfristige Entwicklungsprojekte im Globalen Süden in der Bevölkerung seit Jahren nachlässt – trotz insgesamt steigender Spenden, wie der Deutsche Spendenrat kürzlich in seiner jährlichen Bilanz des Spendenaufkommens in Deutschland für 2020 mitteilte. (Zuwächse erzielten die unmittelbare Not- und Katastrophenhilfe, Tierschutz sowie Kultur- und Denkmalpflege.

Wer ein kleines bisschen was zu Behebung dieser Misere beitragen und gleichzeitig sein Bücherregal mit einem Kleinod anreichern möchte, kann beim FKA das Buch bestellen, aus dem das folgende Märchen stammt: „Granatapfel und Flügelpferd: Afghanische Märchen“. Die Märchen wurden in Kabul gesammelt, 2008 vom FKA herausgegeben und als Sonderdruck im Eigenverlag neu aufgelegt. Und ist es nicht faszinierend, dass die von uns ja ach so fernen Afghanen auch ein Aschenputtel-Märchen haben (auch wenn ich vermute, dass dieser Titel von der Sammlerin gewählt wurde; ich verspreche jedenfalls, herauszufinden, was „Aschenputtel“ auf Persisch oder Paschto heißt).


Das afghanische Aschenputtel 

Es lebten einmal zwei Schwestern, von denen jede eine Tochter hatte. Die beiden Mädchen wuchsen zusammen auf und hatten sich sehr lieb. Nun bekam die eine Schwester noch einmal ein Kind, aber sie starb im Wochenbett. Zuvor aber sprach sie noch einmal mit ihrer Schwester und sagte, sie möge doch ihr Kind wie das ihrige annehmen. Besonders lag der sterbenden Frau am Herzen, dass ihre Tochter später einmal gut verheiratet würde. Die Schwester versprach ihr diese Bitte zu erfüllen und die junge Frau starb.

Nun war die Tochter der verstorbenen Schwester sehr schön, was Neid und Eifersucht erweckte. So wurde das Mädchen im Hause kaum geduldet, sondern musste wie eine Magd die Kühe und die Schafe hüten. Auch wenn Besuch kam, durfte es nicht im Hause bleiben, so dass es bald vergessen wurde.

Eines Tages wurden Verwandte erwartet und ein kleines Kälbchen, das von dem Mädchen besonders geliebt wurde, sollte geschlachtet werden. Das Mädchen bat darum, das kleine Tier zu verschonen, aber alle lachten nur. Niemand konnte verstehen, dass die Tiere die einzigen Freunde des Mädchens waren. So wurde das Kälbchen geschlachtet und das Mädchen nahm weinend den Kalbsfuß, der übriggeblieben war, und setzte sich an das Ufer eines Baches. Es zog dem Kalbsfuß ihren zierlichen Schuh an und warf ihn in den Bach und sah ihm nach, wie er davonschwamm. Dann wurde es gerufen und musste bei den Vorbereitungen helfen. Es musste das gute Mahl zubereiten, bekam selbst aber nur die Abfälle zu essen.

Währenddessen schwamm der Kalbsfuß immer weiter bis in den königlichen Park hinein. Dort mündete der Bach in einem See, in dem man die Pferde des Prinzen tränkte. Der Prinz kehrte eben von der Jagd zurück und wollte sein durstiges Pferd erfrischen. Doch wie erstaunt war er, als das Pferd seine Nüstern nur kurz über das Wasser hielt, dann zurückwich und nichts trank. Da ließ der Prinz einen Kübel Wasser vom Brunnen bringen und das Pferd trank gierig. Auch die anderen Pferde weigerten sich, aus dem See zu trinken. Das erschien dem Prinzen sonderbar und er ließ den See durchsuchen. Da fanden die Sklaven den Kalbsfuß mit dem kleinen zierlichen Schuh daran. Als sie ihn aus dem See gefischt hatten, tranken auch die Pferde wieder. Nun wollte der Prinz wissen, wem dieser Schuh gehört. Vielleicht lag auch ein böser Zauber auf dem Kalbsfuß mit dem Schuh. So ließ der Prinz alle Mädchen seines Reiches zusammenrufen, denn er wollte die vielen kleinen Mädchenfüße den Schuh anprobieren lassen. Aber keiner passte der Schuh, keine hatte einen so zierlichen Fuß!

Inzwischen fand ein Reiter des Königs das Mädchen bei ihren Kühen. Niemand hatte es mit zum Prinzen genommen. Da nahm der Reiter das Mädchen mit auf sein Pferd und ritt mit ihm zum Königsschloss. Gerade hatten alle Mädchen die Schuhe anprobiert, aber keiner passte er. Der Prinz war gleich entzückt von der Schönheit des Mädchens, das der Reiter brachte. Es schlüpfte in den Schuh – und er passte! Glücklich schloss der Prinz das Mädchen in die Arme und rief: „Allah hat Dich durch seinen Willen zu mir geführt, Du sollst meine Frau sein!“ Sogleich wurde ein großes Hochzeitsfest gefeiert, aber die böse Muhme mit ihrer Tochter wurde nicht eingeladen. Sie mussten im Schloss als Dienerinnen arbeiten und bekamen nur Abfälle zu essen. Sie lebten wie Sklavinnen am Hof, immer das Glück der Prinzessin vor Augen. Vor Neid und Hass wurden sie immer hässlicher, so dass niemand mehr das Mädchen heiraten wollte. Schließlich starben sie vor lauter Eifersucht und Hass. Der Prinz mit seiner Gemahlin aber lebte glücklich weiter – und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Granatapfel und Flügelpferd: Afghanische Märchen, von Gisela Borcherding in Kabul gesammelt und herausgegeben, 2008 vom „Freundeskreis Afghanistan e.V.“ als Sonderdruck im Eigenverlag neu aufgelegt.

Der Erlös des Buches (gegen Spende von €13,50) wird ausschließlich für den Aufbau von Schulen und die Beschaffung von Lehrmaterial für afghanische Kinder verwendet.

Bestellungen nur über:

Irmela Falke,

Hochstr. 37,

64665 Alsbach-Hähnlein 

irmela.falke@t-online.de

(Tel.: 06257 69414)

Märchen aus einem Land voller Zauber. Wenn auch heute aus Afghanistan Schreckensmeldungen kommen und das Land von den langen Kriegsjahren gezeichnet ist – in seinen Märchen lebt noch immer die fantastische Welt aus Träumen, wie sie sich in morgenländisch üppiger Einbildungskraft in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht erschuf. Es wird von schönen und tapferen Prinzen erzählt, die so unsagbar standhaft sind, von anmutigen Feen und Königstöchtern, liebreizender als der Mond, von klugen Waziren und vom gerissenen Kahlköpfigen, von Djinnen und fliegenden Pferden und sprechenden Vögeln, von wundervollen Kamelkarawanen, beladen mit allen Schätzen des Orients. Diese Märchen, von Gisela Borcherding in Kabul aus dem Erzählermunde aufgenommen, liegen hier als überhaupt erste Sammlung vor, die unmittelbar aus der Landessprache ins Deutsche übertragen worden ist. Durch den märchenanalysierenden Kommentarteil genügt das Buch auch wissenschaftlichen Anforderungen.

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch anmerken, dass es auch ein DDR-Pendant (der FKA ist ursprünglich westdeutsch) zu diesem Buch gibt: „Der Zauberbrunnen: Märchen und Geschichten aus Afghanistan“ (Kiepenheuer, Leipzig/Weimar 1985), herausgegeben von meinem verstorbenen Professor Manfred Lorenz (siehe hier und hier). Das Buch findet sich sicher noch antiquarisch. In Beispiel daraus werde ich demnächst zitieren.