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Gedenkstätte für Opfer eines früheren Anschlags auf Kabuls schiitische Gemeinde auf dem Tapa-ye shuhada-ye danayi (Hügel der Martyrer des Wissens). Foto: Hadi Morawej/AHRDO

Hier eine um Details ergänzte Version meines Artikels, der gestern (9.5.2021) online bei der taz erschien.

Terroranschlag in Kabul: Bombenangriff auf Schule

Bei einem verheerenden Anschlag in Afghanistans Hauptstadt Kabul sterben Dutzende Schülerinnen. Der Angriff galt der schiitischen Minderheit.

BERLIN taz | Mindestens 58 Menschen wurden getötet und über 150 weitere verletzt, als am Sonnabend Nachmittag im Kabuler Südwesten vor einer Schule eine Autobombe explodierte. Nach Augenzeugenberichten detonierten zwei weitere Sprengsätze, als Menschen nach der ersten Detonation aus dem Gebäude flohen. Jawad Zawulistani, Managing Direktor der „Menschenrechts- und Demokratie-Organisation Afghanistans“ (AHRDO), sprach auf Twitter sogar von 68 Toten. [AHRDO ist bei der Dokumentation von Kriegsverbrechen in Afghanistan beteiligt, arbeitet mit Opfern und deren Familien und betreibt ein Museum mit Gedenkstätte – meine Reportage darüber hier.] Unter den Opfern des Anschlags sind zwei Freundinnen einer Kabuler Kollegin des Autors.

An der angegriffenen Sajed-al-Schuhada-Schule lernen insgesamt 7000 Jungen und Mädchen in getrennten Schichten (hier eine Video der Schule aus dem jahr 2017, aufgnommen von Human Rights Watch). Die Bombe ging hoch, als gerade die Mädchen die Nachmittagsschicht verließen. Laut Innenministerium sind viele Opfer Schülerinnen zwischen elf und 15 Jahren. Das könnte darauf hindeuten, dass die Attentäter die Bombe bewusst zündeten, um der von vielen Islamisten abgelehnten weltlichen Mädchenbildung zu schaden. 

Zawulistani nannte den Anschlag „Teil einer genozidalen Kampagne gegen eine spezifische ethnische und religiöse Minderheit.“ Die Schule liegt im mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadtteil Dascht-e Bartschi. Der waren bereits mehrfach Ziel ähnlicher Anschläge mit mehreren Dutzenden Toten. Im vergangenen Mai griffen Bewaffnete die Geburtsstation eines Krankenhauses an und brachten gezielt Neugeborene, Schwangere und medizinisches Personal um. Im Oktober 2020 und Dezember 2017 sprengten sich Selbstmordattentäter in einem Tutorenzentrum und einem soziokulturellen Zentrum in die Luft. Im September 2018 traf es einen Ringerklub; anschließend zündeten die Attentäter eine Autobombe unter den Fliehenden.

Zu einigen dieser Anschläge bekannte sich der afghanische Ableger des Islamischen Staates, genannt IS-Khorasan-Provinz (ISKP), andere blieben ohne Bekennererklärung. „Diese Generation der [schiitischen] Hasaras wird ohne jede Schuld zum Opfer eines Massenmords,“ schrieb unmittelbar nach dem Anschlag ein Bewohner von Dascht-e Bartschi an Partner bei einem deutschen Verein mit Schulprojekten in Afghanistan.

Zu dem Anschlag am Sonnabend bekannte sich bisher niemand. Allerdings hatte ISKP drei Tage zuvor vor Anschlägen auf die schiitische Gemeinschaft sowie die wirtschaftliche Infrastruktur des Landes gewarnt. Zuvor war berichtet worden, die afghanische Regierung könnte gefangene nichtafghanische Mitglieder der Gruppe an Herkunftsstaaten ausliefern. Über die folgenden Tage bekannte sich ISKP zu Anschlägen auf Öltanklaster und Stromleitungen, die in Kabul zeitweise zu Blackouts führten. Der ISKP betrachtet Schiiten als Abweichler vom Islam.

Afghanistans Präsident Aschraf Ghani lastete in einer auf seiner Webseite verbreiteten Erklärung (bisher nur auf Dari hier) den Anschlag den Taleban an. Sie hätten damit „erneut gezeigt, dass sie nicht bereit sind, die aktuelle Krise friedlich und grundlegend zu lösen.“ Stattdessen sabotierten sie die Chance, den Konflikt endgültig beizulegen – eine Anspielung auf die stockenden innerafghanischen Friedensgespräche in Katars Hauptstadt Doha und die Weigerung der Taleban, sich an einer geplanten Friedenskonferenz in Istanbul zu beteiligen, so lange sich noch ausländische Soldaten in Afghanistan befänden.

US-Präsident Joe Biden hatte einen Truppenabzug bis zum 11. September angeordnet. In Washington wird aber auch ein früherer Abschlusstermin debattiert, etwa der 4. Juli, was die Furch einer Machtübernahme durch die Taleban in der Bevölkerung weiter anheizt.

Die Taleban hingegen wiesen die Anschuldigung zurück, beschuldigten ISKP und verurteilten den Anschlag. Gegenseitige Beschuldigungen und möglicherweise Angriffe unter „falscher Flagge“gehören in dem zunehmend unübersichtlichen Krieg zur psychologischen Kriegführung. [Die Parlamentsabgeordnete Schah Gul Resaji, die jetzt für die Organisation „Vereinigung zur Unterstützung der Rechte des Volkes“ spricht, nannte die Attentäter in einem Facebook-Eintrag „Vampir-Terroristen“, beschuldigte aber keine konkrete Gruppe.]

Gleichzeitig eskalieren aber die Taleban seit der US-Truppenabzugsankündigung ihre bewaffneten Aktionen (eine Übersicht bei AAN hier). Sie griffen in den letzten Wochen und Monaten mehrere Provinz- und Distriktzentren an, besetzten mindestens vier [Burka in Baghlan nördlich von Kabul und Almar in Farjab im Nordwesten; dazu möglicherweise auch Tscharch in Logar, südöstlich von Kabul und teilweise Baghlan-e Dschadid, Qaisar, ebenfalls in Faryab und Gereschk in Helmand] sowie eine wichtigen Staudamm [den Dahla-Damm in Kandahar. Inzwischen wurde halboffiziell bestätigt, dass die US-Truppen in Helmand die Regierungstruppen wieder mit Luftangriffen unterstützen.]. 

Ein von afghanischen Journalist:innen aufgezogener Monitoring-Dienst teilte am Sonntagmittag mit, in den vorangegangenen 24 Stunden habe es 20 Taleban-Angriffe in zehn Provinzen mit 222 Toten gegeben. Am Mittwoch waren es 137 in 25 Provinzen.

Nach dem Anschlag vom Sonnabend griffen aufgebrachte Menschen Krankenwagen und medizinisches Personal an, die Verletzte bergen wollten. Viele in der schiitischen Gemeinschaft beschuldigen die Regierung, zu wenig zu ihrem Schutz zu tun.

Der austro-afghanische Journalist und taz-Autor Emran Feroz berichtete am Samstag auf Twitter von einem Vorfall im März in Dascht-e Bartschi. Bei einem nur schlecht gesicherten Sportwettbewerb dort habe er einen Soldaten angesprochen, der mit „rassistischen Beleidigungen“ antwortete und erklärte, „sollen sie doch die Hasaras töten“. Auch Regierungsvertreter [und Parlamentarie:innen] äußern sich zum Teil öffentlich antischiitisch. [Charakteristisch war eine Äußerung eines früheren hochrangigen Geheimdienstlers in einer Fernseh-Talkshow bereits 2014 erklärte, dass „die Paschtunen die Herrscher und Besitzer “ und die „eigentlichen Bewohner Afghanistans“ seien. Ich selbst habe gerade Vertreter der oft als Hoffnung betrachteten jüngeren Generation „technokratischer“ Regierungsvertreter in Erweiterung dieser Aussage sagen hören, alle anderen seien „nur Gäste“ im Land. Vor etwa einem Jahr sorgten Äußerungen der Parlamentsabgeordnete Arjan Jun für Aufregung, als sie den Hasaras drohte, sie könnten künftig wieder „wie unter Emir Abdulrahman“ behandelt werden. Abdulrahman hatte Ende des 19. Jahrhunderts blutig die bis dahin de facto unabhängigen Hasara-Gebiete unterworfen, viele Überlebende in die Sklaverei verkauft und Hasaras aus ausgedehnten Gebieten des Landes vertrieben. Viele Hasaras betrachten dies als einen ungesühnten Genozid.]

Die Schiiten reagieren in mehreren Provinzen mit Selbstbewaffnung. Daran sind auch Warlords aus ihren Reihen beteiligt, die wiederum undifferenziert gegen andere ethnische Gruppen vorgehen. [Dazu gehört Kommandeur Abdul Ghani Alipur, auch bekannt als Schamscher (Schwert), der außerhalb staatlicher Kommandostrukturen agiert und dem kriminelle Handlungen wie die Erpressung von Schutzgeldern vorgeworfen wird, eine „Widerstandsfront“ gegründet hat und unter vielen Hasara als Beschützer und Held gilt.] Als ihn die Regierung [Ende Januar im Distrikt Behsud] in der Provinz Maidan-Wardak festnehmen lassen wollte, kam es zu Protesten, bei denen die Polizei 11 Zivilisten erschoss und über 30 verletzte (Untersuchungsbericht der afgh. Menschenrechtskommission hier). [Auch Resaji rief zur Selbstverteidigung auf. Die Menschen sollten „einen Verteidigungsmechanismus“ schaffen, „um die Sicherheit ihrer Kinder und ihrer wissenschaftlichen und pädagogischen Zentren zu gewährleisten.“ Sir wisse nicht, „ob die Handlungen der Sicherheitsbeamten und der Regierung für unser Volk länger akteptabel sind“.]

[Gestern fanden auch die Begräbnisse der über 60 Todesopfer statt (BBC-Bericht hier). Es gab Protestdemonstrationen in Kabul und Bamian. In Kabul kursieren inzwischen Aufrufe zum Wiederaufbau der Schule. dpa meldete dazu:

Nach dem Anschlag mit mehr als 50 Todesopfern in der
afghanischen Hauptstadt Kabul haben sich am Sonntag mehrere Hundert
Menschen am Tatort versammelt. In der Nähe einer großen Schule im Westen
der Stadt lagen immer noch Dutzende Mädchenschuhe, blutbefleckte
Schulhefte und zerfetzte Rucksäcke. Männer wischten sich mit
Stofftüchern Tränen aus den Augen. Mädchen im Alter von sechs oder
sieben Jahren hielten sich an der Hand.

Mehrere Männer äußerten Ärger darüber, dass Mädchen und junge Frauen
angegriffen wurden. „Sie sollten uns Männer töten. Welche Sünde haben
diese jungen Mädchen begangen?“, fragte ein Passant. […] Direkt am
Schultor versuchte ein Mann aus Sorge vor einem möglichen weiteren
Anschlag, die versammelten Menschen auseinanderzutreiben.
]

Weitere Zitate von mir finden sich in diesem dpa-txt vom 9.5.2021.