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Hier nur ein kurzer Überblick über die Lage. Zuerst die Provinzen, deren Hauptstädte an die Taleban gefallen sind – die meisten kampflos:

Schlangen vor Kabuler Banken gestern (14.8.2021). Foto: Tolo.

Nimrus, Dschusdschan, Sarepul, Kundus, Tachar

Samangan

Badachschan, Farah, Baghlan

Ghazni

Kandahar, Herat, Helmand

Badghis, Ghor

Uruzgan

Logar, Sabul

Gardes (Paktia), Scharana (Paktika)

14.8.: Masar-e Scharif (Balch), Asadabad (Kunar), Maimana (Farjab), Nili (Daikundi), Mehtarlam (Laghman)

heute (15.8.): Dschalalabad (Nangrahar), Bamian, Maidanschahr (Wardak),

dazu wohl die Distrikte Tschaharasjab und Paghman (nicht bestätigt) in der Provinz Kabul

Es scheint, dass nur Kabul, Pandschir, Khost, Tscharikar(? – Parwan), Kapisa, Nuristan noch nicht betroffen sind.

Auch weitere Distrikte in Provinzen, in denen die Taleban die Hauptstädte, aber noch nicht alle Distrikte übernommen hatten, fallen.

BBC berichtet um 10:20 Uhr, dass „Taleban aus allen Richtungen nach Kabul hinein strömen“. Taleban-Führung teilt mit, sie habe angeorndet, dass ihre Kämpfer nicht nach Kabul gehen sollen, weil Übernahmeverhandlungen mit der afghanischen Regierung im Gange seien. 

Kollegen in Kabul berichten, dass Talebankämpfer in viele Stadtteilen kommen. Bisher keine Berichte über Kämpfe oder ähnliches.

Laut Washington Post hat die US-Regierung den Taleban mitgeteilt, dass man ihren Einzug in Kabul wohlwollender betrachten werde, wenn sie die Evakuierung der westlichen Botschaften und afghanischer Angestellter nicht behinderten. Wieder einmal sprechen die USA für alle.

Bitte hier weiterlesen.


Hier mein Kommentar von heute vormittag bei taz-online:

Die Diplomatie hat versagt

Die westlichen Regierungen kümmern sich um die eigenen Leute und Ortskräfte. Nötig wäre ein konzertiertes Vorgehen gegenüber den Taliban und Pakistan.

Das bisher vom Westen unterstützte Afghanistan ist auf eine Insel zusammengeschrumpft. Die Taliban sind inzwischen fast kampflos in alle Großstädte außer Kabul und fast alle Provinzhauptstädte eingerückt. Meist geschah das kampflos. Provinzgouverneure und ganze Armee-Regimenter ergaben sich den Taliban. Am Samstagabend wurde spekuliert, Präsident Aschraf Ghani würde noch am selben Tag seinen Rücktritt ankündigen.

Das, so hieß es, würde im Gegenzug für eine Taliban-Waffenruhe und damit den Verzicht auf einen Sturm auf Kabul oder die Installierung einer Übergangsregierung erfolgen. Passiert ist es bisher nicht. Ghani sagte in einer kurzen Fernsehansprache, er bemühe sich, die Streitkräfte zur Verteidigung zu reaktivieren. Kaum etwas könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Ghanis tagelanges Nicht-Auftauchen und seine jetzige Ansprache zeigen, wie isoliert, uninformiert und illusionsbehaftet der Präsident die Lage beurteilt. Ghani ist für seine Beratungsresistenz bekannt. Laut Informationen des US-Militärs seien nur noch ein Sechstel der ursprünglichen 300.000 Soldaten und Polizisten theoretisch einsetzbar. Stündlich werden es weniger. Ghani kann einem fast Leid tun, obwohl er große Mitverantwortung für die derzeitige Misere trägt.

Aber wie sein Vorgänger Karsai wurde er von den USA ausgewählt, das Land zu führen – und später infolge von Washingtons Kriegskurs verursachten Misserfolgen, die man ihm qua Mitwirkung ankreiden konnte, erst „intern“ – aber für alle hörbar – diskreditiert und dann fallen gelassen. Insofern steht Ghani exemplarisch dafür, wie ihre westlichen „Partner“, Geber und Patrone Afghanistan und die Af­gha­n:in­nen seit 2001 über weite Strecken behandelt haben.

Nun geht es aber weniger um Ghani, sondern um die Zehntausenden von Menschen, den sogenannten Binnenvertriebenen, die sich nach Kabul durchgeschlagen haben und dort auf Straßen, in Parks und Moschee kampieren, wenn sie nicht Unterschlupf bei Verwandten fanden. Was sich hier anbahnt, ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe. Nichtzuletzt besteht aufgrund der dritten Corona-Welle akute Ansteckungsgefahr für die Geflüchteten und ihre Gastgeber.

Dass sich die westlichen Regierungen vor allem um die Evakuierung des eigenen Botschaftspersonals und mit etwas Glück auch der afghanischen Angestellten kümmern, zeigt das Versagen einer Diplomatie, die unfähig scheint, mehr als ein Problem zur gleichen Zeit zu lösen.

Gleichzeitig wäre es dringend nötig, dass sich die USA, die EU-Staaten, Japan und andere Verbündete zusammentun und gegenüber den Taliban und ihrem Hauptunterstützer Pakistan intervenieren, den Krieg zu stoppen, doch noch Verhandlungen zuzustimmen und damit auch die humanitäre Probleme Afghanistans erstmal zu entschärfen.

PS (nicht in der taz): Offenbar haben die Amerikaner zuletzt auch die Machtübergabe an die Taleban vorbereitet. Meine Einschätzung des Versagens bezieht sich auf die gesamte Zeit bis dahin.