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Hier mein Artikel in der heutigen taz und dort online:

Bitter verfeindete Islamisten

Eine kurze Geschichte des Verhältnisses Taliban-Islamischer Staat in Afghanistan

Für die beiden brutalen Selbstmordanschläge am Donnerstagabend in Kabul hat sich der afghanisch-pakistanische Ableger des Islamischen Staates verantwortlich erklärt. Die Nachricht wurde am späten Donnerstag sowohl über den Amaq-Nachrichtenkanal der in Syrien und Irak agierenden IS-Zentrale als auch direkt vom Islamische Staat-Khorasan-Provinz (ISKP) über soziale Medien verbreitet. ISKP ist ein Franchise der IS-Zentrale; 2015 hatten lokale Islamisten-Gruppen aus Pakistan und Afghanistan im Grenzgebiet beider Länder ihren Anschluss an den IS erklärt. Der erkannte sie als Teil seines Netzwerks an, ohne dass zumindest anfangs direkte Verbindungen bestanden.

Am letzten Tag der Evakuierungen aus Afghanistan am dortigen Flughafen versetzte die Gruppe ihren beiden Hauptfeinden, dem Militär der bisherigen Hauptbesatzungsmacht USA und den rivalisierendem Taliban, noch einen empfindlichen Schlag. Der Doppelanschlag kam aber nicht aus heiterem Himmel. Seit einigen Tagen gab er konkrete Warnungen. Die Londoner Times zitierte Sicherheitsexperten, denen zufolge der ISKP schon in den Vortagen den Flughafen ausgespäht habe. Sie verwiesen auf einen Vorfall am Montag, bei dem ein nicht identifizierter Angreifer einen afghanischen Soldaten erschoss, offenbar um die Reaktionsmuster der Sicherheitskräfte auf dem Flughafen auszutesten.

Trotz der Vorab-Erkenntnisse waren das in seinem Aktionsradius nur noch auf den Flughafen beschränkte US-Militär und die mit ihm dort verschanzten bewaffneten Einheiten des Geheimdienstes der gefallenen afghanischen Regierung nicht mehr in der Lage, die Attentäter abzufangen. Aber was in seinen Konsequenzen für Afghanistan schwerer wiegt: Auch die nun an der Macht befindlichen Taliban schafften das nicht. Das zeigt, dass sie – wie alle Regimes der letzten 40 Jahre – das Land nicht vollständig kontrollieren und es Spielräume für verfeindete Gruppen gibt. Darüber, ob der ISKP vielleicht im Auftrag eines Geheimdienstes handelte, oder unterwandert und instrumentalisiert wurde, kann man nur spekulieren. Auszuschließen ist das angesichts der vielfältigen regionalen und globalen Konflikte, die auf afghanischen Boden ausgetragen werden, nicht.

Wie in allen Phasen der seit 1978 ununterbrochenen afghanischen Bürgerkriege wurde erneut der Zivilbevölkerung – in diesem Fall den vor den Taliban Flüchtenden – die größte Opferlast aufgebürdet. Wie alle Parteien in diesem Konflikt nimmt auch der ISKP keine Rücksicht auf Zivilist:innen. Wegen der terroristischen Mittel, die auch die Taliban einsetzen, sieht die betroffene Zivilbevölkerung keinen Unterschied zwischen beiden Organisationen. Dennoch trennen sie politisch-ideologisch Welten. Der Islamische Staat strebt ein weltweites islamisches Kalifat an, die Taliban ein nationales Emirat. Emirate kann es gleichzeitig mehrere geben, wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder eben das Islamische Emirat Afghanistan, die offizielle Selbstbezeichnung der Taliban. Sie können deshalb als national-islamistische Bewegung bezeichnet werden, während es sich beim IS um global ambitionierte Dschihadisten handelt.

Schulkinder fliehen vor einem Anschlag in Kabul. Foto: Twitter.

Seit seinem Erscheinen des ISKP in der afghanischen Kriegsarena im Jahr 2015 herrscht erbitterte Feindschaft mit den Taliban. Die Taliban sahen damals nach dem Ende des ISAF-Einsatzes und dem Abzug der meisten NATO-Kampftruppen den Sieg bereits am Horizont. Eine islamistische Konkurrenz konnten sie da nicht gebrauchen. Mitte 2015 schrieben sie freundlich aber bestimmt an den später umgekommenen IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi im syrischen Raqqa, seine Gruppe möge sich aus Afghanistan heraushalten und die „islamische Bewegung“ nicht spalten.

Baghdadi schlug die Warnung in den Wind. In sechs afghanischen Provinzen entstanden ISKP-Ableger aus pakistanischen Splittergruppen, die von Afghanistan aus operieren, afghanischen Taliban-Dissidenten und radikalisierten afghanischen Studenten. Salafistische Onlinekrieger leisteten Rekrutierungshilfe. Die Gruppe profitierte kurzzeitig von internen Führungskämpfen bei den Taliban, nachdem durchgesickert war, dass ihr Gründers Mulla Muhammad Omar schon lang tot war und das geheim gehalten worden war.

Die Taliban gingen sofort rabiat gegen die ISKP-Gruppen vor. Wer nicht kapitulierte, wurde umgebracht. Nur eine Gruppe überlebte in entlegenen Bergregionen Ostafghanistans. Dort gab es salafistische Gemeinden, die mit den Ideen des IS sympathisierten und ihm Zuflucht und Unterstützung gewährten. Aber auch die hatten bald genug von der Terrorherrschaft der Gruppe, die sich auch bald gegen sie wendete. ISKP-Kommandeure zwangsverheirateten lokale Frauen, richteten örtliche Stammesführer hin, die Kritik übten, und alle vertrieben alle, die sich nicht den strengen Regeln des ISKP unterwerfen wollten. Es gab Zwangsrekrutierungen auch von Minderjährigen.

Die lokalen Gemeinschaften stellten Selbstverteidigungsmilizen auf und riefen die Taliban und die Regierung um Hilfe an. Im Resultat kam es Ende 2019 und Anfang 2020 zu zwei großen konzertierten Offensiven bei denen Taliban, Regierungstruppen und US-Truppen kooperierten. Die afghanische Armee transportierte Talibankämpfer ins Kampfgebiet, das US-Militär bombardierte ISKP-Stellungen und vertrieben den ISKP aus seinen territorialen Basen. Jetzt, nach der Einnahme Kabuls, holten die Taliban in Kabul einsitzende ISKP-Spitzen, darunter Anführer Abu Omar Khorasani, aus dem Gefängnis und erschossen sie. Auch das kommt als Motiv für den Flughafenanschlag in Frage, denn dort standen auch Talibanwachen.

Wenn auch das von den ostafghanischen Basen unabhängige ISKP-Untergrundterrornetz offenbar überlebte, spielt die Gruppe im strategischen Kräfteverhältnis Afghanistans keine Rolle mehr. Ohne geringste lokale Basis wird das auf lang Sicht auch nicht wieder der Fall sein kann. Die Taliban sind dem ISKP haushoch überlegen, auch wenn di Gruppe weiter fähig ist, vereinzelte blutige Anschläge zu verüben, wie am Donnerstag.

Thomas Ruttig