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Zunächst meine aktuelle Lagezusammenfassung, heute in der taz und hier online:

Zunehmende Armut, Widersprüchliches zu Frauenrechten

Taleban versprechen freie Ausreise mit gültigen Papieren/ Paris, London wollen humanitäre „UN-Sicherheitszone“ in Kabul

Nach Redaktionsschluss kam folgende Meldung:

Am Sonntag (29.8.) gab der amtierende Taleban-Minister für das Hochschulwesen, Maulawi Abdul Baqi Haqqani (in Geistlicher), bekannt, dass die Koedukation an den Universitäten aufgehoben sei. Auch dürften Dozenten nicht mehr Studentinnen unterrichten.

Haqqani verpackte das ganze auf einer Konferenz, an der nur Männer teilnehmen durften (Foto hier), nett. Jungen und Mädchen dürften weiter die Universität besuchen, sagte er. Aber in getrennten Klassen. Das gesamte Bildungswesen werde sich am Scharia-Recht orientieren und alles, was bisher islamischen Prinzipien widersprochen hab, „reformiert“, also verändert, und was er „moralische Korruption“ nannte, von den Campussen eliminiert werde. Gehälter würden weiter bezahlt, sagte Haqqani, fügte aber hinzu, dass er sich für gegenwärtige Verzögerungen etnschuldige (sieh unten im Artikel). Er warf „einigen Ländern“ vor, dass sie nicht wollten, dass Afghanistan sich entwickle und deshalb Akademiker aus dem Land brächten. Sie sollten im Land bleiben. Zudem sollten die privaten Universitäten ihre „Programme standardisieren“. Ausländische Unterstützung für Afghanistans Universitäten seien willkommen.

Taleban-Konfrenz im Hochschulministerium, 29. August 2021. Foto via Twitter (Tajuden Soroush).

Hier geht der ursprüngliche Artikel los:

Parallel zum Massenexodus droht immer mehr in Afghanistan zurückgebliebenen Menschen jetzt die Armut. Auch am Sonntag – eine Woche nach der Taleban-Übernahme Kabuls – blieben die Banken und der Geldbasar in Kabul geschlossen, trotz gegenteiligen Ankündigung der Taleban gegen Ende letzter Woche. [Demnächst soll es möglich sein, bis zu 200 US-Dollar oder 20.000 Afghani abzuheben.] Viele Menschen können nichts von ihren Konten abhaben, weil kein Bargeld ins Land kommt.

Die afghanische Zentralbank parkt die meisten ihrer Reserven im Ausland, um Korruption einzudämmen, und ist deshalb von regelmäßigen US-Dollarlieferungen abhängig. Die wurden alle zwei Wochen ins Land geflogen. Angesichts der Taleban-Offensive stoppte die Regierung in Washington bereits die letzte Lieferung Mitte August und fror Guthaben der afghanischen Regierung ein. Mehrere Einwohner Kabuls berichteten der taz, dass sie Einrichtungsgegenstände verkaufen müssen, um überhaupt an Bargeld zu kommen.

Ende voriger Woche warnten zwei frühere hochrangige UN-Offizielle mit langjähriger Afghanistan-Erfahrung vor einer „sich entwickelnden profunden Wirtschaftskrise“ in Afghanistan. Laut Mark Bowden und Martin Barber, jetzt für den britischen Think Tank Chatham House tätig, habe die Bankenschließung zu einem „Kollaps“ der einheimischen Währung, „Mangel an Nahrungsmitteln und Brennstoffen, Preissteigerungen, der Unterbrechung des Handels und der Gehaltszahlungen“ geführt. Essentielle Dienstleistungen wie das Bildungs- und Gesundheitssystem könnten „kollabieren“. Dazu komme die seit mehreren Jahren herrschenden Dürre, wegen der ein Drittel der Bevölkerung schon vorher an „akutem Nahrungsmangel“ gelitten habe. Sie forderten die internationale Gemeinschaft auf, sich „hinter der UNO zu versammeln, um sich mit der neuen Administration in Kabul einzulassen“ und „humanitäre Hilfe zu mobilisieren“.

Der frühere deutsche Diplomat Hans-Jakob Schindler, bis 2018 Koordinator des UNO-Bobachterteams für al-Kaida, die Taleban und den Islamischen Staat (IS) beim UN-Sicherheitsrat, sagte gegenüber NBC, der Wirtschaftskollaps könne in „Wochen oder ein paar Monaten“ bevorstehen. Frankreich und Großbritannien wollten gestern im Weltsicherheitsrat die Schaffung einer humanitären „UN-Sicherheitszone“ in Kabul vorschlagen, um künftige humanitäre Operationen zu schützen.

Unterdessen bereiteten die letzten US-Soldaten auf dem Kabuler Flughafen ihren Abzug vor. Alle anderen Länder beendeten ihre Evakuierungsflüge schon. US-Offizielle sagten, sie hätten nur noch 1000 Menschen zu evakuieren. Das würde bedeuten, dass die vielen Menschen vor den Toren und möglicherweise auch auf dem Flughafengelände zurückbleiben könnten. [Laut Matt Zeller vom US-Think Tank American Security Project haben auch die USA nur acht Prozent der 88.000 mit einem Sondervisum für die Evakuierung Berechtigten tatsächlich ausgeflogen.]

Zudem berichtete der Spiegel, dass US-Militär nach Kabul einfliegende bzw. dort arbeitende Journalist:innen – darunter mehrere Deutsche – gegen ihren Willen ausgeflogen hätten. [Das US-Miliär habe behauptet, dies sei in Absprache mit deutschen Diplomaten vor Ort geschehen. Das bestätigte auch die bis dahin in Kabul tätige deutsche Freelancerin Stefanie Glinski.]

US-Präsident Jo Biden warnte vor weiteren Anschlägen am Kabuler Flughafen, nachdem laut nach wie vor arbeitenden unabhängigen afghanischen Medien die Zahl der Opfer des Anschlags am Donnerstag auf über 170 Tote und weitere 150 Verletzte angestiegen war. Das Weiße Haus korrigierte ursprüngliche Informationen über einen Doppelanschlag; es habe nur eine Detonation gegeben.

[Gestern sei durch einen Drohnenschlag ein weiterer Anschlag auf den Kabuler Flughafen vereitelt worden; heute seien mehrere auf den Flughafen abgfeuerte Raketen abgefangen worden. Ein afghanischer Journalist berichtete hingegen auf Twitter, er habe mit Mitgliedern der Familie in Kabul gesprochen, deren Haus der Drohnenangriff getroffen habe: „Sie sind ursprünglich aus dem Pandschir. Er teile diese Fotos mit mir. ‚Es war ein Raketenangriff; 6 Mitglider unserer Familie einschließlich meiner Schwester wurden getötet. Wir sind nicht IS-K, wir sind gewöhnliche Menschen.’”]

Biden informierte am Wochenende auch, dass ein Planer und ein weiteres führendes Mitglied des afghanischen IS-Ablegers, der sich zu dem Anschlag bekannt hatte, mit einem Dohnenschlag getötet worden seien. Afghanische Medien berichteten aus der ostafghanischen Stadt Dschalalabad, dass in einem Haus drei Mitglieder einer Familie – Mann, Frau und Kind – von einer Drohne getötet worden seien. In Kabul meldete die Taleban die Verhaftung mehrere IS-Agenten, darunter dreier angeblicher Angehöriger des Geheimdienstes der bisherigen Regierung. In der Tat hatten sich zahlreiche IS-Angehörige nach ihrer Niederlage gegen die Taleban 2019 und 2020 in Ostafghanistan der Regierung ergeben. Einige sollen mit der Regierung gegen die Taleban kooperiert haben.

Ebenfalls Ende letzter Woche sagte Talebansprecher Sabihullah Mudschahed der New York Times, dass Frauen „langfristig zur Schule, ins Büro, in die Universität und in Krankenhäuer“ gehen könnten, und zwar ohne männliche Begleitung. Die Talebanführung forderte allerdings weibliches medizinisches Personal auf, sofort wieder zur Arbeit zu kommen. Einen Tag vorher hatte Mudschahed erklärt, es sei für sie vorerst sicherer zu Hause zu bleiben, da „unsere Kämpfer noch nicht sehr gut ausgebildet seien und Frauen misshandeln könnten“. Wie Video in sozialen Medien zeigen, wurden auch junge Männer in westlicher Kleidung misshandelt. Auf die Frage, ob Frauen auch der neuen Regierung angehören würden, sagte Mudschahed, dass müsse die Führung entscheiden und er könne die Antwort nicht voraussagen. Man werde auch niemanden an der Ausreise hindern, der über gültige Visa verfüge.

Thomas Ruttig


Und hier mein taz-Debattentext (30.8.):

Null moralische Lufthoheit

Der Westen hat sein Recht verspielt, sich über die Taliban zu erheben. Wiedergutmachung ist angesagt, nicht erneute Großspurigkeit.

Fast 25 Jahre, nachdem sie zum ersten Mal in Kabul einzogen, und knapp zwanzig Jahre, nachdem sie nach den Anschlägen des 11. September von der Macht vertrieben wurden, beherrschen die Taleban wieder Afghanistan. Es gibt nur sporadischen Widerstand, dafür aber eine allumfassende Angst bei jenen Afghan:innen, die für ein demokratisches Projekt die Hoffnung in den Westen gesetzt hatten, das von Anfang an vor allem aus Lippenbekenntnissen bestand. Die Hybris des Westens was so groß, dass die Möglichkeit einer Niederlage nie einkalkuliert wurde. Jetzt, da die westliche Führungsmacht ihre letzten Soldaten abzieht und alle anderen, einschließlich der Deutschen, sich schon kläglich aus dem Land gestohlen haben, wird angesichts der desaströsen, weil höchst unvollständigen Evakuierung der afghanischen „Partner“ endgültig sichtbar, wie tief das Scheitern des Westens ist – politisch und moralisch.

Jetzt läuft die Debatte, ob man mit den Taleban reden oder besser Druck ausüben, sie gar boykottieren und sanktionieren soll. Das wird oft an der – noch offenen – Antwort auf die Frage abhängig gemacht, ob das neue Regime in die repressiven Praktiken der ersten Taleban-Herrschaftszeit (1996-2001) zurückfallen wird oder gewisse, ebenfalls umstrittene Anzeichen von Mäßigung sich verfestigen werden.

Die Taleban haben in den letzten 25 Jahren vieles dafür getan, dass große Skepsis herrscht: Massaker, öffentliche Hinrichtungen, die fast totale Verbannung von Frauen aus dem öffentlichen Leben; später Anschläge mit einer hohen Zahl ziviler und sonstiger Opfer. Das setzte sich mit weiteren Gräueltaten während ihrer Militärkampagne fort, an deren Ende die kampflose Übernahme der Hauptstadt Kabul stand. Die inzwischen in Auflösung befindliche Afghanische Menschenrechtskommission (AIHRC) [der Bericht wurde offenbar von der Webseite heruntergenommen, ist aber auf Twitter noch lesbar] und Human Rights Watch (HRW) dokumentierten frühzeitig Talebanmassaker an gegnerischen Kombattanten, aber auch Unbeteiligten am 14. Juli in der Grenzstadt Spin Boldak bei Kandahar und bereits Anfang Juli im Distrikt Malestan, der von Angehörigen der Minderheit der schiitischen Hasara bewohnt wird. Ebenfalls am 14. Juli veröffentlichte CNN ein Video, das zeigt, wie Taleban im Landesnorden afghanische Kommandosoldaten erschießen, die sich ihnen ergeben hatten. Jüngst legte die Talebanführung Frauen in Arbeit – mit Ausnahme jener im Gesundheitswesen – nahe, aus „Sicherheitsgründen“ bis auf weiteres zu Hause zu bleiben. Wenn sich das verstetigt, wäre das ein Rückfall in böse alte Zeiten.

Die Regierungen des Westens aber sind längst nicht mehr in einer Position, sich über die Taleban zu erheben. Einige der am heftigsten kritisierten, brutalsten Vorgehensweisen schauten sich die Taleban von ihnen ab. Das reicht von der Doppelstrategie, gleichzeitig Krieg zu führen und an Friedensgesprächen teilzunehmen, bis zu ihrer gezielten Mordkampagne gegen Regierungsmitarbeiter. Es war die damalige Außenministerin Hillary Clinton, die die US-Strategie des „fighting and talking“ zur gleichen Zeit entwickelte. Das „decapitating“ (die Enthauptung) der Talebanführung bis auf die Distriktebene durch Drohnenschläge und nächtliche Kommandounternehmen nach dem Prinzip „kill-or-capture“ wurde als Aufstandsbekämpfungskonzept des US-Militärs entwickelt. Auch Bundeswehr und BND lieferten Ziele für die euphemistisch „Gemeinsame Prioritätswirkungsliste“ (JPEL) genannten Zielliste der NATO-Truppen zu. Die Taleban übernahmen auch die NATO-Ausrede für zivile Opfer: „Kollateralschaden“. Zudem verhinderte der Westen systematisch, dass Kriegsverbrechen früherer Kriegsphasen aufgearbeitet wurden, da die mutmaßlich Verantwortlichen zu ihren Hauptverbündeten im Kampf gegen die Taleban gehörten. Doppelte Standards verspielen Glaubwürdigkeit.

In diesem Klima fallen auch ungeprüfte Berichte auf fruchtbaren Boden, wie ein geleakter, von der BBC bis al-Jazeera prominent aufgmachter angeblicher UN-Report, demzufolge die Taleban „die Jagd auf alle Kollaborateure des früheren Regimes intensivieren“ und sie in einem „worst case scenario“ „hinrichten werden“. In der Tat gibt es Anzeichen dafür, dass der Taleban-Geheimdienst nach vorbereiteten Listen potenzielle Gegner einschüchtert; in einigen Fällen berichteten Angehörige von Verhaftungen. Die norwegische Zeitung Morgenbladet hat jetzt recherchiert, dass der Bericht von einem Ein-Mann-Institut stammt, das selbst renommiertesten Afghanistan-Forschern des Landes bisher unbekannt war und dessen Leiter sich bisher vor allem mit Umweltforschung befasste. Sie fanden seine weitreichenden Schlussfolgerungen durch die bisherige Faktenlage nicht gedeckt. UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet bestritt, dass sie den Bericht als Quelle verwendet habe.

In dieselbe Kategorie gehört ein Bericht von amnesty international vom 19. August über ein Massaker im Juli, in dem nicht erwähnt wird, dass AIHRC und HRW bereits darüber berichteten. Schon 2015 hatte die Organisation, einst Goldstandard für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen, auf der Grundlage angeblicher Augenzeugenberichte behauptet, die Taleban hätten bei der Eroberung der Stadt Kundus im dortigen Wohnheim Studentinnen vergewaltigt, was sich später als komplett falsch erwies. Will man die Taleban zur Rechenschaft für Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen ziehen, muss das zuverlässig dokumentiert sein.

Im deutschen Fall kommt es diesem Autor vor, als ob die Bundesminister, die die Verantwortung für die letzte Episode des deutschen Anteils am Afghanistan-Großdesaster tragen, jetzt besonders forsch mit wohlfeilen Quasi-Sanktionen wie dem Einfrieren von Entwicklungsgeldern ihr eigenes Versagen zu kaschieren versuchen. Stattdessen sollten sie Kanäle zu den Taleban offenhalten, um selbst kleinste Verbesserungen für die Millionen Menschen herauszuholen, die sie in Afghanistan zurücklassen. Wiedergutmachung ist angesagt, nicht erneute Großspurigkeit.

Thomas Ruttig