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Hier meine jüngsten Beiträge aus der taz und anderen Medien. Zunächst mein Bericht in der Print-taz vom 1.9. (online hier, dort mit leicht veränderte Headline) und hier in längerer Version:

Vor der Regierungsbildung in Afghanistan: Galionsfiguren für die Taliban?

Nach dem US-Abzug regieren die Islamisten in Afghanistan mit provisorischen Strukturen. Ob das Land wieder ein Emirat wird, steht noch nicht fest.

Im Gegensatz zu den Af­­­gha­n:in­nen ist für die USA und ihre westlichen Verbündeten der Krieg in Afghanistan seit Montag zu Ende. Um weiteren befürchteten Anschlägen am Flughafen Kabul zuvorzukommen, verließen die letzten US-Soldat:innen 24 Stunden vor Ablauf der mit den Taliban vereinbarten Abzugsfrist das Land. General Chris Donahue, Kommandeur der 82. Luftlandedivision, ging als Letzter an Bord der letzten Militärmaschine. In der Geschichte gescheiterter Afghanistan-Invasionen von Supermächten stellte er sich damit an die Seite von General Boris Gromow, des letzten Kommandeur der sowjetischen Besatzungstruppen, der am 14. Februar 1989 afghanischen Boden verließ.

Zum ersten Mal ließen die USA sogar eigene Staats­bür­ge­r:in­nen in einem Konflikt zurück. Denn der Krieg in Afghanistan ist nicht zu Ende. Ausländer:innen, mit ihnen kooperierende Afghan:innen, aber auch die Taliban sind Anschlagsziele des zwar dezimierten, aber weiter aktiven afghanischen Ablegers der Terrorgruppe „Islamischer Staat“. Zudem hält sich im Pandschirtal nördlich von Kabul eine Anti-Taliban-Fraktion. Noch laufen Verhandlungen zwischn ihr und den Taliban, nach deren erster Runde eine Waffenruhe bis zu neuen Gesprächen vereinbart wurde. Aber die Taliban unternahmen laut Widerstandsquellen bereits kleinere bewaffnete Vorstöße, die aber zurückgeschlagen worden seien. Auch aus dem zentralafghanischen Hasaradschat, einer vor allem von Schiiten bewohnten Region, werden Scharmützel gemeldet, oft infolge von Taliban-Entwaffnungsaktionen.

General Frank McKenzie, Chef des auch für Afghanistan zuständigen US-Central Command in Tampa (Florida), sprach von einer Zahl „im sehr niedrigen dreistelligen Bereich“ an zurückgelassenen Amerikanern. Präsident Joe Bidens Versprechen, „niemand“ werde zurückgelassen, ist damit gebrochen. Nach Angaben von US-Veteran:innen evakuierten die USA auch nur 8 Prozent der dafür qualifizierten Af­gha­n:in­nen – etwa 88.000 Menschen.

Die Taliban feierten unterdessen mit stundenlangem nächtlichem Freudenfeuer. Talibansprecher Sabihullah Mudschahed, inzwischen zum provisorischen Informations- und Kulturminister aufgerückt, erklärte vor Kämpfern auf dem sofort besetzten Kabuler Flughafen, das Land habe nun „die volle Unabhängigkeit erreicht, Gott sei Dank“.

Mit Mudschaheds neuem Titel treten erste Konturen der ­Talibanregierung hervor. Es wird auch deutlich, dass bisher Übergangsregelungen herrschten. Mit ihrer Rahbari Schura, dem Führungsrat und den ihm unterstellten Ressortkommissionen von Finanz- bis Flüchtlingsangelegenheiten verfügen die Taliban bereits über eine Regierungsstruktur, die so auch auf Provinz- und Distriktebene in den Gebieten funktionierte, die sie schon länger kontrollierten.

Schlange stehen für 200 Dollar

Bis 2001 gab es in Kabul einen Taliban-Ministerrat, der dem Führungsrat in Kandahar unterstand. Am Sonntag bestätigte Mudschahed, dass Talibanchef Mulla Hebatullah Achundsada in Kandahar sei und Gespräche führe. Bisher hatte man ihn in Pakistan vermutet.

Provisorische Minister traten bisher bei konkreten Anlässen hervor, etwa als Hochschul­minister Maulawi Abdul Baki Hakkani am Sonntag die geschlechtergemischte Bildung an den Universitäten Afghanistans aufhob. Bereits eine Woche vorher übernahm ein weiterer Geistlicher, Mulla Muhammad Nasir Achund, die Kontrolle über das Finanzministerium und das Bankwesen. Seit Montag können die Menschen an einigen Filialen in Kabul wieder bis zu 200 US-Dollar oder 20.000 Afghani wöchentlich abheben. Es kam zu langen Schlangen. Nasir ist nicht Chef der Taliban-Finanzkommission, auch das deutete auf eine provisorische Ernennung hin.

Berichte, dass der frühere ­Taliban-Militärchef Sadr Ibrahim zum Innenminister und der Ex-Guantánamo-Häftling Mulla Abdul Kajum Sakir zum Verteidigungsminister ernannt worden seien, sind unbestätigt.

Noch laufen zudem Gespräche mit Politikern der vorangegangenen Ära, wie Ex-Präsident Hamed Karsai, Ex-Oppositionsführer Dr Abdullah und Mudschahedinparteiführern wie dem berüchtigten Gulbuddin Hekmatjar und Pir Ahmad Gailani. Auch der Rat der schiitischen Geistlichkeit in Kabul forderte eine Regierungsbeteiligung. Die Bildung eines 12-köpfigen Staatsrats soll in der Diskussion gewesen sein. Wenn die Taliban – und sie selbst – sich überhaupt darauf einlassen sie einzubinden, werden sie trotzdem nur Galionsfiguren ohne großen Einfluss sein. Die Taleban sprachen wiederholt von einer „inklusiven islamischen Regierung“.


Vor meinem jüngsten Artikel einer von Tazler Sven Hansen:

Taliban: Die neue Regierung steht (ist nur noch nicht verkündet)

In Afghanistan ist die Bildung der künftigen Regierung abgeschlossen, sagen die Taliban, und kündigen ihre baldige Bekanntgabe an. Kaum Details bekannt

Innerhalb von zwei Tagen wollen die Taliban die Zusammensetzung ihrer künftigen Regierung bekannt geben. Dies sagte der stellvertretende Taliban-Chefunterhändler Scher Muhammad Abbas Stanaksai am Mittwoch gegenüber dem paschtusprachigen Programm der BBC. Laut Stanaksai werde die Regierung eine integrative sein, also auch Personen enthalten, die keine Taliban seien.

Die bisher unabhängige afghanische Nachrichtenagentur Khaama Press berichtete, die Verhandlungen über die Regierung seien unter Führung von Taliban-Chef Mullah Hebatullah Achundsada am Montag in Kabul abgeschlossen worden. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe wurde hingegen mit „innerhalb von zwei Wochen“ angegeben. Talibansprecher Sabihullah Mudschahid wurde mit den Worten zitiert, die künftige Regierung werde keine Figuren des früheren Regimes enthalten. Sie hätten versagt und würden vom Volk nicht gewünscht.

Laut Stanaksai würden Frauen eine Rolle spielen, jedoch nicht auf Ministerebene. Voraussetzung sei, dass sie nicht mit früheren USA-nahen Regierungen zusammengearbeitet hätten. Stanaksai war in Katars Hauptstadt Doha bisher stellvertretender Leiter des internationalen Taliban-Büros, dem informellen Außenministerium. Seit dem Sieg der Gotteskrieger wurden mehrere westliche Botschaften nach Doha evakuiert. Über das dortige Taliban-Büro laufen die Gespräche westlicher Regierungen mit den Islamisten, etwa über die Ausreise weiterer lokaler Ortskräfte.

Im Rahmen seiner Reise in Sachen Aufnahme schutzbedürftiger Afghanen hielt sich auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Mittwoch in Doha auf. Dort traf er keine Taliban, sondern Katars Außenminister sowie den deutschen Diplomaten Markus Potzel. Der war früher Botschafter in Kabul und danach Berlins Sonderbeauftragter für Afghanistan. Der schnelle Sieg der Taliban verhinderte, dass Potzel im August wieder Botschafter in Kabul wurde. In Doha steht er jetzt in Kontakt mit dem dortigen Talibanbüro und versucht, Garantien für die Ausreise Schutzbedürftiger zu erhalten.

Der wegen dem Evakuierungsdesaster stark unter Druck stehende Maas bemüht sich um die Öffnung von Fluchtwegen für mehr als 40.000 Menschen, für die Deutschland in der Verantwortung steht. Dafür besuchte er die Türkei, Usbekistan, Tadschikistan und Pakistan und verhandelte mit den dortigen Regierungen über die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge. Doch keine war bereit, längerfristig eine weitere größere Zahl zu beheimaten. Begrenzte Zusagen gab es nur für Transitreisen. Indes bemüht sich die Groko in Deutschland, das Thema Flüchtlinge aus dem Wahlkampf herauszuhalten.

Nach Ende der Luftbrücke drängen sich laut Reuters an Grenzübergängen zu Iran und Pakistan Tausende Afghanen, die ihr Land verlassen wollen. Ausschlaggebend dürfte nicht nur die Angst vor den Taliban sein, sondern auch eine sich anbahnende humanitäre Katastrophe. Laut UN-Generalsekretär António Guterres ist fast die Hälfte der afghanischen Bevölkerung – insgesamt 18 Millionen Menschen – auf Hilfe angewiesen. Außer vom Krieg ist das Land auch von einer schweren Dürre betroffen.

Stanaksai zufolge soll innerhalb von zwei Tagen Kabuls Flughafen wieder geöffnet werden. Er war seit dem Abzug der Amerikaner Montagnacht geschlossen. Fraglich ist, ob die Taliban über die benötigten Experten verfügen und in der Lage sind, die dortigen Schäden zu reparieren. Doch haben Katar und die Türkei Hilfe zugesagt. Außenminister Maas erklärte laut dpa, Deutschland habe Interesse daran, bald wieder eine Botschaft in Kabul zu eröffnen, sofern es die Sicherheit erlaube. Dies sei keine Frage von diplomatischer Anerkennung, sondern: „Es geht um die Lösung ganz praktischer Probleme“.

Auch am Mittwoch feierten Taliban ihren Sieg. Der Nachrichtenagentur AFP zufolge fand in der traditionellen Taliban-Hochburg Kandahar eine Parade von Kämpfern in erbeuteten und mit den weißen Talibanflaggen geschückten Humvee-Militärfahrzeugen aus US-Produktion statt. Ein Hubschrauber sei darüber geflogen. Bisher ging man davon aus, dass die Taliban nicht über Piloten verfügen.

Berichten zufolge gab es in der Nacht zum Mittwoch wieder Gefechte am Rande des Pandschir-Tals, der einzigen Region des Landes, die nicht unter Kontrolle der Taliban ist. Laut einem Talibansprecher seien Gespräche mit dortigen Stammesältesten gescheitert, so Khaama Press.

Am Dienstag verteidigte US-Präsident Joe Biden erneut den von ihm angeordneten Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Dies sei die beste Entscheidung für Amerika gewesen, so Biden. Derweil gratulierte das Terrornetzwerk al-Qaida den Taliban zur Machtübernahme in Kabul. Über seinen Propagandaflügel al-Sahab sprach al-Qaida am Dienstagabend laut dpa in einer zweiseitigen Mitteilung von einem „historischen Sieg“.


Frauenprotest am 2.9.2021 in Herat. Foto: Tolo.

Heute bei taz-online und morgen (3.9.) in der Print-taz – hier mit ein paar Zusatzinformationen:

Talib or not Talib

Berichte über Hinrichtungen nähren Zweifel an der Amnestie, die die Taliban ihren Gegnern versprochen haben. Doch nicht immer ist klar, wer Talib ist.

Drei Dutzend Frauen haben am Donnerstag vor dem Gouverneurssitz im westafghanischen Herat für eine Beteiligung in der künftigen Regierung demonstriert (siehe auch hier). Sie hielten Schilder hoch, auf denen sie „Bildung, Sicherheit und Arbeit“ als „unsere Grundrechte“ bezeichneten. „Wir werden nicht still sitzen, wie die Taliban es fordern“, wurde eine der Beteiligten zitiert.

Zuvor hatten Taliban am Mittwoch nach Angaben afghanischer Journalisten, die sich auf örtliche Quellen beriefen (z.B. hier), erneut gegnerische Kämpfer umgebracht, nachdem sie sich ergeben hatten. Auslöser des Zwischenfalls war die vorher vereinbarte Entwaffnung von Kämpfern des Chesisch-e Melli (Nationaler Aufstand), einer lokalen Miliz der bisherigen Regierung, im Distrikt Chedir in der zentralafghanischen Provinz Daikundi. Sie war vom örtlichen Hasara-Kommandeur Muhammad Ali Sedakat vermittelt worden, der sich auf die Seite der Taliban geschlagen und Mitte August einen Deal mit den Taliban geschlossen hatte, der ihnen zur kampflosen Übernahme von Daikundis Provinzzentrum Nili verhalf. Als der Taliban-Provinzgouverneur in Chedir eintraf, sei jedoch auf seinen Konvoi geschossen und bei dem Gefecht mehrere Taliban- und Chesischkämpfer sowie zwei Zivilist:innen getötet worden. Neun Chesisch-Leute seien anschließend exekutiert worden.

Der Bericht verstärkt verbreitete Zweifel an der Amnestie für Angehörige der früheren Regierung und ihrer bewaffneten Kräfte, wie sie die Taliban wiederholt verkündeten. Die BBC berichtete am Dienstag unter Berufung auf „mehrere Quellen“ die Hinrichtung der Polizeichefs der Provinzen Badghis und Farah, Hadschi Mulla Atschaksai und Ghulam Sachi Akbari, durch Taliban. Die Deutsche Welle bestätigte zuvor, dass bei der Durchsuchung des Hauses eines ihrer früheren Mitarbeiter ein Familienmitglied erschossen wurde.

Es gibt Berichte über zusammengeschlagene Journalisten, geschlossene Frauenorganisationen und bedrohliche Hausbesuche, teilweise mit Verhaftungen, bei früheren Offiziellen und zi­vilgell­schaftlichen Ak­ti­vis­t:in­nen, aber auch von Freilassungen von Beamten, die nach dem Umsturz verschwunden waren. Ein Betroffener berichtete, er sei beim neuen Talibangouverneur gewesen, aber „ob als Gast oder Gefangener, war unklar“. Viele Menschen, nicht nur Prominente, sind deshalb aus Angst untergetaucht.

Keine Gnade für die Gegner

Michael Semple, früherer UN- und EU-Mitarbeiter in Afghanistan und Talibankenner, inzwischen an der Queens-Universität Belfast, wertete das im BBC-Radio als Beweis dafür dass die Taliban-Militärkommandeure „nicht die geringste Absicht haben, die Bewegung zu reformieren oder Menschenrechtsstandards einzuhalten“. Diese sei vielmehr „in Panik“, weil sie keinen Plan zum Regieren hätten, meinte er unter Berufung auf Talibankontakte.

Patricia Grossman, bei Human Rights Watch für Afghanistan zuständig, sprach von „polizeistaatsähnlichem Verhalten“, sagte aber auch, dass es bisher „keine landesweiten Massenrepressalien“ gegeben habe und einige „Tötungen sich als Fälle persönlicher Rache erweisen könnten“. Aus dem über zwanzig Jahre von allen Seiten äußerst brutal geführten Krieg sind viele private Rechnungen offen

Auch die niederländische Afghanistan-Analystin Martine van Bijlert spricht von einem „gemischten Bild“. Sie weist daraufhin, dass es bisher keine „Regeln“ für die Talibankämpfer“ gebe, die in den Straßen Polizeiaufgaben erfüllen und deshalb selbst entscheiden könnten, gegen wen sie vorgehen. Im Moment könne aber „jeder mit einer Waffe und in traditioneller Kleidung behaupten, ein Talib zu sein.“ Große Teile Kabuls werden von kriminelle Netzwerken heimgesucht. Laut Van Bijlert sei aber klar, dass die Taliban „wenig Gnade für die zeigen, die sie weiter bewaffnet bekämpfen“.

Zur aktuellen Lage auch dieser Bericht meiner AAN-Kollegin Martine van Bijlert, die auch in meinem Artikel zitiert wird, auf der AAN-Webseite.


Zum Schluss ein Link zu meinem Interview mit dem Schweizer Radio vom 31.8.2021.