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In den letzten Wochen gab es viel Konfusion über die Frage, ob die Taleban Schulbildung für Mädchen verboten haben. Dies kann man insgesamt verneinen. Es gibt in dieser Frage bisher keine offiziellen politischen Richtlinien (siehe auch diesen Bericht von Human Rights Watch), sondern widersprüchliche Aussagen einzelner Talebanvertreter. Taleban-Machthaber in verschiedenen Provinzen haben das unterschiedlich interpretiert, in manchen, aber nicht allen Provinzen als implizites Verbot. Dasselbe gilt für die Betroffenen selbst, also Schülerinnen, Eltern und Lehrerinnen – und für viele Medien.

Quelle: Tolo TV.

Die vorhergehende Regierung hatte Ende Juli bekannt gegeben, dass nach einer landesweiten, Covid-bedingten Schließung im Mai in jenen Provinzen die Schulen in jenen Provinzen wieder öffnen sollten, in denen es weniger als 35 Prozent positive Fälle unter allen Getesteten gibt. (Testzahlen in Afghanistan sind generell sehr niedrig, siehe hier.) Daher waren Schulen für Mädchen und für Jungen bereits zur Machtübernahme der Taleban in Kabul Mitte August wieder geöffnet, aber es war unklar, wie viele und wo.

Am 18. September gab das Taleban-Bildungsministerium bekannt, dass Jungen älter als Klasse 6 ebenfalls wieder in die Schulen zurückkehren könnten, aber sagte nichts über die Mädchenschulen. Die Talebanführung erklärte, Mädchen könnten wieder zur Schule gehen, nachdem eine nationale Regelung dafür gefunden sei, nannten aber keinen Zeitrahmen. Deshalb sind bis heute die meisten älteren Mädchen gezwungen, zu Hause zu bleiben.

Der sanktionsbedingte Mangel an Bargeld unter den Taleban hat auch dazu geführt, dass die Regierungsangestellten seit Monaten keine Gehälter bekommen haben. Dazu gehören auch die Lehrer:innen. Verschiedentlich, etwa in Herat, kam es zu Protesten dagegen. Am 10. November teilte Talebansprecher Sabihullah Muschahed laut der Kabuler Zeitung Hasht-e Sobh mit, die ausstehenden Lehrergehälter für den Monat Assad (Juli/August) seien nun gezahlt worden und die für die darauffolgenden zwei Monate seien „in Arbeit“.

Bereits seit Anfang Oktober gab es Berichte, dass Mädchenschulen jenseits von Klasse 6 wieder öffneten. Am 9. Oktober sendete der unabhängige afghanische Sender Tolo TV ein Video, das zeigt, wie Schülerinnen von Klasse 1 bis 12 in Masar-e Scharif sowie laut Bericht in den Provinzen Kundus und Sarepul wieder zur Schule gehen können.

Ende Oktober sah der private US-Entwicklungshelfer Greg Mortenson, der sich seit vielen Jahren in Afghanistan engagiert, auch ältere Mädchen in der Provinz Badachschan, die zur Schule gingen. Am 8. November berichtete die Nachrichtenagentur AP aus der westafghanischen Metropole Herat unter Berufung auf Eltern, dass dort seit zwei Tagen mindestens 26 Schulen für Mädchen der Klassen 7 bis 12 wieder geöffnet hätten. Aus den ländlichen Gebieten der Provinz Herat gab es allerdings keine Anzeichen über eine Wiedereröffnung. Eine offizielle Bestätigung durch Talebanquellen gab es bisher ebenfalls nicht. Zehn Tage zuvor, am 28. Oktober, hatte die afghanische Nachrichtenagentur aus Herat berichtet, dass der dortige Taleban-Gouverneur Nur Ahmad Islamjar während eines „Treffens mit Repräsentanten von Schulen und der Lehrersvereinigung“ angekündigt hatte, dass die Mädchenschulen „in den kommenden Tagen“ wiedereröffnet würden.

Zuvor hatte bereits das Schwedische Afghanistan-Komitee (SAK), eine große Nichtregierungsorganisation, die seit Jahrzehnten in Afghanistan tätig ist und u.a. zahlreiche Schulen unterstützt, am 5. November auf seinen Webseite bekannt gegeben (hier auf Schwedisch), dass es nach Verhandlungen mit den Taleban Ende Oktober schrittweise alle seine Schulen öffnen konnte. Das beträfe alle 14 Provinzen, in denen das SAK tätig ist, darunter auch jene, die eine Sekundär- und/oder Gymnasialstufe [Lyzeum in Afghanistan] für Mädchen einschließen. Etwa 60 Prozent der etwa 100.000 Kinder, die SAK-Schulen besuchen, sind Mädchen. 3000 von ihnen sind älter als Klasse 6.

Nicht alle SAK-Schulen gehen bis Klasse 12 – entsprechend dem afghanischen System gibt es auch viele Dorf- und sogar Community-Schulen [letztere oft in Privathäusern – siehe AP-Bericht unten im Text], die nur bis Klasse 6 gehen. Die Schüler:innen, die danach weiter die Schule besuchen, gehen dann in höhere Schulen in größeren Dörfern oder im Distriktzentrum. Das ist allerdings nur bei wenigen von ihnen der Fall. Anders Fänge, früherer SAK-Direktor in Afghanistan, sagte dem Verfasser, ab Klasse 6 betrage die Abbruchrate bei Mädchen in Schulen der Organisation 15 Prozent pro Schuljahr. „In staatlichen Schulen ist sie wahrscheinlich noch höher“, sagte er.

Das SAK hatte zunächst mit Talebanbehörden auf Provinzebene verhandelt; dann sei die Genehmigung für alle Schulen gekommen – offenbar von der Talebanführung in Kabul. Auch hier gab es noch keine öffentliche Bestätigung. An den Verhandlungen seien auch lokale Gemeindevorstände islamische Geistliche beteiligt gewesen und hätten auf die Bedeutung gleichberechtigten Zugangs zu Bildung verwiesen.

SAK-Generalsekretär Andreas Stefansson sagte der schwedischen Zeitung Göteborgs-Posten, örtliche Talebanführer hätten die fehlenden Instruktionen aus Kabul als temporäres Verbot von Mädchenbildung interpretiert. Er sagte ferner, das „reflektiere ein bisschen, wie die Taleban arbeiten, dass sie noch nicht in der Lage gewesen sind, ihre Macht wirklich zu konsolidieren und zu verstehen, wie man ein Land regiert“. Stefansson sagte der Zeitung ferner, es sei „unakzeptabel, dass so viele andere Mädchen im Land weiterhin ihr Recht auf Bildung verweigert wird.“

Unter der vorherigen Regierung gingen, z.T. kriegsbedingt, in vielen Gebieten nur wenige Mädchen zur Schule. In der Provinz Urusgan sollen es nach offiziellen Angaben ganze zwei Prozent gewesen sein. Es gab Provinzen, in denen über Jahre kein einziges Mädchen Klasse 12 erreichte. In vielen Distrikten waren überhaupt keine Schulen offen. Laut Save the Children waren 2019 15 Prozent aller Kinder kriegsbedingt vertrieben; zwei von fünf besuchten keine Schule. Im Mai 2020 berichtete die Webseite Foreign Policy aber auch von Mädchenschulen im taleban-kontrollierten ländlichen Südosten, die auch Kinder von Talebanfamilien besuchten.

Zahlen waren unter der alten Regierung waren notorisch unzuverlässig, wurden von Regierungen im Westen aber trotzdem als Beleg für eine Erfolgsgeschichte wiederholt. So musste das Bildungsministerium 2017 zugeben, dass statt der bis dahin behaupteten 11,5 Millionen Kinder nur etwas mehr als sechs Millionen landesweit die Schule besuchten. Durch AAN-Recherchen wurde bekannt, dass das Ministerium z.B. eine Million afghanische Kinder mitzählte, die in Pakistan oder Iran zur Schule gingen und für die die Regierung in Kabul Lehrbücher bereit stellte, sowie jene „22 bis 24 Prozent“ aller Schulkinder, die „abwesend“ waren. Kinder wurden erst aus der Statistik genommen, wenn sie drei Jahre lang fehlten. Auch die Zahlen für Lehrer:innen und Schulen waren zu hoch, nicht zuletzt wegen sogenannter Geisterschulen und -lehrer – also solche, die nur auf dem Papier existierten, für die aber trotzdem Gehälter oder Geldmittel gezahlt wurden, die sich örtliche Machthaber in die Tasche steckten (siehe z.B. hier, ebenfalls AAN).

Hier was AAN 2019/20 in Fallstudien in mehreren Taleban-kontrollierten Distrikten zum Thema Mädchenbildung herausfand (siehe hier und hier):

„Wenn Mädchenschulen nicht bereits geöffnet waren, als die Taleban ein Gebiet übernahmen, haben sie seitdem [keine weiteren] geöffnet. Wenn die Schulen offen waren, berichteten die Befragten von einem generellen Schulverbot für Mädchen über 12 Jahren, mit einer Ausnahme im Bezirk Obeh in Herat. Dort legte die Gemeinde großen Wert darauf, dass alle ihre Mädchen unterrichtet werden, und verhandelte mit den Taleban, auch mit den oberen Klassen fortzufahren, und sie zustimmten, wenn nur weibliche Lehrerinnen eingesetzt wurden und, wenn nicht vorhanden, Mädchen, die die zwölfte Klasse abgeschlossen hatten.“

In den meisten Fällen beschrieben die örtlich Interviewten die Einschränkung auf Klasse 6 eher als Folge einer konservativen Haltung der Gemeinschaft und nicht als Folge der Taleban-Politik. In Dascht-e Artschi (Provinz Kundus), wo im November 2018 eine von zwei örtlichen Mädchenschulen unter die Kontrolle der Taleban geriet, schlossen sie sie nicht, aber ein Ältester aus der Gemeinde sagte, dass ihm Taleban-Mitglieder gesagt hätten, dass Mädchen über dreizehn Jahren nicht studieren dürften. Weiter schlussfolgerten wir:

„Die Taleban ziehen es … vor, dass Mädchen von Frauen oder älteren Männern und von Jungen getrennt unterrichtet werden, was zusätzlichen Platz- und Einstellungsaufwand schafft. Der Mangel an Bildung für Mädchen führt jedoch dazu, dass zu wenige einheimische Frauen für solche [Lehreinnen-] Positionen qualifiziert sind – ein Teufelskreis mit generationsübergreifender Wirkung. … Die Nachfrage der Gemeinschaften nach Sekundarschulbildung für Mädchen war jedoch gering und rührte möglicherweise von Obehs Nähe zu Herat City her, die sowohl offener als einige der südlichen Städte ist als auch der Einfluss der Taleban nicht so stark ist. In Dasht-e Archi, so berichtete AAN, erlaubten es die Taleban, Mädchen von Männern zu unterrichten, aber einige Familien weigerten sich aus diesem Grund, ihre Mädchen zur Schule zu schicken.“

Dem schwedischen Zeitungsbericht zufolge hat jüngst auch die aus Schweden kommende Chefin des Globalen Fonds der UNO für Bildung in Krisen, Yasmine Sherif mit einer nur aus Frauen bestehenden Delegation das Taleban-Bildungsministerium besucht und auf klare Information bezüglich von Mädchenbildung gedrungen. „Sie haben gesagt, dass sie einen Plan [für Mädchenbildung] entwickeln, und wir haben Druck ausgeübt, diesen schnell fertig zu stellen, aber sie haben uns versprochen, dass es Mädchen erlaubt sein werde, die Schule einschließlich der Gymnasialstufe zu besuchen“, sagte sie. Sie sei nun „vorsichtig optimistisch“.

Bereits Ende Oktober hatte ebenfalls die Nachrichtenagentur AP aus Salar, einem Dorf in der Provinz Wardak südlich von Kabul, berichtet, dass die dortige Bevölkerung – die den Sieg der Taleban im August begrüßt und sogar gefeiert hätten – die Taleban dazu gebracht hätten, dort erstmals seit 20 Jahren eine Mädchenschule zu akzeptieren. Die Schule, die bis Klasse 6 geht, wurde vor zwei Monaten eröffnet. Sie ist eine sogenannte Gemeindeschule und wird im Rahmen einer landesweiten, bereits Ende 2020 mit den Taleban vereinbarten Programms von UNICEF finanziert (mehr in meinem Bericht hier: https://thruttig.wordpress.com/2021/10/20/regierungsunfahige-sieger-eine-zwischenbilanz-nach-zwei-monaten-taleban-herrschaft/). Der Unterricht findet im Haus eines örtlichen Stammesältesten statt, der auf Wunsch der Bevölkerung auch der Lehrer ist. Die gelehrten Fächer beinhalteten Koranrezitation, Mathematik und Kalligrafie. Die Taleban hätten angeordnet, gegenüber dem früheren staatlichen Lehrplan die Stunden für religiöse Erziehung zu erhöhen, und sie hätten das Ende Oktober auch bei einem Besuch kontrolliert. Das werde von den meisten Dorfbewohnern unterstützt.