Seit über 40 Jahren ist der Freundeskreis Afghanistan e.V. (FKA) in Afghanistan aktiv.(*) Er entstand 1980 aus einer Initiative ehemaliger Entwicklungshelfer, Lehrer und Afghanen und ist ausschließlich ehrenamtlich tätig. Fast alle Mitglieder haben in den 60er und 70er Jahren und auch danach in Afghanistan gelebt und gearbeitet. Die FKA-Projekte werden durch Spenden und Mitgliederbeiträge finanziert und fallweise auch durch projektgebundene Mittel anderer, größerer Organisationen kofinanziert.

Seit 1982 fördern der FKA Selbsthilfeinitiativen im ländlichen Bereich, u.a. in einem „Schwerpunkt Bildung“. Das größte Projekt in diesem Bereich ist im Distrikt Jaghori, im von Hasaras bewohnten Westteil der Provinz Ghasni. Zum Projekt gehören:

  • Bau und Instandhaltung von Schulgebäuden für Mädchen und Jungen
  • Zahlung von Essenszuschüssen für Lehrerinnen und Lehrer („food allowance“)
  • Beschaffung und Finanzierung von Lehr- und Lernmitteln
  • Alphabetisierungskurse für Frauen und Mädchen

In Jaghori unterrichten zur Zeit 160 Lehrer:innen (31% davon Frauen) an zehn Schulen etwa 3.000 Schüler:innen, davon 42% Mädchen. Diese Zahlen schließen schon die Abgänge durch die Taleban-Restriktionen ein, sonst wären es mehr Schülerinnen. Die bisherige Regierung zahlte circa zwei Dritteln der Lehrer:innen an der FKA-Schulen ein Monatsgehalt, oft allerdings mit großer Verspätung. Ob und wie das unter den Taleban weitergeht, ist bisher unklar. Etwa ein Drittel des Lehrpersonals bekam keinerlei Geld und wird vom FKA bezahlt. Diese Gelder reichen im Moment natürlich nicht, um alle Lehrer:innen zu bezahlen. Der FKA hat das Schulkomitee deshalg gebeten, dass es die „Gehälter“ gerecht verteilen soll, nach Anwesenheit und Bedürftigkeit.

Überwiegend mit Geldern von Kofinanzierern hat der FKA in den vergangenen Jahren zehn Schulneubauten errichten können sowie mehrere Erweiterungsgebäude, die aufgrund der immer größeren Schülerzahlen notwendig wurden. 

Sämtliche Schulbauten werden traditionell in massivem Bruchsteinmauerwerk mit Lehmdach gebaut und haben meist sechs Klassenräume sowie Bibliothek, Labor, Lehrerzimmer und einen Abstellraum. Ein separates Toilettengebäude gehört ebenfalls dazu ebenso wie ein Brunnen zur Trinkwasserversorgung.

FKA-Projekt Lycee Fatimah (Shuhada High school) in Tabqus, Jaghori. Foto: FKA.
Im Bau befindliche Schule aus Feldsteinen in Karez-e Patu (2020). Foto: FKA.

Wegen der sich über die vergangenen Jahre in Folge des Vormarsches der Taleban verschlechterten Sicherheitslage wurde es zuletzt unmöglich, die Projektpartner bei den bis dahin üblichen Projektreisen in Jaghori zu besuchen. Bei den damit verbundenen Kämpfen wurden oft auch Zivilisten getötet (ein AAN-Bericht über Kämpfe im Gebiet Jaghori hier). Später wurde es auch für diese riskant, zu Treffen nach Kabul zu kommen, da die Taleban Fahrzeuge durchsuchten und, wenn sie Projektunterlagen fanden, man Gefahr lief, der Zusammenarbeit mit Ausländern beschuldigt zu werden. Vor allem in der letzten Phase des Krieges, zwischen Mai und August 2021, gab es unter vielen Hasaras Furcht vor Massakern und weitreichenden Zerstörungen.

In Jaghori blieb das glücklicherweise aus. Die örtlichen Ältesten beschlossen, den Taleban keinen Widerstand entgegen zu setzen. Im jüngsten FKA-Infobrief heißt es (auch auf der Webseite nachzulesen): „Erleichtert waren wir vom Freundeskreis, dass die Taleban bei ihrem Marsch durch unser Projektgebiet keine der angekündigten Morde an den schiitischen Hazara begangen, noch die Schulen zerstört haben. …Erschüttert sind wir vom Freundeskreis über die herrschende Hungersnot und die wachsende Teuerung, die auch durch die lang anhaltende Trockenheit entstanden sind. Corona, ja, die gibt es auch, doch erst am Ende der Skala nach Hunger, Geldnot – bisher werden staatliche Mitarbeiter nicht entlohnt – ständige Angst und Unsicherheit und Arbeitslosigkeit von LehrerInnen, die nicht mehr unterrichten dürfen.“

Dort heißt es auch, dass die örtlichen Projektpartner – u.a. ein seit vielen Jahren tätiges Schulkomitee – „ihre baulichen und schulischen Aktivitäten… trotz der von den Taleban verhängten Einschränkungen weiterführen.“ Dies geht auch aus dem jüngsten Projektbericht des Schulkomitees mit Stand Oktober/November 2021 hervor, den ich hier in Auszügen wiedergebe:

Bericht vom Schulprojekte in Jaghori

Die Taleban überfielen im August auch unseren Nachbardistrikt [Malestan – dabei wurden Einwohnern zufolge 43 Menschen – Zivilisten und Angehörige der Sicherheitskräfte – getötet , Wohnhäuser und Geschäfte zerstört; siehe Tolonews], dabei stießen sie auf Widerstand, richteten dadurch ein Blutbad an und lösten eine Massenflucht aus. Unsere Bevölkerung beschloss daraufhin, sich nicht gegen eine zu erwartende Taleban-Invasion zu wehren, so sind wir von Gewalt verschont geblieben. Nun, nach der für uns doch überraschend schnellen Machtübernahme der Taleban, fühlen wir uns wieder in die Jahre vor 2001 versetzt. Alle unsere Träume sind zerplatzt. Auch der Traum einmal eine Zukunft in Frieden zu erleben, sehen wir in dunklen Wolken vorüberziehen. Ungefähr sechzig Familien haben in dieser Zeit unseren Distrikt aus Furcht vor Repressalien verlassen.

In den ersten Wochen dachten auch wir alle daran so schnell als möglich unser Land zu verlassen, um unsere Leben zu retten. Doch die Frage „Wohin“ war schnell beantwortet, es gab für uns keine Chance mit unseren großen Familien in eine unbestimmte Zukunft im Exil aufzubrechen. Allein der Gedanke unser Leben hier in unserem Zuhause, Land und Tiere, unsere Heimat, auch unseren Lebensmittelpunkt, die besonders in den letzten zwanzig Jahren aufgebaute Schullandschaft, die zehn Schulen umfasst zu verlassen, brach uns das Herz. 

All das Erreichte, die Fortschritte im Bildungswesen, die Schülerinnen und Schüler im Stich zu lassen fiel uns zu schwer. Uns wurde klar, wir werden hier gebraucht, denn unser Wissen und unsere Fähigkeiten können wir nur hier und nicht in fremden Ländern sinnvoll einbringen. Deshalb entschieden wir zu bleiben, uns mit der Situation zu arrangieren und unsere Arbeit so gut es geht, mit Augenmaß und der nötigen Vorsicht, unter den neuen Bedingungen fortzusetzen. 

Bei dieser Entscheidung war und ist es ein starker Trost, dass Ihr, der Freundeskreis,  uns in dieser schweren Zeit immer wieder Mut macht und versichert, weiterhin in jeglicher Hinsicht unterstützend an unserer Seite zu stehen.  Für diesen Hoffnungsschimmer, diese unerschütterliche Freundschaft und Vertrauen sind wir so dankbar. 

Allgemeine Situation: Die wirtschaftliche Lage ist auch in unserem Distrikt Besorgnis erregend, um nicht zu sagen dramatisch.

Es herrscht Arbeitslosigkeit, staatliche Löhne werden zurzeit nicht ausgezahlt und somit können die Menschen die enorm gestiegenen Lebenshaltungskosten kaum noch aufbringen. Die Preise haben sich teilweise mehr als verdoppelt: 

1 Kanister Öl von 1800 auf 2900 Afs, 

1 Liter Benzin von 35 auf 80 Afs. 

1 Sack Getreide von 2900 auf 3900 Afs = 37,50 Euro  

(Anmerkung Redaktion: Lehrergehalt durchschnittlich 80,– Euro/Monat)  

Zu den Preissteigerungen und Verschlechterung der Lebensbedingungen siehe auch diese AAN-Berichte, hier und hier.

Vieles davon muss zu gestiegenen Preisen importiert werden, auch daher erwarten wir für den kommenden Winter einen Mangel an Lebensmittel und Heizmaterial. Durch die große Trockenheit im ganzen Land fielen in diesem Jahr die Ernten sehr schlecht aus. Es gibt nur unzureichende medizinische Versorgung in unserem Distrikt, schwere Erkrankungen können nur in Kabul behandelt werden, die mit hohen Kosten für die Menschen verbunden sind. Die Bevölkerung leidet darunter sehr, zusätzlich nun auch unter den bedrückend einschneidenden Beschränkungen des Alltags durch die Taliban. Es herrscht eine Atmosphäre der Angst und Hoffnungslosigkeit. 

Situation in der Schullandschaft: Gute Nachrichten gibt es aber auch, nämlich dass nach der Machtübernahme die Schulgebäude bisher unversehrt sind und auch nach den bangen ersten Wochen wieder geöffnet werden konnten. 

Allerdings dürfen die Mädchen nur bis zur 6. Klasse und nur von Lehrerinnen oder sehr alten Lehrern (70 Jahre aufwärts!!) unterrichtet werden (siehe mein taz-Artikel hier). Bisher haben 70% der jungen Lehrer in den höheren Klassen der Mädchenschulen unterrichtet. Somit sind nun viele junge männliche Lehrkräfte arbeitslos und es fehlen Lehrerinnen, die diese ersetzen können. 

Gegenwärtige Mädchenschule in Jaghori. Foto: Schulkomitee Jaghori.

Dennoch können wir den Schulbetrieb in dem gegebenen Rahmen aufrechterhalten. Wir freuen uns, dass die Eltern ihre Kinder auch in diesen dunklen Zeiten in unseren Schulen gut aufgehoben wissen. Sie wollen ihren Kindern auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft zumindest alles an verfügbarer Bildung mitgeben.

Trotz großer Angst haben bisher alle jungen Schülerinnen es sich nicht nehmen lassen zur Schule zu kommen, unter jeweiligen Abwägungen ob der Schulweg gerade auch sicher ist. Bitter ist für alle Lehrer und Lehrerinnen, dass bisher keine Gehälter bezahlt worden sind, dennoch haben sie sich entschieden weiter zu unterrichten. Hilfreich ist dabei die finanzielle Unterstützung des FKA, für die wir Lehrer und Lehrerinnen unendlich dankbar sind, damit werden unsere großen Sorgen zu Überleben etwas gelindert. Besonders beklagenswert sind aber die Schülerinnen, die nun nach der 6. Klasse die Schule verlassen müssen. Sie sind verzweifelt und versuchen sich gegenseitig aufzufangen und den Unterricht zuhause zu organisieren. 

Die Mädchen, die in diesem Jahr noch vor der Taleban Übernahme die Klasse 12 hervorragend abgeschlossen und ein Studium angestrebt haben, sind am Boden zerstört. Allein die Hoffnung, dass die Taleban sich doch noch entscheiden, die Universitäten auch für Mädchen wieder zu öffnen, hält sie aufrecht. Zumindest Ärztinnen werden auch weiterhin dringend gebraucht, da Männer ja keine Frauen behandeln dürfen. Auch daher hoffen wir, dass in Zukunft die Mädchen wieder bis zum Abitur (12.Klasse) unterrichtet werden dürfen, um den Zugang zu Universitäten zu erreichen – „Inshallah!“

Projekte: Unter diesen Bedingungen die aktuellen und geplanten Projekte am Laufen zu halten, ist für uns eine große Herausforderung. Der Besuch der Schulen und Projekte kann nur unter vorausschauenden Sicherheitsmaßnahmen für uns und die Besuchten erfolgen. Dennoch ist es uns gelungen alle Schulen zu besuchen und eine Bestandsaufnahme zu machen.

Covid ist auch bei uns noch immer ein Thema und das Tragen einer Maske in einigen Schulen vorbildlich.

Vor allem konnten wir Unterrichtsmaterial verteilen und damit bei den SchülerInnen viel Freude spenden, denn es fehlt oft am Nötigsten, wie Hefte und Stifte.

Wenn sich auch Resignation bei SchülerInnen und LehrerInnen bemerkbar macht, wollen doch alle die verbleibenden Bildungschancen nutzen. Wir konnten einige Videos und Fotos von den SchülerInnen aufnehmen, Euch schicken und damit zeigen, dass die Kinder trotz allem auch fröhlich sind und gerne lernen. In allen Schulen wurden wir inständig darum gebeten, den FKA zu bitten, die bisherige finanzielle Unterstützung fortzusetzen.

Foto: Schulkomitee Jaghori.

Trotz der angespannten Lage konnten wir die begonnenen Renovierungen unter Sicherheitsvorkehrungen durchführen, bzw. werden sie noch vor Winterbeginn abschließen können. Als Beispiel in den Fotos: Erneuerungen von Türen und Fenstern, bzw. Innen- und Außenarbeiten an verschiedenen Schulen. 

Noch nicht fertiggestellt konnte ein bereits im letzten Jahr begonnener Schulneubau. Hier hat es durch Corona eine Bauverzögerung von einem Jahr gegeben. In der Zwischenzeit haben sich die Kosten für Baumaterialen und Arbeitslöhne mehr als verdoppelt und das benötigte Material konnte daher nicht beschafft werden. 

Auch nach der Taleban-Übernahme ruhten die Arbeiten; aus Sicherheitsgründen mussten die Arbeiten ausgesetzt werden. 

Nun ist die Schule noch im Rohbau, Fenster und Türen sind einbaubereit. Vereinbarungsgemäß wurde das Geld für die Finanzierung des Dachs durch die Bevölkerung aufgebracht und fertiggestellt. Jetzt mussten wir für die Arbeiten des Innenausbaus neu kalkulieren, und stellten fest, dass zur Fertigstellung ca. 10.000,– Euro zusätzlich aufgebracht werden müssen. 

Fast in jeder der von Euch unterstützten Schule sind durch die anhaltende Trockenheit die Brunnen versiegt und müssten dringend vertieft werden. Die Bevölkerung hat sich für Hilfsarbeiten bereit erklärt, jedoch die kalkulierten, enormen Kosten von circa 12.000,– Euro für den Maschineneinsatz im felsigen Gelände können sie nicht aufbringen. Wir bitten den FKA um Unterstützung, damit die Kinder in ihren Schulen sauberes Trinkwasser aus den Brunnen schöpfen können.

Zum Schluss sprechen wir unseren großen Dank dafür aus, dass Ihr uns über so viele Jahre unterstützt, uns vertraut, die für uns gespendeten Gelder in Absprache mit Euch sinnvoll und nachhaltig einzusetzen. Unsere freundschaftliche Partnerschaft ist stetig gewachsen, wir konnten viel zusammen erreichen. 

Liebe Freunde, Ihr konntet aus Sicherheitsgründen in den letzten Jahren nicht mehr in unsere Schullandschaft reisen, um Euch mit eigenen Augen von unserer Arbeit für die Schulen, Kinder und LehrerInnen zu überzeugen. Aber Ihr schenkt unseren ausführlichen Berichten, vielen Fotos und Videos stets Glauben, das ist nicht selbstverständlich. Durch dieses Vertrauen fühlen wir uns geehrt und angespornt unsere Arbeit, auch unter schwierigen Bedingungen, solange es uns möglich ist, fortzusetzen. 

Im Namen der Bevölkerung, aller SchülerInnen und LehrerInnen bitten wir Euch inständig uns auch in Zukunft in unserer Not beizustehen. 

Diese Erstklässlerinnen breiten ihre Arme aus, um Euch zu zeigen: „So groß ist unsere Dankbarkeit.“

Foto: Schulkomitee Jaghori.

Auch wir sagen: „Millionenfacher Dank Euch und Euren Spendern: 

„Lange mögt Ihr in Gesundheit leben!“

Euer Schulkomitee, Okt./November 2021

Der FKA möchte nun seinen langjährigen vertrauenswürdigen Partnern etwas großzügiger helfen, die arbeitslosen LehrerInnen unterstützen und deren „Gehälter“ erhöhen, damit sie und ihre Familien überleben können. Die trocken gefallenen Brunnen müssen tiefer gebohrt werden, was bedeutet, dass sie tiefer in den steinigen Untergrund gesprengt werden müssen. Dafür müssen Fachkräfte bezahlt werden.

Wer das unterstützen möchte, kann das über dieses Konto tun, gern auch mit regelmäßiger Spende:

Freundeskreis Afghanistan e.V.

Spendenkonto

Sparkasse Mainfranken Würzburg

IBAN: DE 12 7905 0000 0042 0201 31   BIC: BYLADEM1SWU

Und wer noch ein schnelles Weihnachtsgeschenk braucht – siehe hier.

Zeugnisausgabe in einer FKA-Projektschule in Jaghori (2011). Foto: FKA
Zeugnisausgabe in einer FKA-Projektschule in Jaghori in besseren Zeiten (2011). Foto: FKA

(*) Transparenzhinweis: Ich bin (meist nur zahlendes) Mitglied beim FKA. Siehe auch unten.


Hier noch ein Kommentar, den ich 2018 für das FKA-Info verfasste – über die vom Verein geförderte und dann vom afghanischen Bildungsministerium ausgezichnete Tabqus-Mädchenschule, ebenfalls in Jaghori – mit dem ich auf Probleme im afghanischen Bildungswesen und die von der Bundesregierung übr die vergangenen 20 Jahre fast völlig ignorierte Rolle von Afghanistan-Vereinen wie dem FKA aufmerksam machen wollte. Mein Vorschlag, dass Mitglieder der Bundesregierung bei einem Afghanistan-Besuch mal dort oder einer ähnlichen Schule vorbeischauen, blieb „natürlich“ ungehört.

Doppelvorbild Tabqus – ein Kommentar, Thomas Ruttig

Die FKA-unterstützte Mädchenschule Lycee Fatimiah in Tabqus ist ein positives Beispiel gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen für das sonst übel beleumundete öffentliche afghanische Bildungssystem, das positive Beispiele dringend nötig hat. Das hat offenbar auch die Regierung bewogen, dies mit der … erwähnten Auszeichnung anzuerkennen.

Die Provinzbehörden in Paktika, zum Beispiel, mussten Ende 2016 zugeben, dass dort – weil so-genannte traditionellen Werte im Weg stünden (noch einmal siehe Latifas Bericht) – in den vergangenen 15 Jahren nur 20 Mädchen die 12-klassige Schule abgeschlossen hätten. NROs sagen, selbst das sei übertrieben.

Solche raren Meldungen in afghanischen Medien zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Eine unabhängige Evaluierung des afghanischen Bildungsministeriums durch das sogenannte Monitoring and Evaluation Committee (MEC), die im Oktober 2017 veröffentlich wurde (Analyse auf Englisch bei AAN zu finden, unter dem Titel „Bildung – ein korrumpiertes Ideal“), ergab ein niederschmetterndes Bild. Das Ministerium, größter Arbeitsgeber im zivilen Sektor, ist „systemisch“ in Korruption versunken – von “Schul-Level-Problemen, wie Schmiergeldzahlungen, um Zeugnisse zu manipulieren bis ins Ministerium, wo Kernprogramme wie Schulneubau und Lehrbuchverteilung von Korruption durchzogen sind.” Jahrelang haben Minister, vom Applaus der Gebergemeinschaft ermutigt, die das gern als Erfolgsgeschichte verkauften, die Einschulungszahlen nach oben gelogen. Dabei wären die realen Zahlen immer noch eine Erfolgsgeschichte, auch wenn sie statt bei 13 Millionen wahrscheinlich eher bei 6 oder 7 Millionen liegen. (Niemand kann überhaupt eine verlässliche Zahl nennen, und das gleiche gilt für die Zahl der Lehrer – siehe einen weiteren AAN-Bericht hier.).

Zum zweiten ist die Schule in Tabqus auch ein Beispiel dafür, wie kleine Vereine wie der FKA in jahrzehntelanger, ehrenamtlicher Tätigkeit im nervenaufreibenden Kampf um Finanzierung (Rückzug der Ko-Finanzierer und vermindertes Spendenaufkommen) eine Nachhaltigkeit in ihren Projekten erreichen können, die sich die „große“, das heißt staatliche Entwicklungspolitik oft nur wünschen kann.

Vielleicht sollten MinisterInnen wie Ursula von der Leyen, Sigmar Gabriel oder Gerd Müller vom BMZ bei ihrem nächsten Trip „an den Hindukusch“ mal einen Abstecher nach Jaghori unternehmen. Es wird Zeit, dass die Bundesregierung – die im Moment händeringend (wenn auch nicht öffentlich) nach einer sinnvollen Verwendung ihrer bis 2020 jährlich zugesagten 430 Millionen Euro an zivilen Entwicklungsgeldern sucht – die Arbeit von Vereinen wie dem FKA, dem Hamburger Afghanistan-Schulverein oder OFARIN endlich auf ihren Schirm bekommt. Diese Arbeit nämlich hat in Gegenden wie Jaghori, Tschak-e Wardak oder Aqcha den Ruf der Deutschen als gute und verlässliche Helfer mitbegründet, den die Verwischung der Grenze zwischen der militärischen und der entwicklungspolitischen Sphäre durch den ISAF-Einsatz nach 2001 gefährdet hat (siehe hier in meinem Blog).

Es ist Zeit, dass diese Vereine eine weniger bürokratische, verlässliche staatliche Förderung erhalten, damit sie und ihre Projekte – deren Erreichbarkeit die schlechte Sicherheitslage nun fast unmöglich macht – trotzdem weitermachen können.

Als (meist nur zahlendes) FKA-Mitglied drückt deshalb dieser Kommentar nur meine eigene und nicht die FKA-Meinung aus.