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Der folgende Artikel erschien am 13.1.2022 online bei der taz und am Folgtag in der Druckausgabe. Hier eine Fassung mit erheblichen substanziellen Ergänzungen, die [in eckigen Klammern] stehen.

Afghanisch-pakistanischer Grenzzaun, noch mit alter afghanischer Nationalflagge. Quelle: ToloNews.

Jets, Guerillakrieg und Grenzgefechte 

Erste Spannungen zwischen den Taleban und mehreren Nachbarländern

Zum ersten Mal seit der Machtübernahme der Taleban im vergangenen Sommer gibt es Spannungen zwischen Afghanistan und mehreren Nachbarländern. Verteidigungsminister Muhammad Jakub Mudschahed, Sohn des verstorbenen Talebangründers Mullah Muhammad Omar, forderte am 11. Januar Usbekistan und Tadschikistan in scharfen Worten auf, afghanische Militärfluggeräte zurückzugeben. Jakub warnte die Regierungen beider Länder in einer Rede in Kabul: „Mit Respekt rufe ich Usbekistan und Tadschikistan auf: Stellt unsere Geduld nicht auf die Probe und zwingt uns nicht zurückzuschlagen mit dem, was uns zur Verfügung steht“ – offenbar ein Verweis auf die vielen modernen Waffen aus US-Produktion, die den Taleban beim Fall Kabuls in die Hände fielen. [„Wir haben bisher eine Menge toleriert, lange gewartet“, so Jakub.]

Mullah Muhammad Yaqub.

Seine wenig diplomatischen Drohungen könnten Wasser auf die rhetorischen Mühlen zentralasiatischer Autokraten, aber auch Russlands leiten. Wie zuletzt der kasachische Präsident Kassim-Schomart Tokajew während der dortigen Unruhen weisen sie gern auf angeblich von Afghanistan ausgehende Terror-Gefahren hin, um von hausgemachten innenpolitischen Problemen abzulenken. [Tokajew erwähnte Afghanistan nicht direkt, sprach aber von „ausländischen Kämpfern“, darunter solchen „nicht-kasachischer Sprache“.] Tadschikistans Präsident Emomali Rahmon erklärte am 10.1.2022 bei einer Videokonferenz der Mitgliedsstaaten des russisch geführten Militärbündnisses ODKB (Vertragsorganisation über Kollektive Verteidigung), das Truppen nach Kasachstan entsandt hatte, es gebe 40 Terrorcamps in Nordost-Afghanistan [mit über 6000 Kämpfern], wo auch zentralasiatische „Terroristen“ trainierten. [Man wisse „sehr gut, dass seit der zweiten Hälfte August 2021 Tausende Mitglieder von Daesh [dem Islamischen Staat], al-Qaeda, [der tadschikischen Gruppe] Ansarullah, Hezb ut-Tahrir aus Gefängnissen in Afghanistan entlassen wurden.” Daesh habe seine Positionen in Afghanistan gestärkt. Die erhöhte Aktivität internationaler terroristischer Gruppen in Afghanistan beeinflusse „direkt die kollektive ODKB-Sicherheitszone… Wir müssen einen Sicherheitsgürtel um Afghanistan schaffen,” sagte Rahmon.]

Ein Taleban-Sprecher erwiderte, es liege „keinerlei Wahrheit“ in diesen Behauptungen. [„Wir versichern allen Ländern der Welt, dass es keine Bedrohungen von Afghanistans Territorium gegen sie geben wird.” In der Tat haben die Taleban die Aktivitäten verbündeter Gruppen unter Kontrolle genommen, um laut der Abzugsvereinbarung mit den USA vom Februar 2020 zu verhindern, dass diese gegen die USA „und deren Verbündete“ (was nicht genau definiert ist; einige zentralasiatische Republiken unterstützten aber die US-Militäroperationen in Afghanistan. Meine genaue Analyse der Verpflichtungen aus dem US-Taleban-Abkommen und seiner Umsetzung hier.)]

Zum einen geht es bei dem Konflikt zwischen den Taleban sowie Usbekistan und Tadschikistan um drei Militärhubschrauber, mit denen der afghanische Ex-Präsident Aschraf Ghani am 15. August auf seiner Flucht auch für die Regierung in Taschkent unerwartet in der usbekischen Grenzstadt Termes landete. Ghani reiste von dort nach Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten weiter, wo er sich bis heute aufhält. Ihm hängen Vorwürfe an, auch von ehemaligen Verbündeten, dabei hätten er oder Mitglieder seiner Entourage Millionen an Staatsgeldern mitgehen lassen. Der US-Sondergeneralinspekteur für den Afghanistan-Wiederaufbau erklärte bereits im Oktober im US-Kongress, er werde diese Vorwürfe untersuchen.

Dazu kommen US-Medien zufolge „über 40“ Kampfjets, die regierungstreue afghanische Piloten in den Umsturzwirren nach Tadschikistan und Usbekistan flogen, um sie dem Zugriff der Taleban zu entziehen. [Einem Medienbericht zufolge waren in Masar-e Scharif stationierte Kampfflugzeuge nach dem Fall dieser Stadt am 14. August von ihrem Kommandeur zunächst nach Kabul beordert worden, in der Annahme, dort würde weiter Widerstand geleistet, was dann nicht geschah. In dem Bericht hieß es weiter, auf Satellitenbildern seien „22 Kleinflugzeuge und 24 Helikopter“ auf dem Flugplatz von Termes zu erkennen gewesen. Bei den Flugzeugen habe es sich um 5 leichte Cessna 208B-Jets und “wahrscheinlich” 11 Pilatus PC-12-Aufklärungsmaschinen gehandelt. Die USA hatten sich stets geweigert, den afghanischen Luftstreitkräften schwerere Kampfjets zu liefern, weil befürchtet wurde, sie könnten gegen Pakistan eingesetzt werden. Die Hubschrauber seien 19 Mi-8/Mi-17 russischer Bauart und sieben UH-60 Black Hawk-Transporthubschrauber aus US-Produktion. 16 weitere Fluggeräte seien auf dem Flugplatz von Bochtar, in Tadschikistan gelandet.]

Hinter dem Manöver schien Ghanis Vizepräsident und Ex-Geheimdienstchef Amrullah Saleh zu stecken, der schon vor 2001 von Tadschikistan aus den bewaffneten Anti-Taleban-Kampf der damaligen Nordallianz mitdirigierte. Damals brachte die Allianz über eine dort von Russlands Armee genutzte Militärbasis Nachschub nach Afghanistan. In Tadschikistan sitzt nun die Nationale Widerstandsfront (NWF), ein Nachfolger der Nordallianz. Sie versucht, in Afghanistans kleinster Provinz, dem Pandschirtal, und Teilen Nordost-Afghanistan einen Guerrillakampf am Laufen zu halten. 

[Bis zum 6. September hatten ihre Kämpfer vier Wochen lang das Pandschir, nördlich von Kabul, als letzte der 34 Provinzen dem Zugriff der Taleban entzogen (mehr Hintergrund dazu hier). Beide Seiten verhandelten zwar zunächst, aber vergeblich. Zu weit lagen ihre jeweiligen Forderungen auseinander. Die NWF wollte eine Machtteilung, die Taleban bestanden auf vorheriger Kapitulation. Dann setzten die Taleban ihre Truppen in Marsch, die NWF musste sich aus den Ortschaften zurückziehen. Teile ihrer Verbände kapitulierten, um Opfer in der örtlichen Bevölkerung abzuwenden. Andere erklärte den Beginn eines Guerrillakampfes. Das führte zu Zerwürfnissen in der Front. Zuvor hatten die Taleban auch Mitglieder im  oder aus dem Pandschir rekrutiert (mehr dazu von Augenzeugen hier), die ihnen halfen, die NWF-Verteidigungslinien zu umgehen. Seither meldete die NWF wiederholte kleinere Scharmützel. Im November soll der Taleban-Distriktgouverneur von Wardudsch (Provinz Tachar) getötet worden sein, als er versuchte, einen lokalen Milizenchef festzunehmen, der sich der NWF angeschlossen haben soll. Es ist ebenfalls möglich, dass einige der regelmäßig gemeldeten kleineren Bombenanschläge auf Taleban-Mitglieder (siehe z.B. hier), die oft dem IS zugeschrieben werden, auch mit NWF- oder Mitgliedern des früheren Geheimdienstes oder regierungstreuer Milizen zu tun haben könnten.]

Tadschikistans Präsident Emomali Rahmon erlaubt der Front darauf, eine politische Vertretung in seinem Land zu eröffnen. Die firmiert als Büro der bisher in Afghanistan tätigen Ahmad-Schah-Massud-Stiftung, benannt nach dem 2001 von al-Qaeda-Leuten ermordeten Anführer der Nordallianz und Vater des NWF-Chefs, des 32-jährigen Ahmad Massud. [Sie wird offenbar vom bisherigen afghanischen Botschafter in Duschanbe, Zahir Aghbar [oder Akbar] geleitet, der sich von den Taleban distanziert hat. Tadschikistans Präsident Rahmon hat seine Politik, die Taleban nicht anzuerkennen, einem regionalen Medienbericht zufolge wiederholt als „Solidarität mit der tadschikischen Bevölkerung in Afghanistan“ bezeichnet, die seiner Ansicht nach von der neuen Regierung ausgeschlossen blieb. Gleichzeitig aber nahm Tadschikistan seit August keine zusätzlichen afghanischen Flüchtlinge auf und schob dem zitierten Bericht zufolge einige sogar ab.] 

Ahmad Massud. Quelle: ToloNews.
Ahmad Shah Massud ergänzt ein Verkehrszeichen.
Foto Ahmad Shah Massuds auf einem Verkehrszeichen in Kabul. Foto: Thomas Ruttig

NRF-„Außenminister“ Ali Maisam Nasari richtete zudem in Washington ein Außenbüro der Front ein, [registrierte sie als Lobbyorganisation beim US-Justizministerium] und heuerte US-Lobbyisten an. Die Front wird auch aus rechten Republikaner-Kreisen unterstützt, die wollen, dass sie afghanisches Territorium „befreit“, um weitere Unterstützung akquirieren zu können (siehe dieser Beitrag in einer Neocon-nahen Publikation) – nach dem „Charlie-Wilson-Drehbuch“, wie es in einem weiteren Beitrag in Anspielung auf die US-Hilfe für die antisowjetischen Mudschahedin in den 1980r-Jahren hieß. Sie sprechen sich auch dafür aus, dass die US-Regierung die Taleban-Machtübernahme für illegal erklärt und Massud und Saleh als Repräsentanten der legitimen afghanischen Regierung anerkennen. Senator Lindsay Graham habe sogar aktive Schritte unternommen, um Differenzen zwischen Massud und Saleh auszuräumen. Nach einem afghanischen Medienbericht soll Massud auch den Gründer der berüchtigten Söldnerfirma Blackwater getroffen haben, der bereits der Trump-Regierung angeboten hatte, ein Privatarmee aufzustellen, wenn das US-Militär Afghanistan verlässt.

In den USA ist ein weitere, nach einem Bericht  der New York Times „finanziell gut ausgestattete Gruppe“ aktiv, der Afghanistan-U.S. Democratic Peace and Prosperity Council, der vor dem Fall der Ghani-Regierung dort bereits “eine Handvoll Washingtoner Konsultanten“ unterhielt, die Lobbyarbeit zugunsten des afghanischen Militärs betrieb. Dieser Gruppe strebe nun offenbar an, Mitglieder des bisherigen Parlaments zu repräsentieren, die planen, eine Exil-Regierung zu bilden.]

Auch Iran erlaubt der NWF eine Repräsentanz. In Iran hält sich auch der afghanische Warlord Ismail Chan auf, der zur Nordallianz gehörte, formell aber nicht zur NRF. [Das bestätigte der amtierende Leiter der afghanischen Mission in Teheran, Abdul Qayyum Soleimani, der ein Neffe Ismails ist. Ihm zufolge stimmten die Taleban zu, dass er in seinem Amt bleibt. Ismail Khan hatte im August versucht, den Taleban in seiner Heimatprovinz Herat Widerstand entgegen zu setzen, musste aber ebenfalls kapitulieren, wurde dann aber von den Taleban freigelassen und ging nach Meschhed in Iran, wo er sich nach einer vorherigen Gefangennahme durch die Taleban in den 1990er-Jahren und bis zu deren Sturz 2002 schon einmal aufgehalten hatte.]

Iranische Medien bestätigten, dass Teheran am Wochenende zweitägige Gespräche zwischen ihm, Massud und Taleban-Außenminister Amir Chan Muttaki in Teheran vermittelte hatte. [Dabei wiederholte Massud die Forderung nach einer Machtteilung per Interimsregierung.] Es gab keine Einigung; die Taleban sagten, die NWF-Führer sollten nach Afghanistan zurückkehren und ihre „Beschwerden“ dort vortragen. Es kam zu keiner Einigung.] Aber die Gespräche zeigen, dass die afghanischen Parteien grundsätzlich weiter gesprächsbereit sind.

[Dem bereits zitierten Tolo-Bericht zufolge nahmen für die NWF außer Massud Maulawi Habibullah Hessam (in einem iranischen Medienbericht als Vertreter der Afghanischen Moslembrüder bezeichnet, aber es ist wohl Jamiat-e Islami gemeint); Abdul Hafiz Mansur, ein führendes Jamiat-e-Islami-Mitglied sowie früherer Parlamentsabgeordneter; Hessamuddin Schams, früherer Gouverneur von Badghis; und Abdul Zahir Faissada, früherer Gouverneur von Ghor teil. Es blieb offen, ob weitere Treffen vereinbart wurden. Laut Tehran Times war Massud nur am ersten Tag anwesend.]

Weder Iran noch Tadschikistan, mit seiner Schutzmacht Russland im Hintergrund, werden der Front aber voraussichtlich offene militärische Aktivitäten von ihrem Gebiet aus erlauben. Das könnte den Afghanistan-Krieg neu anfachen, aber auch die guten Arbeitsbeziehungen zu den Taleban belasten. Von übergeordnetem Interesse für alle Beteiligten ist der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), der im Gegensatz zu den Taleban überregionale Interesse verficht. [Aus dem gleichen Grund unterstützt die Biden-Regierung zumindest nicht offen die NWF.]

Afghanisch-pakistanischer Grenzzaun, andere Ansicht. Quelle: ToloNews.

Schließlich ist auch das Verhältnis mit dem regionalen Taleban-Hauptunterstützer Pakistan nicht ungetrübt. Die Taleban rissen Anfang Januar [in der Ostprovinz Kumar] Grenzzäune nieder, die Pakistan ihrer Ansicht nach auf afghanischem Gebiet errichtet hatte. An mehreren Abschnitten der 2640 Kilometer langen, von Afghanistan – auch von den Taleban – nie anerkannten und in großen Teilen nicht markierten, als Durand-Linie bekannten Grenze kam es seit Dezember zu Schießereien. [Vorfälle ereigneten sich in den Provinzen Nimruz und Nangrahar.] Anfang Januar erklärte Maulawi Sanaullah Sangin, Kommandeur der Taliban-Grenzpolizei für die Ostprovinzen, man werde keine neuen Grenzzäune mehr erlauben. Indischen Berichten zufolge sind bereits mehr als 90 Prozent des Grenzverlaufs abgezäunt.

Thomas Ruttig