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Der folgende Text von mir erschien gestern (21.1.2022) abend online bei der taz unter dem Titel „Afghanistan unter den Taliban: Frauen kämpfen in der ersten Reihe“:

Indoor-Protest der Bewegung der Frauen Afghanistans für Gerechtigkeit und Freiheit. Foto: Rokhshana media.

Zwangsverschleierung und Verschwindenlassen

Proteste, Verhaftungen und Morde in mindestens drei afghanischen Städten

Die Taleban haben am späten Mittwoch in Kabul zwei Mitorganisatorinnen der jüngsten Frauenproteste festgenommen, das aber nicht offiziell bestätigt. In der afghanischen Hauptstadt verschafften sie sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung von Tamana Sarjab Pariani, nachdem die junge Frau ihnen nicht geöffnet hatte. Ein Videomitschnitt davon macht seit Donnerstag die Runde in sozialen Medien. Auch drei Schwestern der Frau seien abgeführt worden, so ein Augenzeuge zur Nachrichtenagentur AP. „Immer wenn wir Tamana anrufen, antwortet ein Taleb“, sagte eine Teilnehmerin der Proteste in Kabul (weiteres Video hier) der von Frauen geleiteten Nachrichtenagentur Ruchschana. Laut BBC wurde auch frühere Journalistin Parwana Ibrahimchel [zusammen mit ihrem Schwager] verhaftet.

Am Sonntag hatte eine Gruppe von etwa 25 Frauen protestiert, nachdem in den vorangegangenen Tagen in Kabuls Straßen offizielle Poster auftauchten, in den die neuen Machthaber die Frauen „auffordern“, die islamischen Regeln, darunter auch die Verschleierung, einzuhalten. Die Frauen forderten auch Aufklärung über den Verbleib der Polizistin und früheren Gefängnismanagerin von Herat, Alia Asisi, die seit Oktober verschwunden ist. Sie hielten handgeschriebene Schilder hoch, auf denen unter anderem in englischer Sprache der Slogan „Frauenrechte sind Menschenrechte“ stand und riefen Slogans über Megaphone. Sie warfen eine weiße Burka, die mit roter Farbe befleckt war, auf den Boden und traten sie mit Füßen. Die Burka symbolisiert für sie die von den Taleban zunehmend institutionalisierte Entrechtung der Frauen. Taleban-Polizei stoppte den Protest und setzte Pfefferspray gegen die Frauen ein. [Sie filmten die protestierenden Frauen auch, was offenbar die Voraussetzung für die folgenden Verhaftungen war.]

Die Taleban betrachteten die Form des Protests offenbar als Provokation, denn Weiß ist auch Farbe ihrer Flagge. Sie hatten deshalb bereits die afghanischen Männer aufgefordert, keine weißen Socken zu tragen. Ein Sprecher des Geheimdienstes, Chalid Hamras, erklärte über Twitter, dass solche „Beleidigung der religiösen und nationalen Werte des afghanischen Volkes nicht mehr geduldet wird“ (siehe auch dieses Video mit Talebansprecher Sohail Shaheen). Ein anderer Talebankommandant nannte die protestierenden Frauen „schamlos und ungläubig“. Welche Art von Verschleierung genau die islamische Lehre vorschreibt, ist auch unter Islamgelehrten umstritten. Am Donnerstag gingen Frauen in Kabul in Verteidigung der Verschleierung auf die Straße. Dabei trugen sie einheitlich aussehende Poster mit Taleban-Insignien.

Zuvor nahmen die Taleban den Aktivisten Asam Asemi fest, der in Kabul Proteste gegen einen geplanten, dann abgesagten Besuch von Pakistans nationalem Sicherheitsberater Moeed Yusuf organisiert hatte. In Kandahar wurde Hakim Ulfat verhaftet, der online den Gebrauch der Taleban von Fahrzeugen mit pakistanischem Kennzeichen kritisiert hatte. In der vorigen Woche protestierten afghanische Frauen in einem geschlossenen Raum mit handgeschriebenen Plakaten dagegen, dass die Taleban Pakistan um die Entsendung von Verwaltungsexperten gebeten haben, während sie trotz Hochschulabschlüssen nicht mehr arbeiten dürfen, und stellte das Video online

Am Dienstag berichteten afghanische Medien, „unbekannte Schützen“ hätten im nordafghanischen Masar-e Scharif von einem vorbeifahrenden Motorrad aus Hanifa Nasari, eine örtliche Friedensaktivistin, erschossen. Verwandte machten die Taleban für den Mord verantwortlich. In Masar waren bereits im November die Universitätsdozentin und Frauenrechtlerin Forusan Safi sowie drei weitere Frauen ermordet aufgefunden worden. Sie sollen durch fingierte Telefonanrufe wegen ihrer angeblichen Evakuierung in die Nähe des dortigen Flughafens gelockt worden seien.

Im südostafghanischen Khost sollen ebenfalls am Dienstag zwei Menschen erschossen – nach anderen Meldungen verwundet – worden sein, als Taleban versuchten, einen Protest von Händlern zu zerstreuen, deren angeblich illegal errichtete Verkaufsstände geräumt werden sollen.

Am Montag warfen in Genf zahlreiche für die UNO tätige Menschenrechtsexpertinnen den Taleban in einer Erklärung „fortgesetzte und systematische Versuche“ vor, Frauen und Mädchen „aus dem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben auszuschließen“ und sie damit „in die Armut zu stoßen“. Zu den Unterzeichner:innen der Erklärung gehören 20 UN-Sonderberichterstatter:innen, darunter die zu Gewalt an Frauen, Reem Alsalem.

Thomas Ruttig, mit Agenturen