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Hier meine Übersetzung eines AAN-Textes vom 26.1.2022, den meine Kollegin Kate Clark verfasste. Um die Arbeit zu beschleunigen, verwendete ich eine internetgestützte Übersetzungssoftware – dadurch klingt der Text nicht besonders elegant, aber mir kam es auf die Fakten und Einschätzungen an. Zudem ist der Text leicht bearbeitet – Erläuterungen der Verfasserin stehen (in runden Klammern), Hinzufügungen von mir [in eckigen Klammern].

Ihre Politik gegenüber Frauen und Mädchen ist eines der Prismen, durch das die Taleban-Bewegung studiert und beurteilt wird, seit sie zuerst Mitte der 90er-Jahre an die Macht kam. Ein Prüfstein für viele Afghanen und externe Beobachter ist, ob sie nach der Wiedererlangung der Macht im August 2021 weiter Mädchen zur Schule gehen lassen. Die Grundschulen für Mädchen haben tatsächlich wieder geöffnet, aber die Schulen für ältere Mädchen nur hier und dort. Dies ist weit mehr als was die Taleban während ihres ersten Emirats erlaubt hatten, als sie Mädchen-Schulbildung insgesamt [zwar nicht formal] verboten [, aber  von wenigen Ausnahmen abgesehen praktisch nicht zuließen], aber auch weit weniger als viele Afghanen wollten und gewohnt sind.

Einweihung einer Mädchen-Schule in Jaghori, Provinz Ghasni, durch die afghanische NGO Schuhada (2006). Foto: Thomas Ruttig

In der Literatur und im Diskurs wird Schulbildung oft als „säkular“ oder „modern“ bezeichnet. Wenn man den umfangreichen religiösen Lehrplan der staatlichen afghanischen Schulen [Maktab, im Gegensatz zu den religiösen Madrassas] betrachtet, sind sie kaum als säkular zu bezeichnen, während die Begriffe gleichzeitig implizieren, Madrassa-Bildung wäre „rückständig“ oder (nur positiver gesagt) „traditionell“. (Dieser Text geht nur auf die Maktab ein.) Trotzdem verdeutlichen diese Begriffe, warum Bildung über einen Großteil der letzten hundert Jahre in Afghanistan so umstritten war – und weiterhin ist. Staatliche Schulbildung hat wiederholt gegnerische sozioökonomische und politische Interessen und Ideologien miteinander in Konflikt gebracht: Modernisierer, vor allem im Staat, gegen Mullahs, Stadt gegen Land.

Im Vergleich zu früheren Zeiten ist dieser Konflikt heute jedoch viel weniger heftig. Ein relativ neues Phänomen ist z.B., dass selbst einige Taleban ihre Söhne und Töchter zur Schule schicken. Trotzdem haben sich die Spannungen darüber, was am besten für die afghanischen Kinder und die Nation ist, nur wenig verringert, sind nicht verschwunden. Besonders ob man zulassen soll, dass ältere Mädchen zur Schule gehen, ist immer noch ein hochsensibles Thema.

Dieser Bericht befasst sich mit dem Thema, wer zur Schule gehen kann, seit die Taleban am 15. August wieder die Macht übernahmen und welche Änderungen sie bereits umgesetzt haben. Er betrachtet auch die Situation im afghanischen Schulwesen vor der Taleban-Machtübernahme. Der Bericht stützt sich auf Interviews, die kurz vor der Taleban-Machtübernahme und in den Monaten danach in 40 Distrikten geführt wurden.

Was ist seit der Taleban-Machtübernahme mit Schulen, Schulkindern und Lehrern passiert?

Die Taleban-Einnahme der Hauptstadt Kabul am 15. August 2021, der auf eine Änderung der nationalen Bildungspolitik hinauslaufen würde, erfolgte für die meisten Schulkinder in der Mitte ihres Schuljahres, das vom 22. März bis 22. Dezember (2. Hamal – 31. Qaus) geht. Für diejenigen, die in den heißesten Provinzen im Süden Afghanistans in die Schule gehen, wo das Schuljahr vom 6. September bis 5. Juni (15. Sumbula – 15. Dschausa) dauert, kam der Regierungswechsel in den letzten Wochen der Hauptferien, als Kinder, Eltern und Lehrer sich bereit machten, zum Unterricht zurückzukehren. Es war bereits ein oft unterbrochenes Schuljahr. Die Taleban-Machtübernahme kam nur wenige Wochen, nachdem die Schulen aufgefordert worden waren, nach der jüngsten Schließung aufgrund der Covid-19-Pandemie (in den afghanischen Monaten Dschausa und Saratan, d.h. vom 22. Mai bis 22. Juli) und nach vielen Monaten intensivierter Kampftätigkeit und damit verbundener Unsicherheit erneut zu öffnen. Das hatte den Schulbetrieb in vielen Distrikten gestört (für einen Überblick über den Konflikt im Jahr 2021 siehe diesen AAN-Bericht).

Bald nachdem die Taleban Kabul eroberten, am 23. August, kündigte ihre Bildungskommission den „lieben Landsleuten“ an, dass – nach der Schließung der Schulen aufgrund von Corona und „der Übernahme von Provinzhauptstädten und Kabul“ – alle Grundschulen am 28. August wieder für den Unterricht eröffnet werden sollen. Was den erneuten Unterrichtsbeginn der Sekundarschulen betreffe, würden „Anweisungen später“ folgen (siehe Statement hier). Diese Anweisungen folgten am 17. September, als das Bildungsministerium Lehrer und Schüler wieder in die Schule bestellte, aber mit einem Vorbehalt (siehe Statement hier):

Alle Schulen des Emirats (d.h. staatliche) und Privatschulen, Madrassas und Dar ul-Ulum [gehobene Madrassas] sollten den Unterricht am 27. Sumbula (18. September) neu starten, sodass alle männlichen Lehrer und männlichen Schüler anwesend sein müssen.

Dieser Vorbehalt, dass nur Männer und Jungen zurückkehren sollten, ließ die Alarmglocken schrillen, da die Taleban bereits während ihres ersten Emirats [1996-2001] Mädchen-Bildung und Frauenarbeit außer Haus verboten hatten, außer in der Gesundheitsfürsorge [siehe meine Bemerkung im Vorspann]. Es wurde auch klar, dass es für die Mädchen-Sekundarschulen ein zusätzliches Hindernis gibt: Der Minister sagte der Presse an 7. Oktober, „es wird keine männlichen Lehrer für Sekundarschülerinnen und keine Lehrerinnen für Sekundarschüler geben“ (zitiert hier). Lehrerinnen machen laut UNICEF nur 34 Prozent des Personals im Bildungswesen aus – ein Anteil, der in ländlichen Gebieten noch weit niedriger sein dürfte; dort wurde an Mädchenschulen auch auf männliche Lehrer zurück gegriffen. Der Minister sagte, dass die Taleban an einem Plan arbeiteten, um eine „sichere Umgebung“ für Mädchen zu gewährleisten, die den Regeln des Islam entspreche. Details würden „bald“ angekündigt werden. Ein weiteres Hindernis, das Mitte Januar 2022 aus einer Erklärung von Taleban-Sprecher Sabihullah Mudschahed deutlich wurde, ist die Frage der Infrastruktur, denn die Taleban beharren auf einer vollständigen Geschlechtersegregation: „In stark besiedelten Gebieten reicht es nicht aus, separate Klassenräume für Jungen und Mädchen zu haben – separate Schulgebäude sind erforderlich“, wie AP berichtete. [Nach Weltbank-Angaben besaß noch 2020 nur die Hälfte aller Schulen in Afghanistan überhaupt ein Gebäude, und in vielen Schulen wurde die – auch von Eltern gewünschte – Segregation durch Schichtunterricht gelöst; dazu unten mehr]. Mudschahed erklärte nicht, warum immer Jungen priorisiert werden sollten, aber wenn diese Bedingung befolgt werden soll, wären in vielen Gebieten neue Schulgebäude erforderlich.

Viele Mädchen-Sekundarschulen, die bereits alle Anforderungen der Taleban erfüllen, d.h. mit separaten Gebäuden und ohne männliche Lehrer, durften bisher auch noch nicht wieder öffnen, und die Taleban-Behörden haben dafür keine Erklärung gegeben. Stattdessen herrscht ein anscheinend zufälliges Bild, wo Mädchen-Sekundarschulen wieder öffnen konnten und wo nicht.

Schulen für ältere Mädchen waren in den Provinzen Kabul, Balch, Dschaudschan, Kundus und Samangan im Norden und in Urusgan im Süden offen, sagte der stellvertretende UNICEF-Exekutivdirektor Omar Abdi am 6. Oktober in Kabul, wo er auch den neuernannten Taleban-Bildungsminister Scheich Nurullah Munir traf. Die Presse berichtete am 24. November auch über die Wiedereröffnung von Mädchen-Sekundarschulen in Sabul und am 6. November in Herat. In Herat hatten lokale Gemeinschaften, einschließlich von Lehrerinnen und unterstützt von der Lehrervereinigung, erfolgreich die Provinzbeamten der Taleban einschließlich Gouverneur Maulawi Nur Ahmad Islamjar lobbyiert. Insbesondere eine Herater Schülerin, Sotuda Forotan, wurde von Friedensnobelpreisträgerin und Aktivistin Malala Yousafzai für die Financial Times als eine der „25 einflussreichste Frauen von 2021“ nominiert, wegen einer weit verbreiteten und bewegenden Rede zur Verteidigung des Zugangs von Mädchen zur Bildung, die sie in einer lokalen Veranstaltung vor Taleban-Beamten gehalten hatte). Nachdem Medien darüber berichtet hatten, wurden die Schulen in Herat etwa eine Woche später wieder geschlossen, nur um Anfang Dezember erneut zu öffnen.

Lokale, von AAN interviewte Quellen in anderen Provinzen erwähnten ebenfalls, dass staatliche Schulen für ältere Mädchen auch bei ihnen offen waren, darunter in Ghasni, Kundus und Farjab, während andere sagten, dass auch einige Jungenschulen weiter geschlossen seien [wahrscheinlich wegen Personalmangels]. Taleban-Außenminister Amir Khan Muttaqi sagte AP am 14. Dezember, dass Mädchen der Sekundarstufe in zehn Provinzen den Unterricht besuchten (ohne zu erwähnen, in welchen).

Aus dem Land wird auch berichtet, dass einige private Schulen für ältere Mädchen weiter offen sind, obwohl der Zusammenbruch der Wirtschaft bedeutet, dass weniger Schülerinnen erscheinen, was sie ebenfalls zur Schließung zwingen kann. Gemeinschaftsschulen für ältere Mädchen [community schools, meist Privatinitiativen im ländlichen Bereich], einschließlich der von NGOs unterstützten, scheinen normal öffnen zu können (siehe auch meine Zusammenfassung von November).

Was die Mitarbeiter im Bildungsministerium betrifft, wurde bei einem Treffen der Ministeriumsspitze am 19. September entschieden, dass „alle männlichen Mitarbeiter des Ministeriums ab morgen an ihre Arbeit zurückkehren können“. Ein ehemalige Beamtin in dem Ministerium sagte AAN am 24. November, dass es keine Entscheidung darüber gegeben habe, ob auch die weiblichen Mitarbeiter des Hauses an ihre Jobs zurückkehren dürfen. „Das männliche Personal versucht, sich drei oder vier Tage in der Woche im Ministerium zu zeigen, um das Anwesenheitsblatt zu unterzeichnen“, sagte sie, „aber es gibt [auch für sie] keinen Arbeitsplan. “ Soweit AAN weiß, hat das Bildungsministerium bisher immer noch nicht seine Mitarbeiterinnen zurückgerufen.

Nach dem allgemeinen Muster in der Taleban-Verwaltung sind die höchsten Posten im Bildungsministerium von männlichen und an Madrassas ausgebildeten Männern besetzt. Der amtierende Minister [die Taleban nennen alle ihre Minister so] und der stellvertretende Minister, die jetzt für alle staatlichen Schulen verantwortlich sind, sind Scheich Nurullah Munir und Maulawi Sachaullah, die am 7. September resp. am 4. Oktober 2021 bestellt wurden (Einzelheiten zur Taleban-Regierungsbildung in diesen AAN-Berichten hier und hier). Zu beiden gibt es wenig öffentlich zugängliche Informationen über ihren Hintergrund.

Ein ähnlicher Trend der Ernennung von Geistlichen im Bildungswesen ist auch auf subnationaler Ebene zu beobachten. Lokale Lehrer und Analysten in verschiedenen Provinzen – Herat im Nordwesten, Helmand und Kandahar im Süden, Logar und Paktia im Osten sowie Balch im Norden – berichteten, dass Geistliche und mit den Taleban sympathisierende Lehrer an die Spitze der Bildungsverwaltungen auf Provinz- und Distriktebene berufen wurden. In Herat, zum Beispiel, ist der neue Provinzchef für Bildung Maulawi Schahabuddin Saqeb, ein Taleban-Geistlicher aus dem weitgehend von Paschtunen bewohnten Distrikt Schindand im Süden der Provinz (hier im privaten lokalen TV-Sender Asr am 22. September 2021). Schindand war eine Hochburg der aufständischen Taleban in der Provinz.

Am 15. November 2021, kurz vor Ende des Schuljahrs, sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Nasar Muhammad Erfan, einem Radiosender, dass ältere Mädchen nicht zu den Prüfungen zugelassen [sondern ohne diese versetzt] würden:

Jungen und Mädchen in den Klassen 1 bis 6 werden ihre Jahresprüfungen ablegen. Jungen in den Klassen 7 bis 12 werden zu ihren Prüfungen physisch anwesend sein. Mädchen über der Klasse 6 werden ohne Prüfung in die nächste Klasse versetzt, so dass ihr Schuljahr nicht umsonst war.

Sogar Mädchen in der Klasse 12 müssen keine Abschlussprüfungen ablegen. Dies empörte viele, einschließlich der Mädchen selbst, die sich betrogen und verspottet fühlten. Sie wollten „Wissen“, sagten sie, und „nicht nur ein Abschlusszeugnis“.

Während einige Mädchen in einigen Gebieten jenseits von Klasse 6 am Unterricht teilnehmen, war die Frage im gesamten Herbst und Winter, wann, und ob überhaupt die Taleban es allen älteren Mädchen erlauben würden, landesweit an die Schulen zurückzukehren. Die neuesten Nachrichten von Seiten der Taleban lauten, dass die Schulen nach Naurus [afghanisches Neujahr am 21. März] geöffnet werden (siehe AP-Bericht vom 16. Januar 2022). Danach gab es gab es Hilfsangebote von Geberregierungen. Der US-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Thomas West, sagte am 22. Januar in einem BBC-Interview:

Was die Eröffnung von Mädchenschulen im März btrifft, wollen wir im März, dass weiterführende Schulen und öffentliche Universitäten auf allen Ebenen für Mädchen öffnen. Wir glauben, dass Bildung ein grundlegendes Recht von Frauen ist. Das und vieles mehr sind wichtige Tests für die Taleban, während die Welt sie beobachtet, und wir und die internationale Gemeinschaft sind bereit, die Gehälter weiblicher Lehrer im ganzen Land zu zahlen, wenn die Taleban alle Mädchen-Schulen eröffnen.

Mit Naurus jetzt nur noch zwei Monate entfernt, gibt es allerdings kein Anzeichen für den von den Taleban vorgeschlagen Rahmen, in dem alle Sekundarschulen für Mädchen wiedereröffnet werden sollen.

Stand des Bildungswesen zum Zeitpunkt der Taleban-Machtübernahme

Die Taleban übernahmen ein Bildungssystem, in dem die Schulbildung schon nicht allen Kindern offenstand. In konservativen Gebieten, in denen es wenig oder nur schwache Nachfrage nach oder offene Feindschaft gegen Mädchen-Schulbildung gab, stellte auch die „Republik“ [ie bisherige Regierung, offiziell eine Islamische Republik] keine Schulen bereit – oder bei Mädchen nur für Klassenstufen, etwa von Klasse 1 bis 3 oder von 1 bis 6. Da es Korruption in der früheren Verwaltung gab, bedeutete das auch, dass es in vielen Gebieten sogenannte Geisterschulen gab, also Schulen, die nur auf dem Papier existierten; die dafür bereit gestellten Lehrergehälter und laufende Kosten steckten sich örtliche Beamte in die eigene Tasche (siehe dieser AAN-Bericht und dieser Versuch, ebenfalls von AAN 2017, die Anzahl der tatsächlich vorhandenen staatlichen Schulen festzustellen) .

Infolge sozialen Drucks und weiterer Hindernisse haben viele Familien ihre Kinder noch nie in die Schule geschickt, selbst wenn in ihren Gebieten Schulen existierten. In einem Bericht beschrieb UNICEF 2019 über die Schulbildung von Jugendlichen in Afghanistan, wie kriegsbedingte Unsicherheit viele Familien davon abhielt, ihre Kinder in die Schule zu schicken, und dass davon eher ihre Töchter als die Söhne betroffen sind. Armut kann ebenfalls eine große Barriere darstellen, insbesondere für Jungen, die möglicherweise außerhalb des Hauses arbeiten müssen, um die Familie zu unterstützen. Bildungschancen für Jungen scheinen besonders von Armut beeinflusst zu werden, „, berichtete UNICEF, während die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen nicht die Schule besuchen können, in allen Einkommenssegmenten hoch ist. Mit anderen Worten: Kulturelle Tabus und Erwartungen führen eher dazu, dass Mädchen keinen Zugang zu Bildung zu erhalten, als der Wohlstand ihrer Familien.

Karten: AAN/Roger Helms

Ablehnung von der Schulbildung durch die Familie, sagt UNICEF unter Berufung auf den 2016-17 Afghanistan Living Conditions Survey, war der Grund, warum 40 Prozent der Mädchen, verglichen mit nur 3 Prozent der Jungen, überhaupt niemals beginnen, in die Schule zu gehen, und warum 31 Prozent von Mädchen, verglichen mit 1,5 Prozent der Jungen, später die Schule wieder verlassen. Familien betrachten es z.B. als unangemessen oder gefährlich, dass Mädchen überhaupt in die Schule gehen (oder nehmen sie aus der Schulbildung heraus), wenn sie die Adoleszenz erreichen. UNICEF zitiert als Gründe drohende sexuelle Belästigung oder die „religiöse Überzeugung, dass Mädchen sich nur geschützt zu Hause aufhalten sollen.“ Der Bericht sagt weiter, auch wirtschaftliche Überlegungen könnten die Chance eines Mädchens beeinflussen, Bildung zu erhalten:

… die (angenommene) Reinheit eines Mädchens beeinflusst Ehechancen und Mitgift, und daher können Familien es als negativen wirtschaftlichen Faktor wahrnehmen, Bildung für Mädchen, insbesondere in der Adoleszenz, zu erlauben. Adoleszente Mädchen zu Hause zu halten, schütze sie und bewahre ihre Reinheit. Diese Betrachtungsweise wird nicht dadurch ausgeglichen, dass das Mädchen durch Bildung höhere Beschäftigungschance hätte, da Frauen selten am Arbeitsmarkt teilnehmen. Es gibt die weit verbreitete Wahrnehmung, dass Frauen Hausfrauen werden sollten, und es gibt sehr wenige Beschäftigungsmöglichkeiten für gebildete Frauen. Darüber hinaus diktieren kulturelle Normen, dass die Ehefrau nach ihrer Heirat bei ihrem Ehemann und dessen Familie leben, und etwaige Einkommen der Frauen dann dieser Familie zu Gute kämen.

Wenn der Druck auf einen Haushalt wächst und eine Familie, die alle ihre Kinder in die Schule schicken möchte, sich zwischen der Bildung ihrer Söhne und Töchter entscheiden muss, werden tendenziell die Jungen priorisiert. Obwohl Bildung frei ist, gibt es zusätzliche Kosten – Schulbedarf, Transport und Schuluniformen –, können Familien kalkulieren, dass die Jungen im Haushalt bleiben, während die Mädchen ihn verlassen. Faktoren, die helfen, dass Familien ihre Töchter an die Schule schicken, sind die Existenz einer Mädchenschule in der Nähe, an denen Lehrerinnen unterrichte.: Beides hilft, die Ängste der Familien zu mildern. In ländlichen Gebieten wirkt sich der landesweite Mangel an Lehrerinnen (nur 34 Prozent des Gesamtpersonal, laut UNICEF) schlimmer aus als in den Städten, und es kann angenommen werden, dass er noch stärker, wo es keine Tradition der Mädchenbildung gibt.

Wie wichtig örtliche Einstellungen dafür sind, ob Mädchen in die Schulen gehen können, zeigen die nachstehenden Karten aus dem UNICEF-Bericht (unter Verwendung von Daten aus dem Afghanistan Demographic and Health Survey von 2015. Die geographische Unterschiede bei der Anmeldung von Mädchen zur Sekundarstufe ist erstaunlich, insbesondere wenn sie an der relativen Armut gemessen wird: Einige der ärmsten Provinzen von Afghanistans – Ghor, Daikundi, Bamian und Badachschan – gehören zu denen mit dem höchsten Anteil der in der Sekundarschule eingeschriebenen Mädchen, während einige der reicheren Provinzen – Kandahar, Urusgan, Paktia, Paktika, Chost und Kapisa –die niedrigsten Anmeldungsraten haben gemessen am Anteil von Kindern im niedrigsten Wohlstandssegment).

Ein anderer starker Unterschied, der betont werden sollte, ist, wie viel sich in den letzten 20 Jahren geändert hat. Die Bereitstellung von Schulen und Schulanmeldungen sind stark gestiegen, für Mädchen wie für Jungen, seit die Taleban zuletzt an der Macht waren. Im Jahr 2000 schätzte UNICEF, dass vier bis fünf Prozent der Kinder Grundschulen besuchten, und weit weniger die Sekundar- und Universitätsstufen. 2015 fand UNICEF, dass 64 Prozent der Kinder in die Grundschule gehen würden, 38 Prozent der Kinder in die unteren Klassen der Sekundarstufe teil und 28 Prozent in die höheren (Statistiken hier). Es gibt jedoch eine klare Geschlechterkluft, die sich mit dem Alter erweitert: 73 Prozent der Jungen und nur 53 Prozent der afghanischen Mädchen gingen 2015 zur Grundschule; 48 Prozent der jungen gegenüber 28 Prozent der Mädchen in die unteren Klassen der Sekundarstufe, und 37 Prozent der Jungen gegenüber 19 Prozent der Mädchen in die höheren Klassen der Sekundarstufe. Trotzdem gab es in den letzten zwanzig Jahren eine grundlegende Veränderung: Weit mehr Afghanen bekommen wenigstens eine Schulbildung; viele Eltern wollen dies für ihre Kinder, und viele Kinder erwarten, in die Schule gehen zu können.


Der zweite Kontext zum Verständnis der Taleban-Politik heute ist die sich in ihren eigenen Rängen entwickelnde Einstellung zur Bildung. (Das wird in Folgeberichten weiter untersucht.) Es ist erwähnenswert, dass, obwohl der Taleban-Aufstand nach 2001 mit feindlichen, gewalttätigen Einstellungen gegenüber staatlichen Schulen und Lehrer begann, diese Haltung aber aufgrund von Forderungen aus der Bevölkerung, dass Schulen [in Taleban-beherrschten Gebieten] offen bleiben sollten, weicher wurde. Als AAN 2018/19 das Leben in Gebieten unter Taleban-Kontrolle untersuchte, fanden wir, dass die Taleban Schulen, darunter Grundschulen für Mädchen, zuließen. Es gab nur einen Distrikt unter den von uns untersuchten, in dem eine Mädchensekundarschule geöffnet war. Sie durfte offen bleiben, aber nur da es dort ausschließlich weibliches Lehrpersonal gab. (U.a. unterrichteten ältere Mädchen die jüngeren, was die Lücke, die nach dem Verbot entstand, dass männliche Lehrer Mädchen unterrichten, füllte. Ein Dossier dieses Forschungsprojekt hier). Die Schulen in Taleban-kontrollierten Gebieten arbeiteten weiterhin im Rahmen des Bildungsministeriums des Regierung, d.h. das Ministerium bezahlte das Personal, stellte Lehrbücher bereit, bestimmte die Lehrpläne und setzte die Prüfungen an, während die Taleban-Bildungskommissionen vor Ort sich manchmal in den Lehrplan und die Berufung von Personal einmischte. In einigen Fällen sorgten sie dafür, dass Lehrer, die eine laxe Einstellung hatten, regelmäßig zur Arbeit erschienen.

Dies war die Situation an den afghanischen Schulen, als die Taleban am 15. August die Macht übernahmen. Ein klares Gefühl dafür zu bekommen, was seitdem geschehen ist, ist schwierig. Die Untersuchungen, die wir im Rahmen unseres Projekts „Lebens unter den Taleban“ durchführten, offenbaren mehrere, manchmal widersprüchliche Trends:

* wo es Schulen gab, berichteten die Befragten meistens, dass Jungen bis zur 12. Klasse und Mädchen bis zur 6. Klasse in die Schule gehen könnten;

* wo es ohnehin nie viele Bildungsangebote gab, oder nur begrenzt auf untere Klassen oder nur für Jungen, hat sich dies nicht geändert;

* in einigen Bereichen hat sich die Bildungsqualität verschlechtert, wobei weniger Klassen angeboten werden oder Lehrer nicht zur Arbeit kommen;

* in großen Teilen des Nordens und anderen Provinzen, oder möglicherweise einigen Distrikten in anderen Provinzen, blieben Schulen, einschließlich Sekundarschulen für Mädchen, offen oder wurden schnell wiedereröffnet, obwohl es in einigen Gegenden Probleme mit Qualität und/oder Anwesenheit auftreten;

* in Pandschir, der letzten Provinz, die an die Taleban fiel, begann die Schule nicht wieder, als sie im Rest des Landes anfing, sowohl für Jungen als auch Mädchen, und im Hauptort der Provinz hatte sie auch bis zu den Winterferien nicht begonnen.


Freiluftschule in Paktia (der Lernhunger und die Hoffnungen waren groß, Schulgebäude gab es wenige…). Fotos: Roy Dogon, ein damaliger UN-Kollege (2002).

Im folgenden Auszüge aus den AAN-Interviews, gruppiert, um die verschiedenen Trends zu veranschaulichen.

Bevor die Taleban das ganze Land einnahmen

Die ersten Interviews fanden Anfang August statt, bevor die Taleban das ganze Land eingenommen hatte. Sie spiegeln somit eine Hybridsituation wider, in der die Republik immer noch für das Bildungswesen verantwortlich war, während die Taleban entschieden, was lokal erlaubt war. In den heißesten Provinzen Afghanistans waren die Schulen zu dieser Zeit generell wegen Sommerferien geschlossen.

Hasara-Frau, Lehrerin aus Jaghatu, Provinz Ghasni (Distriktzentrum fiel am 8. Juni, Interview am 10. August): 

In unserer Gegend gibt es zwei Sekundarschulen, eine für Jungen und eine für Mädchen. Die Schulen waren wegen Corona geschlossen. Dann kündigte die Regierung am 2. Assad (24. Juli) an, dass die Schulen wieder öffnen sollten, und wir begannen, die Prüfungen sowohl bei Mädchen als auch Jungen abzunehmen. Es gab kein Problem, aber die Taleban baten, einen von ihren modifizierten Lehrplan umzusetzen. Sie sagten uns, wir sollten aufhören, Fächer wie Sport, Kunst, Staatsbürgerkunde und Patriotismus zu unterrichten, und [stattdessen] Sirat un-Nabi (die Lehren des Propheten), Landwirtschaft und Qai’da Qurani (Grundlagen des Quran). Wir mussten auch immer noch über die Inhalte, die wir lehrten, an das noch bestehende Bildungsministerium der Republik berichten. Die Taleban ordneten auch an, dass Schüler und Lehrer keine Mobiltelefone mit Kameras zur Schule bringen sollten.

Tadschikischer Mann, Stammesältester aus dem Distrikt Baraki Barak, Provinz Logar (Distriktzentrum fiel am 29. Juni, Interview am 9. August):

Die Schulen hier waren aufgrund von Covid-19 seit zwei Jahren geschlossen, aber jetzt schicke ich meine Kinder wieder in die Schule [d.h. sie waren wieder offen]. Es ist einen Monat her, seit die Halbjahresprüfungen begannen. Sowohl Mädchen- als auch Jungenschulen sind [hier] offen, aber die Taleban haben den Mädchenschulen Einschränkungen auferlegt. Sie dürfen nur von Klasse eins bis sechs lernen. (Früher) gingen sie hier bis zur 9. Klasse zur Schule und danach an das Lyzeum im Distriktzentrum. Nun erlauben die Taleban es Mädchen höherer Klassen, mit einem Lehrer zu Hause zu studieren. Sie erlaubt es ihnen auch, Prüfungen abzulegen, solange eine Lehrerin oder ein alter männlicher Lehrer anwesend ist. Es gibt noch keine [nach Geschlechtern] getrennte Klassen für sie, aber sie haben sich entschieden, dies [in Zukunft] zu tun. 

Usbekische Frau, lokales Ratsmitglied aus dem Distrikt Andchoi, Provinz Farjab (Distriktzentrum fiel am 26. Juni, Interview am 10. August): 

Meine Tochter und drei Söhne gingen früher zur Schule, aber die Schulen sind jetzt wegen der Sommerferien geschlossen. Die Taleban beriefen ein Treffen mit den Lehrern ein und ordneten an, die Schulen wieder zu öffnen, wenn die Ferien vorbei sind. Sie sagten den Lehrern, Schulen für Jungen und Mädchen wieder zu öffnen.

Sajed-Mann, arbeitslos, aus dem Distrikt Lasch wa Dschuwain, Provinz Farah (Distriktzentrum fiel am 13. Juni, Interview am 12. August): 

Es gibt vielleicht rund zehn Mädchenschulen in unserem Bezirk. Ich denke, wenn die Ferien vorbei sind, werden die Taleban den Schulen erlauben wieder zu öffnen. Sie haben niemandem gesagt, nicht zur Schule zu gehen. Sie sagten, dass jeder in die Schule gehen könne, einschließlich Mädchen. Sie müssen nur den Hidschab tragen, den sie [sowieso bereits] verwenden. Die Lehrer in den Mädchenschulen sind alle Frauen. Sie werden [weiter] unterrichten können.

Die Situation nach dem Fall von Kabul

Paschtunischer Mann, Ladenbesitzer mit Universitätsabschluss aus dem Distrikt Sajed Karam, Provinz Paktia (Distriktzentrum fiel am 13. August, Interview am 27. September):

Vor der Ankunft der Taleban wurden Schulen wegen des Coronavirus geschlossen. Nach den Halbjahresprüfungen begannen sie erneut im Monat Saratan (21. Juni-20. Juli), aber sie schlossen erneut, weil der Krieg in unserer Region eskalierte. Als die Taleban die Kontrolle über das Land übernahmen, blieben die Schulen einige Zeit lang geschlossen. Nach der Ankündigung des Bildungsministeriums öffneten die Jungenschulen wieder, aber die Mädchenschulen blieben noch geschlossen, mit Ausnahme der Klassen 1 bis 3. Mädchen der höheren Klassen ist es (von ihren Familien) nicht erlaubt, zur Schule zu gehen, entweder wegen der Armut oder weil die Situation unberechenbar ist. Mein Sohn und meine Tochter gehen immer noch, aber es gibt keinen Unterricht und keine Lehrer [?]. Dies ist auch ein Grund, warum Menschen ihre Kinder nicht in die Schule schicken. Zuvor gab es Lehrerinnen, di mit den Mädchen und den Kindern sehr gut umgingen, also gingen sie eifrig zur Schule. Jetzt gibt es sehr wenige Lehrer, und viele gehen nicht zur Schule, weil ihre Gehälter nicht bezahlt wurden. Es gab vier höhere Schulen im Distrikt, an denen Mädchen jedes Jahr ihren Abschluss machten, aber jetzt haben die meisten Mädchen nichts, wohin sie gehen könnten.

Paschtunische Frau, Hebamme von Qala-je Nau, Provinzhauptstadt von Badghis (fiel am 12. August, Interview am 23. Oktober): 

Meine Schwestern sind in der 9. und 5. Klasse, mein jüngster Bruder ist in der 2. Klasse. Im Moment sind nur Grundschulen für Mädchen geöffnet – meine Schwester, die in der 5. Klasse ist, geht [weiter] zur Schule. Für Jungen sind auch nur Grundschulen offen. Meine Mutter war Lehrerin in einer höheren Mädchenschule, aber jetzt bleibt sie zu Hause.

Sajed-Mann, Arzt aus dem Distrikt Jakaolang in der Provinz Bamyan (Distriktzentrum fiel am 15. August, Interview am 25. September): 

Alle meine Kinder, Söhne und Töchter, waren vor der [coronabedingten] Quarantäne zur Schule. Derzeit gehen sie auch. Ich werde sie nicht aufhalten, solange es keine Einschränkung von den Taleban gibt, weil es ihr Recht ist. Wenn die Taleban meinen Kindern nicht erlauben, zur Schule zu gehen, werde ich Afghanistan mit meiner Familie verlassen. Jungenschulen sind jetzt von der 1. bis 9. Klasse geöffnet, aber Mädchenschulen nur bis zur 6. Klasse in Jakaolang.

Tadschikischer Mann, ehemaliger lokaler Regierungsbeamter aus Feros Koh, Provinzhauptstadt von Ghor (Provinz fiel am 13. August, Interview am 15. Oktober): 

Wir schickten sowohl Jungen als auch Mädchen zur Schule. Meine Brüder sind Studenten an den Universitäten in Tachar und Herat – und der jüngste ist in der 10. Klasse. Eine meiner Schwestern ist an der Universität Herat und die andere in der 9. Klasse. Wenn die Taleban die Schulen und Universitäten wieder öffnen, werden wir sie studieren lassen. Derzeit sind sowohl Jungen- als auch Mädchenschulen nur der 1. bis 6. Klasse offen, die Sekundarschulen für Jungen und Mädchen sind geschlossen.

Ein zweiter Interviewpartner aus Feros Koh gab etwas unterschiedliche Informationen:

Tadschikischer Mann, Zivilgesellschaftsaktivist aus Feros Koh, Provinzhauptstadt von Ghor (Provinz fiel am 13. August, Interview am 20. Oktober): 

Mädchenschulen sind von Klasse 1 bis 6 und Jungenschulen von Klasse 1 bis 12 geöffnet. Die Kinder gehen zur Schule, aber die Qualität der Bildung in Ghor ist sehr gering. Sie war in der Vergangenheit niedrig, und jetzt ist sie noch niedriger. Die meisten Lehrer kommen nicht zur Schule, weil sie seit fast vier Monaten nicht bezahlt wurden. In der Vergangenheit haben in Ghor Lehrerinnen nicht an Jungenschulen unterrichtet, und sie tun es auch jetzt nicht. Es gab männliche Lehrer an Mädchenschulen, aber im Moment dürfen sie dies nicht, oder wurden versetzt, zumindest die jüngeren von ihnen.

Paschtunischer Mann, Schneider aus dem Distrikt Nad Ali in der Provinz Helmand (Distriktzentrum fiel am 27. Juni, Interview am 20. September):

Wir schickten unsere Kinder in die Schule, bevor die Schulen wegen des Coronavirus geschlossen wurden, aber nur die Jungs, weil es keine Mädchenschulen gab. Jungs können von den Klassen 1 bis 12 zur Schule gehen. Die Mädchen gehen nicht zur Schule. Früher gab es eine Mittelschule für Mädchen im Dorf Sajedabad, aber sie ist jetzt geschlossen. Vor einigen Monaten wurde auch eine höhere Mädchenschule im Gebiet von Chandschir eingeweiht, aber bisher ist kein Mädchen dorthin gegangen. Die Taleban haben gesagt, dass sie an einem Plan arbeiten, um Mädchenschulen wieder zu öffnen.

Usbekischer Mann, Beamter der Bildungsabteilung aus dem Distrikt Scheberghan in der Provinz Dschausdschan (Distriktzentrum fiel am 7. August, Interview am 17. Oktober): 

Mädchen und Jungen in der gesamten Provinz, einschließlich meiner eigenen Kinder, gehen zur Schule. Die Taleban haben von Anfang an die Schulen nicht geschlossen. Auch Mädchen bis zur 12. Klasse gehen; sie wurden einen einzigen Tag daran gehindert. Alle Lehrerinnen gehen auch arbeiten. Als der neue Leiter der Taleban-Bildungsabteilung ernannt wurde – er ist ein Araber aus dem Distrikt Aqtscha in Dschausdschan –, ging er nach Kabul und überredete das Ministerium, das Schulsystem in der Provinz so fortzusetzen, wie es vor den Taleban war. Er sagte ihnen, er sei bereit, jedes Dekret des Ministeriums umzusetzen, ob es die Schließung oder Öffnung der Schulen betreffe, aber dass er nicht wolle, dass die Mädchen (so lange, bis die Entscheidung fällt) zu Hause blieben.

Usbekische Frau, Kreditmanagerin und Dozentin aus dem Distrikt Scheberghan in der Provinz Dschausdschan (Distriktzentrum fiel am 7. August, Interview am 17. Oktober): 

Alle Mädchen und Jungen von der 1. bis 12. Klasse gehen in Scheberghan zur Schule. Mädchen tragen Abajas und bedecken ihre Gesichter (mit einem Schal oder einer Gesichtsmaske), und Jungen müssen traditionelle afghanische Kleidung tragen. Die Menschen in Scheberghan schlossen die Schulen von Anfang an nicht. Als die Büros wieder öffneten, nahmen auch die Schulen ihre Aktivitäten wieder auf.

Paschtunischer Mann aus dem Distrikt Dascht-e Artschi in Kundus (Distriktzentrum am 20. Juni, Interview am 25. Oktober): 

Wir schickten unsere Kinder, Mädchen und Jungen, vor der Taleban-Übernahme zur Schule, und wir schicken sie jetzt wieder. Wir haben eine Grundschule in unserem Dorf, und die Dorfbewohner schicken sowohl Mädchen als auch Jungen an diese Schule. Im Distriktzentrum und der Provinzhauptstadt gehen Mädchen bis zur 12. Klasse zur Schule. Sie wurden nicht gestoppt, selbst am Anfang [der Taleban-Herrschaft] nicht. Alle Lehrerinnen unterrichten auch immer noch an ihren Schulen.

Sajed-Frau, (jetzt) ​​arbeitslos, aus Kundus-Stadt (fiel am 8. August, Interview am 24. Oktober): 

Jungenschulen sind bis zur 12. Klasse geöffnet, und Mädchen sind bis zur 7. Klasse geöffnet. In einigen Mädchenschulen gehen auch die Klassen bis zur 12. weiter, aber sehr wenige Mädchen nehmen teil. Meine Schwester ist Lehrerin, und ihr zufolge ist die Zahl der Schüler gesunken und die Qualität der Bildung ist nicht so gut, wie sie war.

Hazara-Frau, Psychologin und Lehrerin in Masar-e Scharif, Provinzhauptstadt von Balch (fiel am 14. August, Interview am 10. Oktober): 

Im vergangenen Monat waren alle Jungs- und Mädchenschulen in Masar geöffnet, beide, Jungen und Mädchen, gehen bis 12. Klasse. Das ist auch der Fall in meiner Familie, sowohl Jungen als auch Mädchen gehen zur Schule. In meiner (privaten) Schule trennen wir die Klassen [nach Geschlechtern], und wir haben jetzt Lehrerinnen für die Mädchen und Lehrer für die Jungen, wo möglich. Die Lehrerinnen müssen jetzt längere Kleidung tragen (einen Vollschleier), und letzte Woche haben wir einen Brief erhalten, der selbst für die kleinen Mädchen anordnet, ein Kopftuch zu tragen. Wir schließen jetzt die Vorhänge, wenn sie sie abnehmen wollen.

Hasara-Mann, Landbesitzer aus dem Distrikt Schahrestan in der Provinz Daikundi (Distriktzentrum fiel am 14. August, Interview 23 am Oktober):

Sowohl Jungen als auch Mädchen in meiner Familie gehen in die Schule. Einer meiner Söhne war in seinem letzten Jahr an der Universität, und die anderen beiden waren in der 6. und 7. Klasse. Meine Tochter absolvierte die höhere Schule und dann heiratete sie. Die Jungenschulen in Schahrestan sind offen, aber meine Söhne gehen nicht, wegen der geringen Bildungsqualität. Viele Lehrer sind ins Ausland gegangen, und der Rest geht nicht zur Schule, weil ihre Gehälter nicht bezahlt wurden.

Hasara-Frau, ehemalige Regierungsangestellte aus Nili, Hauptstadt der Provinz Daikundi (fiel am 14. August, Interview am 23. Oktober):

Drei Mädchen und zwei Jungen aus meiner Familie gingen zur Schule. Die Mädchen sind in der 8., 9. und 10., die Jungen in der 10. und 11. Mädchenschulen sind jetzt nur bis Klasse 6 offen. Wenn die Taleban die (Sekundar-)Schulen wieder öffnen, werden wir (die Mädchen) wieder in die Schule schicken, aber die Leute wurden entmutigt, ihre Kinder in die Schule und an die Universität zu schicken, als der Taleban-Hochschulminister öffentlich sagte, dass sie denjenigen keinen Wert beimessen, die in den letzten 20 Jahren studiert haben.

Tadschikischer Mann, Lehrer aus dem Distrikt Estalef in der Provinz Kabul (Distriktzentrum am 15. August, Interview am 11. Oktober):

Meine Kinder und meine Neffen gingen vor dem Coronavirus-Ausbruch zur Schule. In diesem Jahr begannen sie mit den Halbjahresprüfungen, aber als die Taleban an die Macht kamen, wurden die Mädchenschulen im ganzen Land für Studenten über Klasse 6 geschlossen. Diese Schulen sollten so schnell wie möglich wieder geöffnet werden. Mädchen haben auch das Recht auf Bildung. Sie sind ein großer Teil der Gesellschaft, der nicht benachteiligt werden sollte …. Ich rufe die Regierung auf, die Gehälter der Lehrer zu zahlen. Seit vier Monaten haben sie ihre Gehälter nicht erhalten. Wenn es so weitergeht, könnten die meisten Lehrer ihre Arbeitsplätze verlassen. Die Anzahl der Lehrer ist bereits sehr niedrig. Niemand kommt viel zur Schule, weil jeder versucht, Nahrung für die Familie zu finden. Wenn es so weitergeht, verursachen sie irreparable Schäden am Bildungssystem des Landes. Es gibt im Moment sehr wenige Schüler. Die Menschen sind enttäuscht. Wo früher 40 Schüler in jeder Klasse waren, zeigen sich jetzt nur 10 bis 15. Die Leute schicken ihre Kinder im Moment nicht zur Schule. Derzeit gibt es hier aktive Mädchenschulen von der 1. bis 6. Klasse und dort kommen die Schülerinnen und Lehrer. Die Klassen ab der 6. haben noch nicht wieder begonnen. Und den Lehrerinnen, die an Jungenschulen unterrichteten, wurden bis auf Weiteres verboten, zur Arbeit zu kommen – aber es wird erzählt, dass ihre Gehälter weiter bezahlt würden.

Paschtunische Frau, ehemalige Regierungsbeamte aus Asadabad, Provinzhauptstadt von Kunar (fiel am 14. August, Interview am 22. Oktober):

Mädchenschulen über Klasse 6 sind hier nicht geöffnet, Universitäten auch nicht. Vor Corona gingen meine Kinder zur Schule, aber jetzt gehen sie nicht, weder meine Söhne noch meine Töchter. Ich schicke sie nicht in die Schule, weil wir nicht dort leben, wo wir vor der Taleban-Machtübernahme lebren. Ich bin in einen anderen Distrikt gezogen. Ich schicke meine Kinder nicht in die Schule, weil ich fürchte, dass die Taleban ihnen schaden könnten, wenn sie herausfänden, dass sie meine Kinder sind.

Tadschikische Frau, Schulleiterin aus dem Distrikt Basarak in Pandschir (Distriktzentrum fiel Anfang September, Interview am 9. Oktober):

Unsere Kinder gingen früher in die Schule, Mädchen und Jungen, ohne Beschränkungen, aber ich glaube nicht, dass sie unter Taleban-Kontrolle jemals wieder das komfortable und entspannte Gefühl haben werden, das sie früher hatten. Mein Bruder und meine Nichte sind in der 10. Klasse, und meine Neffen sind in der 8. und 4. Klasse. Heutzutage gehen sie nicht zur Schule, aber wir hoffen, dass sie es in Zukunft wieder tun werden. Auch wenn die anderen Schüler nicht wieder zur Schule gehen, werden wir unsere Kinder lassen, sobald die Situation wieder normal wird.

Tadschikischer Mann, ein ehemaliger Geheimdienst-Angestellter aus dem Distrikt Chindsch (Hessa-ye Awwal) in Pandschir (Distriktzentrum fiel Anfang September, Interview am 22. Oktober):

Meine Kinder und mein Neffe und die Nichten gingen früher zur Schule. Es gab kein Problem für sie. Es gab öffentliche und private Schulen, und die Leute schickten ihre Kinder eifrig. Jungen und Mädchen waren getrennt, und es gab Lehrerinnen für die Mädchen. Im vergangenen Jahr und Anfang dieses Jahres stoppte Covid-19 die Ausbildung der Kinder. Die Schüler legten ihre Halbjahresprüfungen ab, aber dann kam es zu Kämpfen, die Taleban kamen und die Regierung fiel. Jetzt ist alles beschädigt. Nur ein paar Leute blieben im Distrikt, und sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule. Im Moment gibt es keine Bildung im Distrikt. Die Schulen sind geschlossen. Die Taleban haben in einigen Schulen und Madrassas Posten eingerichtet. Stammesälteste gingen mehrmals zu ihnen und baten sie, zu gehen, damit die Kinder wieder in die Schule gehen könnten, aber bisher hat sich nichts geändert.

Tadschikischer Mann, ehemaliger Regierungsangestellter aus dem Distrikt Dara in Pandschir (Distriktzentrum fiel Anfang September, Interview am 19. Oktober):

Mein Kind und andere Familienmitglieder gingen früher zur Schule, sowohl Jungen als auch Mädchen. Erst im letzten Jahr gingen sie nicht, wegen Covid-19. In diesem Jahr war die Schule wegen Covid-19 immer noch geschlossen, aber dann begann es wieder. Nun gehen sie normal zur Schule. Die Situation im Distrikt Dara ist besser als in anderen Distrikten in Pandschir. Nur einen Monat lang gingen sie nicht in die Schule, bis die Taleban die Provinz eroberten. Danach wurde die Situation wieder normal, die Schulen begannen wieder und nun gehen die Schüler von der 1. bis zur 12. Klasse zur Schule. Universitäten sind noch nicht geöffnet. Die höheren Schulen für die Jungen und Mädchen waren bereits vorher getrennt, daher gibt es keine Hindernisse. In den höheren Schulen für Mädchen sind die Lehrer alle weiblich, und es gibt männliche Lehrer in den Jungsschulen.

Immer noch: Zeltschule in einem Vorort von Bamian. Foto: Thomas Ruttig (2016).

Auswirkungen und Schlussfolgerungen

Diese Interviews sagen viel über die unterschiedliche Situation, je nach Region, in Afghanistan, sowohl vor als auch nach der Taleban-Machtübernahme. Die Bereitstellung von Bildung, die niemals landesweit umfassend war, wurde durch die Abneigung der neuen Taleban-Verwaltung weiter vermindert, ältere Mädchen zur Schule gehen zu lassen. Die Segregation der Schüler nach Geschlechtern gab es im Allgemeinen ohnehin, aber das Beharren der Taleban darauf, dass nur Frauen Mädchen unterrichten dürfen, wird die Bildung der Mädchen hart treffen. Es gibt landesweit einen Mangel an Lehrerinnen, mit einem noch niedrigeren Anteil in den ländlichen Gebieten. Das Beharren auf völlig getrennten Einrichtungen, nicht nur mit unterschiedlichen Klassenzimmern [für Jungen und Mädchen], wird an vielen Stellen ein Problem sein. Ein weiteres potenzielles Problem sind die Gehaltszahlungen. Die Taleban habe erklärt, dass sie die Gehälter für August, September und Oktober bezahlt hätten. Einige unserer Befragten erwähnen aber Probleme damit, und dass dies Auswirkungen auf die Verfügbarkeit und Qualität der Bildung (auch wenn vielleicht die Gehälter gezahlt wurden, nachdem die Interviews geführt wurden). Die Bezahlung ist auch wichtig, weil in Zeiten wirtschaftlichen Zusammenbruchs jede Einkommensquelle für die Familien von Bedeutung ist –für Frauen aber besonders, da ein eigenes Gehalt ihre Autonomie und relativen Macht innerhalb eines Haushalts erhöht.

Das Spektrum unserer Befragten reichte von solchen, die den mangelnden Zugang älterer Mädchen zu Bildung recht leicht nahmen erziehen – in Gebieten, in denen es das noch nie wirklich gegeben hatte – bis zu solchen, die darüber wütend sind und ihr Land verlassen wollen, wenn sich die Situation nicht verbessert. Bildung für Mädchen und das Recht für Frauen, außerhalb des Hauses zu arbeiten, waren Kernanforderungen von Frauen, die seit Mitte August immer wieder demonstrierten, obwohl solche Proteste am 8. September formell verboten wurden [wenn sie nicht zuvor vom Justizministerium genehmigt worden seien]. Solche Demonstrationen waren bisher nicht mehr als eine Irritation für die Taleban-Behörden, aber fortgesetzter Mangel an Bildung für Mädchen dürfte bürgerschaftliche  Unzufriedenheit weiter ansteigen lassen und besser ausgebildete Afghan:innen dazu bringen, das Land zu verlassen.

Es gibt ein klares Unbehagen bei vielen Taleban und den Gemeinschaften, aus denen sie kommen und wo Frauen in der Regel in Purdah [in Segregation] leben, gegenüber Teenagerinnen, die sich in der Öffentlichkeit zeigen und zur Schule gehen. Dieses Unbehagen steht in Konflikt mit vielen anderen Gemeinschaften, die die Bildung von Mädchen aller Altersgruppen als normal und wertvoll betrachten. Das Bildungsministerium hat angekündigt, dass ältere Mädchen wieder in die Schule gehen dürfen, sobald ein Plan vorliege, der sicherstellt, dass dies in einer Weise geschehen kann, die dem Islam entspricht. Aber bisher wurde trotz mehrerer Versprechen kein solcher Plan vorgelegt. In der Praxis wird das Beharren darauf, dass nur Frauen Mädchen unterrichten dürfen und segregierte Schulgebäude für Mädchen bereitgestellt oder gebaut werden müssen, auf absehbare Zeit ein absolutes Hindernis für die Wiedereröffnung aller Sekundarschulen sein. Die Angst bleibt daher, dass diese Bedingungen bedeuten könnten, dass der Traum vieler älterer Mädchen, in die Schule zurückzukehren, unerfüllt bleiben könnte. Auch in den 1990er Jahren versprachen die Taleban widderholt, Mädchenschulen wieder zu öffnen, wenn sich die Sicherheit verbessert habe. Das wurde aber [in fünf Jahren] nie umgesetzt.

Die Frage ist auch, ob und wann neue Schulen für Jungen und Mädchen höherer Klassen eröffnet werden, wo sie noch nicht existieren, aber der Wunsch nach Schulbesuch besteht. Das scheint bei immer mehr afghanischen Kindern der Fall zu sein, da die historische Tendenz drückt. Das Ende des Konflikts bedeutet, dass es jetzt möglich ist, Schulen in Gebieten zu eröffnen, die zuvor kriegsbedingt zerstört oder von den Dienstleistungen der Regierung isoliert blieben.

Alle Augen sind jetzt auf Naurus gerichtet, den Beginn des neuen afghanischen Jahres 1401, und in den meisten Provinzen des neuen Schuljahres: Wird die Taleban-Regierung allen Schulen des Landes erlauben Taleban, wieder zu öffnen, und allen Schulkinder, in den Unterricht zurückzukehren, einschließlich der älteren Mädchen?

Verärgerte Mädchen, nachdem die Taleban ihre Schule schlossen. Foto: Kate Clark (1996).

[Ich bitte, nach Ende des Textes evtl. eingeblendete Werbung zu entschuldigen. Die ist nicht auf meinem Mist gewachsen.]