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Zunächst wünsche ich (mit kurzurlaubsbedingter Verspätung) allen afghanischen Leserinnen und Lesern dieses Blogs sowie den mit ihnen verbundenen Menschen ein friedliches und gesundes Neues Jahr 1401.

Dschanda Bala, traditionelle Flaggenhissung zu Naurus in Masar-e Scharif (oben: der blühende Bau ist ein Arghawan, oder Judasbaum, der zu Naurus blüht). Fotos: Thomas Ruttig (2005)

Taleban schaffen den offiziellen Feiertag zum persischen Neujahr ab

Kurz vor dem auch in Afghanistan begangenen persischen Neujahrsfest Naurus, dem Beginn des neuen Jahres 1401 (nach dem islamischen Sonnenkalender), haben die Taleban den traditionellen offiziellen Feiertag zu diesem Anlass abgeschafft. Einen Tag vorher teilte das Ministerium für Arbeit und Soziales der Nachrichtenagentur Reuters auf Anfrage mit, dass der Tag kein arbeitsfreier Feiertag mehr sei – im Gegensatz zur Praxis unter vorhergehenden Regierungen. Der Sprecher des Informationsministeriums bestätigte das gegenüber Reuters und sagte: „Wir feiern Naurus offiziell nicht. Wenn die Menschen [aus diesem Anlass] etwas tun wollen, werden wir sie nicht daran hindern.“ An den Universitäten waren für den Neujahrstag laut Reuters sogar Zwischenprüfungen angesetzt.

Am Neujahrstag selbst, unserem 21. März, teilte auch Taleban-Regierungssprecher Sabihullah Mudschahed mit, die Taleban-Regierung werde den Feiertag nicht begehen, aber auch öffentliche oder private Feiern des Anlasses nicht verhindern. Zur Begründung sagte Muschahed laut der privaten Nachrichtenagentur Pashwak, seine Regierung begehe keine Anlässe, die nicht von den „Lehren des Islam“ gedeckt seien.

Bereits Anfang März hatte eine regionale Webseite berichtet, der Sprecher der sogenannten Taleban-„Sittenpolizei“ (Amr bil-Maruf), ein eigenes Ministerium, in das die Taleban auch das 2001 geschaffene Frauenministerium eingliederten, habe gesagt, das Fest sei nicht im Islam verankert. „Naurus ist spezifisch für die ‚Magis’ (Zoroastrier). Wir halten es nicht für nötig, diesen Anlass zu begehen.“ Es hieß zu diesem Zeitpunkt aber, dass noch keine offizielle Entscheidung getroffen worden sei.

Das Naurus-Fest geht auf regionale vorislamische (zoroastrische) Traditionen zurück. Unter Afghanistans Bevölkerung – und unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit – entspricht sein Stellenwert der des Weihnachtsfests in unserer Region. Wichtigstes öffentliches Ereignis in Afghanistan am Naurustag ist die traditionelle Flaggenhissung (dschanda bala) am Schrein des Prophetenschwiegersohns Hasrat Ali, der Rausa-je Mubarak, in der nordafghanischen Metropole Masar-e Scharif, begleitet von Volksfesten und dem 40-tägigen Gul-e Surch-Festival, anlässlich der Wildtulpenblüte in den umliegenden Steppen. Es wird auch in turksprachigen Ländern gefeiert, z.B. in Kasachstan, die früher zur persisch-sprachigen Welt gehörten.

Naurus-Karussell, Wahrsager und Amulettverkäufer und „Oster“eier (Naurus ist eben auch Fest zum Frühlingsbeginn) in Masar-e Scharif. Fotos: Thomas Ruttig (2005)

Zu diesem Anlass reinigt man das Haus (khana takani, svw. „das Haus [auf]schütteln“) – oder arrangiert es sogar um, z.B. zieht man aus dem kleinsten, während des Winters am leichtesten zu beheizenden Raum in einen anderen um, der nun Wohnzimmer wird; man bereitet traditionelle Speisen vor (Samanak, mit dazugehörigen Liedern, oder haft mewa – siehe unten; in Nord-Afghanistan verzichtet man sogar auf Fleisch, kocht Reis und Gemüse), kauft neue Kleidung und trägt diese, wann man sich in den Familien und unter Freunden besucht; zuerst besuchen die Jüngeren die Älteren, die dann in den folgenden Tagen einen Gegenbesuch machen. Man sieht sich Volksspiele an. Es gibt auch eine lange Tradition, Setzlinge und Sträucher zu pflanzen, besonders kurz vor Frühlingsbeginn, und der zweite der zweitägigen offiziellen Naurus-Feiertage ist als Rus-e Dehkan (Tag des Bauern) bekannt. An prominenten Orten in Dörfern und Städten im ganzen Land eröffnen Züchter provisorische Stände, um Pflanzen zu verkaufen, von denen viele gerade erst blühen. In manchen Städten wie Herat im Westen findet man an manchen Kreuzungen auch Leute, die Goldfische und Sabsa – gekeimten Weizen – verkaufen.

Zahlreiche Afghan:innen hatten die Taleban in den Tagen zuvor aufgerufen, die offizielle Begehung des Feiertags beizubehalten. Allerdings hatten auch unter den Präsidenten Hamed Karsai und Aschraf Ghani deren Regierungen nahestehende konservative Geistliche sich gegen Naurus ausgesprochen, sich aber nicht damit durchgesetzt (dazu unten mehr).

Die Nachrichtenwebseite der afghanischen Fernsehstation Tolo berichtete unter Berufung aus Einwohner der Stadt, dass in der nordafghanischen Metropole Masar-e Scharif auch die traditionelle Flaggenhissung zu Naurus (dschanda bala) am Schrein des Prophetenschwiegersohns Hasrat Ali, der Rausa-je Mubarak, ausfiel, nachdem bekannt geworden war, dass – ebenfalls im Unterschied zur Vergangenheit – keine Vertreter der Taleban-Regierung daran teilnehmen würden. Zu diesem Ereignis waren jedes Jahr Tausende aus dem ganzen Land zusammengeströmt. (AAN hatte berichtet, dass auch Taleban-Sympathisanten aus Kandahar daran teilnahmen.) Die örtliche Taleban-Verwaltung wies darauf hin, dass es aber zahlreiche andere Veranstaltungen stattfinden würden, etwa und Sportwettkämpfe wie Buskaschi und Lyrikwettbewerbe.

Verschiedene Medien berichteten, dass der Neujahrstag trotzdem breit begangen wurde. In der Hauptstadt Kabul seien viele Straßen mit bunten Wimpeln geschmückt gewesen. Viele Geschäfte blieben geschlossen; aber auch die Umsätze vor dem Fest seien wegen der steigenden Armut eingebrochen (siehe auch hier). Laut Tolo habe dort im Gegensatz zu Masar am frühen Morgen im schiitischen Schrein Sachi Schah-e Mardan in der Nähe der Universität eine Dschanda-bala-Zeremonie stattgefunden, an der „Hunderte“ teilgenommen hätten, aber auch weniger als in vorangegangenen Jahren (ein Foto des geschmückten Schreins hier; ein weiteres schönes Foto hier). Die Taleban hätten dort – offenbar aus Furcht vor Anschlägen des anti-schiitischen Islamischen Staates – für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen gesorgt; zu Naurus 2018 hatte der IS den Schrein angegriffen (siehe in diesem AAN-Bericht). Viele zogen Kabulis zogen auch zum Gulghundi-Hügel in der Nachbarprovinz Parwan, einem traditionellen Ziel für Naurus-Picknickpartys für Hauptstädter. Dort sollen Augenzeugen zufolge Talebankämpfer patrouilliert haben, um die inhaltung islamischer Regeln zu gewährleisten. In der Provinz Farjab nutzten viele Menschen das Ende des Krieges erstmals seit Jahren dazu, Naurus-Picknicks zu machen. Auch in Herat hätten viele Menschen gefeiert.

Auftritt des jüngst verstorbenen Paschto-Sängers Gul Zaman open air (oben) sowie des Sängers Safdar Tawakkuli beim Gul-e Surch-Neujahrsfestival in Masar-e Scharif 1364 (2005). Fotos: Thomas Ruttig

In den Augen vieler Afghan:innen ist die Abschaffung des Naurus-Feiertages eine politische Entscheidung. Die oppositionelle Zeitung Hasht-e Sobh etwa schreibt – und bezieht das nicht nur auf die Taleban: „Die Herrscher Afghanistans haben immer bestimmte historische Ereignisse und Jahrestage ignoriert, die ihre Wurzeln in der Geschichte der Persisch sprechenden Menschen haben.“ Die junge afghanische Wissenschaftlerin (und Taleban-Gegnerin) Munazza Ebtikar, jetzt an der Universität Oxford, sagt sogar: “Naurus zu feiern ist in politischer Akt geworden, es geht um die Beibehaltung des Festes und Widerstand.” Gleichzeitig wird das Problem (und das Fest) so politisiert und ethnisiert. Denn ganz so einfach ist es nicht. Zumindest Naurus (wie auch der schiitische Feiertag Muharram) wurde unter vorangegangenen Regierungen – inklusive des ersten Taleban-Regimes (siehe hier) – begangen. Zudem sind auch die Paschtunen ein Volk, das eine iranische Sprache spricht, nämlich Paschto, und viele Paschtunen begehen Naurus ebenfalls. 

Das Vorgehen der Taleban anlässlich des Naurus-Festes (kein Verbot, aber auch keine öffentliche Unterstützung) ist in weiteres Beispiel für ihre ambivalente Politik, die zwar die berüchtigten und mit Härte durchgesetzten Verbote während ihrer ersten Herrschaftszeit (1996-2001) vermeidet, aber gleichzeitig deutliche Zeichen setzt, wie sie sich das konkrete Verhalten der Afghan:innen vorstellen. Ähnlich riefen sie im Januar mit öffentlicher Plakatierung dazu auf, dass die Afghaninnen sich entsprechend der islamischen Vorschriften kleiden sollten, was im Land und außerhalb als „Zwangsverschleierung“ aufgefasst wurde. Die ebenfalls öffentlich nicht abgesegneten und sogar verbal verurteilten Übergriffe in den vergangenen Monates (eine Reportage der Zeit zur jüngsten Welle von Hausdurchsuchungen hier) verdeutlichen, dass sich die Menschen nicht sicher sein können, wie konkrete Taleban-Offizielle oder die einfachen Fußsoldaten bei Nichteinhaltung dieser „Empfehlungen“ sich verhalten und ob sie nicht mit Repressalien rechnen müssen.

Gleichzeitig spiegeln auch westliche Medienberichte (etwa hier von PBS, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den USA) diese Nuancen oft nicht wider und sprechen hier in diesem Fall von einem „Verbot“ des Naurusfestes (siehe auch hier). Im gleichen Bericht wird fälschlich berichtet, die Taleban hätten das Fest auch während ihrer ersten Herrschaftszeit verboten. So war z.B. auch Mädchenbildung nicht generell „verboten“ worden (Einzelheiten siehe hier).

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Ali-Schrein in Masar-e Scharif zu Naurus (oben die Frauenseite). Fotos: Thomas Ruttig (2005)

Hier die Übersetzung eines ein AAN-Texts von 2013, der zeigt, dass die konservativ-religiöse Gegnerschaft zu Naurus nicht auf die Taleban beschränkt ist:

Trotz wachsendem Ulema-Konservatismus: Afghanen konnten Naurus feiern

In den letzten Jahren ist die jahrtausendealte Feier des Naurus-Festes, dem Neujahrsfest, das mit der Frühlings-Tagundnachtgleiche, also am 21. März, beginnt, zunehmend Gegenstand einer religiösen Debatte in Afghanistan geworden. Obwohl das Frühlingsfest ein wichtiger offizieller Feiertag und nach wie vor ein beliebter Anlass für Familien ist, einen Tagesausflug zu unternehmen oder Verwandte zu besuchen, gerät es immer mehr in die Kritik islamischer Gelehrter. 

Naurus ist vorbei, und über Kabul scheint endlich eine richtige Frühlingssonne, die den Schlamm in unseren Gassen trocknet und die weißen Blüten der Mandelbäume auf dem Boden funkeln lässt.

Auch in diesem Jahr war die Besucherzahl der Naurus in Masar-e Scharif groß, wo das wichtigste Ereignis des Landes an diesem Tag stattfindet, das Hissen der Dschanda, mit mehreren hunderttausend Besuchern. Unter einer Bevölkerung, die unter dem Druck viel zu vieler Sorgen steht – Sicherheit, Wirtschaft, ausländischer Rückzug und Einmischung – übt das dreitägige Festival im Norden weiterhin eine magnetische Anziehungskraft auf Massen von Afghan:innen aus dem ganzen Land aus.

Ein junger Afghane, den wir am Abend des ersten Tages von Naurus am Flughafen von Kabul trafen, schien sich nur darauf zu konzentrieren, Masar in dieser Nacht zu erreichen, obwohl er nach dreijähriger Abwesenheit gerade aus Großbritannien zurückgekehrt war. Gegen alle Wahrscheinlichkeit reiste er sofort zum Saraj-e Schemali weiter, in der Hoffnung, ein Transportmittel zu finden, das ihn dorthin bringen würde, um seine Freunde zu treffen.

Ungeachtet der üblichen Befürchtungen vor Unruhen haben sich nach den Zwischenfällen vom 1. April 2011 – bei denen das UN-Büro in Masar gestürmt wurde und zwölf Menschen ihr Leben verloren – viele Besucher an den Naurus-Feierlichkeiten (siehe unseren Blog hier) beteiligt. In diesem Jahr wurden um das Rausa-je Ali, dem heiligsten Schrein von Masar und wohl von ganz Afghanistan, keine Sicherheitsprobleme registriert.

Andererseits wurde ein traditionelles Ziel für Naurus-Picknickpartys aus der Hauptstadt, der Gulghundi-Hügel in der Provinz Parwan, durch eine blutige Schießerei und den darauf folgenden Protest der Bevölkerung ruiniert. Am ersten Tag von Naurus entfachte Firdaus, der Sohn des lokalen ehemaligen Mudschahedin-Kommandeurs Chodscha Nabi, eine Auseinandersetzung mit den Leibwächtern eines Abgeordneten aus derselben Provinz, Rahman Rahmani, im nahe gelegenen Tscharikar. Ihr Zusammenstoß wurde zu einer Schießerei auf der Straße nach Gulghundi. Den höchsten Preis zahlten drei Tagesausflügler aus dem Distrikt Salang, die gekommen waren, um die berühmte, mit Blumen übersäte Hügelkuppe zu genießen, und die stattdessen im Kreuzfeuer getötet wurden. Am nächsten Tag kamen etwa 400 Bewohner des Salang in Massen nach Tscharikar und blockierten die Hauptstraße von Kabul nach Masar und ein Vorgehen der Regierung gegen die Täter zu fordern. Diese Volksmobilisierung hat natürlich die diesjährigen Nawruz-Feierlichkeiten in Gulghundi komplett verhindert, aber immerhin führte sie dazu, dass das Innenministerium trotz des hochkarätigen Schutzes, den er genoss, energisch und schnell gegen den Täter vorging: Firdaus wurde am 24 März von der Polizei in Parwan verhaftet.

In Kabul verliefen die Feierlichkeiten völlig reibungslos. Familien machten auf den Hügeln von Bibi Mahru und Tapa-je Marandschan einen traditionellen Spaziergang oder ließen Drachen steigen, obwohl der Regen diese Zeitvertreibe unterbrach. Ein noch heimtückischeres Hindernis wurde jedoch durch die Verurteilung der Naurus-Feierlichkeiten als unislamisch auf Transparenten an den Toren vieler Moscheen der Hauptstadt geschaffen.

Debatten über die Rechtswidrigkeit von Naurus-Feiern im Islam haben in Afghanistan einen beispiellosen Höhepunkt erreicht, wobei mehrere sunnitische Gelehrte das Thema politisch nutzen, um den Iran zu kritisieren. Das Fest von Naurus ist in der Tat ein wichtiger Feiertag im Nachbarland – und seine Ursprünge sind eng mit der persischen vorislamischen Religion verbunden –, obwohl man argumentieren könnte, dass ähnliche Feiern der Ankunft des Frühlings in der Vergangenheit der meisten der Länder mit ähnlichen klimatischen Bedingungen und landwirtschaftlichen Kalendern zu finden sind, weit über den Nahen Osten hinaus.

Bereits in den Tagen vor Naurus wurde eine Broschüre in Dari mit dem Titel „Die Feier von Naurus ist verboten: Naurus ist das Fest der Feueranbeter“ von salafistischen Studenten am Eingang der Universität Kabul (hier ein AAN-Bericht zur Radikalisierung unter afghanischen Studenten) und der großen privaten Universitäten der Stadt verteilt. Verfasst von Maulana Ahmad Shah, einem berühmten Gelehrten der Hadith- und Koraninterpretation aus dem Dar ul-Ulum Tahlim al-Quran wa al-Sunnat von Dschalalabad (einer privaten religiösen Institution), erläutert es die Gründe, warum die Neujahrsfeiern (und die von Mehrgan, eine Art symmetrisches, aber weniger verbreitetes  Herbstfest) laut Islam nicht erlaubt seien. Interessanterweise hebt die Broschüre die Unvereinbarkeit der Feier mit den Grundsätzen der Hanafi-Rechtsschule [des sunnitischen Islam] hervor, die in Afghanistan mehrheitlich befolgt wird – aber normalerweise nicht von Salafisten.

Tatsächlich drehten sich die Freitagspredigten in vielen Moscheen von Kabul, die überwiegend nicht-salafistisch sind, sowohl in der Woche vor Nawruz als auch am zweiten Tag der Feierlichkeiten um eine Verurteilung der Feiern, mit der Begründung, dass sie Muslime in den Status von Feuer- oder Götzenanbeter, die es früher feierten, erniedrige und die Menschen dazu verleite, sich illegalen Freizeitbeschäftigungen wie dem Trinken alkoholischer Getränke hinzugeben.

Kabul war nicht der einzige Ort, an dem ähnliche Predigten gegen das Neujahrsfest bemerkt wurden. In Ghasni, wo die Feier innerhalb der Stadt nicht besonders groß ist, sandte ein nichtstaatlicher Rat sunnitischer Geistlicher (Ulema) Fatwas an die schiitischen Hasaras, die in Dörfern in der Nähe der Stadt leben, und warnte sie, dass die Naurus-Feier unislamisch sei. Diese Position vertreten auch die Taleban, die im Süden der Provinz und auch innerhalb der Provinzhauptstadt einen starken Einfluss ausüben. In Pandschir, berichtete die afghanische Tageszeitung Mandegar, nahmen unterdessen einige Ulema an Gemeindeversammlungen teil, nur um sie zu verurteilen.

Ein maßgebliches Argument zur Verteidigung von Naurus aus religiösen Gründen lieferte stattdessen Chodscha Baschir Ansari, ein afghanischer Religionswissenschaftler von internationalem Ruf (derzeit in den USA wohnhaft). Auch wies die Regierung mit den Worten des stellvertretenden Ministers für Kultur und Information offiziell religiöse Kritik an der Feier zurück, während Präsident Karsai selbst an einer gemeinsamen Naurus-Feier mehrerer Länder der Region in Turkmenistan teilnahm.

AAN hatte die Gelegenheit, einer leidenschaftlichen Verteidigung von Naurus bei den Feierlichkeiten in der Kala-je Echtiaruddin, der Festung von Herat, zuzuhören. Die von einer Gruppe von Kulturaktivisten aus der Stadt organisierte Veranstaltung bestand aus einem abendfüllenden Scherchani, einer Gedichtlesung, an der Dutzende von Dichtern jeden Alters und jeder Herkunft teilnahmen und humoristische Ghasals im Herati-Dialekt und freie Poesie in moderner Sprache beisteuerten – gelegentlich unterbrochen von einem Musikstück traditioneller Musiker oder junger Popgruppen. Ehrengäste waren mehrere prominente Intellektuelle, allen voran der [inzwischen verstorbene] afghanische Literaturpreisträger Rahnaward Sarjab (mein Nachruf bei AAN hier).

In der eindrucksvollen Szenerie der renovierten Festung von Herat – die Stadt selbst ist eine Festung für die Bewahrung der Naurus-Traditionen – hielt der renommierte Romanautor eine lange Rede zur Verteidigung des Neujahrsfestes. Nachdem er das Publikum daran erinnert hatte, dass Naurus-Feiern seit 2009 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurden, nannte er drei Gründe, warum religiöses Unbehagen gegenüber Naurus keinen Sinn macht. Diese waren bemerkenswert in ihrer Originalität und Andeutung, da sie den ersten Frühlingstag mit Ereignissen in Verbindung brachten, die die engen Grenzen der Debatte über einen unangemessenen iranischen Einfluss oder eine Abweichung von der islamischen Orthodoxie überschritten. Er sagte „Naurus ist das Datum, an dem Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus Eden nach langen Jahren einsamer Wanderung wieder vereint wurden; an dem Noah schließlich den Anker seiner Arche auf dem Berg Ararat auswarf; und an dem Osman, der dritte Kalif des Islam und der vorletzte der Rechtgeleiteten, zur Macht aufstieg.“

[Gemäß des berühmten mittelalterlichen islamischen Gelehrten Abu Reyhan Muhammad ibn Ahmad al-Biruni – Philosoph und Astrologe am Hof Mahmuds von Ghazni – ist Naurus sogar der Tag, an dem das Universum sich zu bewegen begann. Zu finden ist das in seinem Buch Kitab al-tafhim li-awa’il sina’at al-tanjim, übersetzt als “Elements of the Art of Astrology”, auf Persisch und Englisch hier). Der persische Poet und Mathematiker Omar Chajjam, der auch den islamischen Sonnenkalender entwickelte, schrieb mit dem Naurusname (“Epistle of Nawruz”) sogar ein ganzes Buch über das Fest, in dem er auch dessen Ursprünge beschreibt:

Dschamsched, der vierte König der Pischdadian-Dynastie begriff, dass die Sonne nach 386 und einem viertel Tag wieder aufzusteigen beginnt, und zwar am ersten Tag des Monats Hamal (iranisch: Farvardin, gleich dem21. März) und dekretierte, dass dieser Tag Naurus genannt werden soll.

Im Großen und Ganzen hat die afghanische Bevölkerung mit einer Mischung aus Vorsicht und Ironie auf die neuen Beschränkung reagiert, die die Ulema ihnen nahelegten. AAN hörte einen Obstverkäufer in Pul-e Chumri darüber klagen, wie seine Verkäufe zurückgegangen waren, nachdem die örtliche Ulema die Menschen über die Rechtswidrigkeit der Haft-Mewa belehrt hatte, des traditionellen Naurus-Gerichts aus sieben Arten von Früchten, getrocknet oder in Sirup. Aber andererseits, sagte er, sei sein Geschäft zur Hälfte gerettet worden, als die ersten Kunden auftauchten und nach dem Beispiel eines findigen Mechanikers stattdessen nach einem Hascht-Mewa (Acht-Früchte)-Gebräu verlangten.

Hier eine historische Darstellung des Naurus-Festes von meinem AAN-Kollegen Reza Kazemi.

Samanak. Wikipedia, unter CC BY-SA 3.0 Lizenz.
Haft mewa. Wikipedia, unter CC BY-SA 4.0 Lizenz.