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Hier ein Nachtrag zu einer wichtigen Entwicklung in Afghanistan: Die Taleban sprachen bereits Anfang April nicht nur ein Verbot des Opiummohn-Anbaus, sowie der Erzeugung, des Handels und des Gebrauchs aller Drogen im Land auf. Mein folgender Artikel dazu erschien bereits am 5.4.2022 in der taz unter dem Titel „Drogenwirtschaft in Afghanistan: Taliban vs. Opium“.

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Schlafmohnfeld in Paktia, 2003. Foto: Archiv.
Schlafmohnfeld in Paktia, 2003. Foto: Archiv.

Mitten in die Mohnernte

Das Taleban-Verbot des Drogenanbaus und –handels könnte die humanitäre Situation in Afghanistan noch verschärfen

„Alle Afghanen werden informiert, dass ab jetzt der Mohnanbau im ganzen Land strikt verboten ist.“ Dieses Dekret von Talebanchef Maulawi Hebatullah Achundsada wurde am Sonntag in Kabul bei einer mit viel Geheimnistuerei einberufenen Pressekonferenz verlesen. Es gelte auch für „die Verwendung, den Transport, Handel, Export und Import aller Arten berauschender Substanzen wie Alkohol, Heroin, Crystal Meth, K-Tabletten, Haschisch“ und Fabriken zur Drogenherstellung. Zuwiderhandlung würde nach islamischem Recht bestraft. 

Afghanistan ist seit Jahrzehnten mit Abstand größter Produzent von Rohopium, dem Harz der Opiummohnblüte, derzeit mit ca. 85 Prozent der Weltproduktion. Die Einnahmen daraus schätzt die UNO auf gut 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei Haschisch steht Afghanistan in der Top-Zwei. Dazu kommen beträchtliche Umsätze mit K-Tabletten, synthetischen, methamphetaminhaltigen Drogen, die aus wildwachsenden Ephedrastauden gewonnen werden. 

Die UNO schätzt, dass 2021 in Afghanistan etwa 6800 Tonnen Rohopium geerntet wurden. Daraus lassen sich 320 Tonnen Heroin herstellen. Das Knowhow ist inzwischen im Land weit verbreitet. Die sogenannten „Heroin-Fabriken“ bestehen meist nur aus ein paar Fässern, leicht zu beschaffenden Chemikalien und einem Brett zum Rühren. Oft sind sie Familienunternehmen. Aufkauf und Vertrieb übernehmen Schmugglernetzwerke, die aber weniger zentralisiert sind als die Coca-Kartelle in Mexiko oder Kolumbien. 80 Prozent des afghanischen Heroins werden – mit auf dem Weg rasant steigender Profitspanne – nach Europa geschmuggelt. Deshalb wandten die westlichen Geber unter den US-gestützten Regierungen der Präsidenten Hamed Karsai (2001-14) und Aschraf Ghani (2014-21) Unsummen zur Bekämpfung der Opiumökonomie auf, die USA seit Beginn der von ihr geführten Intervention 2001 allein fast neun Milliarden Dollar. 

Gleichzeitig konterkarierten der Westen diese Politik durch sein Bündnis mit sogenannten regierungstreuen Warlords und Milizen. Die Milizen schützten die Transporte und die Warlords in der Regierung die Händler, wenn sie gefasst wurden. Zusammen schöpften sie den Löwenanteil des Inlandsprofits ab, weit mehr als die Taleban. Die westlichen Regierungen opferten die Drogenbekämpfung also dem Kampf gegen die Taleban, der aber schließlich verloren wurde, nicht zuletzt, weil die Drogengelder das von ihnen aufgebaute pseudodemokratische System korrumpierten. Die Opiumproduktion stieg über diese Jahre rasant an und liegt seit drei Jahren über der 6000-Tonnen-Grenze. Spitzenwert war 2017 mit 9000 Tonnen. Im Jahrzehnt davor waren es in der Regel weniger als 3000 Tonnen, früher noch weit weniger.

Quelle: AAN.

Drogenproduktion und -konsum waren durch staatliche Gesetze und die Scharia eigentlich sowieso schon verboten. Allerdings sahen die Taleban bis zum vorigen Sommer darüber hinweg, so lange nur exportiert wurde, also die „Ungläubigen im Westen“ die Drogen konsumierten. Sie besteuerten Anbau und Export, und diese Mittel flossen in die Finanzierung ihres Aufstands gegen die US- und verbündeten Truppen. Während ihrer ersten Herrschaft (1996-2001) untersagten die Taleban schon einmal den Opiumanbau und drückten die Jahresproduktion mit drakonischen Methoden unter 100 Tonnen. 

Mit dem jetzigen Drogenbann wollen die Taleban von der Debatte um die Schließung der höheren Mädchenschulen ablenken, meint David Mansfield, der wohl beste Kenner der afghanischen Drogenwirtschaft. Allerdings könnte der Schuss nach hinten losgehen. Im Gegensatz zu damals fällt das Verbot genau in die gerade beginnende Opiumernte in den Taleban-Haupteinflussgebieten im Landessüden. [Später sagte Mansfield dem Daily Telegraph, er rechne damit, dass die Taleban mit der Umsetzung des Verbots so lange warten könnten, bis ein Großteil der Ernte eingefahren ist. „Die Ernte zieht sich [landesweit, je nach klimatischen Bedingungen] über vier Monate hin.“]

Das Verbot, wird er tatsächlich umgesetzt, könnte die dortigen Kleinbauern unter die Armutsgrenze stoßen, über der sie sich mit den Opiumeinnahmen bisher noch hielten. Daraus könnte Widerstand erwachsen, oder zumindest die Talebanbasis erodieren. Die Mädchenschulschließung hat die westliche Gebefreudigkeit schon weiter gedämpft. Bei einer Online-Geberkonferenz, mit der die UNO vorige Woche 4,4 Milliarden Dollar für humanitäre Zwecke in Afghanistan einwerben wollte, kam nach offiziellen Angaben nur die Hälfte davon zusammen. Laut Experten ist nur die Hälfte davon neues Geld.

Thomas Ruttig

Hier als ergänzende Lektüre die Analyse meiner AAN-Kolleg:innen:


Hier das entsprechende Taleban-Dekret in ihrer offiziellen (allerdings fehlerhaften) englischen Übersetzung:

Decree of Amir al-Momenin regarding prohibition of poppy cultivation in the country

Date: April 03, 2022

As per the decree of the supreme leader of Islamic Emirate of Afghanistan (IEA), All Afghans are informed that from now on, cultivation of poppy has been strictly prohibited across the country.

If anyone violates the decree, the crop will be destroyed immediately and the violator will be treated according to the Sharia law.

In addition, usage, transportation, trade, export and import of all types of narcotics such as alcohol, heroin, [shisha=crystal meth; missing in English version, mentioned in Pashto version], tablet K, hashish and etc., including drug manufacturing factories in Afghanistan are strictly banned.

Enforcement of this decree is mandatory. The violator will be prosecuted and punished by the judiciary.

Office of the leadership of the Islamic Emirate of Afghanistan