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Als nächsten Schritt auf ihrem Weg, die volle Kontrolle über die afghanische Gesellschaft und besonders deren weibliche Hälfte zu übernehmen, haben Afghanistans Taleban am Sonnabend (7.5.2022) angeordnet, dass sich ab sofort alle Frauen (außer Kindern und Alte) in der Öffentlichkeit verschleiern müssen. Bisher gab es meist nur  – wenn auch dringende – Empfehlungen, wie sich ihre  Untertanen (von Bürger:innen kann mangels bürger(schaft)licher Rechte nicht die Rede sein) zu verhalten haben, die oft nicht umgesetzt wurden. Zusammen mit nicht umfassend eingehaltenen Versprechen, etwa einer Amnestie für und weitere Verwendung der Mitarbeiter:innen des alten Staatsapparats, sorgt diese Unberechenbarkeit für Unsicherheit und Angst. Selbst das umstrittene Schul“verbot“ für Mädchen ab Klasse sechs wird nach wie vor nicht umfassend umgesetzt. (Ein Text von mir dazu findet sich hier.)

Auch die UNO urteilte in einer ersten Stellungnahme, es handele sich um „eine formale Direktive, nicht eine Empfehlung”. Die Weltorganisation nimmt an, dass sie “umgesetzt und durchgesetzt” werden wird. Die Direktive enthält Strafen für Nichtbefolgung, die sich auch auf Familienangehörige erstrecken können.

Mit Burkas verschleierte Frauen vor dem Ali-Heiligtum in Masar-e Scharif. Foto: Thomas Ruttig (2004).
Im Gegensatz dazu: Afghanische Journalistinnen auf einer Pressekonferenz kurz nach Machtübernahme der Taleban…
… und Mädchen in bisherigen Schuluniformen. Fotos: Tolonews

Mit der etwas verkürzt Burka-Erlass genannten Maßnahme vom 7. Mai beginnt die zweite Taleban-Herrschaft in Afghanistan, langsam aber stetig zur bürokratisch-regulierten Diktatur zu gerinnen. AP zitierte Vize-“Moral”minister Chaled Hanafi mit den Worten: “Islamische Prinzipien und islamische Ideologie sind für uns wichtiger als alles andere.” (Das Pashto-Original der Direktive hier; auf der Taleban-Website steht es noch nicht, jedenfalls nicht im englisch-sprachigen Teil; die landessprachlichen Webseiten sind hier nicht erreichbar.)

Aber auch was den Inhalt der Direktive (hukm) betrifft, gibt es weiterhin einige Inkonsistenz. Die New York Times etwa verweist darauf, dass das „Moral“-Ministerium (offiziell heißt das zuständige Amt „Ministerium für die Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters”, während der ersten Taleban-Herrschaft in der westlichen Presse als “Moralpolizei” oder “-ministerium” bezeichnet) bzw ein von ihm berufenes Gremium aus sieben Ulema (höherrangigen Geistlichen), das die Direktive erarbeitete, darin sagt, die Burka das am besten dafür geeignete Kleidungsstück sei, aber auch andere Formen des Hidschab akzeptable seien, so lange sie Gesicht, Haar und Körper bedeckten und „intransparent und weit“ genug seien, um die Konturen des Körpers zu verbergen.

In welche Details die Taleban dabei gehen, zeigt ein Bericht von Human Rights Watch vom 27. April 2022 aus der Provinz Balch:

Die Provinz Balkh im Norden Afghanistans war einzigartig: Seit der Machtübernahme der Taleban sind weiterführende Schulen für Mädchen geöffnet geblieben. Dort und anderswo wurden sie jedoch mit Schließung bedroht, wenn sie sich weigerten, die immer strengeren Kleidervorschriften einzuhalten. Die Taleban schlossen eine Schule in Balch für mehrere Tage, nachdem einige Schülerinnenn ihre Gesichter nicht bedeckt hatten. Ein Schulbeamter teilte mit, er habe eine Sprachnachricht eines Taleban-Beamten erhalten, dass ein Schulleiter eine Lehrerin wegen ihrer „unanständigen“ Kleidung entlassen solle. Eine Schule hat jetzt einen Lehrer, der „Laster verhindern und Tugend fördern“ soll.

„Die Anforderungen an den Hidschab werden von Tag zu Tag strenger“, sagte eine Lehrerin zur muslimischen Kopftuchpflicht. „Sie haben Spione, die ihnn sie berichten und melden müssen … Wenn Schülerinnen oder Lehrerinnen die strengen Hidschab-Regeln nicht befolgen, feuern sie die Lehrerinnen ohne Diskussion und schließen die Schülerinnen aus.“ Sie teilte ein Foto von einer Versammlung an ihrer Schule: Schüler und Lehrer trugen alle uniforme Kleidung, die nur ihre Augen sehen ließ.

Eine Schülerin einer anderen Schule erklärte: „Wir dürfen keine Gürtel tragen. Unsere Ärmel sollen so weit sein, dass sie unsere Ellbogen und die Form unserer Arme verbergen. Aber dann wurden wir gerügt, dass, wenn wir an die Tafel schreiben, unsere Ärmel zurück rollen und unsere Arme zum Vorschein kommen … An einem Tag werden wir aufgefordert, weite Ärmel zu tragen, und am nächsten Tag werden wir dafür ermahnt.“ Die neueste Anweisung, sagte sie, sei, weite Ärmel zu tragen, sie aber am Handgelenk zu befestigen.

„Alle Mädchen in meiner Schule glauben, dass die Taleban-Behörden es so hart und streng mit uns machen wollen, dass wir unsere Bildung von uns aus aufgeben“, sagte die Schülerin und fügte hinzu, dass sie und ihre Klassenkameradinnen immer noch entschlossen sind, zu lernen. “Die Entscheidung ist, sie hier nicht gewinnen zu lassen.”

Am besten, so heißt es im Verschleierungserlass weiter – und das könnte dessen zentraler Satz sein –, sollten Frauen es ohnehin vermeiden, „ohne Grund“ das Haus zu verlassen. Was diese Gründe sein könnten, macht die herrschende Alltagspraxis klar: Sie dürfen in ausgewählten Bereichen, in denen man ohne sie überhaupt nicht auskäme (Kliniken, Schulen und Universitäten für Mädchen, aber auch beim Zoll und der Sicherheit am Flughafen, in der Polizei, zum Teil wohl auch in Banken und bisher noch bei NGOs sowie in Teilen der Privatwirtschaft) zur Arbeit gehen – aber eben verschleiert und in Begleitung eines mahram (männlichen Verwandten).

Der Burka-Erlass folgt auf die umstrittene Schließung (bzw richtiger: Nichtwiedereröffnung) der höheren Mädchenschulen und andere Dekrete, die v.a. die Bewegungsfreiheit von Frauen einschränken (siehe meine wahrscheinlich unvollständige Übersicht hier). Man kratzt sich verständnislos am Kopf, warum Afghanistans Taleban anscheinend seit Wochen alles unternehmen, um die öffentliche Meinung in der Welt (von der vieler Afghan:innen gar nicht zu reden) zu verprellen, obwohl ihnen – und vor allem den von ihnen weniger regierten als beherrschten Afghan:innen – ökonomisch das Wasser bis zu Hals steht. Aber wahrscheinlich trägt die Tatsache, dass zumindest die für den vergangenen Winter befürchtete Hungerkatastrophe nicht in diesem Maße eingetreten ist – nicht zuletzt dank der Hilfe ausländischer Geber und vieler Hilfsorganisationen, dazu bei, dass sie sich nun sicher genug fühlen. Die bittere Armut, die sich wegen des massenhaften Verlusts von Einkommen infolge des Zusammenbruch der früheren Regierungs- und NGO-Strukturen, die Aussperrung vor allem von Frauen durch die Taleban und des westlichen Einfrierens afghanischer Regierungsguthaben im Ausland fast auf die gesamte im Land verbliebene Bevölkerung ausgeweitet hat und die ohnehin schwache Wirtschaft an den Rand des Kollaps führte, sind die Taleban selbst wohl gewohnt und muten sie deshalb auch der Bevölkerung zu, die ohnehin nicht gefragt wird.


Da ich auf die Schnelle nicht geschafft habe, das Originaldekret selbst noch einmal zu übersetzen, hier im folgenden die leicht gekürzte Übersetzung eines Beitrag von ToloNews aus dem Englischen vom 7.5.2022, der die Fakten m.E. gut zusammenfasst:

Das Islamische Emirat gibt Regeln für die Verschleierung von Frauen bekannt

Der Plan wurde von Maulawi Hebatullah Achundsada, dem Obersten Führer des Islamischen Emirats, bestätigt

Das Islamische Emirat kündigte am Sonnabend neue Regeln in Bezug auf die Verschleierung bzw den Hidschab von Frauen an und sagte, dass sie in zwei Schritten umgesetzt werden – Ermutigung und Bestrafung – und definierte die Arten von Kleidung, die Frauen tragen müssen, wenn sie das Haus verlassen.

Der Plan wurde von Maulawi Hebatullah Achundsada, dem Obersten Führer des Islamischen Emirats, bestätigt.

„Wenn eine Frau keinen Hidschab trägt, wird zuerst ihr Haus lokalisiert und ihr Vormund informiert und gewarnt. Als nächstes, wenn der Hidschab [weiter] nicht beachtet wird, wird ihr Vormund (Vater, Bruder oder Ehemann) gerufen. Im Wiederholungsfall wird ihr Vormund für drei Tage inhaftiert. Im Wiederholungsfall wird ihr Vormund zur weiteren Bestrafung vor Gericht gestellt, heißt es im Plan“, sagte Akif Muhadscher, ein Sprecher des „Moral“-Ministeriums. In einer Erklärung des Vizeministers heißt es, dass Hidschab eine Pflicht im Islam ist und dass jede Kleidung, die den Körper bedeckt, als Hidschab betrachtet werden kann, wenn sie nicht „dünn und eng“ ist.

In Bezug auf die Art der Verschleierung oder des Hidschab, den Frauen tragen müssen, heißt es in der Erklärung, dass die Burka die beste Art dafür sei, „da sie Teil der afghanischen Kultur ist und seit Ewigkeiten verwendet wird“. Es wird hinzugfügt, dass eine andere bevorzugte Art von Hidschab ein langer schwarzer Schleier bzw Kleid sei, das „nicht dünn oder eng sein sollte“.

Die Erklärung, die als „der zu erläuternde und durchzuführende Plan für den legitimen Hidschab“ bezeichnet wird, weist Frauen auch an, das Haus nicht zu verlassen, es sei denn, es ist notwendig, und nennt dies [die] beste Möglichkeit, den Hidschab einzuhalten.

Der Plan wurde vom „Moral“-Ministerium am Sonnabend bei einer Pressekonferenz in Kabul vorgestellt. Die Regeln wurden in einer zweiseitigen Erklärung veröffentlicht, die von einem siebenköpfigen Team genehmigt worden sei, dessen Namen und Unterschriften auf der zweiten Seite stehen.

Der Plan, so die Erklärung, werde durch Ermutigung und Bestrafung umgesetzt. Die Erklärung besagt, dass die Vorteile des Befolgens von Hidschab den Menschen durch die Medien und in den Moscheen vorgestellt werden müssen. In der Zwischenzeit heißt es, dass Botschaften zum Hidschab auf Transparenten auf Märkten und anderen öffentlichen Orten aufgestellt werden sollten, um die Menschen zur Einhaltung zu ermutigen.

Wenn eine Frau keinen Hidschab trage, wird nach dem neuen Plan zunächst ihr Haus lokalisiert und ihr Vormund informiert und gewarnt. Als nächstes, wenn der Hijab nicht befolgt wird, wird ihr Vormund gerufen. Im Wiederholungsfall wird ihr Vormund (Vater, Bruder oder Ehemann) für drei Tage inhaftiert. Im Wiederholungsfall wird ihr Vormund zur weiteren Bestrafung vor Gericht gestellt, heißt es in dem Plan.

In der Erklärung heißt es auch, dass weibliche Angestellte im öffentlichen Dienst entlassen werden, wenn sie keinen Hidschab tragen. Männliche öffentliche Angestellte werden von ihrer Arbeit suspendiert, wenn weibliche Familienmitglieder keinen Hidschab tragen.

Der amtierende Minister, Chaled Hanafi, sagte: „Dieser Plan wird in die Praxis umgesetzt.“ Der Sprecher des Islamischen Emirats, Sabihullah Mudschahed, sagte, sie hätten in den letzten zwei Jahrzehnten Opfer gebracht, um die Scharia umzusetzen. „Die gegenwärtige Welt oder die westliche Welt will sich einmischen, damit wir die Scharia nicht einführen, obwohl unsere Nation muslimisch ist“, sagte er. 

Die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok zitierte Hanafi ferner mit der Aussage, dass „99 Prozent der Frauen im Land den Hidschab schon tragen und das verbleibende eine Prozent ermutigt werden wird, das auch zu tun.” Die BBC zitierte Ministeriumssprecher Muhadscher, das Dekret basiere auf dem Koran und den Hadith, Beispielen aus dem Leben des Propheten Muhammad. Er sagte: “Das ist nicht nur ein Befehl Anordnung des Islamischen Emirates, sondern ein Befehl Allahs.“ Die BBC zitierte ferner einen Geistlichen, der während der Pressekonferenz erklärt habe, die Taleban könnten niemals vom Westen gezwungen werden, Kompromisse über ihren Glauben einzugehen. Sie zitierte auch einen Kabuler Einwohner, der darauf hinwies, dass Frauen „selbst bei der Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien ihre Gesichter nicht verhüllen müssen”.

Die in Deutschland lebende und lehrende, aus Afghanistan stammende Hochschullehrerin Jasamin Ulfat wies am 8.5. auf Twitter die Einschätzung des ZDF (und anderer Medien) zurück, das Burka-Dekret sei “die harscheste Taleban-Maßnahme gegen Frauen bisher”. Sie schrieb: “Die Schulbildung wegzunehmen und die Bewegungsfreiheit der Frauen einzuschränken ist weitaus schlimmer als ein Schleier. Ein Schleier ist nur sichtbarer als die anderen Einschränkungen.”

Es kam auch in Afghanistan bereits zu ersten Protesten von Frauen gegen die neue Festlegung – wie sie unter den neuen Umständen aussehen, zeigt dieses Video von Payk Media.